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Essays

Wolfman: Wir sind wieder wer!

Vampire im Visier

Die weisse Frau

Oh eile, Katze, eil' herbei, und hilf mir bei der Zauberei!

So alt der Tod, so alt der Zombie

Der große schwarze böse Hund

Geisterhaftes Grabgeflüster

Haha said the Clown

Roanoke: Blutmond über der Lost Colony

Hol' Euch allesamt der Teufel!

Gespenstergeschichten: Seltsam? Aber so steht es geschrieben...

Eine wunderschöne Frau, eine furchtbare Geschichte


Wolfman: „Wir sind wieder wer!“

© Karin Reddemann

So ein Wolf hat seine besonderen Geschichten. Er begleitet Odin. Er ist wachsam, reißend und blutgierig, heißt Geri und Freki und läßt als Fenriswolf den Donnergott untergehen. Er jagt an der Seite von Diana, Artemis und Ischtar, die für ihre mächtigen Rudel Menschen in Wölfe verwandeln. Er ist Ahnherr von Dschingis Khan, Reittier der Riesinnen, Totem der Kelten. Weiser Schöpfer der Schoschonen. Gott des Totenreichs, Symbol geheimnisvoller, dunkler Mächte. Angebetet von den Ägyptern, gefürchtet, verflucht im finsteren Mittelalter. Mächtige Dämonen werden nach ihm benannt. Grimm nennt ihn "das böseste aller Tiere".

Er ist stark. Wild. Schön. Ein ungezähmter stolzer Krieger. Sein Fell verhieß schon in der Steinzeit Kraft und Gewandtheit, man trug es, um ein großer Jäger wie er zu sein.
Eine Wölfin säugte Romulus und Remus. Mowgli ist ein junger Wolf. Wolfsblut ist Legende. Und der Werwolf...

„Wir sind wieder wer", sagte der Wolf, als der Vollmond kam." (Graffito)

So ein Werwolf (althochdeutsch: Mannwolf) hat seine eigenen Geschichten. Er gehört zum Clan der Wertiere (Therianthropie: griech. Therion = wildes Tier, anththropos: Mensch) und hat die Fähigkeit, durch Zauber und eigene Willenskraft, oft aber auch unwissend in eine andere, stets bedrohliche Haut zu schlüpfen. Weit verbreitet ist oder war dieser Glaube 

in Afrika (Löwenmenschen), hierzulande vor allem im 16. Jahrhundert: 30.000 Werfwolfprozesse sollen stattgefunden haben.In Gegenden wie dem Hunsrück, Westerwald oder in Frankreich, in denen zu dieser Zeit wahre Wolfsplagen waren, machte man Männer und Frauen für getötete Menschen und Tiere verantwortlich, denen man glaubte, nachsagen zu können, sie ständen mit Satan im Bunde. Durchaus annehmbar, dass einige unter den Verdächtigten waren, die tatsächlich "nur" Tollwut hatten oder an Lykathropie litten, einer Krankheit, die in den Wahn verfallen lässt, heulen, beißen und auf allen Vieren laufen zu müssen.

Man wusste, wie man Legenden schafft

Lykathropen wurden noch bis ins 18. Jahrhundert hinein verfolgt und verurteilt, bis die Medizin gescheit aufklärte. Die Leute wussten es damals nicht wirklich besser. Was sie aber im Mittelalter wussten, war, wie man Gequälte und Gefolterte zu den abwegisten Geständnissen bringt. Und wie man Legenden bildet.

Wie die vom Werwolf Stüpp im Rheinland, der seinen Opfern auflauert, sich auf ihre Schultern hockt und dort sitzen bleibt, bis die schwere Last den gequälten Träger völlig erschöpft und tot zusammenbrechen lässt. Oder die vom tapferen Bauern, der den in der Gegend gefürchteten und blutigen Schrecken verbreitenden riesigen Wolf erlegt und dessen eine Pfote er abschneidet als Beweisstück für die erfolgreiche Jagd. Er steckt sie in den Rucksack, und als er im Dorf ankommt und sie den herbeieilenden Bewohnern zeigen will, zieht er statt der Pfote eine menschliche Hand hervor. Eine unverkennbar weibliche Hand. Es ist die seiner eigenen Frau.

Selbst Richard Wagner hat es geheimnisvoll flüstern gehört. In seiner Oper Die Walküre erzählt Siegmund von seinem Leben im Wald mit seinem Vater als "Wolfspaar" und vom mysteriösen Verschwinden des Vaters, den er Wolfe nennt:

„Eines Wolfes Fell nur traf ich im Forst: leer lag das vor mir, den Vater fand ich nicht.“

Nur ein Wolfsfell: „Den Vater fand ich nicht.“

So ein Werwolf hat freilich noch ganz andere Geschichten. Berühmte Kinomacher erzählen uns die besten. Es sind die wirklich guten, die traurigen, düsteren, schrecklichen, auch anrührenden Geschichten, die wir nennen, was sonst noch an Vergesslichkeiten in den Filmbüchern steht, klappen wir zu, damit der Mond vernünftig aufgehen kann, wie er es seit Urzeiten macht.

1935 drehte Stuart Walker "Der Werwolf von London" und ließ damit für Universal erstmalig einen braven Mann durch einen Biss zum bösen Wolf werden. Das widersprach ein wenig dem, was man aus den alten Sagen kannte und im Mittelalter auch vernünftiger Beweisführung zum Trotze als Faktum bei Prozessen gegen vermeintliche Wolfsmenschen als Satansdiener und Zauberer, - es gab unzählige Hinrichtungen - , geltend machte: Dass man einen Pakt mit dem Teufel eingehen muss und einen Gürtel aus Wolfsfell erhält, der bewirkt, dass man sich in ein höchst unheilvolles Raubtier verwandelt, wenn man ihn trägt. Im "Werwolf von London" funktioniert das anders. Und für die Zukunft gilt: Erst der Biss, dann der Grusel.

Pakt mit dem Teufel: Es geht auch anders

Das von Maskenbildner Jack Pierces 1935 für Hauptdarsteller Henry Hull entworfene Make-up mochte Hull nicht. Er fühlte sich damit mimisch zu stark eingeengt und wollte es dezenter, weniger haarig. Seinem Wunsch wurde entsprochen, der Film floppte, und die Ursprungs-Maske wanderte in die Studio-Schatztruhe, bis sie 1941 für "The Wolf Man" von Regisseur George Wagner zum Einsatz kam. Der Wolfsmensch, gespielt von Lon Chaney, gilt heute als einer der ganz großen Universal-Horrorfilme wie Dracula und Frankenstein aus dem Jahr 1931 und katapultierte sich damit als furchteinflößender Angstmacher in die Ober-Liga der klassischen Horrorgestalten.

The Wolf Man ist eine sehr genaue Bearbeitung des Grund-Themas: Chaney als Larry Talbot entdeckt ein Pentagramm auf seiner Brust, exakt dort, wohin ihn kurz zuvor ein Wolf gebissen hatte. Den Stern, der als Ur-Symbol des Werwolfs gilt, sieht er anschließend auch in der Handfläche seiner Verlobten Gwen. Von einer Zigeunerin weiß er, dass sie somit sein nächstes Opfer sein wird. Am Ende erschlägt Talbots zweifelnder Vater John, - er glaubte den „Werwolf-Unsinn" nicht und befürchtete, Larry leide an einer Geisteskrankheit (Lykathropie)- , im Wald den Wolf, der die hilflose Gwen angreift, mit dem Spazierstock seines Sohnes, den dieser zu Filmbeginn ersteht und der einen silbernen Wolfskopf als Knauf hat. Vor Johns entsetzten Augen verwandelt sich das getötete Tier zurück in Larry.

2010 drehte Joe Johnston das Remake "Wolfman" mit Benicio del Toro und Anthony Hopkins als Stargarde. Oscar für die Maske (Rick Baker/Dave Elsey) 2011. Den hatte Baker bereits 1982 bei der Verleihung für sein künstlerisches Verwandlungstalent von David Naughton in den American Werewolf in den Händen gehalten. Ein Jahr zuvor war "Das Tier"(The Howling) von Joe Dante in den Kinos gelaufen und zeigte eine ganze Kolonie von wütenden Werwölfen, die sich international Gehör verschafften. Dann: Die Zeit der Wölfe, 1984 (Regie: Neil Jordan), Wolf – Das Tier im Manne, 1994, mit Jack Nicholson und Michelle Pfeiffer (Regie: Mike Nichols), Ginger Snapes, 2000 (Regie: John Fawcett), genial gut und anders: Pakt der Wölfe , 2001(Regie: Christophe Gans)...

Wir haben die Filme gesehen. Zugehört. Uns gemerkt:

„Hüte dich vor dem Moor, hüte dich vor dem Mond! Hüte dich vor dem Wolf!"

Warnende Worte. Ein wenig übertrieben vielleicht, wenig hilfreich zweifellos, wenn man beabsichtigt, so ganz allein, vielleicht noch in nervöser Begleitung unbekannte Gefilde in einer Vollmondnacht zu durchstreifen. Freilich ein Ratschlag, der getrost ignoriert werden dürfte, wenn man sich sicher ist, dass die alten Geschichten im Lagerfeuer nüchterner Pioniere verbrannt sind.

Es war und bleibt die Angst vor dunklen Mächten

Sind sie? Der Werwolf, schrecklicher nordischer Verwandter des Höllenhundes, des Ceberus, der den Eingang zur Unterwelt bewacht...nur Legende? Nur das böse Märchen, dessen grausame Lügen im europäischen Mittelalter tausende Unschuldige als blutrünstig mörderische, mit dem Teufel im Bunde stehende Wolfsmenschen auf den Scheiterhaufen brachte? Nur die große Angst vor dunklen Mächten, die nicht sein sollte, die es aber unbarmerzig erlaubt, dass man selbst heute noch in manchen ländlichen Teilen Osteuropas überzeugt davon ist, dass Leichen ihre Särge verlassen,um als untote Werwolfvampire für Grauen zu sorgen. An aufgeklärte Zeiten ohne einen gescheiten Platz für Spinner und Ungeheuer würden die klugen Ängstlichen gern längst schon glauben. Berechtigt?

„Strahlt der Mond ganz voll und hell, wächst dem Knecht ein Werwolfsfell." (Kalenderspruch)

Die amerikanischen Studenten David Kessler und Jack Goodman hätten auf jeden Fall besser damit getan, nicht gar so leichtfertig mit dem schmalen Grat zwischen phantastischen Schein und schrecklichem Sein umzugehen. Im nordenglischen Hochmoor war vorläufig Endstation ihrer Erkenntnis. Wären sie dort nicht gelandet, gäbe es diesen einen grandiosen Film weniger, - American Werewolf - , und wir würden nicht verklärt"Blue Moon" summen und erneut bedauern, dass in solchen Angelegenheiten ein Happy End durchweg ausgeschlossen ist.

Einmal gebissen ist de facto einmal zuviel, um als Normalsterblicher alt werden zu können. Verändert bleibt verändert bis zur Erlösung durch einen tödlichen Schuss, Schlag, Stich oder Schuss. Der erfolgt durch eine, - wenn möglich: geweihte - , Silberkugel, wahlweise silbernes Messer, Schwert, Sonstwas aus Silber, das griffbereit und geeignet ist. Das ist soweit bekannt. Und von Hollywood erfunden, wie auch dieser eine konsequente Biss eines Werwolfs, der den Gebissenen in seine eigene geheimnisvolle, grausame und einsame Welt zieht.

Nicht so ganz frei ausgedacht ist der Vollmond als grausig rau-romantischer Lockruf des wilden Tieres, der dem Werwolf die Bühne für seine schön-schreckliche Vorstellung ausleuchtet. Für die Jagd abgerichtete wolfsähnliche Hunde bellen bei nächtlichen Streifzügen den Mond an. Sagt man. Ergo passt das.

Und im Mondgold heult er sein Lied des Todes

Einige behaupten freilich, ihre Pudel machen das auch. Und richtige Wölfe...so faszinierend so ein Bild ist, - da steht der starke Isegrim in sternklarer Nacht auf einem Hügel mit stolz erhobenem mächtigem Kopf, reckt die graue Schnauze in die Höhe und heult sein Lied des Todes, die furcheinflößende Silhouette in das Mondgold der Finsternis getaucht - , so ziemlich falsch ist es (leider), zu glauben, da wäre diese phantastische mythische Verbindung. Wölfe heulen vor allem laut in langen, klaren Spätwinternächten, um Kontakte zu knüpfen. Sie suchen ein Rudel. Einen Partner für die Paarungszeit im Frühling. Ist so. Und das desillusioniert jetzt ein bisschen. Nimmt aber trotzdem nichts Wesentliches weg von der Idee, wie man solch ein einmaliges Bild künstlerisch vollenden kann. Auch das ist so.

Bei Vollmond jagt der Werwolf. Wenn der Mond sich verfinstert, stirbt er. Bei Sonnenaufgang liebt er dich. Wenn die Sonne untergeht, stirbst du. Und er heult sein Lied des Todes. So lassen wir es mal stehen.


Vampire im Visier

© Karin Reddemann

Die Stärke des Vampirs ist, dass die Menschen nicht an ihn glauben.“ Sagte der Autor Garrett Elsden Fort. Vermutlich, nachdem er Anfang der 1930er Bram Stoker gelesen und anschließend das Drehbuch für Dracula geschrieben hatte. Vielleicht auch, weil er es wahrhaftig wusste. Das nun wäre mehr als spektakulär. Allemal, besser wohl, wir glauben an ihn. Um vorbereitet zu sein. Gewappnet für die Nacht, die ihm gehört: Dem Vampir!

Wir sehen ihn vor uns, verloren in seiner eigenen Ewigkeit. Stark, schön, grausam. Ein Träumer. Ein Alptraum. Ein Kind mit goldenen Puppenlocken. Ein stattlicher, schweigender Mann. Der bleiche Beau, der nebenan wohnt. Die Frau mit Haar wie Ebenholz, Haut wie Elfenbein. Der Krieger der Finsternis. Der Schatten am Fenster. Die Ausgeburt der Hölle. Faszination. Erotik. Wildheit. Versuchung. Der Sonderbare. Schreckliche. Herzlose mit Tränen in den Augen. Er weint um die Schönheit der Nacht und der Morgenröte.

Glück und Qual, Lust und Fluch

Die Gier nach menschlichem Blut ist das uralte Los des Vampirs. Glück und Unglück zugleich. Seine Qual, seine Lust und sein Fluch. Er benötigt das Blut als Lebenselixier. Ohne diese Nahrung, die einzige, die ihn sättigt und befriedigt, trocknet er aus, vergreist, vergeht, verwelkt als die sondersame fressende Blume, die er war. 

So poetisch das anmutet, solch ein Ende vermeidet er, sei denn, er ist depressiv, müde und ernüchtert von seinem tausendjährigen Vampirdasein. Auch das geschieht. Er sagt:

„Zeit, das ist ein Abgrund. Tausend Nächte tief. Jahrhunderte kommen und gehen. Nicht altern können ist furchtbar. Der Tod ist nicht alles, es gibt viel Schlimmeres. Können Sie sich vorstellen, dass man Jahrhunderte überdauert und jeden Tag dieselben Nichtigkeiten miterlebt?" (Filmzitat: Nosferatu, 1979)

Wir wissen: Der Vampir schlägt seine spitzen, langen Eckzähne zumeist in den Hals, um zu trinken. Zielsicher trifft er die Schlagader und saugt sein Opfer aus. Das geschieht nicht immer brutal und bestialisch. Schenkt man den alten Geschichten Glauben, kann der Biss sehr erregend sein. Vermutlich ist es von Vorteil, dem Vampir zu gefallen. Und vermutlich ist es auch angenehmer, wenn der Vampir nicht schlecht gelaunt ist.

Gefällt man ihm ausgesprochen gut, wird man vielleicht in den Kreis der Blutsauger aufgenommen. Denn manchmal verlangt es den Vampir nach ausgesuchter Gesellschaft, vorzugsweise weibliche aus der Oberliga der Schönen, wohl auch hübsche Männer, da er in erster Linie Ästhet mit sexueller Toleranz ist. Das kann man so stehen lassen, es gibt natürlich andere, die dürfen gedacht sein. Kurzum, wenn er Begleitung wünscht, tötet er seine Nahrung nicht, sondern lässt genug Blut im Körper übrig, das mit seinem eigenen Blut vermischt einen neuen Vampir erschafft.

Es reicht ein Blick in seine Augen

Ewig her, da glaubte man, dass ein Vampiropfer nur dann zum Vampir wird, wenn eine Katze über den Leichnam oder das noch offene Grab schleicht oder springt, aber das erwies sich als absurde Idee. Eine Katze bestimmt das nicht, das macht allein der Vampir. Seine Augen sollen hypnotisierend, magisch anziehend, schaurig böse und sondersam wundervoll sein.

„Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut.“ (Goethe)

Bela Lugosi, oberster Blutsauger der ersten Stunde (1931, Dracula, Regie: Tod Browning), hatte diesen Blick, Christopher Lee, groß und auf eigene Art attraktiv (1958, Dracula, Regie: Terence Fisher) perfektionierte ihn, war auch desweiteren der imposantere Unheimliche: Sieben Mal, bis 1973, entstieg er für die Hammer Productions seinem Sarg und lehrte die Menschen das Fürchten...die Männer zudem Vampirkunde, die Frauen Leidenschaft.

Dieser Schleier von Romantik, Wehmut, Einsamkeit, gefühlter Lyrik muss den Vampir ihn umgeben, so gefällt er uns. Dann ist uns egal, wie brutal, kalt und unerbittlich er eigentlich ist. Selbst Nosferatu, 1922 schaurig-düster in der Symphonie des Grauens präsentiert von Friedrich Murnau, über sechs Jahrzehnte später gehuldigt von Werner Herzog mit einem genial authentischen Klaus Kinski, ist in seiner erschreckenden Hässlichkeit von einer uralten Schönheit gezeichnet, zweifellos schwer erklärbar, ohne das Bild vor Augen, so, wie es gemeint ist, zu spüren.

Eine geheimnisvolle Grenzenlosigkeit ist dem Vampir geschenkt worden, ohne Bitte, ohne Mitgefühl, ohne Begründung. Damit verknüpft sind verlangende Macht und ersehnte Ewigkeit. Das alles ist keine Garantie, es kann ihm genommen werden. Denn unverwundbar, möglicherweise gar unsterblich ist er nur bedingt. Man kann ihn schwächen und versuchen, ihn zu töten. Macht man das richtig, ist er vernichtet. Der Holzpflock, der mit Hammerschlägen ins Herz getrieben wird, während der Vampir relativ hilflos, zudem unangenehm überrascht in seinem Sarg liegt oder sich vom Kampf lädiert in anderweitig vorteilhafter Position für die geplante Exekution befindet, gilt als populärstes Utensil. Allerdings gibt es Skeptiker, die sich auf alte Quellen berufen.

Johann Christoph Harenberg erklärt 1733 in Vernünftige und Christliche Gedancken über die Vampirs, der Vampir befände sich, zumindest vorerst, mit dem Pfahl in der Brust in einer Art Totenstarre. Und wenn man denn den Pfahl, warum auch immer, einfach wieder herauszöge...oder ein Helfer, Vertrauter des Vampirs würde das heimlich machen in durchaus nachvollziehbarem Interesse, dann würde alles Übel von vorn losgehen. Besser ergo: Anschließend noch den Kopf abschlagen, - Harenberg empfiehlt als Werkzeug dafür den Spaten eines Totengräbers, letztendlich dürfte es wohl auch eine banale Axt aus dem Baumarkt sein - , und zu guter Letzt komplett verbrennen.

Nie vergessen sollte man zudem unbedingt für den Fall, einem Vampir unverhofft zu begegnen: Der Vampir scheut Feuer und fließende Gewässer. Kruzifixe und Knoblauch halten ihn auf Distanz, Weihwasser bereitet ihm Schmerzen. Bei Knoblauch könnte man anmerken, dass Harenberg diesbezüglich von enttäuschenden Experimenten mit Blutegeln berichtet, die sich vom Geruch nicht hätten abschrecken lassen. Roman Polanski (Tanz der Vampire, 1967) & Co. lieferten den Gegenbeweis, aber eben nur auf der Leinwand. Das rät weiterhin zur Vorsicht.

Geht Wände hoch und ist clever

Tatsächlich gilt weiter: Wer sich auf eine Diskussion mit vermutlich unweigerlich folgendem Handgemenge mit einem Vampir einlässt, sollte keine unsportliche Memme mit naivem Gedankengut sein: Der Gegner ist meist sehr gescheit, da er Altersweisheit und Erfahrung auf jeglichem sozialen und intellektuellen Gebiet vorzuweisen hat, verfügt über immense Körperkraft, ist flink und als Nachtgeschöpf selbstredend boshaft und verschlagen, kann Wände hochgehen und macht zudem gehörig Angst. Wird er verletzt, muss er sich nicht unnötig lange auskurieren, seine Wunden heilen blitzschnell.

Man möchte meinen, das garantiert zumindest ansatzweise Unsterblichkeit. Die ist im Regelfall aber keinem gegeben, es trifft sie (fast) alle irgendwann. Vampire sterben ihren gewaltsamen Tod erfahrungsgemäß nach nur wenigen Tagen, - das liegt an Ungeschick und Pech - , oder ein paar Jahrhunderten. Aber sie ist eben durchaus möglich. Und sie macht ihn stark. Er altert nicht oder so langsam, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, um ihn geringfügig verändert wahrzunehmen. Irgendwann einmal war er ein Mensch. Mag sein, seine Haut wird noch blasser, noch durchsichtiger, während er Generationen leben und sterben sieht. Er hat kein Spiegelbild. Keinen Herzschlag. Aber er hat seine Erinnerung:

„An diesem letzten Morgen war ich noch kein Vampir. Ich erblickte die ganze Herrlichkeit der Morgenröte, als wäre es das erste Mal. (...) Dann sagte ich dem Sonnenlicht Lebewohl und machte mich daran, das zu werden, was ich geworden bin." (Louis, Interview mit einem Vampir, 1994)

Der moderne Vampir sieht sich im Kino die Spätvorstellung von Gone with the Wind an und weint, wenn der Himmel rot wird. Bitter. Sowas in natura erblickt er nie wieder. So kompromisslos, so endgültig ist dieser Abschied vom Tage. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang muss der Vampir sich unwiderrufbar an sicheren Plätzen verstecken, tunlichst darauf bedacht, von keinem Lichtstrahl getroffen zu werden. Das Licht schmerzt, verletzt, tötet ihn. Der Sonne gänzlich schutzlos ausgeliefert geht er vollständig in Flammen auf. Oder er zerfällt zu Staub. Und in der Asche liegt nur noch sein Siegelring mit dem Familienwappen. Das ist dann schon fast tragisch. Denn so einen Vampir kann man durchaus ins Herz schließen. Und dahin schmelzen. Fröstelnd, zitternd, ängstlich vielleicht, aber grundsätzlich ehrlich. Wer sonst sagt so was zu einer Frau?

„Ich habe Ozeane der Zeit überquert, um dich zu finden. (...) Der glücklichste Mann, der auf Erden wandelt, ist jener, der seine wahre Liebe findet." ( Film: Bram Stoker's Dracula )

So spricht die Bestie mit Engelsgesicht

Es klingt romantisch. Selbst wenn er verklärt davon erzählt, wie er eine junge Unschuld gebissen, ausgesaugt und definitiv umgebracht hat.

„Ihr Blut strömte durch meine Adern, süßer als das Leben selbst. Und auf einmal ergaben Lestards Worte Sinn für mich. Ich konnte nur dann Frieden erfahren, wenn ich tötete. Und als ich ihr Herz in diesem schrecklichen Rhythmus schlagen hörte, da wusste ich wieder, was Frieden bedeutet.“ (Louis in: Interview mit einem Vampir)

So spricht die Bestie mit Engelsgesicht. Schön sagt sie das. Ihre Unbarmherzigkeit ist uns egal, wir hören ihr zu. Wir sehen die Wundervollen von Anne Rice im Film, haben sie uns vorgestellt und sind zufrieden mit ihnen. Sie sprechen wie Poeten. Wir bewundern die Eleganz, mit der sie vernichten. Der Vampir berauscht. Und lässt erschauern.

„Aber bald wandelten sich meine Empfindungen zu Abscheu und Entsetzen, als ich sah, wie der ganze Mann langsam aus dem Fenster herausstieg und an der Schlossmauer hinabkletterte, und zwar mit dem Kopf nach unten über dem schrecklichen Abgrund hängend, wobei sich sein Mantel wie ein großes Flügelpaar um ihn bauschte..." (Buch Dracula, 1879, Bram Stoker)

Zu Stoker's wahrlich solider Recherche: Der im slawischen Sprachraum wurzelnde Suffix pir steht tatsächlich für "geflügeltes Wesen", und die Bezeichnung "Vampir" , - in der Ukraine: Upyr, Weissrussland: Upir - , war in der Literatur bereits im 18. Jahrhundert gebräuchlich. Als erster namentlich erwähnter Vampir gilt der kroatische Bauer Jure Granlo, 1652 gestorben, der aus seinem Grab gestiegen und das ganze Dorf in Panik versetzt haben soll. Ein Jahrhundert später boomte in ganz Europa der Wahn, dass Vampire verantwortlich für Missernten und Seuchen seien. Die vermeintlich Verantwortlichen, allesamt unlängst beerdigt, wurden von Priestern und Ärzten auf ausdrücklichen Wunsch der Gemeinden wieder aus der Erde geholt, enthauptet und verbrannt.

Vor den Untoten war die Angst immens. Und da man als Normalbürger nichts mit Stoffwechselkrankheiten wie Porphyrie anzufangen wusste, - Folgen: Lichtempfindlichkeit, Schrumpfen von Lippen und Gaumen, dadurch hervortretende Zähne mit blutig schimmerndem Belag - , entstand so manches Missverständnis. Umso deutlicher dagegen waren die Zeugnissse über berühmte Blutsauger wie den rümänischen Fürsten Vlad III. oder die Gräfin Elisabeth Bâthory, beide Verbrecher an der Menschheit von der abscheulichsten Sorte, um die sich die scheußlichsten Geschichten ranken.

Die rumänische Legende wird in Dracula Untold erzählt. Und der Vampir lässt die Phantasie der Filmemacher kreisen. In 30 Days of Night (2007, Regie: David Slade) macht er die Dunkelheit zum Schlachthof, in So finster die Nacht berührt er mit der Einsamkeit des Ziellosen, in Interview mit einem Vampir nach dem Bestseller von Anne Rice verführt er mit teuflischem Zauber, und in From Dusk till Dawn bietet er groteskes Höllentheater und inspiriert George Clooney zu der interessanten Frage:

„Hat irgendjemand ein richtiges Buch über Vampire gelesen oder erinnern wir uns nur an ein paar schlechte Filme? Ich meine, ein wissenschaftliches Buch.“

Hat jemand? Nein? Das geht trotzdem in Ordnung. Wir wissen ja: Die Stärke des Vampirs ist, dass die Menschen nicht an ihn glauben.“ Soll so sein.

erschienen in Zwielicht 23, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2026


Die Weiße Frau

© Karin Reddemann

Im vertrauten Flüsterton sprechen wir über Frauen. Jene Frauen, die sich in weißen Kleidern irgendwo in Burgruinen, Altbauwohnungen, verwitterten Parkanlagen, Spiegeln und Bildern, auf Türmen, Brücken, Highways und vergilbten Schreckfotos, an dunklen Flüssen und bröckelnden Mauern zeigen. Wir sollen sie sehen. Ihr Leid und ihre Wut verstehen. Angst vor ihnen haben. Sie sind zornig. Verzweifelt. Und, das sei nicht vergessen: Sehr wohl mordlustig.

Oft sind die Frauen betrogene, bösartige tote Bräute oder wahnsinnig gewordene tote Mütter, die ihre Kinder umgebracht haben. Sie sind finster, quälen sich, finden keine Ruhe, gieren nach Vergeltung, sind das personifizierte Entsetzen und fordern Respekt von den Lebenden vor ihrem eigenen unheilvollen Schicksal. Durchaus können sie auch just ihrem Grab Entstiegene in ihren Leichenhemden sein, die anderweitig noch eine Rechnung zu begleichen haben.

Sie sind Todesboten. Wer die weiße Frau erblickt, sieht das Ende. Nicht zwingend das eigene bevorstehende Ableben. Mag sein, das eines lieben Verwandten, eines geschätzten Freundes. Vor allem aber sind weiße Frauen Killer. Wenn sie es auf einen selbst abgesehen haben, gibt es kaum eine Chance. Sie töten ungnädig. Kompromisslos. Eiskalt. 

Grundsätzlich ähnlich rachedurstig, - und das nun will für die wachsamen Cineasten vermerkt sein, die bei so was vielleicht ganz automatisch an weiße, von Blut durchtränkte Kleider denken müssen - , wie es Carrie und Tarantinos Beatrix (Kill Bill) im gesondert krassen Stil sind. Weiße Frauen im hier gewünscht Speziellen sind sie natürlich nicht.Schön sind sie. Aber auf verfluchte Art trügerisch schön. Tatsächlich sind es die schlimmsten Fratzen, die einen plötzlich mit Irrsinn im flackernden Blick anstarren. Sie sind bedrohlich, uneinsichtig, zudem gefährlich und haben düsterstes Gedankengut im Kopf.

Schön mit Irrsinn im Blick

Ergo sollte man sie tunlichst meiden und, sofern das partout nicht gelingt, eine mit Steinsalz gefüllte Schrotflinte bei sich tragen. Wenn man ihre Gräber aufsucht, die Särge öffnet, die Gebeine salzt und anschließend verbrennt, begibt man sich auf die sicherste Fährte. Das klingt unangenehm gruselig, ist aber die übliche Verfahrensweise bei unliebsamen Geistern, die technisch auch bei den Frauen in Weiß funktionieren dürfte.

Nun ist bekannt, dass Horrorgestalten wie Freddy, Michael, Jason, der Babadook , nicht zu vergessen (natürlich!) Dracula, und eben vor allem auch auch die klassischen Gespenster stur sein können und einfach dreist trotzdem wiederkommen, egal, was man an hoffnungsvollem Zauber anstellt. Und da ist es, - ungeachtet aller Furcht und Pein - , doch recht beruhigend, zu hören, dass die Weiße Frau es im Ernstfall nur auf untreue Männer abgesehen hat. Die werden nicht gewarnt, denen wird gezielt aufgelauert, und verstecken oder flüchten nützt da gar nichts: Sie wittert alles.

Über La Llorona (die Weinende), eine einstmals wunderschöne Frau, kursieren in Lateinamerika etliche alte Geschichten. La Llorona ertränkt in Rage ihre Kinder, weil ihr, Mann sie für eine Geliebte verlassen hat. Als ihr klar wird, was sie getan hat, begeht sie Selbstmord und weint fortan als Geisterfrau in Weiß um ihre toten Kinder. In anderen Versionen wird geraten, die Llorona zu meiden, weil sie Wanderer hypnotisiere, um mit ihnen die Nacht zu verbringen. Und um sie anschließend zu töten. Es wird auch gesagt, dass sie Männer aus ihren Betten hole, um sie zu entführen, und dass sie Kinderseelen raube, um diese vor Gott als die ihrer eigenen umgebrachten Kinder auszugeben. Und dass sie bedauernswerte Menschen, die zufällig zu später Stunde ihren Weg kreuzen, aus dem gleichen Grund im Fluß ertrinken lassen würde: Um die Seelen zu missbrauchen.

Von La Llorona erzählt man sich auch im Süden Mexikos. Sie sei eine Prostituierte gewesen, die ihre Kinder abgetrieben und die Leichen in den Tecpan geworfen habe. Nachdem sie gestorben war, verlangte Gott von ihr, ihm all ihre toten Kinder zu bringen. Seine Engel hüllten sie in ein weißes Kleid und schickten sie auf die Suche. Seitdem streift sie weinend an den Flüssen der Erde umher.

Obacht vor der Weinenden

In Honduras ist La Llorona eine auffallend hübsche, von ihrem Mann sitzengelassene Frau, die sich in ein furchtbar hässliches uraltes Weib verwandelt, wenn jemand ihr, geblendet von falscher Schönheit, näher kommt. Auch sie, genannt "La Sucia" (die Schmutzige), weint um ihre ertränkten Kinder. Aber sie treibt auch Männer, die ihr in die Hände fallen, in die geistige Umnachtung. Es gibt kein Entkommen, wenn sie einen packt und krächzt:

„Toma mi teta, que soy tu nana.“ (Fass meine Brüste an, ich bin dein Kindermädchen).

Diese Basis allen Schreckens als Grundmotiv, - eine Frau tötet ihre Kinder, weil der Mann sie betrogen, verlassen, belogen, verschmäht oder im Stich gelassen hat, bringt sich selbst um, findet (natürlich!) keine Ruhe und kehrt zurück, von Rastlosigkeit, Reue, Rache und Sündenwahn getrieben - , ist tatsächlich in Anlehnung an die Legenden um La Llorona Thema der überhaupt allerersten Folge der US-amerikanischen Mystery-Serie Supernatural (Die Frau in Weiß, 2005):

Eine junge Frau kommt nicht damit klar, dass ihr Mann sie verlassen hat, und ertränkt in ihrem Wahn die gemeinsamen Kinder in der Badewanne. Am Highway bringt sie sich um und lockt fortan als weißgekleidete Geisterfrau Männer ins Verderben, indem sie als vermeintliche Anhalterin nachts einsam am Straßenrand steht. Wer anhält und sie einsteigen lässt, stirbt einen grausamen Tod. Die Dämonenjäger Dean und Sam erledigen sie letztendlich mit einem gezielten Schuss, - Munition in solchen Fällen: stets Steinsalz, wohlgemerkt - , und mit der Hilfe der toten Kinder, die ihre Mutter ins Jenseits zerren. Zurück bleibt eine riesige Pfütze.

Hier haben Profis die Sache richtig erledigt. Für Amateure gilt, die Geisterfrauen nicht unnötig wütend zu machen, sonst zeigen sie sich in abscheulicher Gestalt mit krallenähnlichen Händen. Zudem sind sie, wie alle Geister, extrem stark und schnell, können sich unsichtbar machen und Telekinese anwenden.

Voller Gram: Todesbotin Kunigunde

Die weiße Frau hat Geschichte(n) gemacht, fürwahr guter und globaler Stoff: Kein Wunder, dass sie optisch und inhaltlich auch europäischer Düster-Folklore beschwörend gefällt. Besonders berühmt ist die Ureigene der Hohenzollern, die gebeutelte, gequälte, gleichwohl absolut unselige Kunigunde von Orlamünde, die auf der Plassenburgburg in Oberfranken durch die Gänge geistert.

Ferdinand Freiligrath (1810 – 1876) widmete ihr 18844 ein Gedicht. Da heißt es unheilvoll:

Man sagt, es läßt die weiße Frau
Sich hier und dorten wieder sehen;
Durch mehr als einen Fürstenbau
Mit fahlem Antlitz soll sie gehen.
In weißer Robe, weiß verbrämt,
Tritt sie aus Wänden und aus Bildern;
Dastehn die Wachen wie gelähmt,
Die in den Korridoren schildern.(...)

Und tatsächlich war es so: Die Witwe Kunigunde, Mutter von zwei kleinen Kindern, war verliebt in Albrecht den Schönen. Der erklärte, einer Verbindung stünden wohl einzig zwei Paar Augen im Wege. Damit meinte er die des Nürnberger Burggrafen nebst Gemahlin, ihres Zeichen seine unwilligen Eltern. Kunigunde freilich ging davon aus, dass es ihre Tochter und ihr Sohn aus ihrer Ehe mit dem verstorbenen Graf Otto seien, die den Geliebten störten. Und anstatt sich aufgrund dieser vermeintlichen Ablehnung ihrer Kinder von Albrecht zu lösen, brachte Kunigunde sie um, indem sie ihnen mit einer dicken Nadel in die Köpfe stach. Albrecht, entsetzt über diese Greueltat, wandte sich von ihr ab. Kunigunde ging ins Kloster. Allein, da halfen Beten, Buße und Bereuen nichts, sie wurde nach ihrem Ableben zum herum wandelnden Geist mit unfriedlicher Seele. Es galt und gilt: Wem sie erscheint, der stirbt in kürzester Zeit. Oder wird auf diesem Weg über das drohende Anstehen einer familiären Katastrophe unterrichtet.

(...)Wem gilt ihr abermalig Nahn
Rings in den Reichen und Provinzen?
Sagt sie, wie sonst, ein Sterben an?
Tod eines Fürsten oder Prinzen?
Es könnte sein - ich weiß es nicht!
Die Rede geht: ein tiefrer Jammer
Treibt sie hervor ans Tageslicht
Aus ihrer dunst'gen Totenkammer!(...)

Napoleons Angstnacht im Schloss

Die Frau in Weiß, die White Lady, Dame Blanche, spukt seit dem 15. Jahrhundert in etlichen Schlössern europäischer Adelsfamilien. Nicht immer als Mörderin und Selbstmörderin. Auch als Ermordete, gar Hingerichtete, meist als vom Schicksal Gebrandmarkte, arme, verzweifelte, - und des öfteren - , auch dunkle, manchmal böse Seele. Die Wundergläubigkeit im 17. Jahrhundert ließ sie wie Wappen und Herkunftssagen zu einer Art Standesattribut werden. Die Prominenz der Weißen Frau der Hohenzollern machte ergo nicht nur ängstlich, sondern so manches Geist-lose Blaublut auch neidisch:

(...)Die Toten weckt es in der Gruft -
Herr Gott, und die Lebend'gen schlafen!
Abschüttl' ich Staub und Moderduft:
Ich möchte wecken, warnen, strafen!
Ich hab' nicht Rast, ich hab' nicht Ruh' -
Eil', o mein Stamm, dich zu erheben!
Der Mund des Todes ruft dir zu:
Erfasse frisch und kühn das Leben!(...)

Wundersam Schauriges steht geschrieben: Napoleon Bonaparte leibhaftig verbrachte mit Kunigundes Geist am 14. Mai 1812 in der Bayreuther Eremitage eine Schreckensnacht. Dort hing (laut Fontane, Effi Briest) ein...

...stark nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner Kopf, mit herben, etwas unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause, die den Kopf zu tragen scheint."

Das Bild der Hohenzollern-Kunigunde! Sie schritt aus dem Rahmen, auf Napoleons Bett zu, starrte ihn an, griff nach ihm...ja, warum bloß?

(...)Sie senkt das Haupt, sie ringt die Hand,
Als ob ein Ahnen dumpf sie quäle.
Durch zwiefach Schloß und Teppichwand
Huscht sie davon, die arme Seele.
In weißer Robe, weiß verbrämt,
Schwebt sie vorbei den Ahnenbildern;
Da stehn die Wachen wie gelähmt,
Die in den Korridoren schildern!(...)

Allemal, Napoleon schrie gellend nach seinem Adjudanten, verließ fluchtartig das Schlafgemach und sprach mit Entrüstung und Entsetzen bis an sein Lebensende vom„maudit château“.

Eine arme Seele in weißer Robe in einem verdammten Schloss. Wird wohl so gewesen sein. Passt.

erschienen in: Phantastikon

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Oh eile, Katze, eil' herbei, und hilf mir bei der Zauberei!

© Karin Reddemann

Zum Fressen geboren, zum Kraulen bestellt
in Schlummer verloren gefällt mir die Welt.
Ich schnurr’ auf dem Schoße, ich ruhe im Bett
in lieblicher Pose, ob schlank oder fett. (Johann Wolfgang von Goethe)

Hübsch selbstgefällig spricht die Katze aus des Dichters Munde.Sie weiß, was ihrem Gaumen gefällt. Sie weiß nicht, wie ihr eigenes Fleisch schmeckt. Im Süden Chinas und im Norden Vietnams weiß man das aber sehr genau: „Eigenartig süßlich“ soll es sein. Den Magen erwärmend. Und von „schlabbriger Textur“. Gegessen werden Fleisch und Innereien, den Kopf trennt man ab und wirft ihn weg. Wie beim Fisch.

Speisekatze auf dem Teller. Da schüttelt es einen durch. Wir wollen das gar nicht wissen. Vielleicht wollen wir so recht auch nicht wissen, dass mittelalterliche Naturwissenschaftler von diesem Gericht abgeraten haben, weil allein der Gedanke daran uns so gar nicht behagt. Der Verzehr sei gesundheitsschädlich, erklärte man, weil Katzen Schlangen- und Krötengift lecken und dadurch ihr Fleisch vergiften würden. Ein Ammenmärchen zwar, grundsätzlich aber gut für die Katze, weil sie wirklich nur in extremer und alternativloser Hungersnot geschlachtet wurde. Schlecht für sie war, dass grundsätzlich gescheite Koryphäen auf dem Gebiet der Natur- und Heilkunde wie bereits die berühmte Heilerin, Dichterin und Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 – 1179) der Katze eine gewisse Affinität für das Übernatürliche und eben auch Angstmachende zusprachen.

Die Katze ist mehr kalt als warm; sie zieht üble Säfte an, fürchtet sich nicht vor Luftgeistern und diese sich nicht vor ihr.  (Von den Tieren", Buch VII, Kap. XXVI)

Nun verbreitete die Vorstellung von Geistern und Spukwesen ewig schon Schrecken, zumal man sich damals als meist sehr einfach strukturierter Mensch auf das verlassen musste, was einem von ganz oben, sprich Staat und Kirche, als Recht und Wahrheit verkauft wurde. Die Katze, Ursprungsland Nordafrika, nach Mitteleuropa vermutlich mit den Kelten eingewandert, galt zwar seit um die 500 nach unserer Zeitrechnung in heimischen Gefilden als weit verbreitetes Haustier. Sie diente aber deutlich eher nützlichen Zwecken wie dem Ratten- und Mäusefang denn dem Wunsch nach geselliger Gemeinsamkeit zum tierischen und menschlichen Wohle. Echte Zuneigung verlor gegen Unwissen und Skepsis, viel zu suspekt waren den bescheidenen christlichen Gemütern die in der Dunkelheit „glühenden Augen“ der Kazza (Katze im Mittelalter), die sich in der Nacht, wenn die zumindest vermeintlich Unschuldigen und Frommen schlafen, herumtrieb, mit den Schatten schlich und jagte. Geheimnisvolles umgab sie. Gar Furchteinflößendes, weil ihr selbstbestimmtes Verhalten dubioses Zeug denken und glauben ließ.

Teufelstier, Hexenfreund raunte man. Sprach es laut aus. Brüllte es. Und die Katze zahlte dafür, dass sie derart an den Haaren herbeigezogen verkannt und beschuldigt wurde, einen fürchterlichen, einen grausamen Preis. Das gemeine Volk wurde zu ihrem Henker mit Gottes angenommener Zustimmung. Die Katze, verschrien als dämonisches Untier, befand sich im Mittelalter auf schier ewig andauernder Flucht, ihr Bestand reduzierte sich radikal. Während die Pest, die mehr als 20 Millionen Tote in Europa forderte, im 14. Jahrhundert wütete, war der Mangel an Katzen als Rattentöter vermutlich mitverantwortlich für die rasche Ausbreitung des schwarzen Todes. Gewusst hatte man das so natürlich nicht. Verbleibt auch die Frage, ob es die Teufelsfurcht geschmälert hätte, wenn allgemein bekannt gewesen wäre, dass ausgerechnet der natürliche Feind der Ratten als Zwischenwirte des Pesterregers in jener engstirnigen, schrecklichen Zeit erbarmungslos gejagt wurde.

Unheil lauerte fortan für die Katze in jeder Ecke. Und es sollte nicht besser, nur noch sehr viel düsterer werden: 1484 erließ Papst Innozenz VII. ein Dekret mit der Forderung, alle Katzenhalter wegen Hexerei, Buhlschaft mit dem Teufel in Katzengestalt und damit verbundener Satansanbetung zu verbrennen.

An dieser Stelle, die wirklich wahrlich Böses verkündet, sei eine tröstende Atempause gewährt. Tierfreunde sind sensibel. Und diese Lektüre kann es nicht sein. Aber wir wissen, wo wir uns befinden. Wir vergessen es auch nicht, während wir nochmals in Goethes Studierstube blicken, in der seine Katze wohlig schnurrte, während er vergnüglich lebendige Verse über sie dichtete.

So gelte ich allen als göttliches Tier, sie stammeln und lallen und huldigen mir, liebkosen mir
glücklich den Bauch, Öhrchen und Tatz – ich wählte es wieder, das Leben der Katz.

Wie hier die Katze kokettiert. Wie sicher sie sich ist. Wie selbstverständlich es ihr vorkommt, göttliches Tier zu sein. Als würde es ihr im Blut liegen, das Hoheitsvolle, das ihren Urahnen die Pforte zum Olymp der Anbetungswürdigen öffnete. Freilich ist das lange her, auch, wenn enthusiastische Katzenliebhaber heute und hier ähnlich empfinden mögen. In Nordafrika erfuhren domestizierte Falbkasten seit 1.500 vor Christus ein immens hohes Ansehen. Die Mäuse- und Rattenfänger waren die Erhalter der Getreidevorräte, die Bewahrer der Familien vor Hunger und Not. Siebenhundert Jahre später erblühte der Katzenkult der Göttin Bastet im unterägyptischen Bubastis. Dort fand man bei archäologischen Ausgrabungen mehr als 180.000 Katzenmumien. Die göttliche Verehrung ging nicht nur über den Tod hinaus, sie wurde auch als Beweis einer Unantastbarkeit dieser absoluten Wertschätzung für die Nachwelt erhalten.

Auch in den Römersiedlungen an Rhein und Mosel in den ersten Jahrhunderten nach unserer Zeitrechnung gehörte die Katze zum familiären Alltag, ganz normal, ohne übertrieben verherrlicht zu werden, aber eben weiterhin ohne fanatisch exerzierte Missdeutung ihres Charakters. Sie hatte den Status der geschätzten Vorratsbewacherin, wurde respektiert und angesehen als ein besonderes Tier mit zweifellos eigener Seele. Und auf gar keinen Fall mit der Seele des Teufels.

Mit dem Mittelalter begann das echte Grauen. Und damit auch die Finsternis für die Katze. Menschen, die sich Katzen hielten, wurden mit dem Segen der Kirche gemieden, verfolgt, angezeigt. Kurz, wahr und grausam genannt: Wenn ihre Herrin oder ihr Herr, verurteilt als Hexe(r), brennen musste, brannte auch die Katze. Einer des Ehebruchs beschuldigten Frau machte man gemeinsam mit ihrer Katze den Prozess: Beide steckte man bei (meist sehr fragwürdigem!) Schuldspruch lebendigen Leibes in einen Sack, der zugenäht wurde, und ertränkte sie.

Die Katze als Abbild Satans und getreue Dienerin übler Mächte wurde geächtet. Gehetzt. Lebendig eingemauert oder vergraben, gequält, gefoltert und ins Feuer geworfen. Im „Hexenhammer“ (1468), dem schrecklichen Kultbuch der Scheinheiligen, gilt sie als „Sinnbild des Ungläubigen“. Berichtet wird dort auch von Hexen, die des Nachts in Katzengestalt umherstreifen mit Grauenvollem im bösen Sinn.

Katzen wurden als Ketzer angeklagt in jener Zeit, in der die Menschen überzeugt davon waren, dass ein Gürtel, aus der Haut eines Hingerichteten genäht, die Verwandlung in einen Werwolf ermögliche, dass eine lebendig über die Tür genagelte Fledermaus Unglück abwende, dass die Anzahl der Kuckucksrufe im Frühjahr einem sagen würde, wie lange man noch zu leben habe, und dass zu viel verdorbenes Obst zweifellos auf die schwarze Magie der alten Nachbarin zurückzuführen sei. Betagte, einsame Frauen hielten sich in jenen dunklen Tagen gern eine Katze als Mitbewohnerin, und die wurde als Verbündete einer als Hexe Denunzierten gleich mit verhaftet. Das Todesurteil galt für beide, für die „Hexe“ und die „Teufelskatze“.

Im Zuge der Hexenverfolgung in Europa, die ihren Höhepunkt von 1550 bis 1650 hatte, wurden drei Millionen Menschen wegen angeblicher finsterer Machenschaften verhaftet. 40.000 bis 60.000 von ihnen, absolut mehrteilig Frauen, wurden hingerichtet. Zahlreiche von ihnen zusammen mit ihren Hexenschwestern und Satansbrüdern, den Katzen.

Zaubersprüche, die mancherorts heute noch zumindest in ähnlicher Form bekannt sind und die uns zwar geheimnisvoll, aber doch recht harmlos erscheinen, tragen ihre blutigen Wurzeln im mittelalterlichen Aberglauben:

„Ob Tag, ob Nacht, Du hast die Macht. Oh eile, Katze, eil' herbei, und hilf mir bei der Zauberei. Zauberstab und Katzenmut, Zaubergeister, helft jetzt gut.“ (Urheber unbekannt)

Katzen waren in der Vorstellung der Gottesfürchtigen aber nicht nur die Hexenhelfer, vermeintlich gewährten sie mancherorts bis ins 19. Jahrhundert hinein auch einen "Schutzzauber" des Hauses und der Familie vor bösen Unwesen. Richtung Osten wurden tote Katzen unter den Dielen, vorzugsweise direkt am Kamin, dem von Geistern und Damönen bevorzugten Besucherportal, vergraben. Gelegentlich werden heute noch bei Bau- und Restaurrierungsarbeiten an alten Häusern, sogar in Kirchen, mumifizierte Katzen gefunden. Die „Schutzzauberer“ waren ertränkt oder per Genickbruch getötet worden, das Fell sollte unversehrt bleiben, um es wirtschaftlich nutzen zu können für Mützen und Mantelfutter. Und für die „Geldkatze“ (Beutel).

Nun möge der Warmherzige und allzu Weiche hier und jetzt und überhaupt die vorherrschende Nüchternheit nachsehen, aber es war alles so, ist nicht ausgedacht und nicht im eigenen Sinne.

Katzenblut sollte heilend bei Lungenkrankheiten wirken, der pulverisierte Kopf bei Sehschwächen, Katzenkot angeblich Wunder bewirken bei Kahlköpfigkeit. Katzendarm diente der Herstellung von Saiten für Streichinstrumente und als chirurgisches Nähgarn.

Die wohl immer noch geläufigste magische Formel, - „Abrakadabra, dreimal schwarzer Kater“ - , geht zurück auf einen alten Schwindelzauber gegen Fieber und Malaria, den der römische Medizinschriftsteller Quintus Serenus in seinen Schriften erwähnt:

„Abra cadabra ter nigri felis!“

Die schwarze Katze! Sie galt als besonders gefährlich für menschliches Seelenheil, stand für das definitiv Dämonische, war die Mega-Komplizin des Teufels. Mystisch, geheimnisumwoben wirkt die schwarze Schönheit allemal. Und erfährt seit Hunderten von Jahren Misstrauen, Scheu und Abneigung bis hin zu Hass, weil menschliche Dummheit und Einbildung ihren Charakter abgrundtief verzerren.

Ein abscheulicher Brauch, der sich beschämenderweise noch gehalten halt, als das Mittelalter lange, sehr lange schon vorbei war, sei hier genannt: Am Tag des Heiligen Johannes, 24. Juni, wurden schwarze Katzen als „teuflische Wesen“ bei lebendigem Leib ins Johannisfeuer geworfen. Hatte das Fell eine weiße Stelle, so war die Katze unbrauchbar für das Ritual. Exemplare mit einem weißen Fleck, im Brustbereich , an Ohren oder Pfoten, gelten heute als die Überlebenstypen unter den schwarzen Katzen. Tragen aber weiterhin die Bürde, für Ungutes zu stehen.

Die Guten rechts, die Schlechten links

Als Unglücksbringerin hat die schwarze Katze im Kopf der Abergläubischen immer noch einen festen Platz, vor allem, wenn sie einem am frühen Morgen ausgerechnet noch von links begegnet. Die Furcht davor, dass einem anschließend Ungutes widerfahren würde, hat eine uralte Quelle: Die linke Seite wurde von der Kirche als die schlechte, falsche festgelegt. So steht in der Bibel, dass beim Jüngsten Gericht die Guten rechts, die Schlechten links stehen müssen.

Edgar Allan Poe erzählt von einem schwarzen Kater. Es ist eine wirklich düstere, schaurige Geschichte, in der das Tier letztendlich dem Menschen in seiner Schlechtigkeit gegenüber auftrumpft. Einfach gesprochen. Natürlich öffnen sich psychische Abgründe genial erschreckender Denkweise. Faktum ist aber: Der Kater bringt den Mann an den Galgen. Oder auch sein eigener Irrsinn, der ihn mit Geistern ringen lässt, die ihn nicht loslassen. Oder eben beides.

Rächen Tiere sich? Oder, im Speziellen gefragt: Würde eine Katze sich für schlechte Behandlung revanchieren? Noch spezieller gar: Könnte eine Katze eine Menschen tatsächlich umbringen? Nicht auf spirituelle Art vernichten, sondern wie ein Raubtier angreifen und töten? Man sagt, die Katze sei dem Löwen ähnlich. In Trägheit gleichwohl wie in Aktion. Im Spiel. Im Wohlgefühl. In der Gereiztheit. In den Launen. Im Argwohn. Im Angriff?

Gott schuf die Katze, damit der Mensch einen Tiger zum Streicheln hat.(Victor Hugo)

In Fachkreisen wird durchaus die Theorie vertreten, dass die Katze töten würde, wenn sie deutlich größer wäre. Auch die Menschen, die sie füttern und kraulen. Es käme dabei natürlich immer auf die Situation an. Wobei eine tatsächliche Mordabsicht eher selten gegeben wäre. Es würde dann einfach passieren.

Trauert die Katze?

Liebt sie? Vergisst sie, erinnert sie sich?

Wer ist sie? Ist sie viel, mehr, alles?

„Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.“ (Rainer Maria Rilke)

Eine Wahrheit sei noch rasch erzählt:

Auf dem Nordfriedhof, ganz in der Nähe unserer Familiengräber, befand sich eine wild bewachsene Gruft unter einer prächtigen Trauerweide. Ein sehr großer, grauer Grabstein stand dort, schon recht verwittert, und auf ihm saß eine schwarze Katze. Sie war immer da, wenn ich mit meiner Großmutter am frühen Samstagabend über den Friedhof ging, um die Toten zu besuchen. Lange Zeit war das jeden Samstag unser Weg, und jedes Mal hockte die schwarze Katze wie festgewachsen oben auf dem Grabstein. Sie rührte sich nie, sie saß nur da in aller Ruhe und sah uns an. „Sie wacht“, sagte meine Großmutter. Ich fand es gut, dass sie dort war. In der Sonne glänzte ihr Fell wie feiner Lack, und in der Dämmerung funkelten ihre Augen wie die allerschönsten Smaragde. Die Katze schien es nie eilig zu haben, nie auf dem Sprung zu sein. „Sie wartet“, sagte meine Großmutter. Kurz darauf starb sie.

Ich besuchte ihr Grab regelmäßig, und immer, wenn ich dort war, war auch sie da. Die schwarze Katze. Sie saß oben auf dem Stein, saß nur da in aller Ruhe und sah mich an. Und ich flüsterte: „Wachst du? Oder wartest du?“

Die Geschichte endet hier. Sie ist extrem kurz, das muss so sein, weil jeder für sich selbst entscheiden sollte. Ist sie denkwürdig oder banal, seltsam oder einfach typisch, weil Katzen eben so sind?

„In alten Zeiten wurden Katzen als Götter verehrt; das haben sie nicht vergessen.“ (Terry Pratchett, englischer Fantasy-Schriftsteller, 1948 - 2015)

erschienen in Zwielicht 18, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2023


So alt der Tod, so alt der Zombie

© Karin Reddemann

Der große schwarze Mann aus dem Urwald, stumpfer Blick aus Augen, deren Pupillen im Weiß zu ertrinken scheinen, mechanische Schritte, Haut wie poliert, der Kerl halbnackt, immer lauernd, immer starrend, immer da, wenn es dunkel ist, wenn jedes Knacken eines Astes wie die Warnung vor dem Unheil klingt, weil die Nacht ultimativ seltsam böse wird...er war mein erster echter Zombie. Ein wie gemeißelter Voodoo-Zombie ohne körperliche Ekel-Blessuren und blutige Fleischlappen zwischen den Zähnen, dargestellt von Darby Jones, einem farbigen Schauspieler aus L.A., damals "typisch" gebucht für Rollen als Hotelpage, Diener, Sklave, Buschmann bei Tarzan und furchteinflössender Untoter.

Jaques Tourneur engagierte den 33Jährigen Jones 1943 für I walked with a Zombie und ließ ihn als Angstmacher in der Finsternis auftauchen, taumeln, tappen, einfach nur wie eine Statue dastehen und seltsam gucken. Mehr war da prinzipiell nun nicht. Mein erster echter Zombie hat mich trotzdem erschreckt. Nicht wirklich fürchterlich, aber auf fröstelnd nervös machende Art.

Egal wie, das Ding lebt und frisst weiter

Von seiner alptraumhaften Entwicklung in eine grausame Killermaschine, die sich in Menschen verbeißt und sie frisst, während Maden aus ihrem verwesenden Leib krabbeln, Gedärme aus dem Bauch quellen und Glieder grausig zerstümmelt sind oder gänzlich fehlen, - ....egal wie, das Ding lebt weiter... - , war Darby Jones zwar Lichtjahre entfernt. Schien mir doch aber schon unheimlich genug zu sein, um das Wort "Zombie" zukünftig vorsichtshalber zu flüstern. Faszinierend das so fremde, so geheimnisvolle Inszenario: Buschtrommeln, rhythmisch, laut, schnell, dröhnender, lauter, entrückte ekstatische Tänzer, schöne, geschmückte Menschen, die sich wie irre geworden und doch so 

geschmeidig biegen und verrenken, flackernde Pupillen, verdrehte Augen, die verraten, gar nicht wirklich da zu sein, Knochen rund um die Feuerstelle verteilt, mit Nadeln durchstochene Puppen...Meine Großmutter, die diesen einen filmischen Meilenstein beim Walk of Dead durch die Jahrzehnte gottergeben mit guckte, war da deutlich weniger beindruckt. Sie meinte, "Ach Gott, ja... Voodoo", ließ sie alle auf dem Bildschirm trommeln und strickte weiter. Als wäre mit dieser schnöden Bemerkung alles gesagt.

Zeitgleich ungefähr, - in den 1970ern war das – , sah ich den ersten gedrehten Zombie-Film überhaupt, The White Zombie (1932) von Victor Halperin, in dem emotionslose haitanische Sklaven mit weit aufgerissenen Augen wie denkwürdige Schlafwandler über die Leinwand wanken. Da jagt, beisst, zerfleischt, infiziert niemand, grundsätzlich ergo recht harmlos, das Ganze, sei denn, allein die skurille Optik und der Gedanke daran, dass die überhaupt da sind, jagen bereits Schauer über den Rücken. Bela Lugosi spielt den bösen Voodoo-Magier Legendre, der auch die schöne unschuldige Madeleine in eine willenlose Untote verwandelt. Legendre ist der Gebieter der Zombies, ihm gehorchen sie, warten auf seine Befehle. Töten für ihren Herrn. Zerfetzen aber keine Leute, weil sie Menschenfleisch brauchen.

Kein Wiedererwecken, sondern ein Schubs in die Hölle

Die recht kompromisslose Gewaltbereitschaft und diese widerliche Essgewohnheit der Zombies wird gar nicht thematisiert. Das erledigte bekanntlich bravourös und Genre-prägend Romero als Erster, inspiriert von der alles Menschliche vernichtenden Seuche in I am Legend von Richard Matheson , und seine Interpretation vom Zombie (Ableitung vom zentralafrikanischen “nzùmbe”= Totengeist) ist eine gänzlich andere als die der düsteren Spukgestalt hinter diesem Busch, in jener Ecke und vor dem Himmelbett einer kranken, verzauberten Lady. Romero, - - , ...das ist kein Wiedererwecken. Das ist der Schubs in die Hölle. Voodoo...das ist Gänsehaut aus der Karibik. Und Panscherei mit Ekel-Zutaten. Das eben auch.

Ein im Voodoo vom Priester, dem Bokor, verwendetes Gebräu, das in der Hauptsache aus Giftpflanzen, dem Gift des Kugelfisches, Kröten und Knochen gemacht wird, kann nach Einnahme Herzfrequenz und Puls derart extrem senken, dass der Betroffene keine wahrnehmbaren Lebenszeichen mehr zu erkennen gibt. Er scheint tatsächlich tot zu sein. Irgendwann lässt aber die Wirkung des Tranks wieder nach, der vermeintlich Verstorbene erhebt sich, wohl recht verwirrt, irritiert und trunken vor Gift, und der Bokor gilt für die staunende Menge als der Allmächtige, der sowas Ungeheuerliches allein durch seinen großen Zauber zustande bringt. Die in solchen Fällen unglückselig Auferstandenen sind meist Personen, die zur Strafe für begangene Untaten erweckt und damit in Zombies verwandelt werden.

Teilen wollte deren Schicksal freiwillig verständlicherweise niemand. Da war, ist die Furcht davor, selbst wieder zurückzukehren, gleichwohl die Angst vor denen, die das tatsächlich können. Besser wohl: Die das müssen. Weil sie willenlos dienen sollen, - nützlich auch für finsterste Zwecke - , oder weil sie sich, wie von genialen Köpfen der Popkultur visionär und gar nicht mal so abwegig erdacht, durch Ansteckung und Verseuchung in Bestien verwandeln.

Die Vorstellung davon, dass Tote wieder zurückkehren und indirekt aus dem Grab heraus Unheilvolles bringen, ist natürlich keine reine Voodoo-, Roman- oder gar Hollywood-Erfindung. "Scheintote" haben Legenden gemacht, Totenwachen ihren Sinn ergeben, Menschen, die nach einem Gehirnschlag "erwacht" sind und zweifellos anders waren, schürten das mythische Feuer, und die Panik von Poe, grandios gerahmt, bestätigte. In der Karibik waren und sind die Untoten mit Leichenflecken versehen, in den Karpaten sind ihre Zähne und Krallen lang. Sie sehen so oder ähnlich aus, wie man dort allgemein Leichen kennt: Tropisches Klima verfärbt tote Haut schneller, - Zombie - , kaltes, - Vampir - , zieht das Fett- und Bindegewebe zurück. Und das nun ist die Basis für die eigenen Bilder. Die sind (immer!) noch schlimmer.

Im Sprichwort heißt es:

Klage nicht darüber, dass Gott den Tiger erschaffen hat, sondern danke ihm, dass er ihm keine Flügel gab."

Prinzipiell richtig. Voodoo lässt den Zombie nicht fliegen. Aber Romero hat ihn abheben lassen. Und Robert Kirkman, Tony Moore, Frank Darabont...und unsere so verdammt phantastische Kopfwelt...er fliegt weiter als Ikarus. Kein Absturz in Sicht.

Puppen, in denen Haarlocken und Fingernägel stecken

Mittlerweile sind wir zumindest gedanklich gerüstet. Wir wissen, dass ins Gehirn geschossen oder der Kopf abgeschlagen werden muss, um einen Zombie zu erledigen. Und sind fassungslos, wenn niemand im Train to Busan ( 2016, Yeon Sang Ho) sitzt, der eine vernünftige Waffe parat hat. Ratlos sind wir immer noch bei Voodoo-Zauber mit Puppen, in denen unsere Stirnlocken oder Fingernägel stecken. Da wird's eng. Wir kennen die Geschichte der unglückseligen Christine in Drag me to hell (2009, Sam Raimi) , wir befürchten, dass es auch ohne Bastelei funktioniert, dass ein simpler abgerissener Jackenknopf genügt...

"Ach Gott, ja...Voodoo." So bedenklich gelangweilt würde meine Großmutter da wohl nicht mehr reagieren wie damals bei I walked with a Zombie. Tatsächlich hatte sie überhaupt keine Ahnung und wollte auch prinzipiell gar nichts darüber wissen: "Die stecken Knochen in die Erde und bringen damit Leute um. Reicht mir." Punkt. Nun gut.

So gänzlich fehlinformiert war das jetzt gar nicht. Der Katzenfluch von Buenos Aires ist keine bloße Schauermär. Zweifellos weniger so richtig schaurig denn mysteriös. Immerhin. Da vergruben also argentinische Fußballfans, Anhänger des Lokalrivalen Independiente, 1967 im Stadion des Meistervereins Racing Club de Avellaneda die Kadaver von sieben schwarzen Katzen. Freilich nicht aus mörderischer Absicht. Tot umfallen lassen wollten sie die Konkurrenz nicht, sie wollten simpel Erfolglosigkeit heraufbeschwören. Die hielt sich tasächlich über dreißig Jahre, obgleich man mittlerweile bei sechs Skeletten fündig geworden war. 2000 wurde das Stadion komplett umgepflügt, und endlich kam die siebte Katze ans Tageslicht.

Ende der Pechsträhne: In der folgenden Saison gewann der Verein die Meisterschaft in Argentinien. Und wenn sie nicht gestorben sind...


Der große schwarze böse Hund

© Karin Reddemann

Die Geschichte vom kleinen Hund und dem großen Schatten habe ich noch nicht erzählt. Ich wüsste nicht, dass jemand sie kennt, zumindest nicht so, wie ich sie kenne. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Was ich bedauern würde, weil sie diesen Hunger auf ihre ganz besondere Art erklären könnte. Diese Gier. Dieses Verfressene. Wäre sie wahr wie all die anderen Geschichte, die den falschen, den guten Lügnern entstammt, dürfte die vom kleinen Hund und seinem Schatten Angst machen. Richtig Angst.

Genaugenommen ist sie der Geschichte vom großen schwarzen bösen Hund nicht unähnlich. Die ist uns bekannt. Wir schreiben immer noch an ihr. Es ist die uralte Geschichte. Unsere eigene. Wir lauschen, starren, flüstern:

Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen? ...
Betracht ihn recht! für was hältst du das Tier? ...
Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise
Er um uns her und immer näher jagt?
Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hinterdrein...

Faust. Auch er. So zieht ein Feuerstrudel...so finster wird es, so bedrohlich. Wer spürt? Wer ahnt? Wer fürchtet sich vor der Höllenbrut? Vor Gwyllgi, der walisischen Bestie, Hund der Finsternis, mit stinkendem Atem und rotglühenden Augen? Vor Ronguer d'Os, dem Knochennager? Vor Moddey Dhoo, der den Tod bringt? Vor dem Teufelstrommler von Tedworth, der sich als schwarzer Hund zeigt, um Unheil zu verkünden? Vor ihm, dem Schrecken längst vergangener Tage, der auftauchte, als Edgar Wallace sprach, und der in irgendeiner Ecke wartet, die in unserer Erinnerung immer dunkel, immer böse bleiben

 wird? Der Hund von Baskerville. Ich drückte mir ein Kissen vor das Gesicht. Es hat Spuren hinterlassen. Es war nicht zur Hand, als ich ihm begenete. Dem großen bösen schwarzen Hund. Es sollte wohl so sein.Ich ging damals in den Blockflötenunterricht mit Mechthild Schlicht aus dem Kirchenhaus, das wir so nannten, weil sie direkt neben Pastor Strümpke wohnte, dem Frau Schlicht Plätzchen backte, wenn er zum Tee kam. Meine Mutter hätte an sowas nicht im Traum gedacht, obwohl sie Pastor Strümpke duzte. Alle im Kirchenchor duzten ihn, und meine Mutter sagte: "Es reicht, wenn ich den Wilhelm in der Messe und beim Singen seh, einen Pastor brauch ich nicht auch noch im Wohnzimmer."

Der Blockflötenunterricht bei Fräulein Röhl, die lila Haare hatte und der ein kleiner Finger fehlte, fand im Klassenzimmer der 3b in unserer Grundschule an der Ahornwiese statt. Wir aus der 3a verglichen die selbstgemalten Bilder an den Wänden mit unseren eigenen und fanden sie deutlich schlechter. Den fehlenden Finger betrachteten wir als Kriegsverletzung, Mechthilds Onkel, der an der Front gewesen war, hatte auch nur noch ein Bein. Wir, das waren Mechthild Schlicht, Thorsten Kremmer, Michael Sonderbaum, Susanne Dattermann und ich. Die anderen waren prinzipiell Namenlose aus der großen Pause.

Das Klassenzimmer der 3b lag im Erdgeschoß ganz hinten im Gang, wo die Treppe war, die in den Keller führte. Da unten befand sich eine Tür mit Holzbeschlägen und einer schweren Klinke, und immer, wenn der Unterricht vorbei war, stieg einer von uns die Treppe hinunter und sah nach, ob Hausmeister Bierstätt vielleicht dieses eine Mal vergessen hatte, abzuschliessen. Meistens ging einer von den Jungs, während wir anderen dort oben warteten und uns überlegten, was wir Ungeheuerliches machen würden, wenn wir tatsächlich hineinkämen. Eine wirklich gescheite, bahnbrechende Idee hatte niemand, aber wir fanden es wahnsinnig aufregend, uns vorzustellen, diesen verbotenen Keller zu betreten. Vor der Tür hing eine einzige kleine Glühbirne an einem Kabel von der Decke, die nur recht schwach brannte, und der Schalter war am letzten Treppenabsatz.

An diesem Tag, an dem der schwarze Hund sich mir zu erkennen gab, stieg Thorsten Kremmer in die Dunkelheit hinab, schaltete das schummerige Licht ein und sagte: "Ich wette, der Bierstätt hält hier ein schreckliches Tier gefangen." Ich war zehn, irgendwie vernünftig und protestierte. Schwach nur. "Das würde man aber hören." Insgeheim dachte ich, dass es auch boshaft still auf uns lauern könnte. Sich verstecken, dann hervorspringen, uns anfallen und fressen. Zumindest einen von uns. Dem Hausmeister traute ich gewisse Sonderlichkeiten durchaus zu. Er sah aus wie Peter Lorre als Herman Einstein, das genügte, um anzunehmen, dass er sich vielleicht da unten im Keller etwas Gefährliches halten könnte.

Thorsten Kremmer sagte: "Da kratzt was an der Tür. Seid mal still." Er legte seinen Kopf an das Holz, nickte uns verschwörerisch zu und drückte langsam die Klinke hinunter. Natürlich rechnete er damit, - wir alle - , dass die Tür verschlossen sein würde. Aber sie ging auf. Thorsten stand da unten und sagte: "Na so was. Die ist offen." Und wir standen dort oben, sahen uns betreten an und freuten uns kein Stück darüber, dass es endlich geklappt hatte. Fräulein Röhl war im Klassenzimmer mit den Akkordeonspielern beschäftigt, die ahnte gar nicht, dass wir uns noch im Gebäude herumtrieben. Wäre sie jetzt zufällig auf den Flur gegangen, vielleicht, um zur Toilette zu gehen, hätte sie uns ausgeschimpft und hinaus beordert. Das hätten wir uns gewünscht. Niemals sonst. In diesem Moment aber wäre sie unsere Ausrede gewesen. Eine kompromisslose.

Fräulein Röhl kam nicht. Wir mussten da runter. In den Keller. In die Nacht. Zu dem Tier. Oder Monster. Geist. Weiße Frau. Schwarzer Mann. Großer schwarzer böser Hund. Hund von Baskerville. Schlimmer noch.
An den dachte ich. Und als wir geschlossen durch die Tür in diesen Kelleraum gingen, in dem kein Licht brannte und der nach Kalk und Moder und muffiger Erde und faulem Wasser roch, - so habe ich das in meiner Nase, immer noch, und ich behaupte: es roch auch nach Tod. - , da sagte Susanne: "Gruselig hier." Und dann: "Ich seh was! Da ist was!" Mechthild kreischte "Wo? Wo denn?" und irgendwas von Mutter und Ratten, und Michael lachte und schrie: "Gleich kommt er. Gleich hat er Euch." Thorsten, der neben mir stand, sagte: "Waschweiber. Der Michael auch." Und ich stand dort stocksteif an seiner Seite, roch tröstende Vanilleseife und sagte: "Ich will hier weg. Sofort." Sagte es und rührte mich nicht.

Ich sah ihn. Sein Blick war kalt, er hockte sprungbereit vor mir, und sein Atem stank nach altem rohen Fleisch. Er war so riesig, so kräftig, so zornig, wie es schien, dass ich wusste, vor ihm zu fliehen hätte keinen Zweck, er würde die Tür, selbst wenn ich sie wieder verschließen könnte, mit seinem Schädel einschlagen, er würde mich auf der Treppe packen, meine Kehle durchbeißen, mich zerfetzen. Mich. Oder Thorsten. Susanne. Michael. Oder Mechthild? Warum eigentlich nicht? Es war meine Geschichte. Ich hatte das Recht, mir die Opfer auszusuchen. Und die Art, wie sie sterben.

Ich hatte diese wahnsinnige Angst, die dich zwingt, Steine schlucken zu müssen. Aber ich streckte meine Hand nach ihm aus. Fast war es so, als würde ich in ein Spinnennetz greifen. Das war es nicht. Er leckte meine Finger. Die Zunge war rau. Ich spürte seine Zähne. Ich hütete mich. Er ließ mich wissen und versprach mir die Dämmerung. Ich nannte ihn Zeberus.

Den Keller überstand ich unbeschadet. Der Hund folgte mir. Er wich nie wieder von meiner Seite.
Er ist der Lean Dog aus Hertforshire, der spukt, wo einst der Galgen stand. Er ist ein Nachtgespenst, Leichenfresser. Hüter der Unterwelt, wo man ihn ruft: Cŵn, Amwn, Garm. An der Küste Norfolks kommt er aus dem Meer, wandert ruhelos umher, zeigt sich bei Gewittern, auf alten Pfaden. Er ist der traurige Hund von West Peak, der Glück bringt, sieht man ihm zu ersten Mal. Unglück beim zweiten. Den Tod beim dritten. Er ist der Gurt Dog aus Sommerset, der nur gut zu Kindern ist. Mag sein, er hat mich nicht alt werden sehen. Ich zeige ihm nicht mein Spiegelbild.

Manchmal ist der Hund in meiner Geschichte, die ich gar nicht geschrieben habe, ein kleiner Hund, dessen Schatten Furcht einflößt. Manchmal hat er keinen Schatten. Manchmal ist er einer. Dann sollte man Angst haben.

Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen? ...
Betracht ihn recht! für was hältst du das Tier? ...
Bemerkst du, wie in weitem Schreckenkreise
Er um uns her und immer näher jagt?

Elfriede Pollesch, eine Freundin meiner Großmutter, sagte am Kaffetisch kurz vor einer Zugfahrt nach Süddeutschland, wo sie ihre Enkel besuchen wollte, sie hätte den schwarzen Hund gesehen. Meine Großmutter dachte vermutlich, ich würde ihn nicht kennen, deshalb bekreuzigte sie sich heimlich, seufzte nur und schwieg. Sie wollte wohl nicht, dass ich frage, aber Elfriede Pollesch erzählte dann die Sache mit der alten Magda und dem Fensterputzer, und meine Großmutter vergaß, dass ich dort saß und zuhörte. Und wie klein ich noch war. Und wie aufmerksam. Die alte Frau wurde von dem Fensterputzer überfallen und ausgeraubt. Der Polizei erklärte sie, es sei ein großer schwarzer böser Hund gewesen. "Aber senil", sagte Elfriede Pollesch, "war die Magda nicht. Die war noch rüstig und bei gutem Verstand. Und trotzdem...sie beharrte darauf. Ein schwarzer Hund. Auch, als sie den Kerl festgenommen hatten. Und dann starb sie. Einfach so."

"Tja nun", sagte meine Großmutter, "da muss ja nicht immer was dran sein." Drei Tage später fiel Elfriede Pollesch im Zug nach München tot um. Als meine Großmutter davon erfuhr, weinte sie sich bei meiner Mutter aus. Die nahm sie in den Arm und meinte: "Wie kann das nur? Sie hatte doch nichts." Und ich lehnte im Türrahmen und sagte: "Das war der Hund, Mama."

Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hinterdrein...

So endet die Geschichte vom kleinen Hund und dem großen Schatten nicht. Ähnlich vermutlich. Oder ganz anders. Erzählt habe ich sie nicht. Würde ich das machen, könnte man Angst kriegen. Richtig Angst. Würde ich...

erschienen in IF Magazin für angewandte Fantastik, Whitetrain, Hrsg. Tobias Reckermann, 2017, u. in Zwielicht Classic 17, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2022


Geisterhaftes Grabgeflüster

© Karin Reddemann

Ich bettete in Grüften und auf Särgen mich...

Das klingt schaurig gut nach Grabgeflüster. Totengesang. Verhängnisvoller Sehnsucht gar. Soll so sein. Weiter heißt es noch:

...in einsam stillen Stunden,
Wenn durch der Nacht geheimnißvolles Schweigen
Ein geisterhaftes Flüstern nur erbebt,
Hab' ich, dem Alchymisten gleich, der kühn
Sein Leben setzt an eine finstre Hoffnung,
Seltsames Wort getauscht und ernste Blicke. 

Fürwahr hübsch befremdlich. Zweifellos auf unheimliche Art schön. So was entspringt (natürlich!) nicht meinem bescheidenen Sinnieren. Percy Bysshe Shelley, früh durch einen tragischen Unfalltod verstorbener Ehemann der Frankenstein-Schöpferin Mary Shelley, englischer Romantiker, schrieb diese Zeilen am 14. Dezember 1815, nachzulesen in seinem Geist der Einsamkeit: Alastor. Geheimnisvoller Rachedämon. Flamme des Himmels.

Da werden Inspirationen geweckt. Tauchen Bilder von mythischen Wesen, dunklen Wäldern, Ruinen, von alten Gräbern und Grüften auf, über die der Nebel steigt. Von Geschichtenerzählern, die am lodernden Kaminfeuer sitzen und mit heiserer Stimme berichten von Friedhöfen, auf denen Statuen von engelsgleichen Frauen stehen, die bei Vollmond lächeln und seufzen. Oder deren in Stein gehauene Gesichter zu Fratzen werden mit dämonisch gelben Augen, deren Blicke verraten, dass sie gleich kommen, um einen zu holen. Die anderen zu rufen, die sich durch die faulende Erde nach oben 

graben. Die Erzähler beugen sich verschwörerisch nach vorn in ihren mit Samt bezogenen alten Lehnstühlen, ihre gedämpfte Stimme begleitet vom Knistern des Feuers, Prasseln des Regens, Klirren der Gläser, mit blutrotem Wein gefüllt, lehnen sich wissend wieder zurück und sprechen von den Ruhelosen, den Verdammten, Verfluchten, den Irrenden, Seelenlosen, Verwirrten. Von denen, die irdische Hilfe, Mitleid, Verständnis brauchen. Von denen, die gefährlich sind. Und abgrundtief böse. Furchtbar, grauenvoll, grausam, schlecht und dunkel.

Frieden nicht wirklich gefunden

Sie alle haben keinen Frieden gefunden. Sagt man, leicht poetisch angehaucht. Manche, - und manchmal sind das schrecklich viele - , wollen ihn in ihrer jeweiligen Situation auch gar nicht finden, weil es ihnen mehr zusagt, sich bemerkbar zu machen. Zu rächen, verfluchen, erschrecken, ängstigen, für Aufklärung und Unwohlsein zu sorgen, Gerechtigkeit zu finden, Unheil jedweder Natur zu stiften.

Sowas geschieht immer wieder, auch wenn Sinn und Zweck einer Leichenbestattung grundsätzlich damit erfüllt sein sollte, dass die Toten, egal, wer oder was sie einstmals waren, weiterhin und unabdingbar tot in ihren Gräbern bleiben. Im möglichen (!) Fall ist das eben nicht so, und wenn jetzt kritische Zwischenrufe laut werden, dass das ja wohl reine Horrorvorstellungen seien, Produkte reger Phantasie und ewig währenden Aberglaubens...natürlich sind sie das. Aber echte.

Ein Grab, für sich allein betrachtet, ist nicht der klassische Gruselplatz. Mannsgroß, mit einer Tiefe von mindestens einem Meter, wachsen auf ihm Blumen, ist dort ein Kreuz, ein Stein oder eine Platte. Das Grab ist eine Gedenkstätte. Man senkt den Blick, erinnert sich, malt sich sein Bild.

Im Grab befindet sich ein Sarg, im Sarg liegt eine Leiche. An dieser Stelle darf hier in unserer dunklen Ecke Unbehagen einsetzen. Wirklich eine Leiche? Oder ein Untoter? Ein lebendig Begrabener vielleicht? Oder ist der Sarg leer, obgleich er das nicht sein dürfte? Das herauszufinden ist in düsteren Geschichten die oberste Pflicht vor Trauer, Neugier, Entsetzen und Angst. Särge werden ausgegraben und geöffnet, oft recht unklug ausgerechnet dann, wenn's dunkel wird.

Das passiert auf einem Friedhof, der traditionellen Schlafstätte der Toten, einem in der Nacht unabdingbar unheimlichen Ort, der frösteln und die Vorstellungskraft ungelenke, manchmal gar schmerzhafte Purzelbäume schlagen lässt. Das geschieht auch in einer Krypta, Gruft, einem Mausoleum oder in einer Pyramide. Diese gewisse Atmosphäre bleibt. Immer. Und dieser entscheidende Blick nach unten. Denn was unterirdisch abläuft, könnte faszinierend-schauerliche Dimensionen, kunstvoll oder grausam gestaltete Rahmen sprengen. Wir wissen es nicht, wenn wir nicht nachschauen. Wir ahnen aber.

Der Tod ist ein Rätsel, und das Begräbnis ist ein Geheimnis. (Friedhof der Kuscheltiere, Vorwort)

Ich selbst wohne, seit ich denken kann, an einem Friedhof. Die Grabinschriften kenne ich auswendig, und dann und wann sehe ich die Personen vor mir, die dort in der Erde liegen. Ich sehe sie für ihre Zeit typisch gekleidet und frisiert, und ich wüsste zu sagen, über wen ich vielleicht erzählen würde. Wer das jetzt versteht, wuchs vermutlich an ähnlich beschaffener Örtlichkeit auf, der große Rest kann meine wohl sondersame Beziehung nur bedingt begreifen.

Friedhöfe als Schauplätze für diverse leichtsinnige Mutproben sind mir auf jeden Fall nicht vertraut, dafür fürchte ich mich vor ihnen zu wenig. Und rein aus Sicherheitsgründen würde ich auch gar nicht erst zu einer antreten. Hätte ich schon als nur selten unbedachtes Kind nicht gemacht. Ich störe nicht gern. Und wenn, wie in The Frigheners, die Geister ihren Friedhof derart pedantisch bewachen, dann sollte man sie einfach lassen. Das würde ich nicht ausdiskutieren. Entscheidend für mich freilich bleibt:

Stull Cemetry: Tor zur Hölle

Dieser eine alte Friedhof, den ich den meinigen nenne, ist meine Heimat, die mir auch bei Vollmond eine gute Nacht und gute Gespräche mit denen beschert, die vor meinem Fenster schweben.

Dieser andere, auf dem das Haus der Freelings im Poltergeist steht, ist natürlich kein Hort der wundersamen Heimeligkeit für die Lebenden, seien diese auch noch so aufgeschlossen oder im konträren Fall vernünftig. Die Grabsteine dort wurden einfach umgesetzt, die Knochen unbekümmert gut versteckt unter der Erde liegen gelassen. So dachte man, da nichts erklären zu müssen. Mit dem Zorn der in ihrem Schlaf Gestörten rechnete man nicht. Sollte man aber immer.

Da, wo ich wohne, direkt unter dem Keller, waren niemals Gräber. Vermute ich mal recht sorgenfrei.

Würde ich am Stull Cemetry im amerikanischen Bundesstaat Kansas leben, wäre ich vielleicht misstrauischer. Dort befindet sich eines der sieben Tore zur Hölle mit einer Treppe, die tief hinabführt und keine Rückkehr ermöglicht. Freilich öffnet das Tor sich nur an Halloween, das klingt nach leichter Schauermär. Und trotzdem...es gibt Geschichten.

Die Toten von Akamella

Im nordschwedischen Pajala, direkt im Wald, befindet sich der Akamella-Friedhof, auf dem die Bewohner Lapplands über Jahrhunderte hinweg ihre Angehörigen und Freunde bestatteten. Als eine Epidemie ausbrach, die unzählige Menschen sterben ließ, benötigte man in viel zu kurzer Zeit viel mehr Platz für all die Toten, die beerdigt werden mussten. Särge wurden ausgegraben, gut erhaltene erneut benutzt, unbrauchbare weggeworfen. Bären und Wölfe machten sich über Leichenreste und Skelette her.

In den 1830er-Jahren beschloss der Geschäftsmann Kusto Forsström, die so respektlos behandelten Toten von Akamella wieder ordentlich beizusetzen. Teneli Saari, Mann seines Vertrauens, beauftragte Forsström damit, die Knochen zusammen zu tragen und unter die Erde zu bringen.

Anfangs verlief alles problemlos. Aber dann wurde Saari zusehends merkwürdiger, wortkarger und eigenbrötlerischer, lief einsam durch die Wälder und wurde letztendlich tot mit gebrochenem Genick in seinem Boot aufgefunden. Und niemand konnte nachvollziehbar erklären, wie das hatte passieren können. Ähnlich merkwürdig war, dass zwei Männer, die das steinerne Kreuz des Friedhofs auf einem kleinen Schiff wegtransportieren wollten, ins Wasser fielen und ertranken. Das Kreuz, das sich bereits auf dem Boot befunden hatte, war verschwunden. Es stand wieder auf seinem alten Platz.

So berichtet man mit ernster Stimme. Auch, dass Geister-Rentiere am Akamella-Friedhof gesichtet werden und dass unsichtbare Hände einen nach unten zerren wollen, wenn man den Gräbern zu nahe kommt.

Auf Sklavenfriedhof gebaut

Anfang der 1980er Jahre wurde der Sklavenfriedhof Black Hope in Newport, Texas, zu Bauland, ohne die zukünftigen Bewohner über die Vergangenheit der neuen Siedlung zu informieren, geschweige denn, die Toten umzubetten. Als das Ehepaar Sam und Judith Haney beim Ausheben der Grube für einen geplanten Swimmingpool zwei Skelette fand, - die von Betty und Charlie Thomas, dort begraben seit fünfzig Jahren - , kam die ganze Wahrheit ans Licht: 60 Leichen lagen unter der Erde. Die Haneys blieben zwar wohnen, - Klagen gegen die Baugesellschaft blieben fruchtlos - , und ließen Betty und Charlie ordentlich beerdigen, hörten aber in der Folgezeit immer wieder Stimmen und vermissten Gegenstände.

Die Nachbarn erzählten ähnliche Geschichten von nächtlichen Geräuschen, dass das Licht plötzlich ausginge oder der Fernseher sich von allein einschalte. Mitglieder der Familie Williams traf es besonders hart: Sie waren nicht nur überzeugt davon, von zornigen Geistern heimgesucht zu werden, sie erkrankten auch fast zeitgleich schwer, drei von ihnen starben. Tina Williams, die in ihrer Verzweiflung den Garten umgrub auf der Suche nach weiteren Überresten der Toten, erlitt bei dieser Arbeit einen Herzschlag. Sie brach tot zusammen. Mit grad mal dreißig Jahren.

Spätere Bewohner der Häuser in Newport berichten, dass danach, - zumindest bis dato - , nichts Denkwürdiges mehr vorgefallen sei. Man bleibt aber skeptisch. Umherirrende Tote, so sagt man, hätten kein Zeitgefühl. Sie kommen irgendwann. Da nützen keine Zäune. Keine Gräben. Keine Mauern.

Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draußen sind, wollen nicht hinein.

Hier irrt Mark Twain: Manchmal können sie schon. Manchmal kommen sie wieder.

Auf dem rund 8 Km² großen Highgate Cemetery in London liegt hinter gotischen Mauern die Prominenz der viktorianischen Aera begraben. Diese letzten Ruhestätten, pompöse Familiengrüfte mit riesigen verzierten Grabsteinen, haben sich einstmals gegenseitig übertrumpft in ihrer Pracht, verwilderten aber nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr und wurden zu Ruinen. Anfang der 1960 überließ man dem von Natur und Nacht eroberten Friedhof (vorläufig) seinem alleinigen Schicksal.

Seitdem sollen dort unheimliche Männer in dunklen Roben an den Gräbern Rituale vollziehen, dunkle Mächte tätig sein, furchterregende Dämonen hinter den Steinen lauern, klagende, jammernde, schreiende Geister umher streifen und über dem Boden schwebende Vampire zu später Stunde ihr blutiges Unwesen treiben. Gemunkelt wird vom Geist der Kindermörderin "Mad Old Lady", von der missmutigen "Shrouded Figure", vom rotäugigen "Devil Ghoul". Seit nunmehr drei Jahrzehnten kümmert sich die Organisation "Friends of Highgate Cemetry" um Pflege und Restaurierung.

Glanz und Glorie, Grusel und Grauen...alles wunderschön schaurig verpackt an einem besonderen Ort für die besondere Zeit.

Flüche noch aus dem Grab

Die war finster, böse und ungerecht, als die Hexen gejagt wurden. Viele ihrer Gräber sind heute Denkmäler, auch Kultstätten, die ihre Legenden raunen. Bestattet wurden sie meist unter strenger Einhaltung von Vorsichtsmassnahmen: Die Engländerin May Shelton begrub man kopfüber und sicherte die Stelle, wo sie liegt, mit einem massigen Stein. Auch die Leiche der "Hexe" Lilias Adie, Schottland, wurde unter einem Felsbrocken begraben. Unmöglich, solch einen Widerstand allein anzuheben, falls von da unten jemand Druck ausüben sollte. Auch vor Flüchen noch aus dem Grab heraus wappnete man sich: Das gut 800 Jahre alte Skelett einer wohl als Teufelsanbeterin gefürchteten italienischen Frau weist sieben in den Kiefer getriebene lange Nägel auf, die Verwünschungen post mortem verhindern soll(t)en. Ob's Sinn macht?

Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein. (Peter Ustinov)

Auch wieder richtig. Aber enden soll es hier anders. Mit aufgespannten schwarzen Regenschirmen, der Himmel grau, der Wind kalt, das Herz schwer. Die nasse, dunkle Erde wartet. Wir stellen Kerzen auf. Und hoffen mit Bangen darauf, dass jemand sie anzündet, dessen Wärme wir kennen.


Ha ha, said the Clown

© Karin Reddemann

Wir kennen King's Clown Pennywise. Sein verschlagenes Grinsen, die bösen Augen, die spitzen Zähne. Wir wissen vom Joker, Gegenspieler des großen Batman. Permanent grotesk belustigt. Ein ewig grinsender Oberschurke, genial, verrückt und de facto ein übler Kerl, faszinierend durchaus und gerade deswegen so herrlich böse abgefahren.
Wir haben vom Serienkiller John Wayne Gacy gehört, der als Clown Pogo in seiner Heimatstadt den allseits beliebten Spaßmacher spielte und Jungs für seine Lust ermordete, wenn die Maske fiel.

Irgendwann, irgendwo mal haben wir auch von den Hofnarren aus längst vergangener Zeit erfahren, die als Urväter des modernen Clowns gelten dürften: Die waren prinzipiell von Natur aus mit physischen und psychischen Defiziten belastet, Randfiguren der Gesellschaft, Prügelknaben

und Entertainer der Herrschaften, Zielscheiben oft kleingeistiger Spötter, zugleich selbst Verspottende, da sie sich in Wort, Sinn und Tat so einiges an Frechheiten und Dreistigkeiten herausnehmen durften.

Hofnarren waren die offiziellen Narren, auffällig gekleidet und geschminkt, spezifisch anders mit dieser gewissen Freiheit versehen. Aber eben einer Freiheit, die auch und manchmal extrem von den Launen des Publikums abhing. War dem das alles zu viel der Verulkung, ging der Daumen hinunter. Das Leben der Hofnarren stand stets auf der Kippe. Und außerhalb ihrer Bühne mussten sie damit klar kommen, die ewigen Außenseiter zu sein, skurrile Subjekte, mit denen etwas nicht stimmte. Die weder vertrauenswürdig noch irgendwie sympathisch wirkten. Die Scheu verursachten. Unwohlsein. Und eben auch Angst.

Obacht, wenn die Maske fällt

Geändert hat sich das in all den Jahrhunderten nicht. Sind es auch wirklich anständige Leute mit großen Namen, die den typischen Zirkusclown geprägt haben, - da war der Pantomime Jean-Gaspard Deburau, der 1816 mit schwarzer Kappe, weißem Kittel mit schwarzen Bommeln und schneeweißem Gesicht den französischen Pierrot schuf, Joseph Grimaldi (1799 – 1837), der erste zeitlos moderne Clown, Tom Belling (1843 – 1900), der als "Dummer August" Vorbildcharakter für drollige Tollpatschigkeit hatte - , so bleibt immer eine Scheu, dieser Argwohn vor ihnen bestehen, sobald sie sicheres Terrain verlassen.

Ein klar zu definierender Clown im Zirkuszelt ist die eine Sache, ein weniger durchschaubarer Vertreter seines Genres nachts auf menschenleerer Straße eine gänzlich andere.

Ha ha, said the Clown, has the king lost his crown. Ha! Ha! said the clown, is it bringing you down...

Ein leicht verstaubtes Lied mit recht beschwingter Melodie. Mighty Garvey hat's gesungen, 1968 war das. Man könnte es glatt mitsummen. Aber dann fällt einem (wieder) Pennywise ein. Und vielleicht auch Eli Roth's Clown. Da friert die Stimme ein. Der Film Clown aus dem Jahr 2014 stampft jegliche Art von Humor, die einem trotz ernster Sachlage, - die liegt hier vor! - , in den Sinn kommen könnte, in Grund und Boden. Der "Normalo" Kent McCoy (Andy Powers) mutiert vom fleißigen, liebenden Familienvater in ein abartiges Wesen, das Kinder frisst.

Vom Spaßvogel zum Alptraum

Die grandios-schauerliche Verwandlung vom Menschen über den Clown zum absoluten Alptraum erinnert ein gutes Stück an die Fliege, der große Rest ist eigene Geschichte: Um seinem Sohn auf dessen Geburtstagsparty eine Freude zu bereiten, schlüpft Immobilienmakler McCoy, der in einem leerstehenden Haus zufällig ein altes Clownskostüm gefunden hat, in eben dieses, tritt als der gute Dumbo auf...und kann sich am Abend weder ausziehen noch gescheit abschminken noch Perücke und Nase absetzen. Alles ist mit ihm verwachsen. McCoy ist verzweifelt. Panisch. Sucht Hilfe. Und verändert sich nach und nach. Tatsächlich ist das Kostüm Dämonenhaut. Es wird schrecklich. Gruselig schlimm. Und die Idee phänomenal.

Ha! Ha! Said the clown, hear the jokes, have a smoke, and a laugh at the clown ...

Darüber lachen! Klappt manchmal so gar nicht. Das Lied gehört hier und jetzt in die Schublade, passt nicht. Wobei im Kontext festzuhalten bleibt: So wirklich geeignet furchtbare Lieder über Furcht einflößende Clowns im Herkömmlichen gibt es auch gar nicht. Es gibt das grammatikalisch liebevoll verformte Oh mein Papa sein eine wunderbare Clown... und den wehmütigen Blick Where are the clowns? Send in the clowns... , das sind Hymnen für Gutmenschen und Glückselig-Macher ohne finstere Hintergedanken.

Ennio Morricone hat für den Clown in der Arena, der gar keiner ist, komponiert. Freilich ist Il Mercenario nichts direkt zum Gruseln. Die deliziöse Pasta des Italos wurde mit Blei, selbstredend auch mit Blut, aber nicht mit abgeschälter Gänsehaut gekocht. Horror findet nicht in der Arena statt. Und ist grundsätzlich nicht das Ur-Zuhause eines bunt bemalten und gewandeten Spaßtreibers.

Charlie Rivel tollpatschte weltweit in Manegen und in den 1960ern, -70ern über die Bildschirme, lautstark sein unverkennbares "Akrobat schööön!" verkündend. Da war der berühmte spanische Clown mit der poppigen Vierkantnase und dem roten Haarkranz um die Glatze schon gut betagt. Und hatte so warmherzige Weisheiten erkannt wie: „Glück ist, wenn man die Persönlichkeit hat, ein Clown zu sein.“

Keine Panik: Akrobat schööön!

(S)eine warmherzige Weisheit. Warum auch nicht, so betrachtet? Ohne Skepsis, ohne graue Wolke am Himmel. Der Clown war lieb. Lustig. Lebensfroh. Manchmal bekümmert, wenn seine Seifenblasen platzten. Das großes Kind mit den riesigen Schuhen und den ganz kleinen Sorgen, das staunt und "Nit möööglich!" ruft, wenn seine Geige singt. Sein Name war Grock. Fratellino. Popov. Nicht Pennywise, der etwas anderes möglich machte: Vor ihm so richtig Panik zu kriegen. Vor dem Clown.

Der ist als Angstmacher, - Coulrophobie (Furcht vor Clowns) kennen erstaunlich viele umsichtig fröstelnde Zeitgenossen - , nicht King's Erfindung. Aber dieses entsetzliche Grauen, das tatsächlich greifen und zubeißen kann, wenn das Vertrauen eines Kindes oder eines naiven Erwachsenen in ein vermeintlich gutes, freundliches Gesicht ausgenutzt wird, um Böses in die Tat umzusetzen, ist allein sein genialer Schachzug. Der Clown als Nur-fast-Mensch mit puppenhafter Lächel-Maske bleibt, sei er noch so kumpelhaft.

Dichte, künstliche Fassade: Wer oder was sich hinter der gezielt fröhlichen Kostümierung verbirgt, bietet viel Raum für Ahnungen. Misstrauen. Und selbstredend Phantasie. Die vermag es, dass hübsche rosa Wattenwolken fette hässliche blutige Tropfen regnen lassen. Dann wird's ungemütlich und böse. Darauf sollte man vorbereitet sein.

Für Kinder ist die erste Konfrontation mit einem Clown natürlich ein Sprung ins kalte Wasser: Spaß? Oder Angst, die bleibt? Laut Sheffield-Studie von 2008 empfinden viele Kinder Clowns nicht als lieb und lustig, sondern einschüchternd und bedrohlich, was jedem Elternteil, das bis dahin zum Kindergeburtstag als Überraschungsbonbon einen kunterbunten Spaßmacher besorgte, noch nachträglich schwer zu schaffen machen dürfte. Freilich muss angemerkt werden, dass den Kindern für diese Studie teils auch wahrlich groteske Fotos vorgelegt wurden, prinzipiell ungeeignet, um spontane Sympathie und Freude erwecken zu können.

Ein klarer Fall bleibt es eh für die berechtigt Vorsichtigen: Der Clown schürt die Ur-Angst vor der Maske, die irgendwas verbirgt. Im Film Zombieland (2009) ist es ein hungriger Untoter, der im verseuchten Vergnügungspark im Kostüm steckt. In (Eli Roth's) Clown ist es der nette Nachbar. In King's Es ist es Es. Bei den Simpsons das oberfrech personifizierte Laster. Die nackte, nimmersatte Unmoral. Präsentiert von Krusty, dem Clown. Und im Alltag waren es vor einigen Jahren die als Horror-Clowns verkleideten Mitläufer auf populärer Schiene, die weltweit Aufmerksamkeit suchten, indem sie wüst harmlose Leute erschreckten. Originell ist anders.

Selbstredend gilt: Wenn Clowns Menschen lächeln, vielleicht sogar herzlich lachen lassen können, dann ist da nichts Falsches. Ganz im Gegenteil. Aber mich persönlich bringen sie wohl nie dazu. Mag sein, dass ich dafür einfach zu viel weiß. Oder zu wenig.


Roanoke: Blutmond über der „Lost Colony“

© Karin Reddemann

Es war eine Insel namens Roanoke, die zum Flüsterort wurde. Zu einer von jenen geheimnisvollen Stätten, die wir lieben, ohne jemals dort gewesen zu sein. Roanoke könnte auch in Atlantis oder auf der Venus liegen, wir kämen damit klar, dass die Reise lang, vielleicht unmöglich sein könnte. Vorstellbar ist sie, das genügt. Was einen dort erwarten würde, wäre bizarre Bilder wert. Vielleicht höllische. Vielleicht würden die Farben auch ernüchtern. Allemal, der Kopf will Mystik. Er bekommt sie. Der Flüsterort hat mit dem unheimlichen Verschwinden von Menschen zu tun.

Roanoke ist die legendäre "Lost Colony", 1585 von den Engländern im Namen der Krone gegründet, kurz darauf aufgrund von blutigen Fehden mit den aufgebrachten Indianern, - die sahen die Fremden auf ihrem Land

nichts Gutes verheißen - , wieder aufgelöst und 1587 erneut besiedelt in primär nicht mehr militärischer, sondern ziviler, ergo eher friedlicher Absicht. So steht es denn geschrieben.

90 Männer, 17 Frauen und 11 Kinder waren es, die dort in der Siedlung Raleigh auf der Insel vor der Küste von North Carolina hoffnungsfroh dachten, ein neues Zuhause in der Neuen Welt zu finden. Gouverneur John White, ein Landvermesser, kehrte nach England zurück und trat drei Jahre später erneut die Schiffsreise nach Roanoke an, um nach dem Rechten und eben auch nach seiner Tochter Eleonora und seiner Enkeltochter Virginia zu sehen, die nunmehr dort lebten. Die kleine Virginia war tatsächlich das erste auf amerikanischem Boden geborene englische Baby. Aber niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Wie auch niemand eine einigermaßen konkrete Ahnung davon hat, was überhaupt passiert ist mit den Menschen auf Roanoke.

Alle wie vom Erdboden verschluckt

Als White eintraf, waren alle verschwunden. Spurlos. Er irrte umher und fand das Wort CRO eingeritzt in einen Baum, das möglicherweise ein Hinweis auf die nahegelegene Insel Croaton, heute Hatteras, sein sollte. White behauptete später, er habe auf einer mannshohen Planke im Fort auch den ganzen Namen der Nachbarinsel, eingebrannt in das Holz, entdeckt. Wie eben andere behaupteten, sie wüssten von Knochenresten in der Erde. Gleichwohl, das Schicksal der 118 wie über Nacht vom Nichts Verschluckten blieb ungeklärt. Die Theorien, dass sie vielleicht Opfer einer Seuche oder der Indianer geworden sein könnten, wurden skeptisch betrachtet: Man hätte in jedem Fall etwas finden müssen, irgendein handfestes Indiz für eine noch so seltsame Sache, die geschehen konnte, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen.

Gleichwohl, White, denkbar verzeifelt und ratlos angesichts der seltsamen Erkenntnis, dass alles und jeder sich in Luft aufgelöst zu haben schien, startet einige Jahre später einen zweiten Versuch, Klärung zu finden. Ein Hurrikan brachte die Expedition zum vorzeitigen Scheitern, die Männer, die mitgefahren waren, meuterten, und man trat unverrichter Dinge den Heimweg an. White starb 1593, ohne auch nur etwas Licht ins mysteriöse Dunkel bringen zu können.

Höchst seltsam, das Ganze. So sinnieren und spekulieren wir mal: Könnte ja sein, die Zeit hat sie verschluckt und in einer anderen Dimension ausgespuckt. Mag auch sein, die Erde hat sich aufgetan, sie in ihrem Schoß tief gebettet und weckt sie, wenn die Sonne schwarz wird und die Seelen mit den Schatten tanzen. Mag auch sein, dass ein Raumschiff aus dem Irgendwo im All kam und sie kurzerhand mitnahm. Wofür auch immer, da darf man sich Gutes und Böses in gesamter Bandbreite vorstellen.

1709, also über hundert Jahre später, erzählt der Abenteurer John Lawson in seinem Reisebericht A New Voyage to Carolina von seiner Begegnung mit Indianern auf Hatteras Island vor der Ostküste North Carolinas, deren untypische blaue Augenfarbe ihn neugierig gemacht hätte. Lawson erfuhr von weißen Vorfahren, die „aus Büchern sprechen“, also lesen konnten. Damit war für ihn klar, dass die verschwundenen Menschen aus der berüchtigten Kolonie eben gar nicht verschwunden waren, sondern sich ansässigen Indianerstämmen angeschlossen und sich mit ihnen vermischt hatten. Ob ursprünglich zwangsweise, freiwillig oder aus der Not geboren, wie und warum auch immer.

Im Stamm der Croaton könnten die damaligen Siedler komplett verwurzelt sein, so mutmasste gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Jurist und Lehrer Hamilton McMillan nach eingehender Studie vorliegender Fakten, Behauptungen, Ahnungen. Und eben auch weiterhin gewichtiger Zweifel. Denn zumindest bis zu diesem Zeitpunkt nie gefunden wurde persönliches Hab und Gut der Siedler, es existierten offensichtlich auch nicht die bescheidensten Aufzeichnungen über die Geschehnisse und Schicksale nach 1587, die unausgesprochen und ungehört blieben im großen Buch des Lebens mit all seinen (Un-)möglichkeiten.

Immer noch höchst seltsam, das Ganze. Wir sinnieren und spekulieren weiter: Vielleicht hat John Lawson sich die blauen Augen nur ausgedacht, weil die sich gut in seiner „wahren Geschichte“ machten. Und Hamilton McMillan hat zwar bestimmt wirklich gründlich recherchiert, fühlte sich aber letztendlich vielleicht schlichtweg vom eigenen Ehrgeiz genötigt, endlich die Antwort zu finden. So recht bewiesen wurde auf jeden Fall nichts. Es blieb dubios. Völlig unklar. Die Phantasie beflügelnd.

In Stein gemeißelt: Wahrheit oder Lüge?

Unverhofft Sensationelles kam 1937 ans Tageslicht: Ein Reisender entdeckte in einem Sumpfgebiet in North Carolina den ersten von über 40 Steinen, die als Dare-Stones für Schlagzeilen sorgten. Sie galten als triumphaler Fund, lüfteten sie doch ganz offensichtlich das große Geheimnis von Roanoke Island auf höchst augenscheinliche Art. In sie eingemeißelt war die Geschichte der Tochter von John White, Eleanor Dare, Mutter von Virginia, die ihrem Vater auf diese höchst besondere Art von der Flucht der Siedler nach einem Indianerangriff weiter ins Innere des Landes hinein erzählt, wo man sich dann niederließ. Ein anderer „Autor“ berichtete auf einem der Steine von Eleanors Tod 1599.

Phänomenal, jubelte die Presse, jubelten die Leute. Sie jubelten allesamt aber nicht lange. Denn dem so ewig schon andauernden Rätselraten wurde damit kein Ende gesetzt, sondern nur eine lächerliche Pause gewährt: Die Dare-Stones waren nicht echt. Ein Fake, eine irgendwie böse, wenn auch gutgemachte und nicht unoriginelle Täuschung. Frelich hatte die dreiste Lüge zur Folge, dass Eleanor Dare, mit ihrem Baby auf dem Arm durch die Wildnis streifend, sich ins Gedächtnis brannte und Berühmtheit erlangte. Das Bild der fliehenden jungen Mutter gilt auch heute noch als Bestandteil der amerikanischen Folklore, wahr oder eben nicht, es gefällt wohl die Idee, dass es ja tatsächlich so gewesen sein könnte. Oder eben ganz anders.

Roanoke bleibt ein großes Geheimnis. Gleichsam eine Schatztruhe für Geschichtenerzähler, die in ihren Vorstellungen wandern, uns warnen vor den Abgründen, die sich auftun, die uns aber so sehr in ihrem wundersamen Wahn faszinieren, dass wir das Wagnis lieben, sie zu begleiten. Stephen King hat Roanoke in seinen genial düsteren Stunden besucht, es finden sich Bezüge in Langoliers, Es, Das Monstrum, Später. 1999 verfasste er das Drehbuch zur Horor-Miniserie „Der Sturm des Jahrhunderts“, in dem er auch auf die Legende von Roanoke zurückgreift.

Blutige Erde und nächtliches Seufzen

Und wir hören zu, stellen uns vor, es gäbe keine Dimensionen, keine Zweifel, keine Logik ohne den Weg. Wir geben der ganzen Geschichte ihre Chance. Auch diese. Grad diese.

Irgendjemand hat mir einst wahrlich Schauerliches über Roanoke erzählt, ohne sich an den Namen erinnern zu können. Er sprach von blutiger Erde und nächtlichem Seufzen, einer Geisterwelt ohne zeitliche Schranken, ohne Tabus, einer grotesk echten Welt, die uns nicht will. Die uns bestraft, wenn wir stören. So wurde es mir wahrhaftig erzählt. Mag aber sein, dass das gar nicht stimmt. Mag sein, er waren einfach nur großartige Wortflüsterer, die in meinen Ohren spukten. Irgendwann, bevor es sie gab. Natürlich. Sonst wäre es nicht gruselig, davon zu berichten.

Roanoke ist Titel der sechsten Staffel von American Horror Story, deren Macher Ryan Murphy und Brad Falchuk sind. Eine ziemlich finstere Story mit clever gewähltem, da schleierhaftem Background. Mit viel (berechtigtem!) Angstgeschrei der Akteure und der nötigen Portion an Jetzt-vielleicht-doch-mal-lieber-Weggucken-Wollen der Zuschauer. Anders geht's nicht. Die Geschichte ist arg blutig verdreht und perfekt überzogen nach alter Manier als Überraschungsträger und Effekthascher. Der Rest ist beste böse Phantasie.

Es war einmal eine Metzgerin, die jeden abschlachtete, der ihr Land betrat. Mit menschlichem Dünger machte sie den Boden fruchtbar, der Blutmond gab ihr Unsterblichkeit. Wenn der Zorn in ihr erwachte, bleckte sie die dreckigen Zähne, rief ihre rauen Getreuen, die grausamen Toten, die Verdammten, die Verlorenen, enzündete das Feuer und wetzte das Messer.

Die sechste Staffel der amerikanischen Erfolgsserie,- der Startschuß fiel 2011 mit House - , beginnt als True-Crime-Show, Titel "My Roanoke Nightmare", wird zur garstigen Schauer-Mär und endet als Reality-Gemetzel mit kuriosem Krawall. Die Story ist ungeniert durchdacht und durchgeknallt, das ikonische Intro fehlt (leider), der gehässig befleckte Tatort, ein Gebäude aus dem 18. Jahrhundert im finsteren Wald, ist sauber (!), und ansonsten gilt: Auch diese Staffel macht den Hungrigen auf ihre fies-fein fürchterliche Art satt und muss sein, sonst sind andere berufsmäßig böse Denker genötigt, es besser zu machen. Und das...tja..

Und wir sehen zu, trinken Wein, staubig trocken, er bleibt im Hals stecken, lässt schwer atmen und schmeckt plötzlich süß wie Blut. Das glauben wir.

Was steckt drin an wahrem Horror, kreiert in der Studierstube der Oberbösen? Shelby und Matt, ein junges Paar, treten vor die Kamera. Und reden. Und (lassen) zeigen. Vorerst. Dann wird und-aber-wie-und-was gezeigt. Mit dem Zauberwort CROATON, das nach Ärger klingt. Mit Wut, Blut, Wonne.

Murphy und Falchuk bieten: Haarsträubendes. Schockierendes. Ekliges. Einen traditionsbewussten, inzestuösen Kannibalenclan. Psychopathische Krankenschwestern. Einen verirrt-verwirrten Professor, der stückweise gefressen, einen Ghostbuster mit lächerlicher Trump-Frisur-Perücke, der ausgeweidet wird. Ferner: Die großartige Sarah Paulson, eine lüsterne Lady Gaga und den Prototyp des netten, hübschen Jungen von nebenan, Evan Peters. So herzlich wenig unschuldig. So wenig Gutmensch. So bravourös in Egoismus und Schlechtigkeit. Dann: Eine echte Kathy Bates. Personifiziert. Unsere Delphine LaLaurie. Ethel Darling. Iris. Jetzt die Irre mit Schlachterbeil, flackerndem Blick, Lust an Qual, wie gehabt, Ausgeburt des Fürchterlichen. Kolonie-Königin. Killerin. Ein Mordsweib aus Roanoke.

Wir wittern: Reanoke bleibt Spukland

Wer hin will...ich war unlängst dort. Ich reise weiter. Komme vermutlich wieder. Roanoke bleibt Spukland, wir wittern, dass...vielleicht waren es ja doch Aliens? Oder irgendwas, irgendwer. Und irgendwann, irgendwie...vielleicht.

Schön. Für de facto irdische Gründe könnten recht aktuelle Forschungsarbeiten sprechen: 2013 wurden gut 100 Kilometer westlich von Roanoke unterirdische Fundamente entdeckt, die sich stark von den typischen runden Indianerbauten unterscheiden. Bei Ausgrabungen, die anschließend von dem britischen Archäologen Mark Horton durchgeführt wurden, fand man Werkzeuge und Schmuck. Die Fundstücke könnten den Siedlern gehört haben, die ergo, so die Vermutung, mit bzw. bei den Ureinwohnern lebten, als Sklaven oder als Nachbarn in Frieden, das zumindest bliebe dann wohl ewig offen. Wenn es denn so wahr. Oder eben ganz anders. Stoff für Spinnereien gibt’s noch reichlich.

Mark Twain (1835 -1910) sagt: Wer eine neue Idee hat, ist ein Spinner, bis die Idee eingeschlagen hat. Gilt.

erschienen in: Zwielicht 19, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2023

Hol' Euch allesamt der Teufel!

© Karin Reddemann

Gott hat die Schlange verflucht, Noah den Enkelsohn, die böse Fee das Dornröschen. Und mit Flüchen erst einmal vernünftig klar kommen müssen Christine Brown im Horror-Thriller Drag me to hell und Billy Halleck in Thinner (Stephen King). Des weiteren zahlreiche unbekannte Verdammte, die in speziellen Internet-Foren Stein auf Bein und Spucke neben der Katze schwören, schon einmal verflucht worden zu sein. Oder eine gewisse Person zu kennen, die jemand kennt, der gehört hat, was beim Leben der irgendwann untergetauchten Urmutter und des verfressenen Gatten wahr ist: Dass was dran ist am Verfluchen. Dreimal auf Holz geklopft und Maria geküsst, bevor der Teufel kommt und alle holt.

Fluche einem Nachbarn, und du gräbst zwei Gräber. (Japan)

Bevor das passiert, sei angemerkt: Ursprünglich sollte an dieser Stelle ein Artikel über einen durchaus klassischen Unheilboten in der geheimnisvollen Welt der Magie, Phantastik, Schauergeschichten stehen. So war es gedacht und nochmals durchdacht. Dann betreten verworfen. Zigeuner, - korrekt natürlich: Sinti und Roma - , als mysteriöse, Unbehagen und Angst bewirkende "Horror"-Gestalten in Literatur und Film definieren zu müssen und ihnen dabei einen passenden, ergo fairen Rahmen zu geben sprengt ganz klar die Grenze. Die Bilder, die einstmals gemalt und im positiven Fall mit echter Moral übermalt wurden, sind zu bunt und lügen. Die anderen Bilder sind so finster, dass man die Kerze entzündet und den Kopf senkt. Ganz tief.

Damit sei es genug. Freilich kann man nicht einfach die Kreide von der Tafel wischen, wenn da steht, dass Zigeuner (= Sinti und Roma) halt doch recht oft und gern in Geschichten, ob gedruckt und/oder verfilmt, als geheimnisvoll exotische Akteure in schaurig-spannende Handlungen eingebaut werden. Mit durchaus tragenden Rollen, die

selten unschuldig maßgeschneidert sind wie die der schönen Esmeralda. Erotisch ist die typische Film-Zigeunerin meist nicht, das muss ehrlich gesagt sein. Sie ist alt und runzlig, manchmal blind, kann hellsehen, redet zweideutig daher und ist in der Lage, jeden zu verfluchen, der ihr oder ihrer Familie schadet. Ihr Wort ist mächtig. Das kann nicht mal eben so wieder zurückgenommen werden. Einmal ausgesprochen steht es mit all seinen Folgen. Mögen die noch so fatal sein...wer auch immer wen und warum verflucht, - ob Medizinmann, Mumie, Dämon, Zweigesichtiger oder Spinner - , ist auf jeden Fall Garant für bestes Gänsehaut-Entertainment. Darauf kommt es eben auch an. Zumindest und erfreulicherweise bei den Ahnenden und Wissenden.

Das Verdammen ist ein falsch Geschwätz. (Jakob Böhme,1575- 1642)

In Drag me to hell (2009, Regie: Sam Raimi) hext eine greise Zigeunerin der jungen Bankangestellten Christine aus Enttäuschung und Wut über einen nicht gewährten Kredit einen Dämon an den Hals, der sie innerhalb der nächsten drei Tage packen und in die Hölle ziehen soll. Christine versucht alles, um mit heiler Haut davon zu kommen, und am Ende...nun, das Ende ist so richtig fies gemein. Reicht.

In Roadkill (2011, Regie: Johannes Roberts) verursachen sechs Freunde auf einem Trip durch Irland einen Unfall, bei dem eine Zigeunerin schwer verletzt wird. Während sie im Sterben liegt, verwünscht sie die Truppe. Ihr Fluch: Ein monströser, blutrünstiger Horror-Vogel, der Jagd auf die jungen Leute macht.

Fluchen läutet den Teufel zur Messe. (Sprichwort)

Solch ein böser Fluch kann gebannt, mit Magie gedämmt, auch auf ungutem Weg zum Fluchenden zurückkehren, aber so richtig weg ist er nicht. In Der Wolfsmensch (1941, Regie: George Waggner) offenbart eine Zigeunerin Larry Talbot, unter dem Fluch des Werwolfs zu stehen. Sie gibt ihm ein Amulett mit dem Werwolfssymbol, dem Pentagramm, und beschwört ihn, es zum Schutz zu tragen. Sie sagt ihm auch, dass nur Silberkugeln ihn töten können. Larry hält das für Hokuspokus, er verschenkt das Amulett. Gerettet hätte es ihn aber wohl eh nicht. Verflucht ist verflucht, egal, von wem für was und wie.

Tatsächlich munkelt man, es gäbe keine Regeln für Flüche, und jeder, der glaubt oder zweifelt, könnte das Verfluchen getrost versuchen: Aus Wut, Neid, Eifersucht, Hass. Profaner Gedankenlosigkeit gar. Entweder funktioniert es mit sämtlichen (un-)denkbaren Konsequenzen oder eben nicht. Einmal Verfluchte,- die das beteuern und wild Asche streuen -, geben gewissenhaft an, sich wie Marionetten vorzukommen, die an zentnerschweren Fäden hängen, zudem das Gefühl zu haben, da würde jemand in ihrem Nacken sitzen und sich dort festkrallen. Unkommentiert sei ein wenig fröstelnd bemerkt: Das muss wahrlich unangenehm sein.

Die Katzen sterben nicht daran, dass die Hunde sie verfluchen. (Arabien)

Eine Geschichte will unbedingt noch erzählt sein, sie drängelt fürchterlich: In Stephen Kings Thinner, 1996 verfilmt von Tom Holland, überfährt der Anwalt Billy Halleck eine Zigeunerin und wird im Prozess von einem befreundeten Richter freigesprochen. Daraufhin belegt Tadzu Lempke, der Vater der Getöteten, Billy, Richter Rossington und Polizeichef Hopley, der die Zigeuner aus der Stadt gejagt hat, mit Flüchen: Billy wird immer dünner und hysterischer, Rossington verwandelt sich nach und nach in eine Echse, und Hopley hat eitrige Geschwüre im ganzen Gesicht.

Billy sucht verzweifelt das Zigeunerlager auf, wird nur beschimpft und droht seinerseits mit einem eigenen „Fluch“: Er schickt eine Schlägertruppe. Lempke lenkt ein und bannt den Billy-Fluch in einen Kuchen, den jemand essen soll bzw. muss, um den bösen Zauber von Billy auf sich selbst zu übertragen. Hinterhältig gibt Billy den Kuchen seiner Frau Heidi als Überraschungs-Mitbringsel, weil er annimmt, sie hätte ein Verhältnis mit Hausarzt Dr. Houston. Und immerhin wollte sie ihn, gemeinsam mit ihrem (vermeintlich?!) Geliebten, in eine Nervenklinik schaffen, weil er den Eindruck gemacht hatte, ob seiner unfreiwilligen Diät wahnsinnig zu werden.

Heidi isst von dem Kuchen, und am nächsten Morgen liegt sie tot und fürchterlich entstellt neben ihm im Bett. In der Küche stellt Billy panisch fest, dass auch seine Tochter davon probiert hat. Es klingelt, Dr. Houston steht vor der Tür, Billy bittet ihn hinein, drückt ihm in alter Freundschaft die Hand und bietet ihm Kuchen an. Irres Gelächter. Ende.

So kann's auch kommen. Diese Flüche...und überhaupt:

Solange einer flucht, kann er wenigstens nicht singen. (Schottland)


Gespenstergeschichten: Seltsam? Aber so steht es geschrieben...

© Karin Reddemann

Für den ganz besonderen Grusel vom Zeichenbrett waren die 1970er goldrichtig. Comics jeglicher Couleur erlebten seit den 50ern in Deutschland einen Boom, der Jahrzehnte anhielt und die so herrlich phantasievoll schaurige Seite der ganzen Bilderpracht mit ankurbelte. Die fehlte in vollendeter Form noch, da brachte der Bastei-Verlag den Hammer: Gespenstergeschichten! Kaum Luft geholt, da war man dick im Geschäft. Und wir 1960er, die wir exakt SO WAS für unseren speziellen Horizont brauchten, waren schwer begeistert.

Seltsam? Aber so steht es geschrieben... Nonplusultra einer jeden Story. DIE zentrale Aussage: Klingt vielleicht erfunden, ist aber wahr!

Believe it or believe it not

Erdacht haben soll sich den Slogan der damalige Chefredakteur Manfred Soder, geistiger Vater der Gespenstergeschichten. Inspiriert hat ihn wohl und tatsächlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Klassiker-Statement Believe it or believe it not, erstmals veröffentlicht 1918 im New York Globe von dem Journalisten, Weltenbummler und Comiczeichner Robert Ripley (1890 - 1949): Sein „Glaub' es oder nicht“ gilt als globales Marketingzeichen, das für Kuriosa und „Wunder“ in Cartoons, Comics und Museen steht.

Believe it or believe it not ist DIE Eintrittskarte für's Schauderkabinett im Absoluten: In Repley's Museen, - das erste wurde 1933 in Chicago gebaut - , sind extrem gruselige, groteske und skurille Dinge der Menschheit ausgestellt. Über 20 von diesen Odditorien (engl. odd = seltsam) gibt es mittlerweile, die meisten davon befinden sich in den USA.

Believe it or believe it not. Oder eben genauso gut, spukig und sinnig: Seltsam? Aber so steht es geschrieben...

Der Spruch der Sprüche stand also, ein perfektes Pendant zu „Und wenn sie nicht gestorben sind...“, und die Geschichten traten 1974 ihren Siegeszug an mit hübsch-herrlichem Horror auch für die etwas zarter Besaiteten. Die Hefte hatten eine Wahnsinnsauflage, es gab sie an jedem Kiosk, jedem Bahnhof in ganz Westdeutschland, Österreich und Westberlin.

Amerikanische Gruselserien, dann eigene

Zu Beginn der Gespenstergeschichten, Mitte der 1970er, hatte man sich bei Bastei noch mit Nachdrucken aus amerikanischen Gruselserien zufrieden gezeigt, später waren es die eigenen Kreationen, vom Redakteur über den Autor, den Zeichner, den Texter bis hin zum Drucker. In den 80ern entwarf und zeichnete auch Hansrudi Wäscher einige Stories für Gespenstergeschichten, in der Szene bekannt wie der besonders bunte Hund, Schöpfer von Comics wie Falk und Sigurd.

Am Werk war eine Schar internationaler Künstler. Man sprach eine immens rasch wachsende Fangemeinde an, die natürlich ihre Ansprüche hatte und nicht enttäuscht werden wollte. Hundertprozentigkeit war da wohl eh' Gebot, korrekte Recherche Verpflichtung. Die Zeichner mussten sich ja mit den verschiedenen Epochen, Gepflogenheiten und Kulturen auskennen. Wir Leser erwarteten da sehr wohl von den Comics echte Atmosphäre, echtes Umfeld, die der jeweiligen Zeit entsprechende Mode.

Das wurde tatsächlich auch perfekt umgesetzt. Nicht umsonst wurden die für uns längst schon legendären Gespenstergeschichten zum düster-bunten Verkaufsschlager Nummer eins im deutschsprachigen Raum, Spanien, Italien, Frankreich...und etliche Horror-, Fantasy-, Mystery-Liebhaber schmökerten damals und manchmal immer noch still und heimlich oder laut und unbekümmert noch heute. Literaten aus dem speziellen, nomen est omen, halt seltsamen Genre pflegen nicht selten, eine ganz besondere Beziehung zu solchen Geschichten zu haben.

Nie zu hart, nie zu grausam, auf ewig genial

Maulenden Kritikern mit bösen Zungen zum berechtigten Trotze, die da meinen, das sei trotzdem nicht mehr als trivial gefülltes Papier, krasser gar noch, inhaltsloser Schund-Kram gewesen: In den Gespenstergeschichten steck(t)en nicht nur absolute Hand- und Wertarbeit, Phantasie, Talent und Fleiß; die Hefte zu kennen, zu kaufen, wieder zu kaufen und immer noch zu mögen hat garantiert keinem bei seiner Laufbahn als Leseratte mit permanentem Heißhunger geschadet.

Und so mal unter uns: In den Händen hielten sowieso ALLE die Hefte schon mal. Wie lange im Einzelfall festgehalten wurde? Da darf jetzt spekuliert werden.

Zu hart, zu grausam waren die Gespensterschichten nie. Sie standen und stehen nicht als Garant für böse Alpträume, sie dien(t)en eher der Unterhaltung, die dem kleinen, feinen Nervenkitzel frönt.

Den Zeichnern, fast ausschließlich Talente aus Spanien und Südamerika, wurden für die netten Nervenkitzel-Comics von der Redaktion Drehbücher mit konkreten Beschreibungen und exakten Abläufen geschickt, geliefert von Script-Schreibern, die sich die Stories ausdachten. Die einzelnen Geschichten kamen dann auf fünf/sechs Seiten mit mehreren kolorierten Einzelbildern, die mit Textmaterial versehen waren, ins jeweilige Heft.

Die Sprechblasen schrieb und klebte die Redaktion im Studio in Bergisch-Gladbach, primär der Chef-Texter von Bastei, Hajo F. Breuer (1954 – 2014). Breuer begann seine Autoren-Karriere (Science-Fiction, Buchreihe Ren Dhark) als Übersetzer von Marvel-Comics und schrieb seit 1983 wöchentlich für die Gespenstergeschichten

Zeichner haben alle ihre spezifische Note

Die spanischen und südamerikanischen Zeichner wie Antonio Garcia, Marco oder Montaña haben allesamt ihren Wiedererkennungswert; es gibt typische Unterschiede, den einen besonderen Stil eben, der unterscheidet. Wer den Gespenstergeschichten ihre selbstredend verdiente Aufmerksamkeit schenkt, weiß sehr wohl allein beim ersten flüchtigen Hinsehen, ob das ein echter Farres, Torrente, Marco oder Danz ist. Achim Danz, gebürtiger Recklinghäuser, ein Schwipp-Vetter von mir, leider vor wenigen Jahren verstorben, zeichnete von 1986 (da war er 29) bis 1992 für die Gespenstergeschichten und war über lange Zeiträume hinweg der einzige deutsche Zeichner, der aktiv dabei war.

Die Schreiber/Autoren und Texter wurden in der Anfangszeit der Hefte namentlich gar nicht genannt; aber wer gezeichnet hatte, war immer und eben auch bis zum Finale der ganzen, großen Sache unter den Stories vermerkt.

Weil die Gespenstergeschichten so bombastisch gut einschlugen, brachte der Bastei-Verlag 1978 mit den Spuk Geschichten seine zweite große Gruselserie heraus. Zentrale Figur war Arsat, der Magier von Venedig, der in jedem Heft auf etwa 15 Seiten im Einsatz war; zwei, drei kürzere, andere Stories folgten dann noch. 1995 wurde die Serie nach 492 Ausgaben eingestellt.

Eine unendliche Geschichte waren die Gespenstergeschichten letztendlich eben auch nicht: Irgendwann gingen nach und nach die Lichter aus. Die Auflage sank. Der Verlag fing an, alte Stories aus den ersten Heften nachzudrucken. Letzte Atemzüge. Im März 2006 fiel der Vorhang.
Einen Neustart wagte 2008 „Tigerpress“, der ging unrühmlich aus: Nach nur drei Heften musste das Projekt eingemottet werden, der Verlag war pleite.
Und weiter? Die Hefte gibt es immer noch, auf dem Trödelmarkt, bei e-bay, auf Börsen, auf dem Speicher...

Gute Zeichner gibt es auch noch. Texter. Autoren. Ideen. Können. Chancen? Idealismus?

Es ist wohl die Zeit. Es fehlt der Markt. Und die Pioniere sind eingeschlafen.
So ist das. Und was hier bleibt, ist nur noch Geschichte. Die Legende einer Leidenschaft.
Seltsam? Aber so steht es geschrieben...

Nein. Seltsam nicht. Einfach nur verdammt schade.

Eine wunderschöne Frau, eine furchtbare Geschichte

© Karin Reddemann

Blanche Monnier war eine Schönheit. Umschwärmt. Begehrt. Wie eine Prinzessin aus dem Märchenbuch. Sie war aber kein Rapunzel. Schneewittchen. Dornröschen. Die junge Französin hatte nicht das Glück, aus einem Alptraum wach geküsst zu werden. Sie fand sich wieder als furchtbarer Schatten ihrer selbst. Und erkannte sich vermutlich lange schon nicht mehr.

Blanche, 1849 in Poitiers im Westen Frankreichs geboren, wurde entsorgt, als sie Mitte zwanzig war. Ausgelöscht, ihre Pläne, Hoffnungen, Pläne, Träume. Man nahm ihr komplett das Leben. Schreckliches wurde ihr angetan.

Spuk in einem Märchenbuch

Sechsundzwanzig Jahre verbrachte sie eingesperrt in einem Zimmer in ihrem Elternhaus in der Rue de la Visitation in Poitiers, einer charmanten Stadt, die am Fluß Clain liegt. Und ihre Mutter, ihr Bruder, die Hausangestellte, die Blanche mit Notwendigstem versorgte, sahen dabei zu, wie sie verdörrte, verfiel, zu einer Kreatur wurde, deren Spiegelbild entsetzte. Blanche erblickte kein Sonnenlicht, keine Blume, keinen Baum, keinen Himmel. Sie war ganz allein. Und der Prinz, der die Prinzessin rettet, blieb ein Spuk in einem Märchenbuch.

Blanche, ein schüchternes, bildhübsches Mädchen mit distanzierter Beziehung zur dominanten Mutter Louise, wuchs in einer sehr wohlhabenden, katholisch-konservativen und gesellschaftlich höchst angesehenen Aristokratenfamilie auf. 1875 verschwand Blanche aus der Öffentlichkeit. Sie war sechsundzwanzig und schwer verliebt in einen Mann, der ihren Eltern, Louise und Charles-Émile Monnier de Marconnay, zutiefst missfiel. Victor Cameil, ein Anwalt, deutlich älter als Blanche, zudem auch noch Republikaner, galt als partout nicht standesgemäß. Vermutlich gab es heftige Dispute. Und dann war Blanche plötzlich einfach weg. Niemand sah sie, niemand hörte von ihr. Wie vom Erdboden verschluckt. Nach England sei sie gegangen, soll ihre Mutter auf drängende Anfragen hin erzählt haben. Verstorben sei sie, wollen einige Leute gehört haben. Schwanger geworden entgegen jeglicher Etikette, munkelte man hier und da.

Was der Verlobte getan hat, um Licht in die Sache zu bringen, bleibt unklar. Er wird belogen, ausgegrenzt worden sein. Vielleicht war er schwach. Gab zu schnell auf. Vergaß die schöne Blanche? Man weiß es nicht.

Man weiß auch nicht, wie Blanche Monnier überhaupt war. Welche Leidenschaften, Vorlieben sie hatte. Ging sie gern spazieren? Traf sich mit Freundinnen? Las sie Jules Vernes, Victor Hugo, Alexandre Dumas? Malte sie Aquarelle? Schrieb sie heimlich romantische, gar revolutionäre Gedichte? Liebte sie Mode, Tanz, interessierte sie sich für Politik?

Bei lebendigem Leib verrottet

Nichts ist bekannt. Nur, wie schön sie war. Und dass sie über fünfundzwanzig Jahre eingekerkert war und bei lebendigem Leib verrottete. Bis letztendlich im März 1901 der Staatsanwaltschaft ein anonym verfasstes Schreiben zukam. Da hieß es:

Ich beehre mich, Sie über ein außergewöhnlich schwerwiegendes Ereignis zu informieren. Ich spreche von einer Jungfrau, die in Madame Monniers Haus eingesperrt ist, halb verhungert ist und seit 25 Jahren auf einem faulen Müll lebt - mit einem Wort, in ihrem eigenen Dreck.

Wer das geschrieben hat, wurde nie herausgefunden. Vermutlich eine(r) vom neu eingestellten Personal, zutiefst schockiert über die Entdeckung. Die Hausangestellte, die in all den Jahren neben der Mutter und Bruder Marcel, mittlerweile ein renommierter Anwalt,- der Vater starb 1882 - , als einzige Kontaktperson und damit Mitwisserin Zugang zur Kammer der Eingesperrten hatte, war kurz zuvor in Pension gegangen. Mit ihrem Stillschweigen über die unaussprechliche Angelegenheit im hochherrschaftlichen Hause hatte sie Louise Monnier natürlich einen Bärendienst erwiesen. Niemand fragte mehr, die Zeit verrann, und Blanche verwelkte an Leib und Seele, ohne Hilfe, ohne Hoffnung.

Die Staatsanwaltschaft schickte Polizeibeamte, die der, falls denn wahr, ungeheuerlichen Sache nachgehen sollten. Wohl zur Empörung von Louise Monnier, die sich über die Unverfrorenheit echauffierte, ihr Haus durchsuchen zu wollen, überhaupt, die Unterstellung zu wagen, dass sie und ihr Sohn...

Als die Polizei am 23. Mai 1901 die Tür im dritten Stock der vornehmen Monnier-Villa, Hausnummer 21, öffnete, fand sie Blanche in einem Zustand vor, der sie auf schier unerträgliche Art schockierte. Es war ein grauenvoller, zutiefst erschütternder Anblick, der jedem sensiblen Gemüt Tränen des Mitleids in die Augen treiben musste. So unmenschlich, so verabscheuungswürdig war das Bild, das sich den entsetzten Männern bot. Im Bericht stand:

„Wir haben sofort befohlen, das Flügelfenster zu öffnen. Dies geschah mit großen Schwierigkeiten, denn die alten dunklen Vorhänge fielen in einem schweren Staubschauer herunter. Um die Fensterläden zu öffnen, mussten sie aus den rechten Scharnieren entfernt werden. Sobald Licht in den Raum kam, bemerkten wir hinten auf einem Bett liegend, Kopf und Körper von einer abstoßend schmutzigen Decke bedeckt, eine Frau, die als Mademoiselle Blanche Monnier identifiziert wurde. Die unglückliche Frau lag völlig nackt auf einer faulen Strohmatratze. Überall um sie herum bildete sich eine Art Kruste aus Exkrementen, Fleischfragmenten, Gemüse, Fisch und morschem Brot. Wir sahen auch Austernschalen und Käfer über Mademoiselle Monniers Bett laufen. Die Luft war so unatmbar, der Geruch, den der Raum ausstrahlte, war so hoch, dass es uns unmöglich war, länger zu bleiben, um mit unseren Ermittlungen fortzufahren. “

Es stank, schauderte, schockierte

Das grausige Foto von Blanche Monnier, entstanden unmitttelbar, nachdem man sie gefunden hatte, zeigt ein menschliches Wrack im Extrem. Der Zustand der mittlerweile 52jährigen Frau, die einstmals so wunderschön war, dass sie von begnadet großer Künstlerhand auf Leinwand hätte verewigt werden müssen, ist so erbärmlich, so abartig entsetzlich, dass man nur völlig fassungslos darauf starren kann. Voller Mitgefühl, voller Verachtung den Menschen gegenüber, die ihr das antaten.

Blanche, die nur unartikulierte Laute von sich gab, wurde ins Krankenhaus gebracht und nahm innerhalb kürzester Zeit zehn Kilo zu. Zurück ins wirkliche Leben kehrte sie nie wieder, sie war komplett gebrochen. In einer Nervenheilanstalt in Bois verbrachte sie den Rest ihres Daseins. 1913 starb sie.

Ihre Mutter Louise und ihren Bruder wurden im Mai 1901 direkt verhaftet, nachdem die Polizei Blanche befreit hatte. Louise Monnier, völlig aufgebracht angesichts des gesellschaftlichen Skandals, dem sie sich ausgesetzt sah, behauptete, ihre Tochter sei psychisch krank und gewalttätig gewesen. Der Bruder, ein stadtbekannter Wohltäter, bestätigte das, betonte, er selbst hätte seine Schwester längst schon in eine Heilanstalt gebracht, wäre nicht die Mutter „aus Liebe zu Blanche“ dagegen gewesen.

Die nunmehr 76jährige Louise Monner starb nach nur 15 Tagen an einem Herzinfarkt im Gefängnis. Ihre letzten überlieferten Worte“ „Ah, meine arme Blanche!"

Einsicht? Bedauern? Selbstmitleid?

Wahrhaftig Einsicht? Bedauern? Oder Selbstmitleid? Gleichwohl, bei ihrer Beerdigung fielen wüsteste Beschimpfungen. Die Leute waren durch die Reihen weg angewidert von dem Abscheulichen, Abartigen, das sich in der vornehmen Villa zugetragen hatte.

La Séquestrée de Poitiers titulierte die Presse Blanche, in deutschsprachigen Zeitungen nannte man sie die Eingekerkerte von Poitiers. Europaweit und sogar in Australien wurde über den Fall berichtet. Das entsetzliche Foto von Blanche, das sie im Mai 1901 zeigt, wurde vor der Veröffentlichung dezent bearbeitet, schockierte aber trotzdem derart, dass der Bruder mehrfach von Menschenmengen bedroht wurde. Auch politische Auswirkungen zeigten sich: Die Royalisten ergriffen Partei für die adeligen Monniers, rechtfertigten deren Verhalten damit, dass sie Blanche hätten schützen wollen vor ihrem Wahnsinn. Die Republikaner sprachen von der „scheinheiligen, verkommenen Moral“ des royalistischen Großbürgertums.

Marcel Monnier, der jegliche Mitschuld von sich schob, wurde nach der Vernehmung von 106 Zeugen zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt, legte aber erfolgreich Berufung ein. Unterlassene Hilfeleistung als Strafbestand wurde in Frankreich erst 1941 eingeführt, insofern war er juristisch nicht zu belangen. Immerhin bezahlte er mit dem Verlust seines Rufes und Einsamkeit: Ehefrau und Tochter verließen ihn und gingen (angeblich) in ein Kloster. Zuvor hatte der Verlobte der Tochter sich aufgrund der ganzen Alptraum-Enthüllung von ihr offiziell losgesagt. Marcel starb 1913, wie auch seine Schwester.

erschienen in: Zwielicht 22, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2025