Kolumne
Erst krieg ich dich, dann fress ich dich
Da ist was mit der Tür
Auf dem Dachboden
Der Streb
Schatten einer Beichte
Mein Billy Mahoney heißt Cordula
Bloß nicht der Hund
Irgendwas Ungutes wird passieren
Erst krieg ich dich, dann fress ich dich
© Karin Reddemann
Diese Erinnerung an meinen Großvater ist nicht meine liebste. Ich fürchtete mich, wenn er das sagte und lachte und nach mir griff. „Erst krieg ich dich, dann fress ich dich.“
Meist entkam ich. Er war uralt und müde. Das war mein Glück.
Ich hatte schon als Kind immer Angst davor, nicht schnell genug zu sein. Zu langsam für den schwarzen Mann. Den Bi-ba-butzemann. Den Bullemann. Buhmann. Kornmann. Wassermann. Ich hatte auch Angst davor, auf der Aschenbahn überholt zu werden. Dass ich beim Völkerball auf dem Feld erstarren und tödlich getroffen würde. Als Letzte eine Treppe hinauf zu steigen. Zu stolpern, wenn andere schreiend fliehen.
Beim Laufen strengte ich mich an, ich war nicht die Sportlichste, aber flinker als die Kurzbeinigen und Fetten, und zu wissen, dass sie es wären, die gepackt würden, wenn da irgendwas hinter uns her käme, beruhigte mich.
Ich hasste den Plumpsack, der urplötzlich hinter mir stand und mich zwang, ihn zu jagen, um zu verlieren und in seine grausige Rolle zu schlüpfen. Wer hat sich das vor über hundert Jahren ausgedacht, um mich zu quälen?
„Dreht euch nicht um, der Plumpsack geht herum. Und wer ihn ansieht oder lacht, dem wird der Buckel blau gemacht.“
Später hörte ich von der Bloody Mary, und wie hypnotisiert stand ich vor dem Spiegel und flüsterte mir zu, es doch zu versuchen. Dreimal hintereinander den Namen aussprechen. Dann kommt sie. Hässlich wie die Hölle. Blutrünstig. Böse.
Mein Spiegelbild zeigte eine weiße Frau mit riesigen roten Augen, vielleicht war ich das, sie nickte mir zu und lächelte. Fremde Zähne, schwarze Lippen.
Bloody Mary. Bloody Mary. Noch ein einziges Mal. Sag's schon.
Ich habe es nie getan. Ich bin vorsichtig. In Hotelzimmern sehe ich in jede Schrankecke, schau unter dem Bett nach, lasse die Tür zum Bad offen stehen, damit niemand in der Nacht die Klinke herunter drücken kann, um mich durch ein Geräusch unbeweglich zu machen. Ich trage dicke Socken, während ich schlafe, weil ich nicht barfuß in Scherben treten darf. Das würde meine Flucht blockieren, irgendjemand könnte das beabsichtigen. Irgendwas. Ich bin erwachsen, aber nicht blöd, ich hüte mich.
In Russland gibt es einen alten Mann namens Babajka, der vor dem Haus lauert und die Frechen in einen Sack stopft. Er schleppt sie fort, vermutlich frisst er sie. Das ist keine deutlich schlimmere Vorstellung als die, in einem Sack zu ersticken oder darin tot gedrückt zu werden.
Kleiner Schelm bist Du, weißt Du, was ich tu´?
Ich steck Dich in den Hafersack und bind ihn oben zu.
Und wenn Du dann noch schreist: "Ach bitte, mach doch auf!",
dann bind ich ihn noch fester zu und setz mich obendrauf.
Die Melodie hat mir immer erstaunlich gut gefallen. So beschwingt. Das verniedlichte den Gedanken aber nicht, dass meine Großmutter mich platt sitzen könnte, wenn sie es wollte.
Beim russischen Babajka, neckisch kurz Baba, was sympathisch klingt, charakterlich aber irrelevant ist, fällt mir mein alter Bekannter Babadook ein. Ich nenne ihn so, weil er mich begleitet, seitdem ich die Angst vor dem kenne, der nicht sein sollte. Er wartet irgendwo, er ist ungeduldig, und mit seiner Unruhe wächst seine Wut. Wenn er da ist, muss ich schnell sein. Das bin ich aber nicht. Ich bin aus Stein. Tausend Jahre alt. Ich bin aus Eis. Da ist keine Sonne. Ich schmelze nicht.
Der Babadook kommt zu Besuch und bleibt einfach als ewig währender, mordshungriger Alptraum wohnen. Meine Eltern hätten niemals über ihn gesprochen. Sie haben den Namen des schwarzen Mannes nicht genannt, von dem ich immer gewusst habe, ohne ihn erklärt zu bekommen. Wie heißt er?
Nachtkrabb. Nachtgiger. Nachtbock. Hakemann. Vermummter Mann. Böser Mann. Hakemann. Boogeyman. El Coco. Mumus. Fremder. Angst. Schmerz. Tod. Vermutlich.
Märchen schüchterten mich nicht sonderlich ein. Mir war früh klar, dass Vögel Augen aus hacken, Hexen brennen dürfen und hässliche Mädchen am Ende verlieren. Wirklich furchtbar fand ich einzig den Gedanken, bei jedem Schritt das Gefühl ertragen zu müssen, über spitze Messer zu laufen. Ich hätte keinen Prinzen gewollt.
Ich sage jetzt etwas Grundsätzliches über Kinderschreckfiguren, die es angeblich gar nicht gibt. Es genügt nicht, mit ihnen zu drohen. Man muss Beweise liefern. Wahre Geschichten erzählen. Wie die vom ungehorsamen Tom, der mal in dem gelben Haus schräg gegenüber gewohnt hat und plötzlich verschwunden war.
Weil der Wassermann ihn mit einem banalen Geschenk in den Ententeich gelockt hat, um ihn erbärmlich ertrinken zu lassen und seine kleine dumme Seele zu schlucken. Oder weil der Wolf ihn im Tannenwald gepackt, zerrissen, zerfetzt hat. Weil der böse Onkel ihn beim Spielen auf dem Hof hinter dem gelben Haus in verbotener Dämmerung geholt hat, um ihn lebendig zu häuten. Oder weil der Serienmörder aus dem Nachbarsort sein Grab verlassen hat, da es dort unten kein frisches Menschenfleisch gibt.
Die Auswahl ist groß. Wichtig ist, dass derjenige, dem von Toms verdientem Schicksal berichtet wird, Haus, Teich und Wald kennt. Das ist die halbe Miete, wenn man nicht als Lügner ausgelacht werden will.
Ich selbst kenne so manche Fälle, die tatsächlich passiert sind. Da muss man stets noch kräftig einen drauf geben, sonst wird man nicht ernst genommen. Egal auch. Selbst schuld. Sollen sie sagen, das sei alles Unsinn. Sollen sie ungläubig glotzen. Ich glaube auch nicht.
Ich weiß.
Und halte mir die Ohren zu, wenn es flüstert:
Bloody Mary. Bloody Mary. Noch ein einziges Mal. Sag's schon.
Da ist was mit der Tür
© Karin Reddemann
Ich spreche höchst ungern darüber. Wenn ich darüber spreche, stimmt es. Es macht furchtbare Angst. Immer noch. Immer. Ich sage es trotzdem. Das ist wie bei einem Kind, das nicht von seinen Alpträumen erzählen möchte, weil sie sonst wahr werden. Und das irgendwann trotzdem erzählt, weil es viel zu schwer fällt, dieses Schreckliche, das sich im Kopf fest gebissen hat und nach Erklärung, Trost und Erlösung wimmert, so ganz allein für sich zu behalten. Was folgt, wenn die Angst geteilt werden kann, ist diese noch viel größere Angst vor dem, was anschließend passiert.
Ich sage bewusst nicht passieren könnte...vielleicht...schlimmstenfalls..., weil etwas mit Sicherheit eintrifft: Diese ewige, uralte, böse Furcht vor dem Unaussprechlichen, die einen fortan begleitet und nie wieder loslässt. Weil man erzählt hat, was nicht erzählt werden darf. Weil man sich nicht an die Regeln gehalten hat. Weil man ausgesprochen hat, was jetzt unabdingbar wahr wird. In der Dunkelheit. In der Einsamkeit. Schlaflosigkeit. Im Traum, der nicht erwachen lässt.
Ich sehe mich als kleines Mädchen mit hüftlangem Zopf und finsterem Blick, der an der Türklinke haftet. Ich starre sie böse an, denn nur so kann ich mir einbilden, dass ich nicht ängstlich bin. Ich bin es aber. Also will ich zornig sein. Wütend auf meine Gedanken, die mir sagen, dass da jemand hinter der Tür ist und gleich langsam die Klinke hinunterdrücken wird. Die Tür ist verschlossen, ich bin allein in diesem Raum. Ich könnte zuhause sein, in der Schule, in einem Turmzimmer, das ich nicht kenne, es würde keine Rolle spielen. Ich blicke einfach nur auf diese Türklinke und rechne damit, dass sie sich bewegt. Dass da jemand oder etwas hinter der Tür, die noch im Schloss ist, seine Hand, seine Kralle, seine Klaue auf die Klinke legt und sie nach unten drückt und die Tür öffnet. Und dann sehe ich was, was ich nicht sehen will. Was du nicht sehen willst.
Sage seinen Namen fünfmal laut vor dem Spiegel: Candyman, Candyman... Glaubst du? Traust du dich? Kicherst du noch? Flüstere ihren Namen dreimal und warte: Bloody Mary, Bloody ... Spielst du da mit? Oder bist du zu vernünftig, zu verwurzelt, zu erwachsen für den schwarzen Mann, den Boogeyman, den Babadook ? Dann sag' es doch: Candyman...Und ich verrate dir: Er, der nicht sein sollte, ist längst da. Er steht hinter der Tür. Siehst du die Klinke? Wie sie sich bewegt? Noch könnte man aufspringen, die Tür aufreißen, hinschauen. Vielleicht ist da gar nichts. Vielleicht haben unsere Mütter die Wahrheit tatsächlich gekannt.
Ich bekenne, irgendwie beruhigt zu sein, wenn jemand, dessen ureigene Farben und Falten ihre besonderen Geschichten haben wie die meinigen, es nicht sagt. Einfach nicht sagt und auch nicht begründen will, warum er das nicht macht, weil schon die Vorstellung allein, die bloße Auseinandersetzung damit ihn locken könnte. Es. Sie. Wir, die das wissen, sprechen das nicht aus. Wir schweigen, bis die Dummköpfe reden. Dann nicken wir uns zu und schreien gemeinsam.
Ich sehe mich als Frau mit gemalten Lippen und finsterem Blick, der an der Türklinke haftet. Ich weiß, dass ich allein bin, dass da niemand hinter der Tür sein kann, die den Wohnraum vom Schlafzimmer trennt. Ich weiß, dass ich zu alt, mag sein, zu klug für unsichtbare Bilder bin. Ich weiß auch, dass ich wieder diesen Zorn in mir habe, weil nicht so allein bin, wie ich denken möchte. Nicht so alt, wie man ist, wenn man alles verscheuchen kann. Nicht so klug, dass es mich nicht erwischen wird. Ich weiß, dass da was mit der Tür ist. Dass ich mich sorgen sollte. Fürchten vermutlich. Dass ich die Tür besser weit öffnen sollte. So weit, dass da gar keine mehr ist. Dass die Klinke einfach verschwindet irgendwo an der Wand wie ein gönnerhaftes Kreuz. Nutzlos wird wie ein zerrissenes Tuch. Ungefährlich wie ein Welpe, den unschuldige Seelen streicheln dürfen. Die Tür öffnen. Alle Türen. Immer.
Ich sehe mich jetzt und erkenne die alte Angst in diesem Blick, der nur vorgibt, finster zu sein, weil meine Augen so dunkel sind, dass sie Märchen erzählen können. Ich blicke auf Türklinken, die mich nervös machen, die mich panisch werden lassen, weil ich immer auf der Hut sein muss.
Mach die Tür zu! Das darfst du mir sagen. Weil du dann bei mir sitzt und den Horror wegreden kannst. Zumindest teilen könntest du ihn mit mir. Vielleicht glaubst du auch gar nicht und lächelst, dann solltest du gehen, weil du unbewaffnet bist und in der Dunkelheit erblindest. Mach die Tür zu! Das sage ich nicht zu mir, wenn niemand bei mir ist, der sein eigenes Blut riechen kann. Das wäre Leichtsinn. Köder für die Wölfe, die hinter ihr heulen.
Jemand verriet mir vor tausend seltsamen Jahren, dass der Sandmann Kindern, die nicht schlafen wollen, die Augen ausreißt und sie mitnimmt in sein Land der guten Nacht. Ich habe entschieden, das für ungültig zu erklären. Das ist eine Lüge. Der Sandmann kommt und liest uns mit heiserer Stimme vor, bis der Morgen graut, damit wir seine Stimme nicht vergessen. Er hat mir gesagt, dass da was mit den Türen ist. Er mich gemahnt, immer auf die Klinken zu achten. Er hat mir gedroht, obgleich es ihn gar nicht gibt. Er hat mich zur Tür gestoßen, damit ich das auch glaube. Ich bin gestolpert. Vom Boden aus habe ich es gesehen. Aber ich sage kein Wort.
Ich stehe nicht vor dem Spiegel und provoziere Mary. Das wäre albern. Die Hexe ist da gar nicht. Sie steht hinter der Tür.
Erschienen in: Fantasyguide
Auf dem Dachboden
(c) Karin Reddemann
Meine Mutter fürchtete sich auf dem Dachboden. Eine ungeheuerliche, verstörende Erkenntnis. Die große Seherin, deren Bett ich in meinen schlimmsten Nächten aufsuchte, um Trost und Rat und zu finden, hatte selbst Angst. Die tapfere Kriegerin, die meine Alpträume tötete und mich beruhigt an ihrer Seite einschlafen ließ, bewaffnet mit einem riesigen Schwert, das griffbereit zwischen uns beiden und meinem ungläubigen Vater lag, war nicht gefeit vor meinen Feinden. Schreien. Schatten. Meinem Spuk. Meinem Erschrecken, das zum Tod führen kann. So raunt man. Bis zum Tode.
Es war die grausame Zeit der Aufkärung. Bis dahin hatte ich geglaubt, sie sei eine Heldin, die keine feigen Bilder malt. Und wenn sie finstere erblickt, sie einfach wegwischt und erklärt, die seien gar nicht dagewesen. Wie Mütter das eben machen. Weil sie es können. Weil sie es müssen.
Gleichsam war es meine Zeit der eigenen Sorgen vor einer Einbildungskraft, die mich faszinierte und im höchsten Masse erschreckte und die ich erst viele Jahre danach als eine Besonderheit zu schätzen lernte, die einzig permanente Wachsamkeit von mir verlangte. Nicht mehr. Nicht weniger.
Meine Mutter hatte mir einen Erzählband mit vielen wundersamen Geschichten geschenkt, den ich damals sehr liebte. Und nun setzt Euch zu mir. Auf dem Cover war eine reizende alte Frau mit gerüschtem Blusenkragen, Haardutt und einer feinen kleinen Brille auf der Nase abgebildet, die in einem altmodischen, gepolsterten Lehnstuhl saß. Sie war recht rundlich, eine richtige Großmutter, so breit und weich und warm und gemütlich, wie mir schien, und sie hatte rote Apfelbäckchen und diese Augen, die man wohl als gütig bezeichnet, wenn man hübsch daherreden möchte. In ihren Händen hielt sie ein aufgeschlagenes Buch, und in Gedanken, die Kindern gehören, setzte man sich zu ihr und lauschte.
Diese gute alte Frau musste letztendlich herhalten für eine Furcht, die ich mir schuf, ohne zu wissen, dass ich sie brauchte, um mich finden zu können. Wahrer vermutlich, mich zurecht zu finden in einem Durcheinander von finsteren Ideen, die mich von der Faszination überzeugen wollten, wie wohlwollend die Angst der Phantasie zugetan ist. Einer Phantasie, die gefährlich echt ihre Existenzberechtigung fordert. Es war einer von vielen Schritten.
Auf dem Dachboden, weit hinten unter der Schräge, stand ein ausgedienter Sessel mit hölzernen Armlehnen, den irgendwann irgendwer dort hinaufgetragen, abgestellt und wohl allzu gern verdrängt hatte. Er staubte vor sich hin, vielleicht stöhnte und ächzte er mit den Jahren auch wie die knarrenden Balken über ihm, die sich bemerkbar machten, wenn ein Wind wehte, der nicht hätte wehen dürfen ohne seine Geister.
Auf diesem Sessel sah ich sie sitzen, wenn ich neben meiner Mutter stand und ihr die Wäscheklammern aus dem blauen Stoffbeutel reichte, den ich gewissenhaft beaufsichtigte, um nicht nutzlos in der Gegend herumzustehen. Eine wirklich große Hilfe war das wohl nicht, ich stand da und wartete auf meinen bescheidenen Einsatz, und während ich dort stand, blickte ich zum Sessel, immer und immer wieder. Und dann saß sie da in ihrer adretten Bluse mit ihrem Dutt und ihrem Buch und winkte mir lächelnd zu. Ich hörte sie flüstern. Und nun setz dich zu mir. Ich starrte hin, kniff die Augen zusammen, starrte erneut hin, kurz nur, länger, viel länger. Zu lange. Sie veränderte sich. Sie winkte mit knöcherner Hand. Sie lächelte nicht mehr. Sie war eine böse Frau. Zuerst sah sie aus wie die schmutzige Haushälterin, dann plötzlich wie die hässliche Verrückte aus dem Film, den ich mir heimlich durch den Türspalt angesehen hatte, bis meine Eltern mich entdeckten und völlig aufgebracht ins Bett zurück schickten. Dort lag ich in der Dunkelheit wach und dachte an die zwei furchtbaren Gestalten und stellte mir vor, sie wären im Kinderzimmer und kämen näher und sehr nah und würden mich anschauen und sich zu mir setzen und nach mir greifen.
Agnes Moorehead und Bette Davis waren das in Wiegenlied für eine Leiche, ich erkannte sie viele Jahre später wieder, und meine Entschuldigung an die beiden ganz Großen lautet, dass ich klein war. Aber meine Erinnerung ist geblieben: Im Stuhl saß eine grausige Angstmacherin. Ich habe sie gesehen. Sie hat gewunken. Und sie wollte, dass ich nicht vergesse.
Wenn meine Mutter mit ihrem Wäschekorb auf den Dachboden ging, war immer eines von uns Mädchen dabei. Sie nahm den Schlüssel, der an einem gelben Holzklötzchen mit Kordel hing, - der Kellerschlüssel hatte ein rotes, der zum Kartoffelverschlag ein grünes - , steckte ihn in die Rocktasche und rief: "Wer von Euch kommt mit?" Damit meinte sie meine Schwestern und mich, mein Bruder war indiskutabel, da viel zu klein. Tatsächlich aber hätte sie ihn sich vermutlich verzweifelt unter den Arm geklemmt und keuchend mitsamt Korb und Klammerbeutel die tausend Treppenstufen hochgeschleppt, wenn er die einzige in Frage kommende Begleitung gewesen wäre.
Es ging ihr nicht um irgendein nützliches Mitanpacken. Nicht darum, dass sie unbedingt jemand brauchte, um ihr die Wäscheklammern zu reichen. Es ging ihr darum, da oben nicht allein zu sein. Den Atem eines anderen Menschen zu hören, in Augen zu blicken, die ihr die Gewissheit gaben, nicht kalt, nicht böse, nicht tot zu sein.
Realistisch betrachtet hätte unser Bruder, der erst recht spät beschloss, stimmtechnisch kein zweiter Oskar Matzerath zu werden, sie noch in ihrer Angst vor-was-auch-immer bestärkt. Er schrie, weil kopflose Heringe auf dem Küchentisch lagen. Er schrie, weil ein Käfer über sein nacktes Bein krabbelte. Er schrie, weil er meine Lügen glaubte. Ich erzählte ihm, dass er, wenn unsere Mutter ihn irgendwann mit auf den Dachboden nehmen würde, auf haarige Spinnen, so groß wie junge Hunde, vorbereitet sein müsste. Dass in der Nische unter der Luke jemand sitzen und nach ihm greifen könnte. Und dass unsere Mutter sich dort oben manchmal verwandeln würde und er dann besser so schnell wie möglich fliehen sollte, nicht, ohne zu vergessen, die Tür abzuschliessen. Sonst würde sie hinauskommen und bleiben, was sie dann wäre: Ein schreckliches, furchtbares, grausames Monster. Und nie, nie wieder unsere Mutter.
Ich tischte meinem Bruder und auch einigen anderen wie Christa Hinze und Thomas Kalkmann aus dem Nachbarhaus dieses ganze Zeug auf, um Verbündete zu haben. Sie sollten all das wissen, wovon ich selbst hoffte, dass es Ammenmärchen seien, wovon ich aber doch glaubte, dass es durchaus so sein könnte. Vielleicht schlimmer. Es waren meine eigenen Vorstellungen. Meine eigenen Ängste, die ich nie zugegeben hätte, um nichts heraufzubeschwören, indem man es laut ausspricht. Von der Frau im Stuhl erzählte ich nie.
Viele Jahre später fragte ich meine Mutter, ob sie sich gefürchtet hätte, allein auf den Dachboden zu gehen. Sie erzählte mir, dass ein Bruder meiner Großmutter sich dort erhängt hätte. Mehr sagte sie nicht. Sie hätte alles zugeben können, ich wäre mit durch ihren finsteren Wald gegangen. Aber sie schwieg. Ich erdachte ihre Geschichte. Und nun setz dich zu mir. Mehr konnte ich nicht tun.
Irgendwann sah ich Das Landhaus der toten Seelen. Die mysteriöse alte Mutter, die in der Mansarde der verfluchten Villa lebt, haust, spukt, erinnerte mich. Ich suchte den Dachboden auf, der mir klein und wenig geheimnisvoll erschien. Ich war enttäuscht. Der Sessel war fort. Unter der Schräge stand eine Trittleiter. Ich blickte empor. Dort oben hing ein Mann. Krähen hatten ihm die Augen ausgehackt. Ratten hatten seine Füße gefressen. Denke ich. Ich atmete auf. Es war wieder, wie es sein sollte.
Der Streb
© Karin Reddemann
Den Ahnungslosen erzähle ich eine kurze, unspektakuläre Geschichte: Vor vielen Jahren bin ich durch einen Streb gekrochen, und es ist nichts passiert.
Für all diejenigen, die es besser wissen und mir ihre wundersamen Gedanken anvertrauen, ist es eine andere Geschichte: Vor vielen Jahren bin ich durch einen Streb gekrochen, und niemand war bei mir, der meine Angst mit mir hätte teilen können.
Es waren nur Ahnungslose dort. Ich konnte nichts erwarten. Sie vermissten kein Licht. Sie hörten nichts. Spürten nichts. Sie spielten in meiner Geschichte mit, ohne jemals davon erfahren zu haben. Ihre Rollen waren bedeutungslos, ihr Vokabular banal und nüchtern. Sie sprachen von Hitze. Enge. Ungemütlichkeit. Sie sprachen von Dunkelheit, als wäre da oben kompromisslos ewig ein unbeschwerter Sternhimmel, der jeden bösen Schatten verscheucht.
Ich fand es kalt dort. Es war so kalt und schrecklich und gleichsam so unaussprechlich für mich, dass mir nicht mehr einfiel, als diese einsame Furcht, die nur mir gehörte, ordentlich zu archivieren. Sie hat einen unvernünftigen Platz gefunden. So sollte es sein. Sie hilft mir, mich zu verstehen. Und Dunkelheit so zu definieren, wie es richtig ist. Es ist eine gute Furcht. Sie hält wach.
Vor vielen Jahren, als ich mich anschickte, durch diesen Streb zu kriechen, war mir klar, dass ich all das sehen würde, was man nicht sehen kann, wenn man die Nacht auf die gleiche unbekümmerte Art nimmt wie den Tag. Gottergeben, Gott gedankt. Unschuldig und unverflucht.
Es war ein ganz normaler Streb. Da unten. Unter Tage. Kein Museum mit pfeifender Putzkolonie am Morgen. Eine echte Zeche, über die heute der Wind weht und Kohlenstaub für die Urnen der Vergangenheit sammelt. Echte Kumpel, Flöze, Förderkörbe. Wie ich in den Berg gekommen bin...unwichtig. Ich war im Streb. Das allein zählt für meine Notizen. Ihr kennt sie. Ihr schreibt in dasselbe Buch.
Als ich mich damals auf allen Vieren durch diesen Streb bewegte, waren neun Ahnungslose vor mir. Christoph Moorsbach vom Feuilleton und Werner Chrostek von der Pressestelle krochen hinter mir her. Beide waren dick und schwitzten und maulten, es war einfach, sie auf der Hälfte der Strecke zum Abbruch zu zwingen. Ich nannte Platzangst als Grund, sagte, ich müsse umgehend hier wieder raus, das genügte ihnen. Wir krabbelten rückwärts, bis wir uns umdrehen und letztendlich wieder stehen konnten. Und während die dicken schwitzenden Männer sich erleichtert zunickten, blickte ich zurück, sah die gelben Augen, die rostroten Lefzen, die Maden im verdorbenen Fleisch und die eisgrauen Haare und dachte, wenn die wüssten, dass ich weiß, was da ist...sein könnte...nein, was da ist. Mit allen abartigen Konsequenzen, in jeglicher Form und Erstaunlichkeit, die man sich vorstellen muss, wenn da kein Spiegel mehr ist, der dir ein Lächeln zeigt.
So war das. Im Streb. Ich weiß nicht, ob sie alle dort gewesen sind: Bruce Hundt, der The Cave gedreht hat, Neil Marshall, Regisseur von The Descent – Abgrund des Grauens, der Mann mit dem seltsamen Namen, Olatunde Osunsanmi, Macher von The Cavern – Abstieg ins Grauen. ... Die Bilder ganz tief da unten, die sie zeigen, sind meine. Die hässlichen blinden Crawler, die Frischfleisch wittern, die Parasiten, die Pupillen, Haut, Verstand attackieren, die Kreatur mit dem verbrannten Gesicht...ich kenne sie. Sie tauchen auf, wenn ich im Streb bin. Der Boden unter mir wird schlammig weich, in ihm lebt was, berührt mich, die Wände tanzen, da sind Käfer, Krallen, Klauen.
Vorstellen kann ich mir meine Begleitung. So normal. So hilflos, so verzweifelt normal. Menschen, die mit mir in den Berg gehen, unwissend, neugierig, erwartungsvoll, dann lauschend, sehend, immer noch nicht begreifend. Misstrauisch urplötzlich allem, jedem gegenüber. Wütend, weil es kalt wird und unklar bleibt. Aggressiv. Und so furchtsam. So ängstlich. So panisch.
Es wird gesagt:
Es gibt den Himmel und die Hölle. Und es gibt etwas darunter...
Ich war im Keller. Im Moor. Im Wasser. Im Wald. Im Streb.
Da unten treffen wir uns. Immer wieder.
Schatten einer Beichte
© Karin Reddemann
Gute Frage, böse Frage: Was verfolgt dich in der Nacht?
Ich würde flüsternd antworten, damit niemand, nichts mich hören könnte in der Dunkelheit. Sehen, jagen, packen, schreien lassen könnte.
Vielleicht würde ich von meiner ersten Beichte erzählen. Sie hat eine Vorgeschichte und einen Schatten. Dieser Schatten hängt seitdem an mir wie eine Klette. Seit Jahrzehnten schleppe ich ihn mit mir herum, er spricht, bockt, reizt, schlägt und treibt mich. Seine Asche wird wohl bei meiner in der Urne landen. Sein Name ist Horror.
Ich bringe ihn nur gequält über die Lippen. Eigentlich lächerlich, dass er nicht erwachsen geworden ist. Ein Flüstern ist er geblieben. Grundsätzlich wäre es doch einfach, ihn zu ignorieren. Überhaupt, große Güte, eine prinzipiell unspektakuläre Beichte, was soll da Gravierendes passiert sein? Stimmt doch.
Nein. Stimmt eben ganz und gar nicht.
Als ich erfuhr, dass alle irgendwann mal beichten müssen, weil das stets so war und ist, hätte ich gern gesagt, dass das nur über meine Leiche gehen würde. Das traute ich mich nicht, ich war neun und durfte nicht über Leben und Tod bestimmen. Ich blieb stumm. Ich lebte in Furcht. Ich stellte mir Grauenvolles vor.
Frau Brick spulte uns irgendwann in dieser Zeit einen kurzen Film über die Verteidigung der Stadtmauer im Mittelalter vor. Bröckchenweise steht die heute noch. Im Film war sie hoch, und von dort oben wurden Kübel mit kochendem Teer auf die Angreifer gekippt. Wer es trotzdem schaffte, die Mauer zu erklettern, wurde hinunter geworfen.
Ich machte mir damals natürlich keine Gedanken darüber, wie vernünftig oder eben nicht es ist, so was in der Grundschule zu zeigen. Ich war weniger erschrocken denn fasziniert. Was ich niemals zugegeben hätte, mir war schon klar, dass es normaler war, es einfach nur schlimm zu finden.
Den Film habe ich in mir gespeichert. Wie so vieles, das folgen sollte und in meinem Kopf Platz für tiefste Dämmerung beanspruchte. Ausgesucht habe ich mir das nicht, die Lust an der Angst experimentierte ungefragt mit mir.
Meine erste Beichte stand bevor, und Markus Bross aus der Parallelklasse drückte mir beim Schulgottesdienst wortlos Bonbons in die Hand. Ich wertete das als Liebeserklärung. Ich errötete zutiefst, wickelte eins aus, steckte es mir heimlich in den Mund und versteckte es unter meiner Zunge. Ich fühlte mich dabei gut. Und ich schämte mich dafür, dass ich mich gut fühlte, weil wir in der Kirche waren. Ich war mir sicher, das würde entsetzliche Folgen haben. Ich dachte an die Beichte.
Es waren Zitronenbonbons in rotem Glanzpapier. Die gibt es schon seit vierzig Jahren nicht mehr.
Der im schwarzen Schrank
Mein Großvater sagte, zu beichten sei ein Klacks, man müsse nur irgendwas erzählen, dann wäre alles in Ordnung. Ich sah das anders, nickte aber. Ich war die Stadtmauer. Die Beichte griff an. Ich hatte keinen Teer. Wie hätte ich das in Worte fassen können?
Tatsächlich kann ich nicht erklären, was es war, aber dass es schrecklich war, weiß ich. Ich war mir sicher, dass nicht der nette junge Kaplan Dommbusch in dem schwarzen Schrank stecken würde. Ich wäre auf dem Weg, und die Lichter würden ausgehen. Es wäre ganz still in der Kirche, und dann käme Orgelmusik aus der Ecke und jemand würde Kerzen anzünden. Jemand. Irgendwas. Nicht Küster Kortmann.
Mir fielen keine Sünden ein, das hat mir den Schlaf geraubt, der bei Kindern selig sein sollte. Schließlich entschloss ich mich, welche zu erfinden, kleine, harmlose zwar, aber eben keine echten.
Meine Angst vor dem Fremden im Schrank steigerte sich, weil ich mir vorstellte, er würde nach mir greifen und mich schütteln und brüllen, was sonst niemand darf: „Du lügst.“
Meine Mutter verstand mich nicht. Am Tag meiner ersten Beichte sagte sie: „Du bist ganz zappelig. Hast du was?“ Sie hätte das merken müssen, ich war entsetzt, es schien ihr egal zu sein, dass ich litt. Ich hätte ihr gern gesagt, dass ich dort nicht hingehen würde, weil ich es dann niemals wieder vergessen könnte, und sie hätte gefragt, was vergessen? Und ich hätte gesagt, dass ich das nicht wisse, aber es wäre furchtbar. Und ich hätte geheult.
Kriechen und verwesen
Nur wenige Monate später brach ich meiner Schwester den Arm. Es war ein Unfall, wir spielten auf dem Hohlweg hinter dem Hof Pferd und Wagen. Ich saß auf dem Fahrrad, die Beine hoch über dem Lenkrad liegend, sie war das Pferd an der Wäschekordel, das den Wagen zog. Das Pferd stolperte im Lauf und fiel, der Wagen fuhr ungebremst über ihren Arm. So war das. Unsere Mutter schenkte ihr zum Trost eine wunderschöne Plüschkatze, die mich neidisch machte. Eigentlich hätte sie mir auf den Schreck hin auch etwas kaufen müssen. Dachte ich. Schuld an der Sache gab ich mir nicht wirklich. Aber immerhin, sie wäre vermutlich bei oberflächlicher Betrachtung als vernünftige Sünde durchgegangen, die mich weiterhin nicht ernsthaft belastet hätte, weil es keine war, die einen ins Fegefeuer katapultiert oder direkt hinter die Mauer, wo sie alle kriechen und verwesen und die Zähne fletschen .Zu spät.
Es ärgerte mich, dass dieses Missgeschick mit meiner Schwester nicht schon viel früher stattgefunden hatte. Ich hätte es bei meiner ersten Beichte loswerden können, das wäre beeindruckender gewesen für den Mann im Schrank als der Kinderkram, den ich ihm widerwillig anvertraut hatte.
Tatsächlich überstand ich alles, ohne sterben zu müssen, aber ich fühlte mich schlecht, weil ich solch nutzloses Zeug erzählt und den Mann im Schrank hatte glauben lassen, mir sei das alles ernst. Er hatte eine freundliche Stimme, er klang wie Kaplan Dommbusch, aber ich war mir sicher, mich zu irren. Ich dachte an die Orgelmusik, und ich vermisste sie, weil sie es wahr hätte werden lassen. Was, das wusste ich nicht. Vielleicht weiß ich es jetzt. Vermutlich.
Ich habe mir längst schon angewöhnt, die Kerzen selbst anzuzünden und ausgehen zu lassen, wenn ich es will. Die Umherirrenden ruhen sich auf meinen Kirchenbänken aus. Sie dürfen beten, bevor sie fluchen.
Nach meiner ersten Beichte tat mir der Bauch weh. Meine Mutter fragte, ob es nicht der Magen sei, ich war irritiert, für mich war das gleich. Sie hatte einen Termin bei Doktor Grutthoff und nahm mich einfach mit. Er klopfte und drückte an mir, schüttelte den Kopf und fragte mich, ob ich zu viel Schokolade gegessen hätte. Er lachte. Ich mochte ihn nicht. Er starb ein halbes Jahr später an einem Herzinfarkt, meine Mutter fand das traurig. Ich nicht.
Mein Großvater behauptete, die Würmer würden die Toten fressen, und ich fragte ihn, ob sie das auch mit Doktor Gruthoff machen würden. Ich stellte mir das vor und sah ein Bild. Mehr nicht.
Ich zeichnete gern. Meine Mutter meinte, ich solle mehr hübsche Farben nehmen, das tat ich, weil es ihr wichtig war. Das Bunte gefiel mir nicht. Ich übermalte es heimlich.
Das hätte ich beichten können.
Doktor Grutthoff grifff in das bauchige Glas auf seinem Schreibtisch und schenkte mir Bonbons. Das Glas stand neben einem Schädel, der ein Aschenbecher war. Grutthoff rauchte in der Praxis, das war in Ordnung für mich, er war erwachsen wie mein Vater.
Es waren Erdbeerbonbons in geblümtem Papier, die mir nicht schmeckten. Ich warf sie in den Gulli, als meine Mutter wegsah. Schmerzen hatte ich nicht mehr. Zuhause setzte ich mich an meinen Aufsatz für Frau Brick. Ich schrieb über einen Mann im schwarzen Schrank. Meine erste Gruselgeschichte. Sie wirft immer noch Schatten in meinem Kopf. Anders geht es gar nicht. Denke ich.
Mein Billy Mahoney heißt Cordula
© Karin Reddemann
Cordula hatte acht Geschwister, trug den abgeschabten braunen Tornister ihres großen Bruders und war dürr und lang und still. Mehr wusste ich nicht von ihr. Ich mochte sie nicht, und fragt mich heute jemand nach dem Grund dafür, so würde ich genauso ratlos mit den Schultern zucken wie ich es im Alter von neun Jahren getan hätte. Ich weiß es nicht. Irgend etwas ist an diesem blassen, dünnen, scheuen Mädchen gewesen, das mich gestört hat. Mehr noch, das mich hat glauben lassen, es völlig berechtigt hassen zu dürfen.
Mag sein, dass ihre Unauffälligkeit es war, die mir ihr gegenüber dieses Gefühl der Überlegenheit gab, das ich nie gewagt hätte, zuzugeben. Ich war selbst recht schüchtern, - das bin ich immer noch, ich werde mich nicht ändern und irgendwo im unseligen Hintergrund sterben - , gehörte nie zu den Lauten, war aber sehr aufmerksam. Vielleicht witterte ich, was andere nicht wahrnehmen können, vielleicht raunte jemand mir einen Sinn zu, dessen Bedeutung nicht ausgesprochen werden darf. Vielleicht war ich auf der Suche nach irrationalen Möglichkeiten, nach Empfindungen, die mir in ihrer unvertrauten Niedertracht gefielen. Vielleicht war ich einfach nur böse.
Cordula Schmidt, Schmittke, Schmies oder wie auch immer sie hieß, - zweifellos wäre es wohl vernünftiger, den ganzen Namen nicht zu nennen, denn wer immer auch lauert, könnte mich verraten, mich holen lassen...egal jetzt, zu spät, ich habe ihn gesagt - , tat sich schwer im Unterricht. Ich sehe sie dort sitzen in der zweiten Bankreihe direkt am Fenster, vor dem eine riesige Kastanie stand, deren Äste Schatten wie dunkle, hässliche Striemen in ihr Gesicht warfen, beobachte sie, wie sie mit gesenktem Kopf aus "Erzähl mir was" vorlesen muss, stotternd, mit dem Finger über die einzelnen Buchstaben fahrend, die
Wangen fleckig rot, die Stimme so unbedeutend klein. Ich sehe sie über das Schreibpult gebeugt, sehe die grüne gestopfte Strickjacke, die kurzgeschnittenen braunen Haare, sehe ein ganz normales Mädchen und sehe mich mit meinen unschuldigen Zöpfen schweigend bezeugen, wie furchtbar sie stammelt, sehe, wie ich unwillig und gleichwohl zufrieden damit bin und sie in die Hölle wünsche.
Ich bin nicht verantwortlich für Cordulas Tod. Er ist nicht meine Geschichte, ich habe ihn nicht gerufen. Das sage ich nicht aus Trotz oder aus Angst davor, dass es tatsächlich ganz anders gewesen ist. Ich weiß auch gar nicht, ob sie wirklich gestorben ist, damals, als alle erdenklichen Sachen kursierten, die uns neugierig machten auf die Lügen der Erwachsenen. Ich habe auch eine lange, geduldige Zeit nicht mehr an Cordula gedacht. Bis mir Billy Mahoney in seinem roten Kapuzenpullover und mit diesem entsetzlichen Zorn in den Augen ihr Bild zurückgab. Ich wollte es nicht, will es nicht. Aber ich kann es nicht in der finstersten Ecke auf dem Dachboden verstauen, kann es nicht wegwerfen wie eine ausgediente schäbige Jacke, die man nie wieder tragen möchte.
Ich überlege, ob in tröstender Nähe noch jemand ist, der solch ein Bild besitzt. Noch jemand, den es unruhig macht, wenn er es genauer betrachtet. Schluckt. Fröstelt. Sich erinnert. Und auf ein Wort, ein Geräusch wartet, das erklären würde, warum es notwendig ist, das alles ernst zu nehmen. Und dann ist sie eben doch da, diese Angst, von der man nichts wissen will, weil man das Leben grundsätzlich anders verstehen sollte, ganz ohne irgendeinen Spuk aus der Vergangenheit, der einen von hinten packt und erwischt, wenn man sich nicht vorsichtig umschaut.
Dieses Bild von Cordula zeigt mich, wie ich in meinem Turnzeug, - weißes Baumwollshirt, schwarze Shorts - , auf einer Matte am Rand der kleinen Sporthalle der Elisabeth-Grundschule hocke und wimmernd meine rechte Hand halte. Neben mir steht Cordula in ihrem karierten Mantel, die zu spät gekommen ist und sich noch nicht umgezogen hat, sie steht da völlig hilflos mit erhitztem Gesicht und jammert mit ihrer winzigen unwichtigen Stimme: "Ich wollte das nicht. Das tut mir so leid. Das wollte ich nicht."
Natürlich nicht. Natürlich hatte sie das nicht gewollt. Aber sie war mir mit dem Absatz ihres derben Schnürstiefels auf die Hand getreten, ich hatte dort auf dem Hallenboden gesessen wie all die anderen. Sie war einfach zu spät dazu gestoßen. Und sie trat mir auf die Hand, kräftig, schmerzhaft, was nicht erfunden ist, versehentlich, natürlich, wirklich nur versehentlich...aber sie trat mich und ich schrie: "Das hast du mit Absicht gemacht. Weil du mich nicht leiden kannst. Das hast du extra gemacht."
Frau Kattmann, der wohl nichts Besseres einfiel, fragte: "Stimmt das?", und noch unsinniger hätte sie nicht reagieren können, aber ich nickte heulend, als wäre sie in ihrer Einfalt mein persönlicher Guru. Cordula brach gleichsam in Tränen aus, und Frau Kattmann packte ihren Arm und schüttelte sie und sagte, "Fräulein, so geht das nicht", und auch das war dumm, so dumm von ihr. Aber in diesem Moment meiner seltsamen Lust an dieser Boshaftigkeit, die uns falsch und verlogen macht, war alles richtig. Tatsächlich war mein Handgelenk gebrochen, sowas kommt vor, sowas tut weh. Und während meine entsetzte Mutter mich aufgelöst "Meine arme Kleine" nannte und mich in den Arm nahm, hörte ich Cordula flüstern: "Wenn das mein Vater hört... aber das war doch keine Absicht. Ich wollte das nicht."
Einige Wochen später fiel ich auf dem Schulhof hin und schlug mir die Knie auf. Auch sowas kommt vor. Ich behauptete, Cordula hätte mich gestoßen. Und mich ausgelacht, als ich dort lag. Am nächsten Tag zog ich ihr die Mütze vom Kopf und warf sie in die Mülltonne. Und ich sagte: "Du stinkst." Sie erwiderte gar nichts.
Michael Klemm, der in der Bank beim Malunterricht neben mir saß, meinte: "Ich glaube, Cordulas Vater schlägt die. Der Hennes hat das gesehen." Ich sah ihn nur erstaunt an und zog die Mundwinkel nach unten, wie meine Großmutter es tat, wenn etwas sie nicht interessierte: "Geschieht ihr ganz recht." Das sagte ich. Mehr nicht. Und gehört es auch zu dem Widerlichsten und Schlimmsten, was ich jemals von mir gegeben habe, so habe ich es doch gesagt. Nicht gedacht. Ich habe es gesagt und nicht gedacht, aber das macht es nicht besser. Ich habe ein scheußliches Wesen der Nacht geküsst. Es gibt so viele, die phantastisch sind. Ich wählte die Hässlichkeit. Dafür werde ich zahlen müssen. Vielleicht auch für Cordulas Tod, den ich geträumt haben könnte. Einfach erdacht, ohne meinen Kopf vernünftig zu kontrollieren. Das geschieht, das belastet. Ich glaube, jemand hat mir davon berichtet, viele Jahre später. Mag aber sein, das stimmt alles gar nicht.
Auf Cordulas Platz in der zweiten Bankreihe direkt am Fenster, vor dem die Kastanie mit den Schatten spielte, saß nach den letzten großen Sommerferien vor dem Wechsel zur weiterführenden Schule ein anderes Mädchen. Cordulas Familie war in die Nachbarstadt gezogen, ich sah sie nie wieder. Jahre später, - ich studierte längst und plante ein Leben...irgendwie - , traf ich Michael Klemm wieder. Wir hatten uns völlig aus den Augen verloren, waren überrascht, fühlten uns vertraut. Und sprachen befreiend Belangloses, bis Michael sagte: "Erinnerst du dich noch an diese Cordula? Die soll sich erhängt haben. Mit grad mal zwanzig."
Ich weiß nicht, ob er das tatsächlich gesagt hat. Ich weiß gar nicht, ob ich ihn überhaupt getroffen habe. Aber ich habe es mir notiert. Es ist eingebrannt in mir wie ein Feuerzeichen, über das nie wieder Haut wachsen wird. Ich sehe sie dort hängen am Fensterkreuz, im Dachgebälk, im Wald, wo der Wind mit ihr tanzt, und ich sehe, dass sie mich anstarrt. Sie blickt auf mich, in mich, sie sagt, "Das wollte ich nicht", und ich frage: "Warum?" Und meine mich selbst, mich allein, nicht sie, und ich fühle mich schuldig und bin verwirrt, weil das nicht richtig sein kann.
Ich habe sie nicht getötet. Ich habe nichts wirklich Unverzeihliches getan. Ich war ein Kind. Ich war einfach nicht gut zu ihr.
Ich war das, was man böse nennen kann, ohne Blut trinken zu müssen. Aber so bin ich nicht mehr. So war ich nie. Nur dieses eine Mal. Ich schwöre und hoffe, dass das so ist. Ist es aber nicht. Und wenn jetzt jemand sagt, das sei alles nicht so schlimm, nicht so schrecklich, nicht so furchtbar, dass man es mit sich tragen sollte, weil unsere einzige, diese lustvolle, schmerzhaft drückende Last leiden lassen darf, dann mag er lächelnd gehen. Ich lächle nicht.
Cordula, die meine eigene Ewigkeit nicht gnädig macht und mich vergessen lässt, ist mein Billy Mahoney. Der Junge aus Flatliners, der den Studenten Nelson Wright in seinem Totenschlaf mit einem alptraumhaften Kindheitserlebnis heimsucht. Und Rechenschaft fordert. So eindringlich, so körperlich, so erbarmungslos und furchteinflössend, dass Nelson daran fast zerbricht. Mein Billy Mahoney erinnert sich vielleicht gar nicht. Lebt. Lacht. Ist alt geworden wie ich. Aber ich bin auf der Hut.
Denn ich erinnere mich. Es macht mich traurig. Es macht mir Angst. Es hat aus mir gemacht, was ich jetzt bin.
erschienen in: Fantasyguide
Bloß nicht der Hund
© Karin Reddemann
Ich würde jetzt lieber direkt von Hachiko erzählen oder von John Preston, der seine Munition verschießt, um einen kleinen Hund zu retten. Mir fällt aber spontan diese Szene in Camp Evil ein, die mir den ganzen Film madig gemacht hat. Das ist betont salopp, aber recht gequält formuliert. Denn obgleich ich hier mit der hartgesottenen Familie spreche, die meist allzu gern der Dunkelheit die ihr zugedachte böse Nacht wünscht, weiß ich sehr wohl, was uns zornig macht: Wenn da jemand die Grenze überschreitet, das Gebot missachtet, das Tabu bricht und unsere Gefährten richtet.
Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine. (Indianisches Sprichwort)
Meine Großmutter sagte, sie habe ihren Mann nur ein einziges Mal weinen sehen. Er weinte um einen Hund. Das war in den 1960ern, mein Großvater hatte ihn durch ein Unglück verloren, das passiert war und nicht hätte passieren müssen. Ich selbst sehe ihn auf einer vergilbten Fotografie in Soldatenuniform, wie er ernst, blutjung und vielleicht ahnungslos in die Kamera blickt, neben ihm sein Begleiter, ein Schäferhundmischling, ein "großartiger Kerl, der irgendwo in französischer Erde begraben liegt". Das Bild ist fast einhundert Jahre alt, meine Großmutter war deutlich jünger als er, und irgendwann erfuhr sie wohl, dass seine Liebe nie so sehr auf Menschen gezielt hatte, wie diese es sich gewünscht hätten. Immer wünschen. So sollte es vermutlich nicht sein. Aber wer entscheidet?
Freund ist der Name eines Hundes. (Japanisches Sprichwort)
John Wick (Keanu Reeves) im gleichnamigen Film, ein Profikiller, der mit seiner Vergangenheit abschließen möchte, greift wieder zur Waffe, als eine beauftragte Schlägertruppe ihn in seinem Haus überfällt und seinen Hund umbringt. Ein Welpe, zudem das letzte Geschenk an ihn von seiner verstorbenen Frau. John Wick tötet schnell und kompromisslos, und er tötet viele. Natürlich gilt sein Rachefeldzug nicht ausschließlich dem Hund, da sind noch andere Rechnungen offen, aber was er macht und wie er es macht ist tatsächlich eine gewisse Genugtuung. Da kommt kein Mitleid auf, das läuft korrekt ab. Immerhin sind das die nicht die Guten, die draufgehen. Und immerhin haben sie den kleinen Hund ermordet.
Wick tötet zornig, schnell und viele
Die brutale Vergeltung für geschehenes Unrecht im Großen und für ihn im nur scheinbar Kleinen ist eine faire Geschichte. Und dass Wick zum Schluss in einer Veterinärklinik seine Wunden verarztet und dort einen heimatlosen Hund aus dem Käfig befreit und ihn mit nach Hause nimmt, weckt Zufriedenheit pur. Ein tröstend schönes Ende nach den Wuttränen zu Beginn und der Zustimmung, was den weiteren Verlauf betrifft.
Ansonsten hat Priorität: Wenn Klauen nach uns greifen, Dämonen spucken und Dichter schreien, bleibt der Werwolf ein kluger Kopf. Wenn wir die Augen schließen, um unsere Phantasie von eiskalten Lippen küssen zu lassen, frieren wir nicht. Wir erinnern uns. Wir schreiben es auf. Wenn die Glotzenden,die Kreischenden und die Unheimlichsten von allen, diese Stillen, Lauernden, Denkenden, nicht mehr wach sind, hören wir ihnen weiter zu, während sie träumen. Und flüstern es uns gegenseitig ins Ohr. Wir machen die Geschichten. Nur die eine nicht und niemals, diese eine wollen wir nicht erzählen.
Die Geschichte von dem Hund, der stirbt. Er ist nicht alt, er ist nicht krank, er hat auch keinen tragischen Unfall. So was geschieht. Natürlich. Wir wühlen nicht verzweifelt in der Märchentruhe, um das ein für allemal ausschließen zu können. Keine Chance. Aber wenn der Hund stirbt, ohne Not, der Sache, der Kunst, dem schlechten Geschmack zu dienen , einfach stirbt, wie wir irritiert und angewidert meinen, ohne Sinn, den wir nicht erkennen können...Wenn der Sinn auch gar nicht da ist, weil es die die Monster, die Schatten, die Irren sind, die es zu definieren und zu bezwingen gilt...
Die böse Geschichte von dem Hund, der stirbt
Dass er stirbt, sagt mein Bruder im Geiste, geht gar nicht, dass er gar leidet wie eine banale Schauer-Bestie... grauenvoll. Verabscheuungswürdig. Und er nennt seine Gesinnung.
Von mir aus können im Film alle was und wie und warum auch immer. Hauptsache, der Hund überlebt.
Der Hund in Camp Evil, einem belgischen Horrorfilm, der in einem Pfadfinderlager spielt, überlebt nicht. Für die Handlung ist er nicht unbedingt relevant, er wird zu Tode geprügelt, um zu demonstrieren, wie die Jungs im Camp sich gegenseitig ihre Art von aggressivem Mut und unlogischer Wut auf etwas völlig Unschuldiges herauslocken. Die Szene ist furchtbar. Ich werde zum Kind, das sich ein Kissen vor das Gesicht drückt, um nicht wissen zu müssen, was es nicht sieht. Es ist gar nicht da, es kann gar nicht sein.
Gleichsam überlege ich als Ewig-schon-kein-Kind mehr, was nicht stimmt. Ich lese ein Buch, - Das Ritual von Graham Masterton-, und werde mit einer kannibalischen Sekte und Selbstverstümmelung in gruseligster und unappetitlichster Ausführung konfrontiert. Muss gedanklich würgen und rege mich doch am meisten darüber auf, dass der ansonsten geschätzte Autor einen Wachhund bei lebendigem Leib verbrennen lässt. Die Wahnsinnigen fackeln ihn einfach ab. Er hat einen Namen. Gumbo. Und obgleich er nur eine winzige Randfigur ist, ist er derjenige, an den ich denke. Kein vierbeiniger Held wie der Mischling Hagen in White God. Nur irgendein Hund. Trotzdem. Und trotzdem.
In Dawn of the Dead ,dem Remake von Romero's Kultschschocker Night of the Living Dead, finden so gut wie alle den Tod. Steve, Andy, Norma, Monica, Frank...am Ende sogar der tapfere Michael, Sympathieträger wie Kenneth, Ana und ein weißer wuscheliger Hund. Die drei nebst einem jungen Pärchen kommen davon. Gut, streng genommen nicht, weil der Abspann nichts wirklich Hoffnungsfrohes verheißt, aber im Film geschieht dem Hund nichts. Obgleich er als Bote durch ein ganzes Zombie-Rudel geschickt wird. Das finde ich richtig, das gefällt mir. Das gefällt jedem aus der schrecklichen Sippe, die unsere ist. Der Hund gehört dazu. Wir verraten die Familie nicht.
Keine Beleidigung würde mich so hart treffen wie ein misstrauischer Blick von einem meiner Hunde. (James Gardner)
Der Grammaton-Kleriker John Preston (Christian Bale) verbrennt in Equilibrium die Mona Lisa und tötet seinen besten Freund, weil ihm Emotionen fehlen. Als er sie zurückerhält, erschießt er ein Dutzend oder mehr schwer bewaffnete Männer, um ein Welpe vor der Tötung zu retten. Er nimmt ihn mit, obgleich er sich damit auf das Gravierendste strafbar macht. Und als nunmehr "fühlendes Wesen" sorgt der Elite-Kämpfer dafür, dass nach all den professionellen Gemetzeln, die sich bis zum optimistischen Ende ergeben, der kleine Hund in Sicherheit bleibt. Und bei ihm und seinen Kindern ein Zuhause findet.
So ein bisschen heile Welt macht alles natürlich nicht viel besser. Es geschehen schreckliche Dinge. Darüber schweige ich nicht, ich sehe sie und weiß, dass wir uns anblicken und nicken. Ein lächelnder Satz soll hier noch stehen, dann ist's genug:
Man kann auch ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht. (Heinz Rühmann)
Irgendwas Ungutes wird passieren
© Karin Reddemann
Ich bin schrecklich. Oder völlig normal. Tatsache ist, dass ich mit mir selbst wette, was passieren könnte. Zwei Möglichkeiten sind Regelfall. Gewinnt eine dritte, habe ich etwas Furchtbares dazugelernt. Das kann nicht schaden, der Horror im Kopf will gefüttert werden.
Beispiel: Ein Psychopath entführt eine Frau, die er als sein Eigentum betrachtet. Sie sitzen nebeneinander im Auto, es regnet, es ist dunkel, sie weiß, dass er komplett wahnsinnig ist. Die Frau hat eine Tätowierung am Oberarm. Robby. Der Name ihres Ehemannes. Der Psychopath starrt darauf, hält mit quietschenden Reifen am Straßenrand an, kneift die Lippen zusammen, blinzelt in Zeitlupe, schweigt gekränkt, starrt wieder, fragt sie leise, was das, bitteschön, solle.
Sie zuckt zusammen, schüttelt ängstlich den Kopf, versucht vergeblich, den kurzen Ärmel ihres T-Shirts über Robby zu ziehen. Er wird lauter, fragt sie, was er jetzt machen solle, was, verdammt-verflucht-nochmal er jetzt machen müsse, ja, was sie denn wohl an seiner Stelle tun würde, wenn jemand ihm den Namen einer anderen Frau in die Haut gestochen hätte. Er kommt mit seinem Gesicht näher, der Blick flackert, er lächelt falsch, er brüllt. Sie stöhnt auf, schluchzt, weicht zurück. Er sieht sie an. Diese Augen. Was passiert?
Ich überlege kühl. Wäre ich er...ich könnte die Tätowierung mit dem Zigarettenanzünder ausbrennen. Sie zumindest unkenntlich machen. Ich könnte sie ihr auch mit einem scharfen Messer wie ein Stück Filet aus dem Arm schneiden. Oder aber heraus beissen, kauen, ausspucken. Fressen, schlucken. Ich könnte auch Nerventerror betreiben. Kalt
fixieren, nicht rühren. Nervös machen. Angst machen. Nur schrecklich große Angst machen und vorerst passiv bleiben. Und dann vielleicht...
Ende. Der Kerl hat zugebissen. Die Frau schreit auf. Es klingt grauenvoll. Sein Mund ist blutverschmiert. Sie wimmert, er nickt zufrieden. Tätschelt sie wie ein kleines Kind. Schtscht, es ging nicht anders.
Schlimm, sowas. Aber keineswegs unüblich. Ich habe damit gerechnet. Und wäre enttäuscht gewesen, wenn so gar nichts geschehen wäre. Gelangweilt auch.
Verbleibt die Frage, ob ich kaltschnäuzig und irgendwie verroht bin oder einfach nur auf schaurigem Terrain bebildert und erfahren. Immerhin erschreckt es mich selbst immer noch auf annehmbare Art, wenn ich mir beim Lesen, Lauschen oder Schauen vorstelle, wie eine finstere Situation sich weiter entwickelt, und dann geschieht exakt eine der bösen Abartigkeiten, an die ich gedacht habe. Das ist grundsätzlich kein harmloses Gedankenspiel, da zieht man die Figuren mit zittrigen Fingern und erwartet mit berechtigter Befürchtung, dass sie geschlagen werden. Was sich tatsächlich abspielt, erfreut mich natürlich nicht. Ich bin nicht pervers. Es bestätigt mich nur. So soll es auch sein. Sonst wäre es kein Horror. Kein echter. Kein guter.
Nehmen wir diese Szene. Der Irre mit dem Skalpell beugt sich über den Fixierten, fährt ihm fast zärtlich mit der Hand durchs Haar, flüstert. "Weißt du, was ich mit dir machen werde?" Der angeschnallte Mann ist unbekleidet, der Raum ist grell erleuchtet. Ich sehe in die Augen des Irren, ich sehe in die des Nackten. Und ich sehe, was jetzt gleich passiert. Passieren könnte. Wird. Es sind grauenvolle Momentaufnahmen, es klickt bestialisch in meinem Kopf. Ich genieße das nicht. Ich akzeptiere es. Weil es dazugehört. Ich bin kein schlechter Mensch. Während ich schreibe, kraule ich meine Hunde. So weich, warm und lebendig.
Wie das Känguru, das unser Psychopath, der die tätowierte Frau entführt hat, in einem Schultertuch mit sich herumträgt. Ein Jungtier. Er spricht mit ihm, füttert es, streichelt es. Bis er ausrastet. Er regt sich über die Frau auf, die ihm nicht die gewünschte Zuneigung schenkt, über seinen Vater, den er ermordet hat: Selbst Schuld, selbst Schuld...Er flucht und schreit und hält das Tuch wie eine Schleuder, und ich weiß, dass er das winzige, unschuldige Känguru töten wird. Er schlägt es gegen die Wand. Wieder und immer wieder.
Auch das habe ich erwartet. Weil ich das Furchtbare ticken höre. Nicht ich allein. Ihr hört es auch. Ihr Eingeweihten, die keine wirklichen Erklärungen brauchen.