Killer

Arsen ohne Spitzenhäubchen

Fritz Honka: Suff, Schmutz und Sünde

Donato Bilancia: Missionar des Todes

Bonnie and Clyde: Natural Born Killers

Delphine Lalaurie - Furchtbare Frau

Ed Gein: Der echte "Norman"

Fritz Haarmann: Der Totmacher

Monster: Die Geschichte der Aileen Wuornos

Jeffrey Dahmer: Psychopath. Serienkiller. Kannibale.


Arsen ohne Spitzenhäubchen

© Karin Reddemann

Arsen und Spitzenhäubchen hätte es vielleicht ohne die Giftmörderin Amy Archer-Gilligan nie gegeben. Wie gut und wahrlich mehr als gut, dass Joseph Otto Kesselring ihre Geschichte kannte.

Keine schöne Geschichte. Vom Grundsatz her wenig witzig, da es die einer Serienkillerin ist. Ein bisschen schwarzhumorig freilich schon. Das bleibt aber (moralische?!) Ansichtssache. Allemal, Kesselring, freiberuflicher Autor und Bühnenschriftsteller (1902 – 1967), las über das böse, nicht mehr ganz so taufrische Mädchen Amy und schrieb eine Komödie mit imposanter Sahnehaube. Giftspritzer als I-Tüpfelchen. Ein Theaterstück, das weltberühmt wurde: Arsen und Spitzenhäubchen, im Original Arsenic and Old Lace, uraufgeführt 1941 am Broadway und derart erfolgreich, dass der noch im selben Jahr von Frank Capra gedrehte gleichnamige Spielfilm mit einem phantastisch-köstlichen Cary Grant als Mortimer Brewster sozusagen verpflichtend erst 1944 in die Kinos kam. Ein begeisterter Kritiker dazu:

„You wouldn't believe homicidal mania could be such fun!"

Ganz weit weg vom Broadway

Was für ein grenzenloser Spaß! Zweifellos. Und Amy? Die war weit weg. 1944 saß die Inspiration des so herzig-witzig Makabren bereits seit zwanzig Jahren in der staatlichen Nervenheilanstalt in Middleton, Connecticut, wo sie 1962 starb. Mit zweiundneunzig. Insofern bescherten ihr Gott und Teufel wohl gleichsam noch ein langes Leben: Die so brav erscheinende, so treuherzig blickende Amy wurde nicht, wie grundsätzlich wohl irgendwie verdient, hingerichtet, sie verbrachte die Zeit bis zu ihrem Tode auch nicht hinter gestrengen Gittern, sondern fristete ihr (großes) restliches Dasein als "unheilbar Geisteskranke".

 

Deutlich liebenswerter als Amy, aber ähnlich irre abgedreht sind Abby und Martha Brewster, Mortimers Tanten, die eine "a darling Lady in her sixties", die andere "a sweeet elderly woman with Victorian charm". Sie vergiften (insgesamt 12!) ältere einsame Herren, die sich als Untermieter bei ihnen vorstellen, mit ihrem Brombeerwein, tüchtig gemixt mit Arsen, um sie "Gott näher zu bringen".

Dieser fromme Wille, zwar arg missinterpretiert, aber durchaus vorhanden, fehlte Amy Archer-Gilligan so gänzlich. In der Hauptsache vergiftete sie, um sich zu bereichern. Insofern sei die Anno-dazumal-Frage der New York Times, - Schlagzeile: „Whatever went wrong with Amy?“ - , auch simpel beantwortet: Geldgier war es, die der ansonsten so harmlos normal gestrickten Frau den falschen Weg wies. Den einer Serienkillerin.

Die Geschichte der Amy Archer-Gilligan liest sich bis zu ihrem einundvierzigsten Lebensjahr prinzipiell völlig unspektakulär: Sie wurde 1869 in Connecticut geboren, hatte neun Geschwister, heiratet mit dreiundzwanzig James Archer und brachte Tochter Mary zur Welt. 1901 zogen die Archers als Pflegekräfte im Haus des Witwers John Seymor ein, das dessen Erben nach seinem Tod 1904 zu einem Wohnheim für Senioren umfunktionierten. Die Archers durften bleiben, versprachen, sich zu kümmern, wurden dafür entlohnt und nannten das Haus zukünftig "Sister Amy's Nursing Home for the Eldery".

Sister Amy hatte freilich nie eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Großartig geprüft wurde das wohl nicht. Als 1907 das Haus verkauft wurde, zog Amy mit Mann und Tochter nach Windsor, Connecticut, und leitete dort ein eigenes Pflegeheim, das "Archer House" für Alte und Gebrechliche. 1910 verstarb James, offiziell an Nierenversagen; einige Wochen vor seinem Tod war eine recht hohe Lebensversicherung auf ihn abgeschlossen worden. 1913 heiratete Amy den achtundfünfzigjährigen Heimbewohner Michael W. Gilligan, einen Witwer mit vier erwachsenen Söhnen, der ein knappes Jahr später starb, Diagnose Gallenkolik. Er hatte ihr alles vermacht.

Schwester Amy sah, tat's und erbte

Im Mai 1914, also kurze Zeit später, brach Franklin R.Andrews, ein rüstiger, gesunder Mann von Anfang sechzig, urplötzlich zusammen und verschied, angeblich an einem geplatzten Magengeschwür. Dessen Schwester Nellie wurde misstrauisch, meldete die merkwürdigen Umstände, wie sie befand, der Polizei. Den Tag über hatte Andrews noch fleißig im Garten gearbeitet, sie kannte ihren Bruder auch nur fit und Beschwerdefrei.

Für Amy lief es nichtsdestotrotz noch ordentlich: Sie wurde in seinem Testament bedacht, wie auch in den Testamenten von neun Heimbewohnerinnen, die gleichsam weder sonderlich krank noch wirklich alt gewesen waren, die aber innerhalb kürzester Zeit nacheinander starben. Es wurde gemunkelt, Sister Amy habe die Leute beschwatzt, ihr Geld zu hinterlassen im Fall des, nun, irgendwann bevorstehenden Falles. Und es wurde direkt gesagt, dass da irgendwas ganz und gar nicht mit rechten Dingen zuginge. Arsen, das Amy reichlich deponiert hatte, war nach ihrem Bekunden für die Ratten gedacht. Eine Plage, wie sie meinte.

Sechzig (!) Todesfälle waren bereits seit Eröffnung des Archer-Hauses im Jahr 1907 zu vermelden, davon achtundvierzig in der Zeit von 1911 bis 1916. Die Skepsis wuchs, man schleuste von behördlicher Stelle heimlich einen Ermittler im Heim ein. Im Mai 1916 lautete die Schlagzeile in der auflagenstarken Tageszeitung Hartford Courant:

„Police Believe Archer Home for Aged a Murder Factory."

Das Archer-Haus eine Mordfabrik? Man ahnte, befürchtete, vermutete stark. Man benötigte Beweise. Sechs Leichen wurden exhumiert: Die von Michael Gilligan, James Archer, Franklin R. Andrews, Hilton Griffith, Alice Gowdy und Maud Lynch. In allen wurde Gift gefunden. Mehr Tote grub man nicht aus, warum auch immer, mag sein, man dachte, das genüge für die Überführung einer Serienmörderin. Immerhin standen noch fünfzehn weitere Personen auf der Liste, die überprüft hätten werden können. Das wurde nicht gemacht,und hier wurde wohl gefehlt:

Erheitert? Vielleicht besser nicht

Unfassbar irgendwie, aber tatsächlich nachweisen konnte man Amy Archer-Gilligan, 1917 angeklagt wegen sechsfachen Mordes, einzig den Mord an Andrews. Sie wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und kam in das Gefängnis in Wethersfield. Sechs Jahre blieb sie dort, immer wieder heimgesucht von "nervösen Anfällen", wie es heißt, bis man ihr letztendlich eine Geisteskrankheit ohne Chance auf Heilung attestierte und sie 1924 nach Middleton in die "Irrenanstalt" brachte. Dort verbrachte sie die restlichen achtunddreißig Jahre ihres Lebens.

Man darf die Phantasie schweifen lassen: Hat sie vom Broadway gehört? Von Kesselring, Capra, Cary Grant und den so allerliebst mordenden Brewster-Schwestern? Wer weiß, wie weit weg vom Weltlichen sie wirklich war. Vielleicht hat es ihr ja jemand erzählt. Und sie hat genickt. Gelächelt? War gar erheitert? Vielleicht doch besser nicht.

erschienen in Fantasyguide


Fritz Honka: Suff, Schmutz und Sünde

© Karin Reddemann

Fritz Honka war weder optisch noch mental der Mann, dem verklärte Frauen Liebesbriefe in die Zelle geschickt hätten. Krumme Körperhaltung, kaputte Zähne, Schielen, Hasenscharte. Honka war ungepflegt, jähzornig, Frauen verachtend, Alkoholabhängig, sexuell zutiefst gestört und ungebildet. Da war nichts wirklich Erfreuliches an ihm.
Sein Leben war Schattendasein. Sein Kopf war finster. Und seine Morde waren schmutzig und grausam. Da bleibt kein Platz für Licht. Vielleicht aber für eine absolut ehrliche Geschichte.

Fatih Akins Film „Der Goldene Handschuh“ (2019) nach dem Roman von Heinz Strunk, eine Milieustudie aus der finstersten Ecke des Tatsächlichen mit einem perfekt ungeschönten Honka, nennen Kritiker einen „Schocker“. Wirksam und krass in der Darstellung. Einige schütteln sich verbal und bezeichnen ihn als würdelos, schmerzhaft und eklig, für andere ist er das gelungen düstere Porträt eines Serienkillers ohne jegliche Romantisierung, wie sie bei einem Ted Bundy vielleicht sogar als irgendwie echt empfunden werden könnte.

Tränenlied und Säge

Dass Fritz Honka, der Prostituiertenmörder aus Hamburg-Ostensee (1935 - 1998), im Dezember 1970 bei sentimentaler Schlager-Musik sein erstes Opfer, die 42jährige Gertrude Bräuser, zerstückelte, bleibt des Regisseurs eigene freie Wahrheit. Könnte so gewesen sein. Vielleicht war es ein anderes Lied. Nicht Adamos Reise der Träne. Vielleicht war auch das entsetzliche Kratzen und Schaben der Säge das einzige Geräusch in der vermüllten kleinen Dachwohnung, deren Wände Honka vom Fußboden bis zur Decke mit Bildern nackter Mädchen tapeziert hatte.

 

Im Film weiß Fritz Honka (Jonas Dassler) anfangs nichts so recht, wohin mit der Leiche. Er könnte sie in den Müllsack stecken. Nur wie? Und den dann durch das Treppenhaus wuchten? Der schmächtige Mann mit Schnauzbart und Brille starrt auf die tote Frau, entkleidet sie schließlich, trinkt seinen billigen Schnaps, schaltet den Plattenspieler ein. Adamo singt: „Es geht eine Träne auf Reisen...“. Honka steckt sich die Zigarette zwischen die Lippen, setzt die Handsäge an.

Der Filmtitel Goldener Handschuh, Name einer im Abseits gelegenen Kiez-Kneipe, in der Fritz Honka verkehrte und die heute als eine Art Schauer-Kultstätte gilt, - über dem Eingang prangt ein Schild mit der süffisanten Willkommens-Aufschrift „Honka Stube“ - , steht für den brutalen, illusions- und schonungslosen Alltag der Gescheiterten. Die Verlorenen, vom Schicksal und von der Gesellschaft Getretenen sind die Akteure. Einer von ihnen: Der Serienkiller Honka, dessen Geschichte im Mittelpunkt steht.

Fritz Honka: Ein Heimkind ohne echte Nähe und Perspektiven, Hilfsarbeiter aus dem Osten, zweimal mit derselben Frau verheiratet, - er hätte viel mehr Sex von ihr verlangt, erklärte er später - ,nach der zweiten Scheidung von ihr in den Westen gegangen, Gelegenheitsjobs auf Bauernhöfen getätigt, schließlich in der Millionenstadt Hamburg gelandet. Das Geld, das er als Nachtwächter in einem Wasserwerk verdiente, gab er auf der Reeperbahn aus, in den billigen Rotlicht-Kaschemmen auf St. Pauli, in denen die Übriggebliebenen ihren Platz hatten und sich mit Fusel die Welt irgendwie anders tranken. Heiler, fairer, leichter. Oder noch schlechter.

Gesellschaft alter Huren

Er war wohl ein Eigenbrötler. Aber allein in seiner ärmlich eingerichteten Zwei-Zimmer-Mansardenwohnung wollte er auch nicht bleiben. Er suchte Gesellschaft bei den „alten Huren, die keine Freier mehr bekommen“, wie er es im Verhör nach seiner Festnahme im Juli 1975 ausdrückte, die hätten kaum Geld gekostet und wären nach reichlich Bier und Schnaps zu allem bereit gewesen.

Wie Gertrude Bräuer, eine St.-Pauli-Prostituierte, die zwar erst zweiundvierzig war, deren gute Tage aber lange schon vorbei waren. Wenn sie denn wirklich gute erlebt hatte. Vom Leben hart gezeichnet waren sie alle, die sich in den zwielichtigen Lokalen trafen, die irgendwie Vorhölle waren und trotzdem Hort der Sehnsucht und des Trostes. Man betrank sich, während die Juke-Box ihre Schmalz-Schlager ausspuckte. Und man nickte sich zu. So war das. So sollte es sein.

Honka nahm Gertrude Bräuer „für ein paar Mark“ und einige weitere Schnäpse in dieser Dezembernacht 1970 mit zu sich nach Hause. Dort erwürgte er sie, wohl voller Wut, wie er sich im Verhör erinnerte, weil sie den Sex mit ihm plötzlich ablehnte. Und herumschrie, was ihn wegen der Nachbarn sorgte. Die Tote versteckte er vorerst im Stauraum neben der Küche, holte sie aber wegen des immer penetranter werdenden Leichengeruchs wieder hervor und zerstückelte sie mit einem Schlachtermesser und einer Handsäge. Den Kopf der Frau fanden spielende Kinder einige Wochen darauf auf einer Baustelle in der Nähe des Haues, in dem Honka lebte.

Der ermordete in den Folgejahren drei weitere Frauen aus dem Milieu, die 54jährige Anna Beuschel, die 57jährige Frieda Roblick und die 52jährige Ruth Schult, „die altgewordene Nutten“, wie Honka sagte, die einem für lächerlich wenig Geld den Himmel auf Erden versprechen, wenn sie genug Alkohol kriegen.

Solche Frauen waren es laut seiner Aussage ausschließlich, die ihn in der Zeit von 1970 bis 1975 nach den Kneipenbesuchen nach Hause begleiteten. Und immer war er zutiefst enttäuscht. Sie hätten ihn alle nur ausnehmen und beklauen wollen, sagte er, und einfach nur Sex, wie er ihn hätte haben wollen, hätte er nicht bekommen. Verbleibt tatsächlich die Frage, warum Honka nicht deutlich mehr Frauen getötet hat. Seine vier Opfer hatten vielleicht einfach nur das hundsmiserable Pech, zum ungünstigsten Zeitpunkt am ungünstigsten Ort mit einem frustrierten, wütenden Mann zu sein.

Auf dessen Spur brachte die Polizei ein bloßer Zufall: Wegen eines Brandes im Haus Zeißstraße 74 wurden auch der Dachboden und Honkas Wohnung in dessen Abwesenheit (er hatte Nachtschicht) durchsucht. In der wohl ziemlich versifften Wohnung wunderten sich die Beamten über den widerlichen Geruch, suchten nach der Quelle und fanden im Stauraum ordentlich verschnürte blaue Müllsäcke mit verstümmelten und verwesten Leichenteilen. Die „Reste“ von Anna, Frieda und Ruth. Erwürgt und zerlegt.

Netter Patient „Fiete“

Das Schwurgericht Hamburg verurteilte Fritz Honka am 20. Dezember 1976 zu einer Freiheitsstrafe von fünfzehn Jahren mit anschließender Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Im Alter von 63 Jahren starb Honka, der zum Pflegefall geworden war, 1998 in der Hamburger Nervenklinik Ochsenzoll. Eine Pflegerin erinnerte sich in einem Zeitungsbericht über den Patienten Honka an „Fiete“ als einen netten, harmlosen Kerl.

Einen, dem die Tränen in die Augen schießen, wenn aus der Juke-Box in der Kiez-Kneipe Heintjes „Du sollst nicht weinen“ erklingt? Irgendwie wollen wohl alle heulen, als das in Faith Akins Der goldene Handschuh geschieht. Filmbeobachter finden die Herz-Schmerz-Liebe-Leid-Schlager der 1970er, - wie in der eingangs geschilderten Szene Adamos Schnulze - , als Begleitung grausamer Bilder entweder verstörend, geschmacklos oder den reellen Nerv treffend. Es scheint aber allemal zu passen.

Sich vorzustellen, dass Serienkiller wie Bundy, Dahmer, Gacy... ganz normal nach und vor ihren Morden Käsebrote aßen, Nachbarn grüßten, Hunde streichelten, in Zeitschriften blätterten und Jazz oder Rock oder eben Schlager hörten, macht aus ihnen die Menschen, die sie waren. Keine Horrorgestalten. Keine Monster. Und das ist grundsätzlich noch viel schlimmer.


Donato Bilancia: Missionar des Todes

© Karin Reddemann

Die italienische Presse gab Donato Bilancia noch andere unheimliche Namen. Man dachte an Blutrache, an Vendetta. An Verschwörung und Vergeltung jeglichen mysteriösen, düsteren Kalibers. Man nannte ihn: Massenkiller der Mafia. Vollstrecker der Mafia. Missionar der Mafia. Das war, bevor der Mann, auf dessen Konto siebzehn Leichen und ein versuchter Mord gehen, nach seiner Festnahme 1998 im Hafen von Genua frank und frei verkündete:

„Ich weiß gar nicht, warum ich das alles getan habe. Ich ging aus dem Haus und nahm mir vor, zu töten. Es ist wohl so, dass ich ein kranker Mann bin.“

Allen vorangegangenen Spekulationen, möglichen Motiven und tiefgründigen Befürchtungen zum Trotze: Donato Bilancio, nach dem in ganz Italien gefahndet wurde, war kein Auftragsmörder. Kein Professioneller, der eiskalt seinen unkommentierten Job erledigt. Kein finsterer Rächer.

Der Süditaliener, der im Norden des Landes lebte, zwischendurch als Mechaniker oder auch Barkeeper jobbte, meist aber arbeitslos und zudem hoch verschuldet war und der ständig an Spieltischen in edlen Casinos sein Glück versuchte, wird als geltungssüchtig und überheblich, gleichwohl mit jenem gewissem Charme versehen beschrieben. Durchaus auch als „Frauenliebling“. Aber mitnichten war er der klassische Gangstertyp.

Bis zu seinem ersten Mord im Oktober 1997 hatte Bilancio keine einzige noch so geringfügige Gewalttat begangen, war sozusagen ein unbeschriebenes Blatt. Laut eigener Erklärung war er ganz einfach nur ein psychisch gestörter Mann, der plötzlich damit begann, Menschen zu töten. Weil da dieser böse Drang in ihm war. Zwanghaft. Unkontrollierbar. Und nicht logisch definierbar für ihn, der zwar all die Morde unverblümt gestand, sie aber mit der Erklärung rechtfertigte, wirklich ernstzunehmend krank zu sein.

„Ich verlange, dass man mich behandelt!“

Als man wusste, dass Donato Bilancio keineswegs für die Mafia, sondern für seine persönliche grundlose Berufung mit völlig verstörter Sichtweise „arbeitete“, tauften die Medien ihn um in „Das Monster von Ligurien“. Damit war fett und eindeutig unterstrichen, was Bilancio, der im reifen Alter von 46 Jahren sozusagen sprichwörtlich über finstere Nacht zum Serienmörder wurde, tatsächlich bewogen hatte: Bestailische Ignoranz dem Leben Anderer gegenüber und eine animalische Gier darauf, sich als potenzieller Todbringer beweisen zu können. Und diese keineswegs in ihren Wurzeln derart krank, dass man den Täter letztendlich wegen Unzurechnungsfähigkeit oder verminderter Schuldfähigkeit in der Psychiatrie hätte unterbringen können. Oder wollen. Bilancio, heute ein 68jähriger Mann, sitzt im Gefängnis von Padua, das er erst verlassen wird, wenn man ihn hinausträgt. 13Mal lebenslänglich hat er 1999 bekommen: Eine Strafhöhe, die in Italien nur noch gegen Mafiabosse verhängt wird, die des Mordes (tatsächlich!) überführt werden.

Hass auf Frauen: Das „Monster von Ligurien“

Bilancio, dem Jahre zuvor in einem psychiatrischen Gutachten „Hass auf alle Frauen“ attestiert worden war, erzählte, von Mutter und Tante als Kind und heranwachsender Jugendlicher ihn peinlich und sexuell beschämend behandelt worden zu sein, was ihn zeitlebens gehemmt und wütend gemacht hätte. Er war nie verheiratet, pflegte auch keine engeren Beziehungen zu Frauen. Sein erstes Opfer war freilich ein Mann, sein Freund Giorgio Centenaro, den er aus Wut erschoss über ein manipuliertes Kartenspiel, das er haushoch verlor. Zu Unrecht, wie er korrekt befand. Grund genug, ihn zu töten. Wie er meinte, ohne die spontane Umsetzung des Gedankens konkret erklären zu können.

Anschließend sollte Maurizio Parenti, ein zweiter Freund, gleichsam am Betrug im Casino beteiligt, dran glauben. Bilancio suchte umgehend nach Centenaros Tod mit seinem Revolver Kaliber 38 in der Jackentasche das Haus von Parenti auf und drückte ab. Skrupellos erschoss er ihn und seine Frau. Diese Nacht ohne Gewissensbisse hat ihn dann wohl auf den Geschmack gebracht. Dreimal hatte er getötet, und es war ihm leicht gefallen. Er machte weiter. Ein Juweliers-Ehepaar folgte, hier waren es auch die Wertsachen im Safe, die zusätzlich lockten. Er erschoss innerhalb kürzester Zeit vier Prostituierte, zwei Geldwechsler, - gleichsam lohnenswerte Beute für ihn - , und drei Nachtwächter, die ihm über den Weg gelaufen waren. Den ersten..„...brachte ich um, weil ich Nachtwächter nicht mag.“

Leichen im Zug: Zufallsopfer

Als dann zwei Frauenleichen auf Zugtoiletten gefunden wurden, breitete sich echte Panik in der Bevölkerung aus. Die erschossenen Frauen waren augenscheinlich echte Zufallsopfer, Zivilpersonen mit völlig normalem Hintergrund, die das Pech gehabt hatten, in den falschen Zug zu steigen und dort die Toilette aufzusuchen. Beobachtet und verfolgt von Bilancia, dem die Frauen schlichtweg nicht passten und die er per Kopfschuss hinrichtete. Vielleicht, weil sie ihn zuvor angesehen hatten, wie er nicht angesehen werden wollte. Vielleicht, weil sie in seinen Augen ein Nichts waren.

„Wir wollen dieses Dreckstück sehen!“

Überführt wurde Donato Bilancia letztendlich auch durch seine DNA an achtlos weggeworfenen Zigarettenstummeln, die an den Tatorten aufgesammelt worden waren. Vor Prozessbeginn ließ Biancia verlauten, er wolle seine Privatspäre geschützt wissen und die Gerichtsverhandlung deshalb von seiner Zelle aus via TV verfolgen. Die Bevölkerung war empört, zumal Biancia noch betonte, es würde ihn psychisch belasten, von den Angehörigen seiner Opfer „begafft“ zu werden. Man schrie nach Biancia: „Wir wollen dieses Dreckstück sehen.“

Die Staatsanwalt forderte für den des 17fachen Mordes angeklagten Biancia 13mal lebenslänglich, plädierte höchst emotional und sprach im wahrsten Sinne des Wortes im Namen eines schockierten Volkes, das höchste Ahndung und Gerechtigkeit verlangte. Die Menschen waren aufgebracht, die unfassbar sinnlosen Taten eines der „schlimmsten Serienkiller“ Italiens hatte das Land erschüttert. Die Richter schlossen sich den Anträgen der Staatsanwaltschaft in allen Punkten an. Nicht der Hauch einer Chance bestand für Biancia, der als „Musterhäftling“ galt, irgendwann einmal wieder in Freiheit sein zu dürfen. Er starb 2020 hinter den Gefängnismauern in Padua.

Seinem enormen Geltungsdrang schmeichelte eine italienische Fernseh-Mini-Serie, „Ultima Pallottela“ (Letzte Kugel), in der seine Morde thematisiert wurden. Skandalös wurde es, als Biancia für die beliebte TV-Sendung „Domenica In“ interviewt wurde und Gelegenheit bekam, sein unglaubliches Geständnis vor der gesamten Nation zu wiederholen:

„Ich weiß es nicht, warum ich mordete. Genauso gut hätte ich mich dazu entschließen können, in ein Restaurant zu gehen.“

erschienen in Fantasyguide


Bonnie and Clyde: Natural Born Killers

© Karin Reddemann

Sie waren verliebt. Übermütig. Ungehemmt. Gewissenlos. Und de facto eiskalt. Sie waren Killer-Paare. Frederick und Rosemary West, Alvin und Judith Neeley, Gerald und Charlene Gallego, Alton Coleman und Debra Brown. David John und Catherine Margret Birnie. Sie gingen als Sunsetstrip Slayers, als Love Slave Killers, Moorhouse Murders, Nightrider and Lady Sundown in die Kriminalgeschichte ein.

Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Chestnut Barrow, am 23. Mai 1934 nach gründlich hinterlegter Blutspur, - 14 Morde gingen auf ihr Konto-, am Black Lake in Lousiana von Kugeln durchsiebt, wurden weniger reißerisch betitelt. Ihre Vornamen genügten.

Des Teufels Kinder lachten den Tod aus

Und nachdem Hollywood 1967 ihrem legendären Ruf als des „Teufels schöne Kinder, die den Tod auslachten“, - Bonnie and Clyde were pretty looking people, but I can tell you, people, they were the devil's children...they used to laugh about dying... (Georgie Fame, 1968, Lied: The Ballad of Bonnie and Clyde) -, glamourös Tribut gezollt hatte mit Warren Beatty und Faye Dunaway als berühmt-berüchtigtes Barrow-Duo, kannte die Welt sie.

Die stellte beim Kinobesuch fest, dass es nicht abartig sein muss, vor allem gut aussehende Mörder zu lieben. Wenn sie auf ihre spezielle Art so großartig natürlich und, tja, fast schon ins Herz zu schließen sind.

Bonnie und Clyde‘ ist ein Meilenstein der amerikanischen Filmgeschichte, (…) schonungslos brutal, von Sympathie erfüllt, abscheulich, witzig, herzerweichend und unfassbar schön. Wenn es scheint, dass diese Begriffe nicht zusammenpassen, liegt es vielleicht daran, dass Filme selten die ganze Bandbreite menschlichen Lebens zeigen.(Roger Ebert, Chicago-Sun-Times, 1967)

Treffer für Regisseur Arthur Penn, der den Stoff, aus dem die echten Tag-Träume sind, oft verarbeitetes Thema in Literatur, Theater, Film, drei Jahrzehnte nach Fritz Lang mit „Gehetzt“ (1937, in den Hauptrollen: Henry Fonda und Sylvia Sidney) mit sensationellem Erfolg auf die Leinwand brachte. Kultstatus ist längst erreicht, die charmante Vorstellung seiner Bonnie blieb bis heute haften, höflicher und direkter geht’s nicht:

„Ich bin Miss Bonnie Parker, und das ist Mr. Clyde Barrow. Wir rauben Banken aus."(Faye Dunnaway im Film)

Gewalttrip: Outlaws ohne Gewissen

Bonnie und Clyde - zwei rebellische Outlaws in der Zeit der Weltwirtschaftskrise auf ihrer fast unbekümmerten Gewalttour durch den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten haben es geschafft, sich ein beachtliches Stück Unsterblichkeit zu stehlen. Teils auch gemeinsam mit Komplizen wie Clydes Bruder Buck und dessen Frau Blanche überfielen sie Tankstellen, kleinere Banken und Lebensmittelgeschäfte, erschossen Unschuldige, wurden gehetzt von Polizei und Presse. Gefürchtet. Insgeheim auch bewundert.

Weil sie verkörperten, wonach so mancher sich vergeblich sehnt: Den absoluten Zusammenhalt. Wir gegen den Rest der Welt. Auf ewig mein und dein.

Bonnie Parker, ein gescheites texanisches Mädchen, das Gedichte, Abenteuer und wilde Kerle mochte, - mit sechszehn heiratete sie Roy Thornton, der kurz nach der Hochzeit für einige Jahre hinter Gitter wanderte -, starb blutjung an der Seite ihres Geliebten. Kennen gelernt hatte sie ihn 1930, da war sie grad zwanzig und bereit, sich in irgendein Leben zu stürzen , das ihr altes in den Schatten stellen sollte. Sie befreite mit Gewalt Clyde, der wieder mal einsitzen musste, aus dem Gefängnis und wurde seine Gangsterbraut. Keine, die passiv auf ihren Helden wartete. Sie war eine, die dabei war. Und die es genoss, eine gefährliche Frau zu sein.

Clyde, nur knapp zwei Jahre älter als sie, bescheiden aufgewachsen, im Knast sexuell missbraucht, zornig auf alles und jeden und aufgrund seiner frühen Karriere als Kleinganove, der rasch das Töten lernte, bereits ein abgezockter Gangster, war schwer begeistert von dem Rummel und der Hysterie um seine und Bonnies Person. Überall wurden sie gesucht, entwischten, machten weiter, erbeuteten Geld, töteten, liebten sich irgendwo und luden ihre Waffen.

Unendliche Geschichten bleiben Märchen

Fühlten sich herrlich überlegen und ahnten natürlich doch, dass unendliche Geschichten Märchen bleiben. Mit ewig hartem Touch: Hand in Hand war gestern und vorbei. Sie wurden getrennt beerdigt. Schon traurig. Irgendwie.

Das spektakuläre Ende im Patronenhagel hätte ihnen vermutlich sogar gefallen. Clydes kostbar gehüteter Ford V8, Baujahr 1932, wurde von den Fahndern mit 167 Kugeln aus automatischen Waffen, Schrotflinten und Pistolen durchlöchert. In den toten Körpern von Bonnie und Clyde, die, gleichfalls filmreif, verpfiffen und in eine Falle geraten waren, zählte man jeweils ca. 50 Einschüsse. Das waren hundert Prozent in knallharter Vollendung.

Dieser finale Trommelwirbel fehlt bei den Natural Born Killers. Mallory und Micky Knox ballern sich in rasantem Tempo lustvoll durch den 1994 gedrehten, absolut sehenswerten Bonnie-and-Clyde-Zögling, um zu guter Letzt gemütlich nebeneinander auf der Couch zu landen. Nicht, ohne vorher gründlich erklärt zu haben, warum es ist, wie es ist.

„Jeder Mensch hat den Dämon ins sich, der Dämon lebt in uns, unser Hass ist seine Nahrung. Totschlag, Vergewaltigung, er benutzt unsere Schwächen und Ängste, und es überlebt nur das Böse. Uns allen ist gesagt worden, das wir verkommene Scheiße sind, seit wir angefangen haben zu atmen, und nach 'ner Weile wird man dann irgendwie richtig böse."

So rotznasig. So schön. So tödlich.

Böse werden sie. Bringen allein in einer Woche 52 Menschen um. Werden zu Medienstars. Sind glücklich damit. So verdammt rotznasig. So schön. So tödlich. Die süße, freche Mallory (Juliette Lewis) und der coole, schnelle Mickey (Woody Harrelson): Bonnie and Clyde in neu, massgeschneidert für eine abgebrühte, trotzige, ichbezogene Gesellschaft?  Zumindest solch ein Satz wirft weg, was um Moral bettelt:

„Das ist doch nur Mord, Mann. Alle Kreaturen Gottes tun das.“

Mallory und Mickey tun es exzessiv. Wie alles, was sie verbindet und doppelt stark, doppelt einig macht. Oliver Stones explosive Regiearbeit nach einer Story von Quentin Tarantino ist eine brutal phantastische Erzählung, deren Dramatik zwischen Kunst und Realität, Lust und Hass balanciert.

Die beiden Hauptfiguren sind ausgesprochen attraktiv, völlig füreinander entbrannt und werden für ihre Mordorgien mit einem öffentlichen Interesse belohnt, das sie, - berechtigt durchaus -, glauben lässt, echte Stars mit einer Riesen-Fangemeinde zu sein. Dieses Interesse ist auch für Bonnie und Clyde in der edlen Penn-Verfilmung von 1967 immens wichtig.

„Wenn wir beide uns zusammen tun, dann könnten wir den ganzen Staat in die Tasche stecken und noch Kansas und Missouri und Oklahoma dazu, und alle würden sie dann von uns sprechen!"

Das klingt rührend ehrlich und trotzdem nach beinahe entschuldbarer Spinnerei. Das Knox-Pärchen spinnt anders: Unbarmherziger. Feixender. Das kommt Klasse rüber.

Der Haken freilich, den dieser grandiose Film hat: Natural Born Killers lässt (unfreiwillig) eine verklärte Identifikation zu. Junge Straftäter in den USA und in Frankreich gaben an, unmittelbar durch den Film angeregt worden zu sein, in die Fußstapfen ihrer Vorbilder Mallory und Mickey  zu treten.

Tatsächlich wurden Oliver Stone und die Time-Warner-Gesellschaft deswegen auch juristisch belangt. Krimi-Autor John Grisham warf Stone vor Gericht vor, verantwortlich für den gewaltsamen Tod eines Freundes zu sein, der von zwei jungen Kinobesuchern nach der Vorstellung umgebracht wurde. Der Regisseur und die Film-Gesellschaft wurden zwar mit dem Hinweis auf mangelnde Rechtsgrundlagen und Meinungsfreiheit freigesprochen, der bitter-böse Nachgeschmack blieb.

Das ist grundsätzlich schade, Natural Born Killers sollte als das gelten, was der Film ist: Ein genialer, energiegeladener Trip mit sarkastischem Seitenhieb auf Verblendung und Manipulation der Medien, ein grell gemaltes Bild des amerikanischen Un-Traums, der zerplatzen sollte wie eine Seifenblase, wenn die Schlussmelodie ertönt.

Abartig faszinierendes Spektakel

Natürlich ist das Spektakel abartig, auch verstörend, da faszinierend und scheußlich zugleich. Bösartig gut ist das Ende: Da fahren Mallory und Mickey im Wohnwagen durchs Blaugrüne, und auf der Hinterbank sitzen zwei kleine Kinder. Ihre.
Ein Alternativ-Abgang, der den Tod der beiden zeigt, - sie werden erschossen -, wurde zwar gedreht, die Entscheidung fiel aber deutlich aus für Kopfschütteln, schiefes Grinsen und letztendlich Zufriedenheit. Sollen sie es doch haben, ihr verdammtes Glück, Mallory und Mickey. Und vielleicht bis ins hohe Alter lächelnd unterstreichen, was die junge Bonnie Parker kurz vor ihrer Fahrt zum Black Lake dichtete:

Their nature is raw; they hate all the law...
...they call them cold-blooded killers; they say they are heartless and mean;
but I say this with pride, that I once knew Clyde
When he was honest and upright and clean.

(Ihre Natur ist rau, und sie hassen das Gesetz......man nennt sie kaltblütige Mörder; man sagt, sie seien herzlos und gemein; aber ich sage dies stolz, dass ich Clyde einst kannte, als er rechtschaffen war, aufrichtig und rein.)


Delphine Lalaurie – Furchtbare Frau

© Karin Reddemann

Durch die verschlossene Tür drang ein entsetzlicher Gestank. Dahinter vernahmen sie ein Wimmern und Klagen, das ihnen die Kehlen zuschnürte. Fassungslos sahen die Männer sich an, nickten stumm, brachen die Tür zur Dachkammer der Madame LaLaurie auf. Sahen. Erstarrten. Und vergaßen nie wieder. Man schrieb den 11. April 1834, der süße Geruch des Frühlings lag träge in der Luft von New Orleans, irgendwo war Musik, irgendwo tanzte die feine Gesellschaft hier im French Quarter, wo die guten Adressen waren. Die Villa im spanischen Kolonialstil in der Royal Street 1140 gehörte dazu. Hier lebte die Serienmörderin Delphine LaLaurie gemeinsam mit ihrem dritten Ehemann Louis, einem wohlhabenden Zahnarzt, hier fanden die beherzten Nachbarn und Feuerwehrleute, die wegen eines Brandes vor Ort waren, ein Horrorszenario vor: Weinende, angekettete, verstümmelte und überall blutende Menschen mit entstellten Gesichtern, einige von 

ihnen mit Fliegen übersät, angelockt von dem Honig, mit dem sie begossen worden waren.Man erzählte sich mehr: Einen Käfig in der Größe einer Hundehütte fand man demnach vor, darin ein Mann mit zuvor gebrochenen und in völlig falsche Richtungen zusammengewachsenen Gelenken, wie eine Krabbe hätte er sich fortbewegt. Einer älteren Frau wäre direkt in den Kopf gebohrt worden, um im Gehirn herum zu stochern auf der Suche, ja, nach was? Einem Mann mit amputierten Armen sei die Haut kreisförmig abgezogen worden, das Muster hätte ihn wie eine menschliche Raupe aussehen lassen. Einem anderen wäre der Penis abgetrennt worden, einzig, um ihn einer Frau wieder anzunähen und wohl zu schauen, was passiert. Nur zu schauen und es dabei zu belassen.Und überall auf den Regalen: Gläser mit eingemachten Körperteilen. Überall verteilt: Folterinstrumente.

Widerliche Lust

Die abartigen Eperimente auf dem Dachboden gingen sicher nicht allein auf Delphine LaLauries Konto. Ihr Ehemann war Mediziner, das traf sich. Vielleicht war er Lehrmeister, Team-Partner, Gönner, vielleicht interessierte es ihn auch nicht sonderlich, was seine Frau so gern, so genießerisch trieb, stets mit dem guten Gefühl, das zu dürfen. Diese Leute waren ihr Eigentum, ihre Haustiere, und seitdem ihre Eltern bei einer Revolte auf Haiti von Sklaven getötet worden waren, hasste und verachtete sie Dunkelhäutige umso mehr. Ihren zweiten Ehemann, einen Sklavenhändler, hatte das Schicksal ihr als Bestätigung ihres in die Wiege gelegten Weltbildes zugespielt, Louis, dessen Nachfolger, zeigte sich nicht minder zimperlich. Er förderte seine Frau. Und die war ein furchtbares Monster.

Delphine LaLaurie, deren Name ehemals fett und unbekümmert unterstrichen wurde in der Who-is-Who-Liste von New Orleans im 19. Jahrhundert, misshandelte, verstümmelte und tötete in ihrem eleganten Stadthaus Sklaven auf entsetzliche Art. So grausam, dass jeder mittelalterliche Folterknecht den Hut vor ihrer Methode gezogen hätte: Quälen, leiden, schreien lassen, bis nichts mehr geht. Die genaue Anzahl der Opfer ist nicht bekannt, man geht von einigen Dutzend aus, in anderen Quellen wird von mindestens achtzig gesprochen. Delphine gilt als eine der größten Sadistinnen, die nachweislich ihrer widerlichen Lust nachgegangen sind. Einer Lust, die sie selbst nicht befremdlich fand, mehr noch, die sie sich legal zugestand und die sie mit einem Achselzucken lapidar abtat: „I was a woman of my time.“ Natürlich.

Der Satz ist von ihr selbst nicht überliefert, sie wurde nie vor ein Gericht gestellt, nie öffentlich zur Verantwortung gezogen. Vermutlich hätte sie es aber ähnlich wie Kathy Bates formuliert, die sich in der Rolle der Delphine in der dritten Staffel der US-Horror-Kult-Serie American Horror Story  dafür rechtfertigt, so gewesen zu sein, wie sie nun mal war. Normal für ihre Zeit. Normal für ihren gesellschaftlichen Stand. Bis zu ihrem (natürlichen) Tod 1842 in Paris. Sie schiffte gemeinsam mit ihrem Mann nach Europa ein, nachdem alles aufgeflogen war und sie durch den Hintereingang fliehen mussten. Angeblich standen am 11. April 1834 auch ihre ehemals besten Freunde auf der Straße vor ihrem Haus in New Orleans und wollten sie lynchen, zumindest hinter Gittern sehen. Auch angeblich war es keine wirkliche Flucht, sondern eine von der bestochenen Polizei gewährte und geschützte Abreise in einem 6-Spänner, aus dem Delphine, ganz Grande Dame, ihren Gästen noch zugewunken haben soll.

Schauergeschichten

Das Haus in der Royal Street stand nach dem Auszug vierzig Jahre leer. Es wurde gefürchtet, gemieden, man wusste Schauergeschichten zu erzählen, und nachfolgende Besitzer, die allesamt nicht lange blieben, wollen Dinge gesehen und gehört haben, die unter die Bettdecke kriechen lassen. Man liest, irgendwann im letzten Jahrhundert seien bei Renovierungsarbeiten in der dritten Etage unter den Bodendielen die Körper von 75 lebendig begrabenen Menschen gefunden worden. Das erklärte so manchem aus der Nachbarschaft das nächtliche Wehklagen, das man immer wieder vernommen haben will. Es gruselt(e) gewaltig. Das ist bis heute so geblieben. Der Schauspieler Nicolas Cage, bekanntlich mit einer Schwäche für das Originelle versehen, kaufte das „Haunted Mansion“, dieses Schauerhaus in der Königlichen Straße mit seiner finsteren Vergangenheit, im Jahr 2007 für 3,5 Millionen §, verkaufte es allerdings 2009 wieder. Warum auch immer. Er hat aber, wie von ihm angekündigt, trotz Mehrfach-Anfragen keinen Parapsychologen in dieser Zeit in das Gebäude gelassen, um Ruhe zu gewähren. Wem auch immer.

„Es ist ein berüchtigtes, sehr berühmtes Haus. Es soll das verfluchteste Anwesen der Vereinigten Staaten von Amerika sein. Permanent ist man von Geistern umgeben. Meine Familie und ich haben dort schon zu Abend gegessen, jedoch übernachten wollten wir nicht. Niemand schläft dort.“ (Nicolas Cage)

Geschlafen und sonst was höllisch Übles getan haben Delphine und Louis La Laurie dort tatsächlich auch nur drei Jahre. Bis sie gehen mussten. Die Villa, ehemals Besitztum des Vaters von Delphine, Louis Barthelmy de McCarthy, erwarben sie kurz nach ihrer Hochzeit 1831.

Delphine, eine angesehene Person in der Gesellschaft von New Orleans, war bekannt dafür, dass sie ihre Sklaven schlecht behandelte, die freilich als ungeheuer gut erzogen und höflich galten. Sie funktionierten, weil sie Todesangst hatten. Wer weiß, wer das wusste. Und wegsah. Es war diese Zeit. Eben auch die Zeit, in der es nicht ganz so dramatisch war, wenn ein zwölfjähriges Sklavenmädchen wegen eines Missgeschicks beim Frisieren ihrer Herrin von dieser mit einer Peitsche durch das Haus gejagt wird und sich aus Furcht vor der Strafe vom Balkon stürzt. So geschehen im April 1833. Delphine wurde zwar gerichtlich ermahnt und musste eine Geldstrafe zahlen, ansonsten wurde aber, wie üblich bei Misshandlungen des Personals, nicht konsequent weiter verfolgt. Sonst hätte man vielleicht früher schon auf dem Dachboden nachgesehen.

Schreckenskammer

Man sagt, eine alte Köchin, permanent am Ofen angekettet, während sie für die Herrschaften kochte, habe ein Jahr darauf in ihrer Verzweiflung das Feuer gelegt, inbrünstig hoffend, dass bei den Löscharbeiten die Schreckenskammer entdeckt würde. Ihr Enkelsohn soll an diesem Tag im April von Delphine LaLaurie nach oben befohlen worden sein, bevor diese sich schön machte für den Gesellschaftsabend, zu dem sie eingeladen hatte. Der Großmutter des armen Jungen war klar, dass sie ihn niemals lebend wiedersehen würde. Niemand kam wieder zurück von dort oben.

Als es brannte und die Feuerwehr eintraf, befanden sich die Gäste und die Eheleute La Laurie bereits außer Gefahr vor dem Haus, während freiwillige Helfer das kostbare Inventar auf die Straße trugen. Auf die Frage, wo denn ihre Sklaven seien, soll Delphine kaltschnäuzig gesagt haben, die wären längst in Sicherheit. Das glaubte man ihr nicht. Man suchte die Menschen. Und fand sie in der Finsternis.

In der "New Orleans Bee"- Zeitung vom 11. April 1834 wird berichtet, dass die Feuerwehrleute die verstümmelten Sklaven in einem unvorstellbaren Zustand entdeckt hatten, der nicht mit Worten zu beschreiben sei.

„Language is powerless and inadequate to give a proper conception of the horror which a scene like this must have inspired. We shall not attempt it, but leave it rather to the reader's imagination to picture what it was." (Original-Zitat)

Am Tag darauf war vom schockierten und aufgebrachten Mob zu lesen, der Selbstjustiz plante und zornig im LaLaurie-Haus wütete, nachdem fest stand, dass die Bewohner fort waren. Delphine LaLaurie wird in dem Artikel nicht erwähnt. Für New Orleans verlor sich ihre Spur, im Gegensatz zu der von Kathy „Delphine“ Bates, die in American Horror Story vergiftet und als zur ewigen Untoten verdammte „Leiche“ begraben wird, die aber nach 150 Jahren durch Hexenzauber wieder ins Leben kommt. Das Spiel der Bates ist traditionell phantastisch, sie ist so böse, so fies, teils rührend, teils komisch, so hilflos, so trotzig. So großartig böse. Eben.

Die Geschichte der Delphine LaLaurie ist auch Ausgangsthema des Horrorfilms The St. Francisville Experiment aus dem Jahr 2000, der im Fahrwasser von „The Blairwitch Projekt“ schwimmt, freilich wenig spektakulär unterging. Immerhin: Die Dame bleibt im Gespräch. Und ihr Haus ist weiterhin zu kaufen. Einmal drin schlafen!? Cage hat sich nicht getraut. Weil...Seltsam? Aber so steht es tatsächlich geschrieben.


Ed Gein: Der echte „Norman“

© Karin Reddemann

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der in der Küche seines Farmhauses in Wisconsin auf einem mit Fleisch gepolsterten Stuhl saß und seinen Hund beobachtete, der aus einem menschlichen Schädel fraß. Die Geschichte eines Mannes, der ein Grabräuber und Leichenschänder war. Eines einsamen, gestörten Mannes, der sich Kleidung und Masken aus menschlicher Haut bastelte. Vielleicht gab er den Gesichtern mit den toten Augen auch Namen. Er verriet es nie. Er verriet wenig von seiner Geschichte. Sie ist furchtbar, sie ist krank.

Es ist die düstere Geschichte des Mörders Edward Theodore Gein, geboren 1906, 1984 gestorben im Central State Hospital in Waupan, Wisconsin, in dem er nach seiner Verhaftung 1957 bis zu seinem Tod untergebracht war. Ed Gein kam nie hinter Gitter, er wurde aufgrund seines Geisteszustandes für schuldunfähig befunden. Im Sanatorium galt Gein, einer der berüchtigsten Verbrecher Amerikas, um den in der Welt draußen ein grotesker Wirbel, fast schon Kult entstand, als stiller, höflicher älterer Herr, zurückhaltend, bescheiden. Ein Musterpatient. Einer, der sinnbildlich keiner Fliege (mehr) was zuleide tat. Das übernahm Hollywood.

Grotesker Wirbel um den stillen Mörder

An vorderster Front: Alfred Hitchcock mit Psycho. Nur der Anfang einer finsteren und für kreative Köpfe genial bösen Never-Ending-Story. Denn Killer wie Gein sind der Stoff, der die Angst schürt vor dem, was nicht sein darf und trotzdem ist, vor dem, was unmöglich

sein soll und trotzdem als so verdammt wahr da steht und bleibt und nicht geändert werden kann.

Serienmörder sind reelle Albträume. Sie hausen in den Köpfen von Ermittlern, Ärzten und Richtern, spuken in denen der Schriftsteller und Filmemacher, brennen sich ein in die der Kranken, Faszinierten, Voyeure. Der Nachahmungstäter. Gruselig, sie alle gemeinsam auf einer Bank zu platzieren.
Auf den restlichen Plätzen dürfen wir uns verteilen, uns erwartungsvoll umschauen, neugierig, verstohlen, angespannt, auch aufgeregt. Natürlich. Das Murmeln ebbt ab, Ton läuft.

Erzählt wird nicht aus dem abgründigen Reich der Phantasie, dorthin reisen wir oft. Erzählt wird heute die Geschichte von Edward Theodore Gain, dem das Phantastikon in bücher, filme & legenden bereits einen Platz als „Vorbild“ für Robert Blochs weltberühmten Psychopathen Norman Bates zugewiesen hat. Ed, der war/ist auch der Schlächter Leatherface in dem Splatter-Klassiker The Texas Chainsaw Massacre (1974, Remake: 2003), der Durchreisende auf Wunsch seiner Familie bestialisch ermordet. Ed, der zählt auch zu den sechs Serienmördern, denen James „Buffalo Bill“ Gumb im Harris-Thriller Das Schweigen der Lämmer akribisch nacheifert. Er trägt Kleidung aus weiblicher Haut. Wie Ed es tat. Der machte daraus auch Lampenschirme.

„There was a young man named Ed
Who would not take a woman to bed.
When he wanted to diddle,
He cut out the middle,
And hung the rest in a shed.“

(Volksmund, 1957)

Eds Kindheit war trist. Die Eltern hassten sich, blieben aber zusammen, weil eine Trennung für sie aufgrund ihres Glaubens nicht in Frage kam. Der Vater George galt als arbeitsscheuer Trinker und brutaler Schläger, die Mutter Augusta brachte die Familie mit ihrem kleinen Lebensmittelladen zwar einigermaßen über die Runden, war aber verbissen streng und duldete kein anderes Weltbild neben ihrem.. Als fanatische Hobby-Predigerin bläute sie den Söhnen Ed und dem älteren Henry Bibelpassagen ein, die von Tod und Verderben berichten. Sex ohne gezielte Fortpflanzungsabsicht nannte sie Sünde, jede Frau, die das anders sah, eine Hure, jeden Mann, der Vergnügen suchte, ergo einen Hurenbock. Den gewalttätigen Vater fürchteten und verachteten die Gein-Jungs, freilich war er Lehrmeister, was eigene Aggressionen betraf. Der Mutter gehorchten sie widerspruchslos. Augusta kaufte dann von ihrem Ersparten die Farm in der Nähe von Plainfield, die Ed bis zu seiner Verhaftung 1957 nicht mehr verlassen sollte.

Einsam, dann nur noch furchtbar

Das Haus lag einsam, ein willkommener Ort für Augusta, um die Söhne von der Außenwelt abzuschotten. Der Schulbesuch war der einzige gestattete Ausbruch aus der Isolation, ansonsten kontrollierte sie alles. George Gein starb 1940, und Ed war jetzt ein 34jähriger Mann, der das Leben immer noch nicht kannte. Nie wirklich kennenlernen sollte, um sich stattdessen eigene Bilder zu malen. Mit schrecklichen Farben. Von anderen wusste er nicht. Vier Jahre nach dem Tod des Vaters kam der Bruder bei einem Feuer auf der Farm ums Leben, ein Jahr darauf die Mutter.

1945. Ed war auf sich allein gestellt. Er blieb allein. Die Mutter fehlte ihm wohl, er hatte sie nach einem Schlaganfall gepflegt, sich gekümmert. Nun war niemand mehr da, der ihn brauchte. Ihn beobachtete. Ihm sagte, was zu tun oder zu lassen sei. Da war nur noch sein krankes Hirn, das ihn dirigierte. Am 8. Dezember 1954 ermordete Gein die 51-jährige Barbesitzerin Mary Hogan, deren Verschwinden noch niemand mit Ed in Verbindung gebracht hätte. Er war der irgendwo da draußen lebende Sonderling, der freundlich grüßte und dem Herrgott jeden Morgen für sein Dasein dankte, war es auch noch so eintönig. Der Einsiedler war wohl zufrieden. Dachte man. Als knapp drei Jahre später, am 16. November 1957, die 58-jährige Ladenbesitzerin Bernice Worden aus ihrem Geschäft in Plainfield entführt wurde, hatte Gein, der dort gesehen worden war, sich verdächtig gemacht. Man ging der Sache nach, suchte ihn auf und traf auf einen Ort des Horrors.

Sheriff Arthur Schley erzählte später, er sei in der Dunkelheit in Geins Schuppen gegen ein von der Decke baumelndes „Ding“ gestoßen, das sich im Schein seiner Taschenlampe als die Leiche Wordens entpuppte. Bernice hing dort ohne Kopf an ihren Füßen, ausgeweidet, ausgebutet wie erlegte Jagdbeute. Ihren Kopf entdeckten die Polizisten später im Farmhaus, wo sie dann auf Geins gruselige Handarbeiten wie die Schalen aus Schädeln, die Lampenschirme nebst Kleidungsstücken aus gegerbter Menschenhaut und die mit Haut bezogenen Masken aus den Gesichtern toter Frauen stießen. Gein hatte auch Nasen und weibliche Geschlechtsorgane gesammelt. Insgesamt fand man Leichenteile von mindesten 15 Menschen. Als er verhaftet wurde, brutzelte in der Pfanne auf dem Herd ein Herz. Sagt man. Tatsächlich habe das Herz in einer Tüte neben dem Ofen gesteckt. Behauptet man auch. Ob Gein es selbst essen wollte? Er sei doch kein Kannibale, sagte er. Empört. Klar. Vielleicht war es für seine Hunde. Wie weitere Leichenteile, die auf dem Herd landeten.

Verhaftet: Ein Herz bruzzelte in der Pfanne

Gein gestand die Morde an Mary und an Bernice, es gab eh keine Zweifel, wirkte bei seiner Schuldanerkenntnis aber wohl wie ein Kind, das nicht begreift, für welches Unrecht es denn nun bestraft werden muss. Gelassen soll er erzählt haben, fast unbeteiligt, beinahe treuherzig. Mit dem ungeklärten Verschwinden weiterer Personen aus der Umgebung wurde Gein natürlich vor Gericht immer wieder konfrontiert, - woher die mindestens 15 Leichen? -, nachgewiesen werden konnten ihm weitere Morde aber nicht. Die vielen Körperteile, so Gein, würden von Frauenleichen stammen, die er nachts auf dem Friedhof kurz nach der Beerdigung wieder ausgegraben hätte. Frauen, die ihn an seine Mutter erinnert hätten. Frauen, aus deren Haut er sich einen Anzug nähte. Oder einen Rock. Gelegentlich spielte er mit seiner Identität. Da verwischten die Grenzen.

Es war ein unglaublich spektakuärer Fall, der einfach nur schockte. Es waren die 1950er, man glaubte an Idylle, Perfektion und Gutmenschen. Dann das. Die Entsetzten erstarrten, Reporter und Schaulustigen kamen in Bewegung und überrollten das friedliche Plainfield. Geins Haus, Geins Auto, später Geins Grab wurden fast ehrfürchtig begafft.

Er war düstere Legende zu Lebzeiten, er hinterließ und hinterlässt seine Spuren nicht nur in den genannten Genreklassikern.

Frisch gesellt sich dazu: Die dritte Staffel der US-amerikanischen Serie Monster, (Ryan Murphy und Ian Brennan) in der Charlie Hunnam höchst beeindruckend Gein darstellt. In Die Geschichte von Ed Gein, Netflix, 2025, werden echte und erdachte Erzählstränge kombiniert, das Ganze sehr fesselnd verpackt, eine ausgesprochen erfolgreiche Produktion.

 Für Comicfans: Im japanischen Manga Rurouni Kenshin baut eine Figur namens Gein Puppen und Kampfmaschinen aus Leichenteilen.
Für Horrorfans: Fiktion ist oft nicht das Schlimmste. Böse genug. Wahr genug.


Fritz Haarmann – Der Totmacher

© Karin Reddemann

Der Mann ist weltberühmt. Werwolf, Schlächter, Vampir von Hannover. Fritz Haarmann. Ein Mörder. Der erste, von dem ich schon als Kind gehört hatte. Da war dieses Lied. Keine Ahnung, ob mein Vater es in Bierlaune trällerte oder ob es sich auf dem Plattenteller meiner Großeltern drehte, aber im Ohr hatte ich es bereits, als ich den doppelten Knoten beim Schuhbinden noch nicht passabel schaffte. Ein Karnevalsschlager, dachte ich später, als es Zeit war, die Propellerschleifen aus den Zöpfen zu entfernen, fand den Text eigenartig fies, lauschte und machte meine großen Augen. Wie ich es halt immer tat, wenn die Erwachsenen sich darüber unterhielten, wie das echte Leben aussieht. Ohne Märchen.

„Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir.“
Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste, und den Rest, den schmeißt er weg.“

Die erste Haarmann-Strophe, gesungen zur swingigen Melodie von „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt auch das Glück zu dir...“ (Walter Kollo, Operette „Marietta“, 1920er Jahre) kenn ich immer noch, so was vergisst man nicht, das ist wie bei einem ziemlich bösen Hänschen-Klein, nur schlimmer.

Den Rest, den schmeißt er weg!

Allemal, dieses Lied über einen Killer und gleichzeitig Kannibalen irritierte mich. Irgendwann fragte ich, ob dieser Haarmann wirklich wahr wäre. Meine Mutter bestätigte,

mein Großvater setzte laut noch einen drauf: „Der hat nur junge Kerle umgebracht. So einer war das.“ Vorläufig Punkt für ihn. Das verhaltene Flüstern kam von meiner Großmutter: „Und sie geschlachtet und gegessen. Sagt man.“

Details folgten später, da waren die Zöpfe ab: Dass Haarmann (1875 – 1924, Hannover) seine „Puppenjungs“, - Anfang des 20. Jahrhunderts war das eine gängige Bezeichnung für männliche Prostituierte -, zum Verzehr verwertet hat, konnte nie nachgewiesen werden. Im Regelfall tötete er sie durch einen Biss in den Hals, zerstückelte sie und entsorgte die Einzelteile im Fluss, wie er es selbst vor Gericht anschaulich beschrieb. Der Verdacht blieb: Da Friedrich „Fritz“ Heinrich Karl Haarmann bis zu seiner Anklage wegen Mordes an 27 Menschen in der Zeit von 1918 bis 1924 mit Fleischkonserven gehandelt hat, schien es nicht abwegig, dass er in den eh kargen Zeiten seine Leichen zu Wurst verarbeitete. Zumal der Mann, - Vater autoritär, Mutter nachgiebig, Bruder sexuell gestört -, als pathologische Persönlichkeit galt, mit attestierter Schizophrenie, ergo eh kein Normaler. Kannibalismus. Er selbst bestritt das. Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände seiner Opfer hätte er zu Geld gemacht, das ja und mehr auch nicht.

Freilich sagen, woher er das Fleisch in seinen Dosen denn beziehe, konnte er so recht nachprüfbar nicht. Da blieb denn auch der Nachbarin neben Haarmanns Achselzucken ein Albtraum , der nicht nur ihr den Magen umdrehte: Sie führte ein Restaurant in der Straße „Rote Reihe“, wo auch das Liebespaar Haarmann/Grans wohnte, und hatte regelmäßig bei ihm eingekauft.

„In Hannover an der Leine, Rote Reihe Nummer 8,
wohnt der Massenmörder Haarmann, der schon manchen umgebracht.
Haarmann hat auch ein’ Gehilfen, Grans hieß dieser junge Mann.
Dieser lockte mit Behagen alle kleinen Jungen an.“

Haarmanns Lebensgefährte, Hans Grans, der im Bahnhofsviertel für seinen Partner die Jungs (aus-)suchte, wurde 1926 als Mitwisser zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei seiner Festnahme trug er die komplette Garderobe eines der Ermordeten.

Haarmanns Partner suchte die Puppenjungs aus

Überhaupt an verwahrten oder verkauften Hemden, Hosen, Stiefeln konnten viele der Opfer von Angehörigen, die sie als vermisst gemeldet hatten, letztendlich identifiziert werden. Übrig geblieben war von ihnen tatsächlich nur das, was sie am Leib getragen hatten, ansonsten wurden nur Schädel und Knochen im Flussbett der Leine gefunden. An die Namen der vielleicht zwanzig, vielleicht vierzig insgesamt von ihm Ermordeten, allesamt kleine Jungs und blutjunge Männer zwischen zwölf und zweiundzwanzig Jahren, die Mehrzahl aus dem Strichermilieu, konnte Haarmann sich in den seltensten Fällen erinnern.

Dass er überhaupt als bereits dringend Tatverdächtiger, - gesucht hatte man nach diversen Vermisstenanzeigen und den Knochenfunden verstärkt im Homosexuellen-Milieu -, relativ spät verhaftet wurde, lag mit an Haarmanns Nebenjob: Als Polizeispitzel für Kleinganoven war er nicht so im Visier, wie es hätte sein müssen. Den Beamten wurde Schlamperei bei den Ermittlungen vorgeworfen, Angehörige im Gerichtsaal empörten sich, man hätte Morde verhindern können, wenn frühzeitig den Spuren Haarmanns nachgegangen worden wäre. Im Gegenzug hatte die Polizei sich bei ihren Vernehmungen denn doch mit recht dubiosen Mitteln mächtig ins Zeug gelegt, um Haarmann geständig zu sehen: Unter seiner Zellendecke waren Bretter mit Schädeln angebracht, deren Augenhöhlen mit rotem Papier ausgekleidet waren, die von hinten beleuchtet wurden. Um Haarmann so richtig Angst zu machen, stellte man ihm einen Sack mit Gebeinen in die Zellenecke und sagte ihm, die Seelen der Toten würden ihn holen, wenn er nicht auspacke.

„Es ist kein Vergnügen, einen Menschen zu töten, ich habe nur zuweilen meine Tour.“ (Fritz Haarmann)

Haarmanns Geisteszustand stand im Zentrum der Aufmerksamkeit. War der Mann einfach „nur“ völlig krank? Das Gericht befand nicht so, erkannte Haarmanns Zurechnungs- und Schuldfähigkeit nach Anhörung des psychiatrisches Gutachters Ernst Schultze an und verurteilte ihn zum Tode auf dem Schafott. Das Urteil wurde am 15. April 1925 im Hof des Gerichtsgefängnisses vollstreckt. Haarmanns abgeschlagenen Kopf verwahrte man im Institut für Rechtsmediziner Georg-August-Universität Göttingen jahrzehntelang als Präparat, letztendlich wurde er eingeäschert und im März 2014 anonym bestattet. Den könnte man sich jetzt also definitiv nicht mehr ansehen. Dafür gab's/gibt's anderes grotesker Art zu gucken oder eben nicht (mehr):

Haarmann-Kantine: Blutwurst und Sülze

Der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf 1992 einen Haarmann-Fries, dessen Ankauf durch das Land Niedersachsen und die Stadt Hannover zum Preis von 100.000 D-Mark zu Protesten unter dem Motto „Steuergelder für Massenmörder-Denkmal“ führte. Das Ganze verursachte ein bundesweites Medienspektakel. Zur Expo 2000 war eine Haarmann-Meile geplant, auf der sich Künstler mit dem Thema auseinandersetzen sollten. Auf dem Programm: Eine „Haarmann-Kantine“ mit Blutwurst und Sülze. Wurde nicht gemacht. 2004 fiel den Stadtwerken Hannover ein, sie könnten in ihrem Kundenmagazin ein Würfelspiel namens „Die Haarmann-Schleife“ drucken. Wurde zwar gemacht, die Ausgaben mussten aber schleunigst eingestampft werden. 2007 war's ein Adventskalender der Hannover Marketing und Tourismus GmbH, der für Empörung sorgte: Auf einem Türchen befand sich eine Abbildung von Fritz Haarmann mit Beil. Und 2012 schaltete sich mahnend der DFB ein, weil eine seit mehreren Jahren im Fanblock von Hannover 96 gezeigte Fahne mit Haarmanns Kopf die Gemüter erhitzte. Es existiert tatsächlich sogar ein Haarmann-Comic (Carlsen Verlag, Hamburg 2010). Wem's gefällt.

Angst vor Menschen hat ihren Grund

Über die sechswöchige Untersuchungszeit und Befragung Haarmanns in Göttingen durch den Psychiatrieprofessor Ernst Schultze drehte Regisseur Romuald Karmakar 1995 mit Götz George (Haarmann) und Jürgen Hentsch (Schulze) in den Hauptrollen den meisterhaft gespielten Film Der Totmacher. Die Dialoge für die Darsteller lehnen sich eng an die originalen Verhörprotokolle aus dem Jahr 1924 an.

„Der Zuschauer schwankt im Verlauf der Gespräche zwischen Mörder und Gutachter, zwischen Abscheu und Faszination. Der Film ist als ungemein dichtes Kammerspiel inszeniert, das nicht auf Emotionalisierung angelegt ist, sondern als nüchterne Fallstudie. Der glänzende Hauptdarsteller vermittelt in der Rolle des Haarmann das eigentlich Unfaßliche.“ (Lexikon des Internationalen Films)

Nicht die einzige Verfilmung, von umfassender Literatur zum Thema mal abgesehen: Die Fassbinder-Produktion „Die Zärtlichkeit der Wölfe“, gedreht 1973 unter der Regie von Ulli Lommel, zeigt Kurt Raab als Haarmann. Erzählt wird die Geschichte des Jungenmörders Fritz H. im Nachkriegs-Ruhrgebiet. Andere Zeit, anderer Ort, Inspirationsquelle war aber zweifellos der Hannoveraner Massenmörder. Die Fensehdokumentation „Puppenjungs – Der Fall Haarmann“ (2009, Regie: Nils Loof) befasst sich mit den Auswirkungen bis heute, 2011 erschien das düstere Hörspiel „Murder Documents 01 – Haarmann“. Neun Jahre zuvor brachte Marius von Mayenburg das Theaterstück „Haarmann“ auf die Bühne, veröffentlicht in einem Band mit Das kalte Kind. Auf dem Buchrücken steht der Satz:

„Und mir hat man versichert, meine Angst vor Menschen sei ohne Grund".


Monster: Die Geschichte der Aileen Wuomos

© Karin Reddemann

Zwei Frauen, zwei Geschichten: Die eine kommt in Hollywood aus der Maske, die andere ist vom Dasein im Abseits gezeichnet. Beide sehen kaputt aus. Verlebt. Verbittert. Verwundert. Die eine ist Charlize Theron, ein Weltstar, dessen auffällige Schönheit für Monster , einen großen Film mit einer großartigen Hauptdarstellerin, weggeputzt wurde. Theron trägt eine Zahnprothese, Kontaktlinsen, Geld auf den Augenlidern und 30 Pfund Extragewicht. Die andere ist Aileen Woumos, eine mehrfache Mörderin, der das Leben nicht erlaubt hat, schön zu sein. Oder sonst wie privilegiert. Sie versucht, cool zu sein, aber sie zuckt nervös, ständig geht ein Rucken durch

sie, als müsste sie sich durchschütteln, um zu spüren, wer sie eigentlich ist. Nach dem Zug an der Zigarette wirft sie trotzig den Kopf in den Nacken, öffnet die Lippen zu einem unsicheren Lächeln mit schiefen Zähnen und heruntergezogenen Mundwinkeln. Die wollen nicht nach oben zeigen. Trotzdem: Soll ihr nur einer was sagen.

Zwei Frauen, ein Gesicht. Es erzählt. Das Kinn aufmüpfig nach vorn gestreckt, die Stimme dunkel, die Haut fahl, das Haar strähnig. Es erzählt Hässliches. Trauriges auch. Es ist das echte Gesicht der echten Aileen. 2002 wurde sie im Bradford County hingerichtet, ein Jahr darauf ging Theron grandios gnadenlos in Monster (Regie: Patt Jenkins) als die Frau, die sechs, vermutlich sieben Männer erschossen hatte, weltweit unter die Haut. Die Leiche der zehn Jahre nach ihrer Verurteilung mit Gift Getöteten wurde verbrannt, die Asche in ihrer Heimat Michigan verstreut. Zwei Jahre danach, just am 29. Februar 2004, dem Tag, an dem Wuomos ihren 48. Geburtstag gefeiert hätte, erhielt Charlice Theron den Oscar für die Rolle der Aileen Wuomos, die enttäuscht und zornig immer noch von Sehnsucht träumte und glaubte, doch noch irgendwann irgendwie an das eine echte Glück zu kommen.

„Ich mein, jeder muss an irgendwas glauben. Und ich? Mir war nichts weiter als die Liebe geblieben.“

Die blieb der vom Leben demolierten Seele zum Schluss auch nicht mehr. Ihre junge Geliebte verriet sie, arbeitete nach der Inhaftierung mit der Polizei zusammen und ließ für die genaue Aufklärung der Morde ihre Telefonate mit Aileen abhören. Tyria Moore, im Film die Selby, gespielt von Christina Ricci, ein ehemaliges Zimmermädchen, mit dem Aileen von 1986 an zusammen gelebt hatte, brach anschließend jeglichen Kontakt ab. Ihre große Liebe. Dabei hatte es nach so viel erfahrenem Schlechten doch so gut angefangen.

„Eigentlich wollte ich ja nur ein Bier trinken. Aber an dem Tag, an dem ich Selby kennen lernte, hatte ich fast den ganzen Nachmittag im Regen gesessen und wollte mich umbringen. (...) Das Einzige, was mich daran hinderte, war ein Fünf-Dollar-Schein. Vermutlich hatte ich irgendeinem Arschloch einen geblasen. Das machte mich stinksauer, dass ich mich umbringen wollte, mit dem Geld in der Tasche. Dann hätt ich ihm ja umsonst einen geblasen. Also machte ich einen Deal mit Gott. Ich sagte ihm `Ich muss die fünf Mäuse vorher ausgeben. Aber wenn das Geld weg ist, bin ich`s auch. Und wenn du mir noch was Gutes tun willst,dann musst du dich beeilen`. Und da war sie."

Tyria Moore. Eben der Mensch, an dessen Seite die vom Leben geprügelte, enttäuschte, gebrandmarkte Aileen meinte, doch endlich mal das vielversprechende Los gezogen zu haben. Dreißig Jahre als war sie, als ihr die aparte (Fast-)Kindfrau begegnete, ergo jung genug, um einen anderen, besseren Kurs einzuschlagen. Viel Wunschdenken war dabei, viel Herumgespinne. Sie hatten schlechte Karten, da war das Milieu, das Schema, da waren die Vorstrafen, der mangelnde Intellekt, die Vorurteile, die auch in finsteren Ecken lauern.

Und Tyria tat ihrer so burschikosen und doch so irritierten Herzdame bei Weitem nicht in allen Dingen gut. Sie war naiv, unselbständig, dabei klar berechnend, sprach von Leidenschaft und pochte auf ihre Vorteile. Aileen war selig, sich kümmern zu können, sich mit ihr ein Zuhause teilen zu können. Sie sorgte dafür, dass sie Geld hatten, ging weiterhin anschaffen, weil sie es nicht anders kannte und wusste. Männerhass, Demütigung, Verzweiflung und Konsequenz, einmal mehr auch zu oft Ebbe in der Kasse gipfelten in Raubmord.

Aileen Wuornos trug nicht aus reinem Selbstschutz eine Waffe, als sie Ende der Achtziger zu ihren Freiern ins Fahrzeug stieg. Mindestens sechs Männer erschoss sie, sie drückte stets mehrmals ab, bestahl die Toten, nahm sich ihre Autos und stellte die Frau an ihrer Seite zufrieden, die angeblich keine Fragen stellte und Aileen nicht geglaubt haben will, als diese ihr erstmalig anvertraut hatte, eine Mörderin zu sein. My Girl nannte die Große ihre Kleine. Für sie war es Liebe. Und eben das wollte Regisseurin Jenkins vor allem anderen in ihrem Film, mit produziert von Theron, zum Ausdruck bringen: „Es ist eine Liebesgeschichte.“

Peter Travers schrieb (Rolling Stone, Dezember 2003), die Darstellung von Charlize Theron mache das Sehen des Films zu einer Erfahrung, die man „nicht vergessen würde“. Er meinte jedoch auch, Patty Jenkins sei zu sehr bemüht gewesen, eine Rechtfertigung für das Verhalten von Aileen Wuornos zu finden.

Exakt das wies Jenkins von sich. Rechtfertigen, anklagen, irgend was beweisen wäre nicht Intention gewesen, sie wollte eine Story erzählen, nicht(s) entschuldigen, sondern zeigen, was wie passieren kann, wenn es so oder so gegeben ist. Das ist ihr gelungen: Sie hat großes Kino gemacht, nicht dokumentiert. Es gibt auch keine erklärende Vorgeschichte. Eben die der wahren Aileen Wuornos, geboren 1956, die sich schon als Teenager prostituierte. Sie kam aus einem kaputten Elternhaus, der Vater nur im Knast, die Mutter unfähig, Kinder groß zu ziehen. Blutjung wurde sie schwanger, vermutlich vom Bruder, das Baby gab sie weg. Als die Großmutter starb, bei der sie aufgewachsen war, ging sie auf die Straße, war erleichtert, wenn sie Freier fand, die sie mitnahmen in die Wohnung oder auf das Hotelzimmer, weil sie dort duschen konnte. Ihre Hochzeit mit einem 69Jährigen aus Florida war nur ein schäbiges Intermezzo, was dahinter steckte, muss unkommentiert bleiben. Als Ehefrau für wenige Wochen suchte Aileen weiter die halbseidenen Pubs und Spelunken auf, in denen sie sich stabiler fühlte als da draußen, dann schlug sie ihren Mann mit seinem Gehstock. Er erwirkte Kontaktverbot, Kapitel beendet. Sie ließ sich weiter treiben, verkaufte sich, erniedrigte sich. Schämte sich. Verfluchte diejenigen, die sie benutzen durften. Erst die lesbische Beziehung zu Tyria gab ihr ein wichtiges Stück Selbstwertgefühl. Das wollte sie halten, dafür ging sie letztendlich über Leichen.

„Amerikas erste weibliche Serienkillerin. - Männerhassende, lesbische Mörderin.“

Der Prozess machte Schlagzeilen. Frauenverbände demonstrierten, zwei Dokumentionen (Nick Broomfield) und ein Fernsehfilm unter dem Titel „Overkill: The Aileen Wuornos Story“ (Regie: Jean Smart, 1992) folgten. Dann der Kinoerfolg 2003.

Stationen einer Mörderin: Monster, mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet, ist eine Glanzleistung. Charlize Theron und Christina Ricci spielen brillant, zweifellos. Authentisch, fesselnd, aufwühlend. Für ihre Rollen haben sie sich selbst einiges abverlangt. Dass beide zu ordentlicher Gewichtszunahme verpflichtet waren, ist nicht ganz so nennenswert, das gehört bei Charakterdarstellern dazu, mal dicker, mal dünner sein zu müssen. Aber sie vertieften sich auch spürbar deutlich im Stoff, besuchten Originalschauplätze, lasen hunderte persönlicher Briefe, die sie von Aileen Wuornos erhielten und sprachen mit ihren Bekannten und Freunden. Kurzum, beide haben sich ins Zeug gelegt, beide verdienen Respekt. Wobei die Theron als Aileen tatsächlich einfach nur umhaut, so grandios gut ist sie. So wahrhaftig verstört und gleichzeitig verstörend, sie geht grundehrlich an die Substanz. An die eigene. An die der Film-/Real-figur. An die des Zuschauers. Dort Mitleid, Abscheu, Nachdenklichkeit, dann Nervenkitzel, Betroffenheit, Unverständnis. So soll(te) es sein.

This is one of the greatest performances in the history of the cinema." (Dies ist eine der großartigsten Darstellungen in der Geschichte des Kinos).“ (Roger Ebert, Filmkritiker)

Jeffrey Dahmer: Psychopath. Serienkiller. Kannibale.

© Karin Reddemann

Jeffrey Dahmer: Monster aus Milwaukee. Sein Bild erinnert mich an meinen Tanzpartner Jochen vom Jungs-Gymnasium in meiner Heimatstadt, - ich ging auf das Lyzeum, das war eben so - , und es ist schon ganz und gar merkwürdig, hier solch einen prinzipiell harmlosen Vergleich zu ziehen. Der muss aber irgendwie sein, Dahmer sieht so aus: Älter zwar, aber die blauen Augen, der ernste Mund. Optisch unspektakulär, aber nicht unattraktiv. Klarer Blick. Etwas bubihaft vielleicht, aber kein Jüngelchen. Sympathisch wirkender Kerl ohne Macho-Furchen im Gesicht. Und genau das ist es eben auch: Jeffrey Dahmer wirkt so erschreckend, beinahe faszinierend normal wie Jochen XY, der mir verzeihen möge, sollte ihm das alles jetzt deutlich missfallen. Er wird längst schon seinen vernünftigen Weg gegangen sein. Denke ich mal.

Der Weg des Killer führte nicht an den üblichen Haltestellen vorbei. Er ermordete siebzehn (vielleicht mehr) Menschen bestialisch, - seine Opfer waren Homosexuelle, die er in Bars und Saunen kennenlernte -, und wurde 1992 zu 957 Jahren Gefängnis verurteilt.

Ein netter Kerl, hatte Charisma

Billy Capshaw, Dahmers "bester Freund" bei der Armee, der 1980 mit ihm ein Zimmer in der US-Kaserne des Rheinland-Pfälzischen Städtchens Baumholder geteilt hat, sagte später über ihn: „Er schien zuerst ein richtig netter Kerl zu sein. Er hatte Charisma. Ich habe immer zu ihm aufgesehen."

Und, mit Blick auf die Journalisten bei einer Pressekonferenz im Juli 1991 kurz nach Dahmers Festnahme: „Er war so normal wie jeder hier."

Dahmer, 1960 in Milwaukee geboren, aufgewachsen in Bath / Ohio, war ein depressives Kind ohne Freunde, kaum beachtet vom gestressten Vater und der psychisch kranken Mutter. Die Eltern trennten sich schließlich. Sohn Jeffrey isolierte sich mehr und mehr, hatte früh sexuelle Gewaltphantasien, wurde schon als Teenager zum Alkoholiker und begann damit, Kadaver von Hunden und Katzen, die er irgendwo am Straßenrand fand, mitzunehmen, um ihre Haut mit Chemikalien abzulösen und sie auszuweiden.

1978, kurz nach seinem 18. Geburtstag, las er den Anhalter Steven Hicks auf und lud ihn zu sich nach Hause ein. Er gefiel ihm, die Vorstellung, mit ihm machen zu können, was er nur wollte, erregte ihn. Als Hicks, misstrauisch geworden und schließlich ablehnend, einfach gehen wollte, wurde Dahmer zornig, schlug mit einer Hantel auf ihn ein, erwürgte ihn und deponierte die Leiche vorerst im Keller. Eine Weile verging, bevor er sie aus ihrem Versteck holte, zerstückelte, die Haut mit Säure ablöste und die Knochen zertrümmerte. Die Überreste verteilte er im Garten. Das, was er mit Hicks' Körper anstellte, bezeichnete er später sinngemäß als puren Akt der Lust. Erstmalig hatte er dieses eigentümliche Gefühl in sich entdeckt. Seine urspezielle Befriedigung.

Erster Mord: Purer Akt der Lust

Kurz darauf wurde Dahmer eingezogen und verbrachte die nächsten achtzehn Monate mit Billy Capshaw, einem dicklichen, schüchternen, siebzehn Jahre älteren Sanitäter, weit weg von Milwaukee in der Kaserne in Deutschland. Und obgleich Capshaw von ihm wie ein Untergebener, geradezu wie ein Leibeigener behandelt wurde, - Dahmer kontrollierte, demütigte, schlug, fesselte und verprügelte ihn auch, je nach Situation und Laune, bedrängte ihn sexuell, war dann wieder kameradschaftlich, freundlich zu ihm -, sagte er im Nachhinein, wie fassungslos ihn das alles machen würde. Nie hätte er geglaubt, - hätte jemand es ihm damals erzählt -,  dass sein junger Freund bereits ein Jahr vor dem ersten Zusammentreffen in Baumholder seinen ersten Menschen getötet hatte. Und dass er in den Folgejahren mindestens 17 Männer brutal umbringen würde: Missbrauchen. Verstümmeln. Essen.

Capshaw war völlig entsetzt: Der vertraute Zimmergenosse, trotz der Schikane, der psychischen und physischen Qual, die Dahmer ihm zugefügt hatte, sein einziger Verbündeter, einziger Freund in einem Umfeld, das hauptsächlich von ehemaligen Vietnam-Soldaten geprägt war, nach außen hin harte, innerlich völlig zerrissene Kerle, die zuviel tranken und maßlos wütend auf diese Welt waren ... dieser irgendwie und trotzdem Seelenverbundene sollte ein Abartiger, ein Serienkiller, eine menschliche Bestie sein?

Als am 22. Juli 1992 Dahmers letztes von ihm irgendwo in irgendeiner beliebigen Szenelokalität ausgesuchte Opfer, Tracy Edwards, rechtzeitig aus dessen Wohnung fliehen und die Polizei alarmieren konnte, bot sich den Beamten bei der anschließenden Durchsuchung ein schauerliches Bild: Ein menschlicher Kopf im Kühlschrank, abgehackte Hände in einem Kochtopf, drei Köpfe in einer Kühltruhe, fünf Totenschädel in einem Regal, ferner ein mit Salzsäure gefülltes Plastikfass, in dem man die Reste von drei Körpern fand. Immer neue Beweisstücke, - Kisten, Körperteile, Möbelstücke, Knochen und Schädel, die Dahmer aufbewahrt und konserviert hatte, um daraus einen Schrein zu basteln, - trugen die Polizisten, versehen mit Sauerstoffmasken und Schutzanzügen, aus der Wohnung 213 der Oxford Apartments in Milwaukee.

Blond, blass, scheu: Einer von nebenan

Den Tatort mit den schrecklichen Funden und den Namen, den die Presse Jeffrey Dahmer gab, kannte kurz darauf eine gesamte Fernsehgeneration: "Monster von Milwaukee". Die ersten schaurigen Aufnahmen liefen in den frühen Abendnachrichten, die Zeitung am nächsten Morgen zeigte sein Bild: Blond. Blass. Darunter eine Beschreibung: Scheu. Keineswegs dumm. Einer von nebenan. Irgendwie.

Dann kamen die abartigen Details an die Öffentlichkeit: Wie Dahmer die Männer, allesamt jung, instabil und auf Besseres hoffend, an der Theke, beim Saunabesuch angesprochen, angemacht, ihnen Geld versprochen hatte, um sich bei ihm zuhause in gewünschten Posen, nackt, eindeutig bereit, fotografieren zu lassen. Wie er ihnen Bier anbot, das mit Schlafmitteln versetzt war, um sie zu betäuben. Sie im hilflosen Zustand erwürgte, auf ihnen masturbierte, die Leichen vergewaltigte, sich später Teile davon zubereitete und sie verzehrte. Er versuchte auch, seine Opfer zu willenlosen Sklaven, Sex-Zombies, zu machen, indem er ihnen mit einer Bohrmaschine ein Loch in den Kopf bohrte, das er mit Säure füllte. Bei wenigstens zwei Männern ist offensichtlich, dass sie noch am Leben gewesen sind, als er sie "behandelte".

Sex-Zombies: Loch in Kopf gebohrt

Dahmer hielt einen Großteil der Abscheulichkeiten, die hinter seiner verschlossenen Tür stattfanden, fotografisch fest. Das Bildmaterial, das Schritt für Schritt eine Leichenzerlegung oder Verstümmelung zeigte, war selbst für die Hartgesottensten kaum zu ertragen.

Dahmer, der sich kooperativ zeigte und geständig war, freilich auf die Anerkennung dieser gewissen Unzurechnungsfähigkeit hoffte, die im Nachhinein so oft so zwingend herbeigedacht wird, - das war nicht der Fall, man hielt ihn für eindeutig schuldig -, wurde knapp zwei Jahre nach seiner Verurteilung von einem Mithäftling getötet.

Vielleicht hätte man irgendwann, viel, sehr viel später, von ihm erfahren, was ihn tatsächlich angetrieben hat. Eine Beziehung gab es nie. Nie gewollt? Seinen einzigen Freund, Billy Capshaw, hat er wohl gemocht, ihn sich aber nach eigenem Lustempfinden klein und unterwürfig gemacht. Die Männer, die ihn aufmerksam machten und die er ansprach, erregten ihn (natürlich) sexuell, aber letztendlich war es in jedem Fall so, dass sie sterben sollten. Um seine Lust-Leichen zu sein. Oder sie sollten als Sex-Marionetten nach seiner Pseudo-Lobotomie funktionieren können.

Jeffrey Dahmer, der Psychopath, der Mörder, das Monster, er hat gesucht. Irgendwas. Irgendwie. Irgendwen? Das wusste er wohl selbst nicht. Und wir? Gucken. Schlucken nur. Mal wieder fassungslos. Und ernüchtert.

Tipp: Dahmer – Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer (gespielt von Evan Peters), eine US-amerikanische, zehnteilige True-Crime-Serie von Ryan Murphy und Ian Brennen, 2022

erschienen in: Fantasyguide