Stories

Gut geträumt, Bruder

Blutrot die Lippen, blutrot das Lied

Vergissmeinnicht

Anders, aber auch gut

Gottes kalte Gabe

Zeit der Kniestrümpfe

Roter Regen

Das samtrote Sofa

Weh Mutterherz

Des Herrn Berlinis seltsame Sachen


Gut geträumt, Bruder

© Karin Reddemann

Der dicke weiße Mann trug einen Zylinder und hatte ein winziges Loch unter der Nase. Er lag in Axels Arbeitszimmer auf dem Teppich und rollte sich umständlich wieder und wieder von einer Seite auf die andere. Der Hut saß erstaunlich fest, er rutschte zur Seite, in den Nacken, vor die Augen, aber er blieb, wo er war. Der Dicke grunzte unfreundlich, offensichtlich ärgerte es ihn, angeglotzt zu werden.

Gregor, der wie ein Pappschild zwischen Bücherregal und Türrahmen an der Wand klebte und vernünftig entschieden hatte, sich vorerst nicht zu rühren, möglichst auch nicht zu atmen, starrte auf den Zylinder und fragte sich unsinnigerweise, warum der Idiot auf Axels Boden sich das verdammte Ding nicht einfach vom Kopf fegte. Stört doch, dachte er, kann man doch gar nichts mit anfangen hier, sieht doch echt Scheiße aus, weg damit, Junge, aber so ohne Arme, geht ja nicht, so ganz ohne irgendwas, sieht alles irgendwie Scheiße aus.

„Siehst du, was hab ich gesagt, was hab ich dir gesagt, das da, das hab ich gemeint, ist das normal jetzt oder was? Und du glaubst mir nicht, bin ja bekifft, oh Mann, klar doch. Sackgesicht, du, sowas von bekifft.“ Axel lachte eine Spur zu laut, ließ für einen kurzen Moment den weißen Mann aus den Augen und sah seinen Bruder so triumphierend an, als hätte er soeben den endgültigen Beweis für die Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen geliefert. „Der da war in meinem Traum. Genau der da.“

„Und wie zum Teufel kommt der in deine Wohnung?“ Gregor deutete angewidert mit dem Finger auf den weißen armlosen Dicken mit dem Zylinder und schüttelte sich. „Abartig. Wieso träumst du so eine Kacke? Was für eine irre Matschbirne hast du eigentlich?“

Der Mann auf Axels Boden grunzte wieder. Gregor fingerte sich eine windschiefe Zigarette aus der zerknüllten Schachtel, die er mit der rechten Hand in seiner Hosentasche achtlos durchgeknetet hatte, bog sie sich scheinbar höchst konzentriert zurecht, betrachtete sie eingehend und warf sie in die Ecke. Nahm sich eine neue, die er sich unbesehen zwischen die Lippen steckte, zündete sie aber nicht an. Er stand nur da, starrte, spuckte die Zigarette aus und stöhnte. „Womit grunzt das Viech denn? Aus dem komischen Loch kommt das nicht. Grunzt das aus dem Arsch?“

„Hat keinen. Guck doch. Maden haben keine Ärsche. Glaub ich.“

Der weiße Mann rollte sich grunzend auf den Bauch, als wollte er anklagend demonstrieren, wie unfertig er tatsächlich war. Rollte sich zurück, der Zylinder bedeckte sein halbes Gesicht. Kein Hintern. Keine Arme. Auch keine Beine, nur diese spitz zulaufende halbtransparente Flosse, aus der wie planlos hinein gepropft, ein männliches Glied ragte, das unnütze kleine Fontänen spuckte. Da war eben nichts wirklich Richtiges, da war nur dieser monströse weiße linsenförmige häßliche Körper mit Kopf, ein unbehaartes fettes Etwas mit Zylinder. Es riss sein Loch weit auf und pfiff.

„Pffft.“

Gregor schnappte hörbar nach Luft. „Hast du gehört? Warum pfeift der? Hast du Spinner geträumt, dass der pfeifen soll? Wieso das denn nun?“

Während die große pfeifende Made sich weiterhin auf dem Teppich wälzte und ejakulierte, ohne sich dabei gezielt in eine erkennbare Richtung zu rollen, schien ihr wütender Blick immer wieder Gregor zu suchen. Axel, der zwei Meter entfernt von seinem Bruder am Schreibtisch lehnte und sich mittlerweile so weit gefangen hatte, dass er sich wieder an den Teqila erinnern konnte, kicherte albern. „Der mag dich wohl nicht. Sieht irgendwie sauer aus.“

Die Augen des dicken weißen Mannes waren kreisrund. Tiefschwarze Halbkugeln ohne Wimpernkränze, die aussahen, als hätte jemand Murmeln mit dem Daumen in ein wächsernes Puppengesicht gedrückt.

„Guck sie dir an, Gregor. Wie die Rosinen bei einem Stutenkerl. Findest du nicht?“ Axels wirkte sichtlich aufgekratzt, griff nach der Flasche Tequila auf dem Schreibtisch, drehte den Schraubverschluss ab, hielt sie ihm aufmunternd entgegen. „Neenee, also echt, sowas, hättest du wohl nicht gedacht, nee, hättest du nicht, weiß ich. Ich sag jetzt erst mal Prost. Auf Hans. Brauchst du ein Glas?“

Echt ypisch mein kleiner blöder Bruder, dachte Gregor verärgert, hat an jedem Müll seine kleine blöde beschissene Freude. Er schüttelte wortlos den Kopf, rührte sich aber nicht von der Stelle und wartete, bis Axel ihm mit weit ausgestrecktem Arm die Flasche in die Hand drücken konnte, vorsichtig bemüht, dem Kerl auf dem Teppich nicht zu nahe zu kommen. Ist ja interessant, dachte Gregor, große Schnauze, aber die Hosen voll. Wieso Hans? Egal.

Er nahm einen tiefen Schluck, sah dabei auf seine Armbanduhr, stöhnte auf. „Herrgott, Axel, weißt du, wie spät es ist? Es ist halb fünf. Morgens. Morgens! Kapiert? Halb sieben. Und ich saufe hier Schnaps mit meinem völlig durchgeknallten Bruder, der mich aus dem Bett klingelt und mir lustig erzählt, er hätte einen Alptraum gehabt von einer riesigen grunzenden Made mit einem Zylinder auf dem Kopf, und die läge jetzt in seiner Wohnung rum, und ich denk, klar, Scheiße auch, der hat mal wieder ein paar Drops zu viel reingeworfen, und weil ich, verflucht noch mal, auf den kleinen Wichser aufpassen muss, damit der Junge keinen Blödsinn macht, jaja, versprochen, Mama, großes Indianerwort, Papa, schmeiß ich mich in mein Auto und fahr brav hin, um ihn in seinen süßen Arsch zu treten. Aber dazu komm ich gar nicht, weil da tatsächlich dieser fette weiße Wurm ist, und der grunzt nicht nur, der pfeift auch und glotzt mich an mit seinen, wie war das?, ja, Stutenkerlrosinenaugen, als wenn er mich fressen will, und ich? Ich saufe Tequila, ich bin doch nicht ganz echt.“

Er nahm noch einen Schluck, trank eine Spur zu hastig und musste husten. Axel nickte betroffen, so herrlich betroffen, wie er schon als Dreijähriger hatte nicken können, bewegte sich einen Schritt auf Gregor zu, schön dicht an der Wand entlang, und klopfte ihm auf die Schulter. „Ist ja gut, ich mach das nicht mit Absicht, glaubst du denn, mir gefällt das?“

Gregor sah ihn skeptisch an. Axel grinste.

„Ob dir das gefällt? Aber ja. Offensichtlich ja.“

„Schwachsinn. Der da macht mich auch nervös. Meinst du, wenn ich jetzt einpennen würde, wäre der wieder weg?“

Gregor bekreuzigte sich. „Lieber Gott, lass ihn nicht so völlig doof sterben. Jetzt einpennen. Was hast du vor? Willst du ihn wegschlafen? Also du träumst mal eben kurz, dass der da gar nicht da ist, von dem du vorher geträumt hast, und dann haben wir keine Made mehr in deiner Bude. Ja? Dann mach mal voran, du Großmeister aller Sackgesichter, los. Träum.“

Er steckte sich eine Zigarette an mit der festen Absicht, diese eine tatsächlich zu rauchen, mehr noch, er nahm sich vor, noch mehr Tequila zu trinken, Axel war stets ordentlich eingedeckt, sollten die in der Kanzlei heute ohne ihn fertig werden, er hatte genug mit seinem beknackten Bruder und dessen hässlichen Wurm zu tun. Er inhalierte, stieß den Rauch durch die Nase aus, sah dem hübschen blauen Kringel beinahe verliebt nach, verlor das Interesse an seiner guten Laune und blickte irritiert zu Boden. Auf seinen Schuhspitzen waren feine Tröpfchen. „Ist das von dem da? Spritzt der so weit? Ist doch eklig. Was hast du dir denn überhaupt dabei gedacht? Bei diesem komischen Schwanz da in dem Ding? Warst du im Delirium?. So was spinnt sich ein vernünftig schlafender Mensch doch nicht zusammen, du bist echt krank, Axel, ich mach mir wirklich Sorgen.“

Axel verzog gekränkt das Gesicht. „Komm mir bloß nicht auf die Tour. Ich hab den da ja nicht gemacht oder so, das war ein völlig normaler abartiger Traum, andere haben da noch viel mehr beschissenes Zeug im Hinterstübchen, kann ich denn ahnen, dass ich aufwache und der allen Ernstes bei mir auf dem Teppich herum kugelt? Kann ich wohl nicht. Und was machen wir nun?“

Jetzt nicht aggressiv werden, dachte Gregor, was wir machen, klar doch, was ich mache, meint der wohl. Wie immer. Er zuckte mit den Achseln, vorläufig fiel ihm nichts Klügeres ein, und bot Axel schweigend eine Zigarette an. Der schüttelte den Kopf . „Für mich nicht. Gib doch Hans eine. Mal seh’n, was der mit seinem Loch so alles machen kann. Komm schon, gib ihm eine. Traust dich nicht ran, was?“

„Hör auf mit dem Dreck. Wieso Hans?“

„Pffft!“

Gregor zuckte zusammen.. „Dieses Pfeifen. Grauenvoll. Wieso nennst du das da Hans? Wann hast dudenn einen Namen gegeben? Du bist doch total...he!“ Er griff nach dem dünnen Schwanz, der vor seiner Brust baumelte, verfehlte ihn, schüttelte sich, sah den kleinen Affen, zwinkerte kurz, sah ihn nicht mehr, grinste schief und dachte, okay, jetzt ist es auch mit dir soweit In dem Moment hüpfte ihm etwas auf die Schulter und krallte sich dort fest.

„Nichts da, weg mit dir. Wirst du wohl loslassen.“ Axel fuchtelte wild mit den Armen, natürlich lachte der Idiot, ist auch wirklich alles zum Brüllen hier, dachte Gregor. Er schlug nach dem Tier, das sich an seinen Hals klammerte, schlug erneut, diesmal fester, registrierte einen hohen empörten Schrei, dann war er befreit. Der Affe trug eine Strickjacke und winzige Turnschuhe, von denen er einen verlor, als er mit einem weiten Satz durch das Zimmer flog und auf der Gardinenstange landete. Dort blieb er laut schimpfend hocken.

Georg rieb seinen Hals, der Affe hatte ihn gekratzt, da war unverkennbar echtes Blut an seinen Fingerspitzen, da war echter brennender Schmerz, und irgendwie fühlte er sich erleichtert. Zumindest halluzinierst du nicht, dachte er, alter Junge, du bist noch halbwegs frisch da oben.

Er bemühte sich, seine Stimme so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. „Wie originell, Axel. Dann leg mal los, ich höre. Was macht der Affe hier? Wieso hat der Klamotten an?“

Axel breitete die Arme aus, zog eine kindliche Schnute, - „Was fragst du denn mich?“ - , griff nach der Flasche, die Gregor auf dem Bücherregal abgestellt hatte, führte sie zum Mund, setzte an, stockte. Stutzte. Schrie. Es klang begeistert. „Natürlich. Der war auch dabei.“ Schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, lachte kurz auf, trank, grinste zufrieden, nahm noch einen Schluck. Rülpste. Lachte. Gregor sah ihm fassungslos zu. „Wobei? Pack die gottverdammte Pulle weg, ich frag dich was. Wobei war der Affe?“

„In meinem Traum. Ich hab von dem geträumt, genauso sah der aus. Witzig, was?“

„Nein. Nicht witzig. Was geschieht mit ihm?“

„Er wird gefressen. Hans frisst ihn auf. Glaub ich. Weiß ich nicht mehr so genau. Ist das so wichtig?“ Axel fingerte sich jetzt doch eine Zigarette aus Gregors Schachtel, musterte sie vergnügt und boxte seinen Bruder in die Seite. „Wieso lädierst du die armen Dinger so? Entspann dich.“

„Was hast du denn noch Schönes geträumt? Ich frag nur mal so.“ Gregor atmete tief durch, steckte betont beiläufig die Hände in die Hosentaschen, ballte sie zu Fäusten. Der Irre soll bloß aufpassen, dachte er, bloß aufpassen. Axel legte seinen Kopf in den Nacken, schien tatsächlich zu überlegen. Dann: „Ich denke, nun, nein. Denke ich. Sonst nichts. Nein. Oder doch. So’n paar Russenärsche mit Kalaschnikows haben deine Frau gefickt, Tatsache, Gitta war auch da, ich konnte ihre Muschi riechen..Und dann ist sie wie ein Knallbonbon in zwei Stücke geflogen, überall Gedärmgematsche. Glotz nicht so blöd, was kann ich denn dafür? Billsbeck hab ich auch abgefackelt. Ich denke, dass das unser beschissenes Kaff Billsbeck war. Scheiß was drauf, Scheiß was auf meinen Traum. Mach lieber das Ekelpaket von meinem Teppich weg, ich will den da nicht mehr.“

Axel stieß sich mit einem Bein von der Wand ab, holte Schwung und trat dem dicken weißen Mann dorthin, wo der Bauch sein musste.. Der Mann pfiff durch sein Loch und blinzelte böse mit den Rosinenaugen.„Pffft.“

Axel bückte sich und rückte den Zylinder grade. Dann spuckte er ihm ins Gesicht. „Böser Junge. Sollst du Laut geben? Nein, sollst du nicht.“

„Bist du jetzt komplett wahnsinnig geworden? Geh weg von dem, sofort gehst du da weg.“ Gregor sprang einen Schritt auf Axel zu, zog ihn am Ärmel seines Pullovers hoch, zerrte ihn zur Seite, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn durch. „Ich glaub das nicht, Axel, ich glaub das einfach nicht. Ich sollte dir die Fresse polieren, wenn du das noch mal machst, hattest du mal Eier, klar?!“

Axel sah ihn amüsiert an und versuchte halbherzig, sich aus dem Griff seines Bruders zu befreien. „Okay, schon gut, alles klar, Mann. Nicht so doll, Mann.“ Gregor reagierte nicht, schüttelte weiter. Axel lief rot an. Für einen Moment schien auch er verärgert zu sein. „He Mann, hör auf damit, mir wird schon ganz schlecht davon, ich kotz dich gleich voll, ich warn dich. Mann, Himmel, reg dich doch nicht so auf, hier passiert doch nichts. Rein gar...was zum Henker?“

„Pffft!“

Das war deutlich lauter als vorher. Beide blickten gleichzeitig auf den Weißen am Boden, der es geschafft hatte, sich näher an sie heran zu rollen, er lag jetzt fast zu ihren Füßen, auf seinem Gesicht turnte der Affe. Gregor hielt Axel immer noch fest, beide japsten nach Luft. Der Affe turnte nicht wirklich, er versuchte, mit sinnlosen Verrenkungen sein Hinterteil aus dem Loch zu ziehen, das jetzt die Größe eines Tennisballs hatte. Die Rosinenaugen waren weit aufgerissen, als die ersten Knochen knackten. Der Affe schien selbst erstaunt zu sein, dass sein ganzer Körper in dieses Loch zu passen schien, er blieb stumm, auch, als ihm klar wurde, dass er nicht wirklich passte. Der Mann mit dem Zylinder schien ihn in sich hinein zu saugen wie eine fette große Frau, die durch ein kleines kaputtes Fenster im Flugzeug verschwindet, so leicht, als wäre sie vorher in einem Mixer gewesen, um mundgerecht gemacht zu werden.

Als nur noch der bereits deformierte Kopf aus dem Loch ragte, war es Axel, der als erster seine Sprache wieder fand. „Hat der den jetzt bei lebendigem Leib pürriert? Hat er das? Wie macht der sowas?“ Gregor nickte, krächzte Undefinierbares, räusperte sich, flüsterte nur. „Scheißegal. Weg hier, Axel.“

„Neeeiiin.“ Gregor zuckte zusammen. Starrte zu Boden. Die Made mit dem Zylinder blinzelte ihm mit einem ihrer Rosinenaugen zu und zog dabei ihr Loch in die Länge. „Neeeiiin.“ Dann klaffte es wie eine durch einen sauberen Schnitt herbeigeführte Wunde weit auseinander, weit genug, um einen Kinderkopf hinein zu stecken. Nicht weit genug für einen ausgewachsenen Mann, natürlich nicht, aber Gregor hatte gelernt, dass nichts so möglich wie das vermeintlich Unmögliche sein kann. Er taumelte zurück, schwankte, fand keinen Halt, stolperte über die eigenen Füße und fiel unsanft gegen Axels schweren Schreibtischstuhl, rappelte sich wieder auf, fiel wieder, schlug mit dem Hinterkopf an die Stuhlkante, hätte gern geschrien, vor Schmerz, vor Entsetzen, versuchte, einen Ton von sich zu geben, irgendeinen verdammten menschlichen Laut. Nichts kam über seine Lippen, nicht einmal das Brüllen, das in seinem Kopf explodierte, als er seinen Bruder sah. Der blickte ungläubig zurück, dann zu Boden, erkannte verblüfft, wo exakt er stand, wo sein rechtes Bein sich mittlerweile befand, hörte das Knacken, ein Grunzen, ein Geräusch, als würde jemand Brause durch einen dicken Strohhalm ziehen. „Gregor.“ Nur der Name. Nichts mehr.

„Gregor?“

Er öffnete die Augen, nur einen kleinen Spalt weit, stöhnte, kniff sie sofort wieder zusammen, öffnete sie vorsichtig erneut, um sie an den Schein der Taschenlampe zu gewöhnen, mit der sein Bruder ihn blendete. Sein Schädel brummte, als hätte jemand mit einer Zange versucht, sein das Gehirn heraus zu kneifen.

„Gregor? Alles in Ordnung?“ Axel hielt ihm die Lampe direkt ins Gesicht, er sah ehrlich besorgt aus. „Mann, mach doch nicht solche Sachen.“

Gregor, der längs gestreckt auf dem Rücken vor Axels Schreibtisch lag, stemmte sich mit den Ellenbogen hoch, kam in Sitzstellung, fasste an seinen Hinterkopf. Warm, nass, klebrig war es dort. „Scheiße, ich blute.“

„War klar. Bei dem Stunt. Hammerhart, wie du hingeknallt bist. Wohl zuviel Tequila, du alter Saftsack, wusste gar nicht, dass mein großer Bruder wie ein Weichei säuft. Ohnmächtig warst du Penner, korrekt ohnmächtig wie so ‘ne Heiteiteifotze im Film, ich dachte schon, du pennst dich gradewegs in die Hölle. Hast du wenigstens was Gutes geträumt?“

„Nein.“ Gregor zögerte kurz, sah Axel mißtrauisch an. Natürlich, wieder mal, der Flachwichser grinste. „Es war nicht gut.“ Er blickte zum Fenster. „Wieviel Uhr?“ – „Halb fünf. Morgens.“ – „Warum ist es schon so hell?“ – „Weil es brennt. Irgendwo brennt es wohl.“ – „Wo denn? Warum? Was brennt denn?“ – „Alles.“ – „Wie jetzt?“ – „Billsbeck.“ – „Die ganze Stadt?“ – „Die ganze beschissene Stadt.“ – „Ich ruf jetzt Gitta an.“ – „Tu das.“

Axel streichelte ihm sanft über das Haar. „Armer Gregor. Ich hol dir einen Lappen für deinen Kopf.“ – „Axel?“ – „Hm.“ – „Warum liegt da ein Zylinder in der Ecke.“ – „Da liegt nichts. Träumst du noch?“ – „Hans?“ – „Hm.“ – „Wie macht die fette weiße Made?“

Axel sah ihn freundlich an. Rosinenaugen.

„Pffft.“

© Karin Reddemann

erschienen in: ABYSSOS– Geschichten aus dem Abgrund, VISIONARIUM, Dr. Nachtstrom (Hrsg.), Bernhard Reicher (Chefredakteur), 2014


Blutrot die Lippen, blutrot das Lied

© Karin Reddemann

Maris war zweifellos genial. Ein Meister.

Ein Mörder war er auch. Vielleicht hat er es nur einmal getan. Vielleicht tatsächlich so oft, dass der Wind ihm seine Tränen ins Gesicht gepeitscht hat, damit das Orchester ihn hört. Wie er singt. Schreit. Weint. Wie er singt. Mitsingt, um das da unten, das hoch oben in der Stimme auf seine furchtbare Art streicheln zu können. So furchtbar. So diabolisch schön.
Maris ist lange schon tot. Er war spektakulär. Wer die Augen schloss, vernahm den Flügelschlag des Schmetterlings. Das Stöhnen der Aphrodite. Die gesummten Wünsche der Ungeborenen.

Und doch wäre das allein nicht genug, seine ganz besondere, wenn auch kurze Geschichte zu schreiben. Viele sind von den Göttern geküsst worden und haben sich an ihrem Speichel vergiftet. Ein schleichender Tod, der den Tanz auf den Wolke begleitet. So geht das Spiel. Wir sehen erstaunt zu, nicken, gehen weiter.

Blutrot die Lippen, blutrot das Lied…Maris verdient eine spezielle Aufmerksamkeit. Er verschwand wie seine Wahrheit, als wären er und sie nie gewesen. Er hätte die Welt gern weiter träumen lassen von einem Zauberer wie ihm. Aber wäre das alles tatsächlich geschehen, würden sie vor ihm grauen. Wäre…oder war es?

Diese Welt, sie hatte ihn umjubelt, beneidet, sie hatte um ihn geweint. Sie hätte ihn nicht verstanden, wäre er gegangen als einer von denen, die viel zu menschlich sind, um immer nur gut zu sein. Sie hätte über ihn geurteilt, wäre bereit gewesen, ihn in die Gosse, in den Kerker, in die Schlangengrube zu werfen. Offiziell hätte sie Mitleid geheuchelt. „Armer Junge. Trotzdem.“ Dann hätte das Entsetzen, die Empörung ihn gefressen. „Und trotzdem.Wie kann man nur? Bestie. Bestie!“

Maris war anders. Anders als sie. Er gehörte zu den Gebrandmarkten, die nie verloren gehen, weil sie Erinnerung bleiben. Wenn er tanzte, ganz für sich allein, sein imaginäres Ebenbild in den Armen, fasste er sich zwischen die Beine und drückte zu, so fest, dass es schmerzte. Dann fühlte er sich lebendig und quälte sich lächelnd, wohlwissend, dass es nicht perfekt war.

Sie schnitten Hoden ab. Das gehörte zum guten italienischen Ton. Die glockenhellen Stimmen blieben, das war eine phantastische Sache, die einfach passierte. Die Knaben wurden in den Keller geschleppt und betrunken gemacht, um nicht erzählen zu können. Verbluteten sie, schrie niemand nach Gott oder dem Teufel, nur sie selbst hörte man nach ihren Müttern brüllen, wenn die Flammen schwiegen.

Maris hatte dieses Glück, das sich so nennen darf, weil die Sonne es nicht verbrennt. Frauen durften nicht auf die Bühne. Er schon. Er konnte. Musste, das war der Lauf der Dinge. Er wollte es auch. Er war schön. Man sagte es ihm.
Seine Haut war weiß gepudert, das blonde Haar engelsgleich. Während er seine langen Handschuhe überzog, betrachtete er sich im Spiegel und dachte an seine Großmutter. Sie drückte ihm ihren dicken Busen ins Gesicht, umarmte ihn, flüsterte: „Wein nicht, Goldjunge.“

Als der Schuster Marcello seinem Sohn die Männlichkeit nehmen ließ, war er sich sehr wohl bewusst, dass das nicht richtig war. Da war dieser Mann aus der Stadt, der ihn mitnehmen wollte, da war das Geld. Der Kerl, der schnitt, stank nach Schnaps und dreckiger Kälte. Er bescherte Marcello gute Jahre. Irgendwann sang Maris allein, stand völlig allein da vorn wie der Priester am Altar, und die Meute kniete und betete. Die Frauen waren verrückt nach ihm. Seine Stimme, sein Gesicht waren das Meer, in dem sie nach Austern tauchten, um Perlen zu sammeln für diese unerträglich kostbare Ewigkeit, die nur geträumt war. Marcello freute das. „Liebt ihn“, sagte er ihnen, „er ist nicht vollkommen. Dann kommt mit mir. Wir machen ihm seine Kinder.“

Marcellos Leiche wurde in der Garderobe seines Sohnes aufgefunden, nachdem Maris ein letztes Mal auf der Bühne gestanden hatte. Die Hose war bis zu den Knöcheln hinuntergezogen, die Hoden fehlten, der Unterleib schwamm im Blut. „Grauenhaft, ganz grauenhaft“, schrien sie und glotzten fassungslos. Der Vater lag dort mit zerfetzter Kehle und staunenden Blickes aus toten Augen auf dem Frisiertisch, und am Abend in der Theaterschenke schwor man bei allen Heiligen, dass seine Stimmbänder herausgerissen waren. Ein schlanker, dunkelgekleideter Mann sei kurz vor dem Schlussapplaus für Marius aus dessen Umkleide gekommen, nein, gejagt. Geflüchtet. Panisch, oh doch. Der hatte vermutlich…doch warum?

Nach dem Mord trat Maris nie wieder auf. Kurz darauf verschwand er im Nichts. Man munkelte, er und kein gemeinnisvoller Fremder hätte Marcello umgebracht und sich aus dem Staub gemacht, vielleicht auch selbst getötet, irgendwo, wo man nicht nachgesehen hatte. Man sagte, der Vater hätte ihn verprügelt und überhaupt schlecht behandelt, ihn, den Kastrierten, die Kehle, die Geldquelle. Man wusste es aber nicht und blieb ratlos zurück. Es blieb nur das Grau, es heulten die Wölfe. Sie heulten schrill.

Wenn es dunkel wird, erzählt man sich die wahre Geschichte. Einige sitzen am Feuer und nicken, weil sie den Grund längst kennen. Andere lauschen immer, auch den versteckten Lügen. Und verbreiten alles, ohne zu unterscheiden. Freilich war es so zu jener Zeit geschehen, dass Knaben von den Strassen verschwanden, nach denen vergeblich gesucht wurde. Viel Mühe machte man sich nicht. Sie waren eben fort, weggelaufen vielleicht. Verschleppt. Getötet gar. Man schüttelte sich fassungslos, blickte angewidert und ging seiner Wege. Es waren ungewaschene Kinder ohne ein ordentliches Zuhause. Unwichtig für die Nacht, in der man sie nicht sah, unwichtig für den Tag, der sinnvoll sein sollte. Irgendwie. In jener Zeit, in der Maris sich auf dem Höhepunkt seiner so großartigen, so kurzen Karriere befand, verliebte er sich in einen jungen Arzt namens Sergio. Es war eine leidenschaftliche, kompromisslose Beziehung, in die Maris sich stürzte, begierig und bereit, alles zu tun, um diese Liebe zu halten. Natürlich war sie verboten. Natürlich durfte niemand von ihr erfahren. Maris war der Erzengel. Die Frauen bebten, stöhnten, ihre Rufe trommelten: „Maris. Gabriel. Maris. Gabriel.“

Sergio war ein Mörder, der über seine besondere Lust lachte. Er lockte kleine Jungs, spielte mit ihnen und schnitt die zarten Kehlen durch. Das Blut trank er aus geschliffenem Glas, das Fleisch zerlegte, kochte oder briet er, dann ass er es an fein gedeckter Tafel. Danach lutschte er Trauben und hörte Maris zu. Der überwand seinen anfänglichen Ekel zum eigenen Erstaunen schnell, zumal Sergio so leichtfüssig mit allem umging. Das gefiel ihm. Und er hatte die Knaben gern. Sie erinnerten ihn. Er setzte sich zu Sergio an den Tisch, griff beherzt zu, bedauerte insgeheim, bei der liebevollen Zubereitung nicht geholfen zu haben. „Es ist perfekt, es soll so sein“, sagte Sergio, „es hält gesund und jung.“ Und Maris ergänzte: „Schön. Es hält so schön. Nicht wahr? Nicht wahr?““ Zärtlich streichelte er die glatte, weiche Haut seines Freundes, berührte dann sich selbst, leicht nur, fast ehrfurchtsvoll, seufzte, lächelte. „So schön. So wundervoll. Mach uns unsterblich.“ Sergio küsste seinen Mund. „Das bist du schon. Mein süßer Kastrat. Blutrot die Lippen, blutrot das Lied.“

Ich werde nur die Hoden verspeisen. Und die Zungen. Was meinst du?“ Maris sah ihn erwartungsvoll an. Blaue Augen. Goldgesprenkelt. So groß. Ein dichter Wimpernkranz. Sergio umarmte ihn. „Wenn es einem gebührt, dann dir. Ich werde mehr von ihnen holen.“ Maris klatschte begeistert in die Hände. „Ich werde dich begleiten. Ich liebe sie. Sie sind so zauberhaft in der Dunkelheit. Ich bade sie, ich parfümiere sie, ich füttere sie mit Süßigkeiten. Wir lieben sie. Ich werde ihre Hoden essen. Meine Stimme…oh, mein Herz.“ Sergio nickte. „Deine Stimme soll satt werden, Prinz.“
Und wahrhaftig, immer kraftvoller, höher, schallender soll Maris gesungen haben, so überirdisch hallend, dass sie alle von ihren Sitzen sprangen und jubelten. „Er wird immer besser. Man kann nicht ewig noch besser werden. Die Engel haben ihn geküsst. Es sind ihre Weisen.“

Als Marcello von Sergio erfuhr, tobte er. Maris. Ein schwuler Krüppel. Nicht mehr als das. Wie erbärmlich. Und wie tröstlich für ihn, dass er niemals von den irritierenden Mahlzeiten erfuhr. Er starb in der Garderobe seines Sohnes als wütender Mann. Da war nichts anderes.

Wer ihn getötet und verstümmelt hatte, kam nie heraus. Vermutlich Sergio. Maris? Mag sein. Er bekundete seine Trauer um den Vater öffentlich nie. Nachdem er verschwunden war, gingen die Lichter aus. Und irgendwann wieder an. So einfach war es letztendlich doch. Das Ende verstummte. Und nur der Wind sang noch irgendwas, das klang wie Blutrot die Lippen, blutrot das Lied….

 

erschienen in: Zwielicht Classic 13, 2018, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, Zwielicht-Single Blutrot die Lippen, blutrot das Lied, Hrsg. Michael Schmidt, 2018) Foto: Buchcover


Vergissmeinnicht

© Karin Reddemann

Ich könnte so beginnen: Es war einmal ein hässlicher Prinz, der verliebte sich in eine schöne Prinzessin. Die wollte von ihm nichts wissen und lachte ihn aus. Da verfluchte er seine Liebe zu ihr und stürzte sich vom Turm. Gar Tragisches geschah. Denn niemand sollte vergessen.

Könnte ich. Es wäre eine hübsche, kleine Schauermär. Aber ich erzähle anders. Ich erzähle, wie es wirklich war. Weder hübsch noch klein. Einfach nur schaurig. Richtig schaurig. Die Geschichte handelt von einem traurigen, jungen Mann. Sie ist böse.

Er beobachtete. Stand in der Ecke, saß allein am Tisch, lungerte auf einem der langen Flure herum, lehnte an der Wand, an der Tür, am Fenster, war überall und doch irgendwie nirgends. Vor gut einer Woche war er aufgetaucht. Niemand wusste, ob er überhaupt studierte. Ein seltsamer Kauz. Nie in Begleitung. Nie im Gespräch. Es schien, als sei er einfach nur gekommen, um zu beobachten, dieser lange, dürre Kerl, so extrem dürr, dass es den Anschein erweckte, als würde er bei einem unverhofften Stoß in den Rücken oder in die Kniekehlen durchknicken wie ein rissiger Strohhalm. Er trug ein zerknittertes, schwarzes 

Jackett, dazu graue Jeans mit Bügelfalte, eine ockerfarbene Aktentasche mit Tragegurt aus abgewetztem Leder an der linken Schulter. Sein Gesicht war spitz mit kleinen Brombeeraugen, und da war dieses sonderbare Lächeln, das ständig seine schmalen Lippen umspielte. Wie ohne Sinn eingebrannt. Die anderen rissen blöde Witze über ihn, was hätte man auch sonst über ihn sagen sollen, und manchmal lachte ich mit. Tatsächlich aber tat er mir leid. Irgendwie ein armer Wicht. Dachte ich. Da wusste ich noch nicht, dass ich es war, die er ganz speziell im Visier hatte.

Das alles ist jetzt etliche Jahre her. Heute versuche ich, ganz realistisch zurückzublicken. Irgendwie etwas wirklich absolut Finsteres ahnen konnte ich bei halbwegs normalem Verstand nun wahrlich nicht. Es fing recht harmlos an, da entbehrte es sogar einer gewissen Situationskomik nicht. Das änderte sich freilich schnell.

Es war der 12. Februar 1998. Ich studierte in Bochum Germanistik und Anglistik, es war mein viertes Semester, und ich besuchte eine Vorlesung über frühromantische Lyrik. Mehr Pflicht denn Vergnügen. Und da stand er plötzlich im Türrahmen, der komische Kerl. Schaute sich um und schien unschlüssig zu sein, ob er sich einen Platz suchen oder lieber wieder gehen sollte.

Ich saß ganz hinten, der Saal war vollbesetzt, und als unsere Blicke sich trafen, deutete ich auf den einen freien Stuhl neben mir, direkt am Rand, unmittelbar vor dem Ausgang. Er lächelte. Natürlich lächelte er. Kam, setzte sich umständlich hin, umklammerte die Aktentasche in seinem Schoß, lächelte immer noch, sah mich von der Seite an.

Peter“, sagte er. „Und du bist Barbara.“ Seine Stimme war für einen Mann sehr hoch, ein eigenartiges Summen schwang mit, und gleichzeitig klang er heiser, wie bei einer Erkältung. „Nein. Simone.“

„So?“, meinte er und verzog spöttisch die Mundwinkel. Ich zuckte mit den Schultern, mir reichte das bereits an Konversation, ich fand den Typ unangenehm. Demonstrativ starrte ich nach vorn zum Dozenten, als müsste ich mich schwer konzentrieren. Und da war es, ganz nah an meinem Ohr, so nah, dass ich glaubte, seine Lippen müssten es gleich berühren. Ich hörte ihn raunen, bildete mir ein, ihn auch sabbern, keuchen zu hören, hörte ihn und dachte nur, hilf Himmel, was läuft hier ab?

„Vergiss mein nicht, wenn lockre kühle Erde dies Herz einst deckt, das zärtlich für dich schlug. Denk', dass es dort vollkomm'ner lieben werde, als da voll Schwachheit ich's vielleicht voll Fehler trug.“

Ich rutschte augenblicklich von ihm weg und starrte ihn fassungslos an. „Was soll der Quatsch?“, zischte ich. Und, mag sein, eine Spur zu aggressiv: „Rück' mir nicht so auf die Pelle.“ Im gleichen Moment, als ich ihn so anherrschte, tat es mir schon wieder leid. Ich wollte ihn ja nicht kränken. Vielleicht war das die einzige Art, die ihm in seinem seltsamen Kopf einfiel, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Darauf konnte ich freilich verzichten. Gut. Ich würde ihm einfach zukünftig aus dem Weg gehen. Dachte ich.

Er sagte nichts, er sah mich nur erstaunt an. Beleidigt wirkte er nicht. Er lächelte einfach. Irgendwie irritierend gönnerhaft und zugleich so verzerrt, fast hämisch. Es war ein fratzenhaftes Grinsen, wie eingemeißelt.

Peter sah mich die ganze verdammte Ewigkeit von neunzig Minuten mit diesem abartigen Grinsen an, ich spürte seine Blicke auf meinem Gesicht, und am liebsten hätte ich hysterisch losgeschrien, so sehr störte er mich. Er grinste breit und feist, wenn unsere Augen sich dann doch unvermittelt ganz kurz nur trafen, ich bemühte mich krampfhaft, das zu vermeiden. Mittlerweile war ich völlig nervös, und irgendwann fragte ich, ziemlich gereizt: „Ist was?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich guck' dich nur an.“ Na toll, dachte ich, traute mich aber nicht, ihm zu sagen, er würde mich aggressiv machen und solle, bitte sehr, woanders hingucken, sonst würde ich...ja, was?

Sein kleines, spitzes Gesicht, von unzähligen Aknenarben gezeichnet, war gelbstichig, nur die kleine, spitze Nase war blaurot. Unter seinem karierten Jacket trug er ein bis zum Hals zugeknöpftes weißes Hemd, über dessen Kragen sein Adamsapfel hüpfte. Er war extrem dünn, und er hatte einen furchtbaren Ziegenbart, der sein spitzes Gesicht unnötig verlängerte.Er sprach nicht weiter. Ich auch nicht.

Nach der Vorlesung klaubte ich hastig meinen Kram zusammen, murmelte ein „Tschüss dann“ und wollte nur weg. Da griff er nach meiner Hand. Das muss man sich vorstellen, sowas aus heiterem Himmel Und ich war so herzlich wenig cool und frech mit meinen zweiundzwanzig Jahren, hilflos wie eine dumme Fliege im Spinnennetz. Mir wurde in dem Moment richtig heiß.

„Die zweite Strophe. Es muss perfekt sein,“ sagte er.

„Was denn?“, fragte ich. Armselig blöd, ich.

 

„Dann soll mein freier Geist oft segnend dich umschweben, und deinem Geiste Trost und süße Ahndung geben. Denk', dass ich's sei, wenn's sanft in deiner Seele spricht. Vergiss mein nicht. Vergiss mein nicht!“

Ich entriss ihm meine Hand und fauchte: „Mach' das nicht noch mal.“

„Ach Barbara.“ Er funkelte mich an. Seine Pupillen waren schwarz.

„Ich heiß' nicht Barbara“,sagte ich, so ruhig wie möglich. Der Kerl machte mir Angst. Ich drehte mich mit hochrotem Kopf um und verließ fluchtartig den Saal.

Entrinnen konnte ich ihm nicht. Eine Stunde später war ich mit meiner Freundin Sabine in der Cafeteria verabredet, und er stand neben dem Kaffeeautomaten und starrte lächelnd zu uns herüber. „Der komische Vogel glotzt und glotzt.“, sagte Sabine, „möchte mal wissen, was der hier immer herumlungert. Wahrscheinlich studiert der überhaupt nichts. Tippe auf Spanner.“

„Weiß nicht“, sagte ich. „Eher der Psycho. Der saß vorhin in meiner Vorlesung neben mir. Frühromantische Lyrik.“

„Der? Direkt neben dir? Uh. Ich werd' nicht mehr. Und was sagt der so?“

„Dass er Peter heißt. Ist ein Vollpfosten, sieht man ja. Der hat mir so ein Gedicht über Vergissmeinnicht aufgezwängt. Da war was mit einem Grab in kühler Erde und süßer Ahndung. Du kennst das nicht zufällig?“

„Das fragst du mich? Ernsthaft jetzt?“ Sabine kicherte. Natürlich kannte sie es nicht. Ich verabschiedete mich kurz darauf und suchte die Bibiothek auf.

Es war Novalis. Ich las mir Vergissmeinnicht durch. Kopierte mir das Gedicht, ging nach Hause, ins Studentenwohnheim, kochte mir einen Kaffee, las es erneut. Mehrmals. Ich sprach, ich flüsterte die Worte mit. Denk', dass ich's sei, wenn's sanft in deiner Seele spricht. Vergiss mein nicht. Vergiss mein nicht! Heute noch kann ich das Gedicht im Schlaf aufsagen. Und heute noch überfällt mich tiefster Schauer.

Wenn's sanft in deiner Seele spricht....Ich musste reden. Wählte Sabines Nummer. Sie ging nicht ran. Ich schaltete den Fernseher ein, die Bundies zankten sich, im Hintergrund lief überdrehtes Gelächter, ich schaltete wieder aus. Rief bei Sabine an. Niemand da. Immer noch nicht. Radio an, der tote Falco sang Out of the Dark, das brauchte ich jetzt nicht, Radio aus. Ich trank Omas ekliges Nikolausgeschenk. Aufgesetzter mit besoffenen Buben, - so nannte sie die schwarzen Beeren im Schnaps - , schüttelte mich und schwor mir, das Zeug wegzukippen. Das Telefon klingelte. Sabine.

„Novalis,“ sagte sie, „ich hab' mich für dich schlau gemacht. Hannos Schwester Marita ist ja Deutschlehrerin, Oberstufe, dachte, die kennt das vielleicht. Hanno hat sie gefragt. Bingo. Du weißt das aber wahrscheinlich schon, stimmt's? Hast du's gelesen?“

„Ja. Sicher. Irgendwie gruselig“, sagte ich. Und ich hörte, wie sie tief durchatmete, bevor sie sagte: „Es ist alles gruseliger, als du denkst." Ich goss mir noch ein Glas voll, meine Kehle war ganz trocken, Scheiß was auf den Geschmack, dachte ich. Und dann fuhr ich sie völlig abgenervt an. „Willst du mich verarschen? Was denn noch?“

Es gibt da so eine krasse Geschichte über Vergissmeinnicht, Marita hat die damals live miterlebt, die hat ja auch hier in Bochum studiert. Und die Sache ist schon derbe. Vor sechs Jahren sprang hier an der Ruhr-Uni einer vom Dach, den sie Peter Vergissmeinnicht nannten. PETER! Also, Mone, wenn das nicht spooky ist.“

Ich sagte gar nichts. Vorerst. Peter musste ich verdauen.

„Okay,“ sagte ich schließlich, „kann man nicht ändern. Und warum Peter Vergissmeinnicht?“

„Weil er einem Mädchen, in das er verliebt war, am Ende einer Vorlesung einen Strauß Vergissmeinnicht schenken wollte. Sie hat ihn ausgelacht, etwas auf ein Stück Papier gekritzelt und es ihm in die Hand gedrückt. Kurz darauf ist er gesprungen. Den Strauß fand man in der Blutlache direkt neben der Leiche, und in seiner Brusttasche steckte der Zettel.“

„Und was stand da?“

„Krepier' doch, du kranker Kopf.“

Ich schwieg. Sabine auch, aber nur kurz. „Böse, ne?“, meinte sie.

„Ja, echt böse“, sagte ich, „und traurig.“

„Du mit deinem weichen Herz.“ Sie seufzte auf.

Darauf ging ich gar nicht ein. „Glaubst du, der kennt die Geschichte und bildet sich ein, da jetzt irgendwas nachspielen zu müsssen? Mit Gedicht anstatt Blumen oder wie?“

„Könnte durchaus sein. Auf jeden Fall ist der Typ nicht dicht, steht ja wohl fest. Der steigert sich da in dich 'rein, und dann segelt der aus Liebeskummer auch noch vom Dach, und du fühlst dich schuldig. Ich kenn' dich doch.“

„Du meinst, der könnte wirklich...Selbstmord?“ Mir wurde grottenübel. Vielleicht lag das auch mit an dem Aufgesetzten.

„Mir ist nicht gut,“ sagte ich.

„Hmm,“ meinte Sabine gedehnt. Dann: „Jaaa. Hmm.“ Sie machte mich ganz nervös. Schließlich platzte es aus ihr heraus. „Das Mädchen ist kurz darauf auf einer Party in der Bochumer Innenstadt gewesen. Da ist sie vom Balkon gefallen. Vierter Stock. War sofort tot.“

„Nein," flüsterte ich.

„Doch. Gespenstisch, ne? Er springt 'runter, sie stürzt 'runter. Hammer.“

„Das ist ja einfach nur furchtbar,“ keuchte ich.

„Oh Mann, und ob,“ sagte Sabine, fügte dann hastig hinzu, wohl, um mich zu beruhigen: „Zufall, Mone, mehr kann das nicht sein. Mach' dir bloß keinen Kopf deswegen.“

Ich sah das keineswegs so. Konnte aber schlecht die nächsten Tage bis zum Semesterende einfach im Schrank verbringen. Oder unter der Bettdecke. Hinter meiner Schädeldecke herrschte Trommelwirbel. Alles Unsinn, Blödsinn, Schwachsinn, redete ich mir ein, sowas gibt's nicht. Nichtsdestotrotz schwor ich mir, dem unheimlichen Typ keine noch so minimale Gelegenheit zu geben, sich mir zu nähern. Das nützte freilich nichts. Er lauerte mir auf. Das Grauen in seinem ganzen Ausmaß lauerte direkt am nächsten Tag auf mich. Es war der 13. Februar.

Eine für den Vormittag angesetzte Veranstaltung war ausgefallen, und ich entschloss mich, in die Cafeteria zu gehen in der Hoffnung, irgendein vertrautes Gesicht zu entdecken. Nichts. Die Cafeteria war so gut wie menschenleer. Ich zog mir eine Cola aus dem Automaten, stellte mich an einen der hohen Tische und griff, ohne hinzusehen, nach irgendeinem der Bücher in meinem Rucksack. Ich schlug es irgendwo auf, blätterte um, wieder um, hatte nicht die geringste Ahnung, was ich da las, ob ich überhaupt auch nur einen vollständigen Satz las. Ich betete nur, dass ER nicht kommen würde. Er regnete in Strömen, sonst wäre ich nach draußen gegangen. Wäre ich mal trotzdem.

Natürlich tauchte er auf. Peter. Wie aus dem Nichts. Er kam direkt auf mich zu. Ockerfarbene Aktentasche, zerknittertes schwarzes Jackett, Jeans mit Bügelfalte. Er stellte sich neben mich. Wortlos. Lächelnd. Grinsend. Ganz dicht. Ganz nah. Viel zu nah.

Wir schwiegen uns eine ganze Weile an, ich war völlig verkrampft. Peter sah mich nicht an, blickte starr geradeaus, wirkte dabei wie weggetreten. Irgendwann sagte er in einem Tonfall, in dem andere Leute sich so ganz nebenbei nach der Uhrzeit erkundigen: „Meine Eltern werden dich wundervoll finden."

Mir stockte der Atem. Der Satz war der komplette Hammer. „Bitte was?", fragte ich, ehrlich schockiert.

Er antwortete nicht, sah mich nur mit diesem merkwürdigen Blick aus seinen kleinen Brombeeraugen an, der mir wahrhaftig Unbehagen bereitete. Dieses scheußliche Lächeln umspielte dabei seine schmalen Lippen, oh ja, es war furchteinflössend, das bildete ich mir nicht ein. Der Blick war kalt und lauernd, zugleich mitleiderregend. Er griff nach meiner Hand. Schon wieder. Diesmal entzog ich sie ihm sofort. Ich war hypernervös.

„Lass' das.“ Meine Stimme zitterte.

„Warum denn, Barbara?“, fragte er. „Was gefällt dir nicht?“

Ich war fassungslos. In meinem Kopf schlug ein irrer Harlekin Purzelbäume. Ich versuchte, mich zu sortieren, an etwas Vernünftiges wie die Semesterferien zu denken, die in ein paar Tagen beginnen würden. Viel Zeit für Abstand. Aufatmen. Verdrängen. Vergessen. Die nächsten sechs Wochen würde ich eh' in Emden bei meinen Eltern wohnen, - ich hatte dort auch einen Ferienjob gefunden - , und Bochum würde ich vorerst meiden. Okay, dachte ich, er weiß nichts über dich.

„Morgen ist der 14. Februar,“ sagte er. „Magst du den Valentinstag, Barbara?“

„Ich bin nicht Barbara! Und du und dein Valentinstag, ihr könnt mich mal!“, schrie ich. Wahrscheinlich klang ich wie eine Furie.

„Du bist ja nicht normal!“, brüllte ich noch. Die paar Leute, die noch mit in der Cafeteria waren, starrten erschrocken zu uns rüber.

Er sah mich erstaunt an. Nicht verunsichert oder enttäuscht. Einfach nur erstaunt. Ich verstaute hastig mein Buch in meinem Rucksack und ließ ihn einfach dort stehen.

Den Weg zum Studentenwohnheim nahm ich im Dauersprint, vermute mal, dass ich wie eine Irre wirkte. Ich knallte die Tür zu meinem Zimmer zu und heulte erstmal eine Runde. Ich fühlte mich komplett aufgelöst. Kippte mir noch einen aus Omas bauchiger Flasche ein und beschloss, mich erstmal zu sammeln. Das haute nicht hin. Im Geiste sah ich Peter mit eingeschlagenem Schädel und verrenkten Gliedmaßen auf Betonplatten liegen, einen blutverschmierten Gedichtband von Novalis in der kalten Hand, und alle zeigten mit dem Finger auf mich und schrien: „Vergissmeinnicht! Mörderin!“

Ich dachte an mein eigenes bevorstehendes Ableben. Liedtexte fielen mir ein, so schräg war ich drauf: Lady A'arbanville, die immer noch schläft. Von wegen, I'll wake you tomorrow
And you will be my fill. Geht so nicht. Ganz einfach, weil sie tot ist. Where the wild roses grow. Auch so ein morbider Wahn. And I kissed her goodbye, said, „All beauty must die."“Liebe. Mord. Wieder Tod. Ich hatte schreckliche Angst.

Am späten Nachmittag rief Sabine an. „Hab' dich vorhin im Seminar vermisst,“ sagte sie, „geht's dir nicht gut?“

„Nein. Absolut schlecht geht's mir,“ schluchzte ich, „dieser Widerling, dieser Vollidiot war wieder da. Und ständig nennt der mich Barbara. Ich ertrag' das nicht.“

„Barbara? Scheiße auch, Mone!“, schrie sie. Ihre Stimme schnappte fast über.

„Was? WAS?“, schrie ich zurück. „Bringt der sich jetzt um? Und ICH? Sterbe?“

Keine Antwort. Sie schien zu überlegen, ich dachte noch, was es da denn groß zu überlegen gibt, Ja oder Nein doch wohl.

„Es gibt da etwas, was du unbedingt wissen musst,“ sagte sie schließlich in einem Ton, so dumpf wie aus einem Grab. „Hannos Schwester wird es dir erzählen. Wir treffen sie im Mammut. Beeil' dich. Und, Mone, versprochen, wir holen dich da raus.“

Sabine legte auf. Wir holen dich da raus!

„Im Arsch bin ich,“ brüllte ich, als könnte, als sollte sie mich noch hören, „wo verdammt denn raus?“ Ich trank hastig mein Glas leer, - Omas Aufgesetzter schmeckte immer besser - , und schnappte mir meine Jeansjacke. Das Mammut erschien mir allemal angenehmer als meine einsame Studentenbude, an deren Tür Gevatter Tod bereits geklopft hatte. Etwas übertrieben, aber so kam es mir vor.

Der hässliche Prinz fiel vom Turm, bevor das Vergissmeinnicht verwelkte. Er stürzte hinab und starb doch nicht, flog mit den Krähen und lauschte dem Lied vom Tod. Und er wurde zornig. So lauscht auch ihr dort am Lagerfeuer, es ist Horror, aber geschworen und wahr.

Das Mammut war eine urige, etwas schmuddeligen Kneipe in der Nähe des Studentenwohnheims. Wir waren oft dort, tranken Altbierbowle und warteten auf die Jungs, um mit ihnen Billard oder Darts zu spielen. Und hier, in der vertrauten Atmosphäre und ohne einen grinsenden Spuk in der Ecke fürchten zu müssen, warteten Sabine, ihr Freund Hanno und eine mollige, blonde Frau in einem violetten Teddymantel auf mich.

„Hanno hat Marita mitgebracht,“ erklärte Sabine ohne Umschweife, „es ist echt wichtig, dass du das von ihr selbst hörst.“ Mit todernstem Gesichtsausdruck nickte sie Hannos Schwester zu. Die nickte auch und sah mich dabei so mitleidig und gleichzeitig neugierig an, als hätte ich zwei Köpfe. Sabine legte ihren Arm um meine Schulter und bugsierte mich behutsam Richtung Barhocker.

„Jetzt setz' dich erstmal, Mone.“

Setz' dich erstmal! Am liebsten hätte ich da schon wieder losschreien können.

„Ich bin nicht schwerkrank, Sabine“, entgegnete ich, etwas pampiger als beabsichtigt. Gehorchte aber, bestellte ein Bier und sagte, betont salopp, obgleich mir schon wieder ganz schlecht war: „Diese schräge Story geht also noch weiter.“

Marita hockte sich neben mich und sah mir tief in die Augen. Derart tief, dass ich das Gefühl hatte, sie wolle mich hypnotisieren. Der Blick passte mir nicht. Ich fragte aber nur: „Und nun?“

„Du siehst Barbara recht ähnlich,“ stellte Marita fest, „schulterlanges, blondes

Haar, braune Augen, zierliche Statur. Gleicher Typ eben.“

„Ach?! Und wer verflucht ist Barbara?“ Ich fragte, obwohl mir das klar war.

Barbara. Die Tote. Krepier' doch, du kranker Kopf.

„Das Mädchen, das vor sechs Jahren vom Balkon stürzte. Barbara war in meinem Semester. Sie erzählte mir, dass dieser komische Kerl, Peter Moorsbach hieß der, ihr hinterher lief, noch nicht sehr lange, das waren nur einige Tage, aber die reichten ihr schon. Sie fand ihn furchtbar. Und einfach nur peinlich. Er hätte ihr auch ein Gedicht vorgetragen, da wäre sie beinahe kreischend davon gerannt, sagte sie. Wohl das Gedicht, denke ich. Dann war Valentinstag, und er stand da mit seinen Vergissmeinnicht. Die nahm sie nicht an, hat ihn wohl auch ziemlich, naja, böse angeschnauzt deswegen. Und überhaupt. Auf jeden Fall, dieser Zettel von ihr...du weißt ja davon...und letztendlich sein Selbtmord...der hat ihr natürlich schon zugesetzt. Wer rechnet denn damit, dass jemand... vier Wochen später war Barbara tot. Sie lag da unten in der Fußgängerzone, der Körper völlig verdreht, die Augen weit aufgerissen, das Gesicht scheußlich verzerrt, so, als hätte sie kurz vor dem Moment ihres Todes etwas Grauenvolles gesehen. Wie das passiert ist, warum sie gefallen ist, konnte niemand der anschließend befragten Partygäste sagen. Eine plausible Erklärung gab es nie.“

„Großer Gott.“ Mir war, als würde eine eiskalte Hand mein Herz umklammern. „Und warum, ich meine, woher weißt du das so genau?“

„Von einem Polizisten, der vor Ort war. Edgar Honnef. Hat mit mir Abitur gemacht. Und er sagte, diesen Ausdruck in ihrem Gesicht würde er nie wieder vergessen. Wie eine fiese Fratze aus einem Horrorfilm.“

„Großer Gott,“ wiederholte ich mich. Mir fiel nichts Gescheiteres ein, hinter meiner Schädeldecke

hämmerte es.

„Du sagst es.“ Marita seufzte tief und sah mich sorgenvoll an. „Das ist aber nicht alles. Ein Jahr darauf, am Valentinstag, erzählte mir eine Mitstudentin, Svana Hoffmann, dass ihre jüngere Schwester Saskia seit einigen Tagen einen Stalker hätte, der so bekloppt sei, dass er sie Barbara nennen würde. Ein abartiger, dürrer Kerl namens Peter, Pennerpeter, sagte sie, der allen Ernstes mit einem Strauß Vergissmeinnicht an der Tür zum Vorlesungssaal auf sie gewartet habe. Natürlich wäre Saskia sauer geworden und hätte dem Kotztyp ihre Meinung gegeigt. Sie hat ihn dann wohl mit seinen Blumen einfach stehen lassen. Ich hatte sofort eine furchtbare Ahnung, als ich das hörte. Irgendwann nach Ostern erfuhr ich dann, dass Saskia tot sei. Genickbruch im Schwimmbad nach einem Kopfsprung vom Fünf-Meter-Brett. Ein Bagatellsprung für sie, sagte ihre Schwester, tausendmal gemacht, nie was passiert. Und dann das. Sie wäre dabei gewesen, als Saskias Leiche aus dem Wasser gezogen wurde. Und deren Gesicht ...“

Marita nahm einen Schluck von ihrer Weinschorle. „ ...was Svana da sah ...“

„Eine fiese Fratze wie aus einem Horrorfilm." Ich sagte das tonlos, in meinem Mund war es staubtrocken, das Bier half nicht. Überhaupt nicht.

Marita nickte. „Exakt. Und es ging weiter. Ich hab' 1993, in Saskias Todesjahr, Examen gemacht und war dann weg aus Bochum. Aber die Sache ließ mich nicht los, und ich hatte meine Quelle in der Fakultät. Sven Conradi. Sehr versiert, was Paranormales und all solch mysteriöses Spukzeug betrifft. Von ihm weiß ich, dass von 1994 bis 1997 vier Germanistikstudentinnen einige Wochen nach dem jeweiligen 14. Februar durch einen Sturz tödlich verunglückten. Christine Holzapfel beim Skilaufen, Dennise Wallkötter beim Fensterputzen, Hanna Berghoff bei einer Radtour und Freya Martens bei einer Bergwanderung. Optisch waren die Abziehbilder von Barbara und Saskia und von dir, Simone. Sven hat da sehr gründlich recherchiert, vor allem bei den Mitstudenten, da haben ja auch einige was mitbekommen. Alle vier wurden kurz vor dem Valentinstag von einem merkwürdigen, dürren Kerl mit Ziegenbart und einem auffällig hervorstechendem Adamsapfel belästigt, der eine ockerfarbene Aktentasche bei sich trug und Novalis zitierte.“

„Und der sich als Peter vorstellte und Barbara zu ihnen sagte,“ murmelte ich. „Jaja, schon kapiert. Und der am Valentinstag mit einem Strauß Vergissmeinnicht auf der Matte stand. Den keine haben wollte. Und zur Strafe mussten sie alle sterben. Mit irrem Ausdruck im Gesicht.“

„Diese Todesfratze,“ mischte sich Hanno ein, „muss man sich die ungefähr so vorstellen wie bei den Leuten in diesem japanischen Film, die das Video gesehen haben und dann krepiert sind?“

„Bestimmt ähnlich krass," meinte Sabine. „Maritas Polizistenfreund und diese Svana haben das ja selbst gesehen. Total der Hammer.“

„Da fragt mal den Edgar nach Barbara.“ Marita schnippte mit dem Finger. „Wie eine geschmolzene Gummimaske hätte ihr Gesicht ausgesehen. Der hat heute noch Albträume.“

„Seid ihr jetzt fertig mit Small Talk?“ Ich stöhnte, am liebsten hätte ich losgeschrien. Oder wie eine Wahnsinnige gekichert. Ich blieb aber todernst. „Morgen bin ich dran. Ist ja wohl so.“

„Denk' gar nicht an sowas. Das wird nicht passieren.“ Marita sah mich streng an. Wie eine Oberlehrerin eben. So ein bisschen beruhigte mich das. Wird nicht passieren. Na dann.

„Entscheidend ist, dass er dich gar nicht erst zu Gesicht bekommt. Er wird morgen Blumen für dich dabei haben. Wenn er dich nirgendwo findet, wird er dich suchen. Weil er dir unbedingt diesen Strauß geben will. Aber er kriegt dich nicht, weil du bei mir in Wattenschenscheid bist. Und du bleibst, bis der Spuk vorbei ist.“ Marita seufzte tief und nahm einen Schluck von ihrer Weinschorle. „Ist doch plausibel.“

„Ist das Logischste“, brummte Hanno. „Ich fahr' mit nach Wattenscheid, ich pass' auf dich auf, Mone. Soll da nur wer kommen, ich schlag' den zu Brei.“

„Danke“, flüsterte ich verstört. „Aber ich bleibe hier. So funktioniert das nicht.“

„Warum nicht?“ Marita sah mich völlig verständnislos an.

„Unmöglich!“ Meine Stimme war ganz schrill. „Ich hab' morgen Vormittag zwei immens wichtige Seminare. Wenn ich da fehle, krieg' ich die Teilnahmescheine nicht. Da muss ich hin. Ich muss das sonst alles wiederholen. Das mach' ich nicht.“

„Du latschst freiwillig in den Keller, in dem die Monster warten?“ Sabine grinste mich an, konnte ich ihr nicht verdenken. „Wie im Gruselfilm. Da tun die auch immer genau das, was sie auf keinen Fall tun sollten.“

„Jepp“, sagte ich, „und wir sitzen vor der Glotze und kreischen Geh' nicht, geh' bloß nicht da 'runter.“ Ich grinste auch, irgendwie fühlte ich mich beschwingt trotz der Dramatik. Wie die kokette Heldin in einer Lagerfeuerlegende, die natürlich nicht überlebt. Das lag definitiv am Aufgesetzten.

„Vielleicht, wartet mal.“ Sabine legte grüblerisch den Zeigefinger auf ihre Unterlippe. „Vielleicht hilft das auch, wenn Marita, Hanno und ich die ganze Zeit bei dir sind. Wir schirmen dich komplett ab. Wie Bodyguards. Der wird gar keine Chance haben, dir zu nahe zu kommen. Der Rest wird sich zeigen.“ Sabine steckte sich eine Zigarette an, inhalierte tief, stieß den Qualm aus und ergänzte ihre Überlegung mit einem langgezogenen „Tja“.

„Tja“, bestätigte Hanno.

„Tja nun.“ Das war ich.

„Mag sein, das wäre eine Möglichkeit“, sagte Marita zögerlich. Dann nickte sie. „Also gut. Beschlossene Sache. Ich hab' morgen eh frei, haut hin.“

„Wir vier gegen eine lebende Leiche. Ganz neue Erfahrung.“ Hanno nahm Sabine die Zigarette aus dem Mund und drückte sie aus. „Sargnagel.“

„Peter ist eine verbitterte Seele.“ Das kam von mir. Ganz schwach. Ich fand mein Mitgefühl für meinen Mörder selbst ziemlich übertrieben, aber irgendwas musste ich sagen, um gedanklich nicht völlig wirr zu werden.

„Huwah, Seele“, raunte Sabine, „definitiv ein Geist. Oder Dämon.“

„Dämon haut nicht hin.“ Hanno schüttelte den Kopf. „Dämonen verhalten sich anders. Ich tippe auf Zombie.“

„Völlig daneben.“ Sabine zog eine Grimasse. „Zombie! Sieht der Kerl nach Verwesung aus? Soweit ich informiert bin, nein. Frisst der Leute? Auch nicht. Und überhaupt, du Fachmann, wie verhalten sich denn Dämonen so im Allgemeinen?“

„Schluss mit dem Scheiß!“ Die beiden starrten mich perplex an. Die anderen Leute im Mammut glotzten auch. Ich hatte gebrüllt. Wie eine hysterische Kuh. Egal. Meine Situation war ja nun auch irgendwie extrem.

„Ich will jetzt nicht mehr darüber reden. Bin müde“, erklärte ich. Das war gelogen. Ich fühlte mich kein Stück müde. Und zufrieden war ich auch nicht.

Ich bin dann nach Hause gegangen zu meinem Aufgesetzten, der mir recht lieb geworden war. Nahm mir vor, meiner Oma ein Lob auszusprechen. Hörte Highway to hell und dachte Haha. Hörte I will survive und fühlte mich unsterblich. Hörte Leonard Cohen und wurde depressiv. Hörte nichts mehr und dachte nach. Sah Peter Vergissmeinnicht in jeder Zimmerecke stehen, sah die Blumen in seiner Hand, die Erwartung, Hoffnung, dann Enttäuschung, Zorn, grenzenlose Wut in seinen Augen und wusste: Wenn ich ihn da stehen lasse mit seinem Strauß, bin ich Barbara. Bleibe Barbara. Werde in der Hölle frieren. Gottohgottohgott, was tun? Waswas? Und dann, wie ein eingeschlagener Blitz, kam mir eine geniale Idee. Gefährlich, irgendwie grotesk, vielleicht auch grottenschlecht, aber zumindest ansatzweise genial. Bedenken trank ich weg und fragte die Wand. Sie schwieg. Ich brauchte auch keine Ratschläge mehr. Meine Laune war nicht die übelste, als ich schließlich spät, wirklich spät zu Bett ging. Vorher hatte ich mir noch einen Film im Nachtprogramm angesehen: Zurück bleibt die Angst. Fred Astaire in seiner letzten Rolle. Er tanzt nicht. Er geht auf Geisterjagd.

Wir trafen uns am Valentinstag in aller Frühe in der Cafeteria. Marita im schwarzen Overall, Sabine und Hanno in schwarzen Lederjacken, abgewetzte Jeans. Hanno trug eine Sonnenbrille und sah aus wie einer von den Blues-Brothers. Alle drei mit vor der Brust verschränkte Armen, Leichenbittermine und Killerblick. Urkomisch irgendwie.

„Ihr seid hoffentlich bewaffnet,“, sagte ich trocken.

Sabine umarmte mich. „Du armer Schatz, was muss nur in dir vorgehen.“

„Ich fühle mich bereits ein wenig tot, mir ist kotzschlecht, und Schiss habe ich auch“, antwortete ich. Das stimmte soweit alles. Es fehlte noch das Entscheidende: „Hab' in der Nacht umdisponiert. Kein Abschotten, direkte Konfrontation.“ Meine Bodyuards starrten mich an, als hätte ich soeben verkündet, mich mit Schnaps zu übergießen und anzuzünden.

„Ich hab' einen Plan“, sagte ich, „lasst mich einfach machen.“

Und der hässliche Prinz stieg erneut aus seinem Grab, um der Liebsten Blumen zu pflücken. Abscheu und Grauen erfüllten sie, aber sie nahm den Strauß und schmeichelte ihm. Da war er gerührt. Er vergab. Sprang seufzend ein letztes Mal. Und der Tod küsste ihn in den Schlaf.

Um 12.00 Uhr war mein zweites Vormittagsseminar beendet. Keine Lyrik. Nachkriegsliteratur. Wolfgang Koeppen. Der Tod in Rom. Passte. Meine drei Leibwächter warteten im Flur auf mich. Peter Moorsbach stand mit seinem Blumenstrauß am Fenster direkt gegenüber der Tür zum Seminarraum und sah mich mit einer wilden, fast wütenden Entschlossenheit in den Augen an. Der Blick war unmissverständlich. Er hatte fest mit mir gerechnet. Und wäre ich nicht aufgetaucht...was hätte er getan? Mich gesucht. Überall. Natürlich. Und gefunden. Ich stellte mir vor, ich wäre zu meinen Eltern nach Emden gefahren. Er hätte bei uns in der Einfahrt stehen können mit seinen Vergissmeinnicht. Im Supermarkt. In der Umkleide nach dem Volleyballtraining. Wusste ich's? Glaubte ich's? Spielte überhaupt der Valentinstag, das Datum, das Jahr eine entscheidende Rolle? Er war vermutlich völlig unabhängig von der Zeit. Kein Mensch. Er war tot. Und konsequent. Und so verflucht nachtragend. Wie grauenerregend, wie furchtbar musste er sich seinen Barbaras kurz vor ihren Todesstürzen gezeigt haben, dass sein Bild ihre Gesichter derart abscheulich verzerrte?

Ich wollte nicht so enden. Straffte meine Schultern, bewegte mich langsam auf ihn zu, hörte Sabine angstvoll flüstern: „Mone, nicht.“ Sie streckte die Hand nach mir aus, zog an meiner Jacke. Ich schüttelte sie ab, ohne mich umzudrehen, hörte Maritas Stimme, ganz leise: „Wir sind bei dir.“ Sie folgten mir nicht, sie blieben dort stehen, darum hatte ich gebeten, nein, ich hatte es ausdrücklich verlangt. Sie sollten bei mir sein, alles genau beobachten, zuhören. Aber nicht eingreifen. DAS war meine Geschichte.

Als ich ganz nah vor ihm stand, kam ich mir nicht mehr so heldenhaft vor. Es war, als würde ich mit meiner höllischen Höhenangst schlotternd auf dem Zehnmeterbrett stehen und müsste da 'runter. Freiwillig oder mit Gewalt. Ich zähle bis drei. Eins, zwei...Tod?!

„Denke mal, die schönen Blumen sind für mich,“ sagte ich und versuchte, ihn dabei anzulächeln. Es funktionierte tatsächlich, aber nicht wirklich gut. Meine Mundwinkel zuckten, meine Lippen kamen mir ganz taub vor, und meine Stimme klang wie die einer völlig Fremden. Irgendwie befürchtete ich, gleich schräg zur Seite zu kippen mit weggeknipstem Hirn. Mit den Armen rudernd und immer noch in der wirren Hoffnung, die verdammten Vergissmeinnicht von Peter Moorsbach annehmen zu können.

Er starrte mich nur völlig verblüfft an, mit einem Blick, den ich nicht wirklich deuten konnte. War der jetzt gut oder schlecht für mich, dieser Blick? Wahrheit oder Lüge, Begnadigung oder Schafott? Ich betete, lieber Gott, lass' ihn glauben.

„Ja, für dich, Barbara,“ antwortete er schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit. „Du willst sie tatsächlich haben?“, fragte er erstaunt.

Ich sah ihm direkt ins Gesicht. Es war immer noch dieses, spitze, kleine, bleiche Gesicht mit der roten, spitzen Nase, aber zum ersten Mal war es für mich ein ganz normales Gesicht. Das eines ganz normalen jungen, zu dürr geratenen Mannes, der, wenn auch ungeschickt, um Aufmerksamkeit in seiner kleinen Welt buhlte.

Ich lächelte ihn nochmals an, das gelang mir diesmal beinahe perfekt, nahm die Blumen, drückte den Strauß an meine Brust, bedankte mich und sagte mit betont sanfter Stimme: „Ich hab' auch was für dich.“ Ich holte tief Luft. Los! Nicht würgen! Mach' das bloß ordentlich!

„Vergiss mein nicht, wenn lockre kühle Erde dies Herz einst deckt, das zärtlich für dich schlug. Denk', dass es dort vollkomm'ner lieben werde, als da voll Schwachheit ich's vielleicht voll Fehler trug.“

Ich hörte mir selbst völlig panisch zu, hörte mich stockend, leiernd, krächzend sprechen und dachte nur, unromantischer als ich kann man diese Verse gar nicht vortragen. Er wird mich durchschauen. Auslachen. Töten. Aber er hörte aufmerksam zu. Sah mich klaren, freundlichen Blickes an. Er grinste nicht. Er lächelte. Ganz normal. Strahlte förmlich. Ich hätte heulen können vor Erleichterung.

Er sagte: „Das ist wunderschön, Barbara.“ Und er ergänzte mit der samtenen Zunge eines Märchenflüsterers, so wahrhaft kitschig schien es mir:

„Dann soll mein freier Geist oft segnend dich umschweben, und deinem Geiste Trost und süße Ahndung geben. Denk', dass ich's sei, wenn's sanft in deiner Seele spricht.Vergiss mein nicht. Vergiss mein nicht!“

Peter gab mir die Hand. Sie war schmal. Knöchern und eiskalt. Sein Händedruck war fest, aber kurz. Innerlich atmete ich auf, dass er meine Hand nicht länger festhielt, mehr noch, dass er keine Anstalten machte, mir näher zu kommen. Mich zu umarmen. Zu küssen! Wenn auch nur flüchtig auf die Wange. Neinneinnein! Das hätte ich nicht ertragen. So aber war es genau richtig. „Hast du eine hübsche Vase für die Blumen?“, fragte er. Das wissen zu wollen haute mich schon wieder um. „Natürlich,“ sagte ich, „und dann trockne ich sie. Zur Erinnerung an dich.“

„Gut.“ Er nickte. Stand dort vor mir, nickte, sah mich an und schien zu warten. Auf was? Ich wollte unbedingt noch etwas zu ihm sagen, etwas Wichtiges, war mir aber nicht sicher, ob es das war, was er erhoffte. Ich schluckte, mein Mund war ganz trocken, aber dann sagte ich es einfach: „Ich wünsche dir, dass du endlich deinen Frieden findest, Peter. Deine Geschichte soll ein gutes Ende haben. Für dich. Für alle.“

Er kniff die Augenbrauen zusammen. Schwieg. Zufrieden wirkte er ganz und gar nicht auf mich. Ich hakte vorsichtig nach. „Geht das in Ordnung?“

Er schwieg immer noch. Das machte mich schon wieder ziemlich nervös. "Du hast doch keinen Grund mehr, herumzugeistern, Peter. Oder? Ich mein', ich hab' hier deine Blumen. Die kommen nicht weg, die behalte ich."

"Es sind Vergissmeinnicht.“ Er sagte das mit einem merkwürdigen vorwurfsvollen Unterton.

„Weiß ich doch, Peter.“ Himmelherr, und?

„Sie bedeuten was.“ Er blickte mir direkt in die Augen, irgendwie streng, beinahe belehrend.

„Für immer mein?“, fragte er.

„Äh.“ Ich stutzte. Da wollte ich jetzt nicht so gern drauf reagieren, dachte dann aber ach, was soll's? Diskutieren wollte ich auf jeden Fall nicht.Also murmelte ich: „Ja doch. Für immer dein.“

DAS hätte ich mir allerdings kneifen sollen.

Immerhin, kaum hatte ich es ausgesprochen, war Peter weg. Aufgelöst im Nichts. Als hätte er nie dort am Fenster gestanden.

Meine Bodyguard stürmten auf mich ein. Hanno war der Erste: „Bei eurem Gedicht hätte ich fast gekotzt. Und dieses Heiteitei Fürimmerdeinfürimmermein. Wuah.“

„Simone hat damit den Nerv getroffen, du kleiner Vollidiot, das war genau richtig.“ Marita warf ihrem Bruder einen Ich-knall-dir-gleich-eine-Blick zu. „Für Moorsbach hat seine Barbara die Blumen von ihm angenommen, endlich wohl, und darauf allein hat er gewartet. Der ist endgültig gegangen. Peter ist Legende. Damit wäre der Horror vorbei. Keine toten Mädchen mehr.“

„Irgendwie romantisch.“ Sabine seufzte.

Romantisch fand ich persönlich das keineswegs. Eher etwas neben der Spur. Ich fühlte mich unbehaglich. Zuhause hatte ich noch Aufgesetzten. Etwas Trost in einer Stimmung, die deutlich besser hätte sein können, da ich einem bösen Spuk ein Ende bereitet hatte. Zumindest sah es danach aus. Ich war unzufrieden. Heuchlerin, dachte ich. Alles wohl Vorahnung. Ich hatte gesagt: „Für immer dein.“ Peter nahm das wörtlich.

Zwei Jahre später, - ich hatte die Uni gewechselt, nach Bochum kehrte ich nach den Semesterferien nicht mehr zurück - , war ich schwer verliebt in Michael Sondermann, einen hübschen, blonden Sportstudenten aus Köln. Er auch in mich. Wir planten, zusammenzuziehen, es sollte was mit Zukunft sein. Michael arbeitete nebenbei in der Baufirma seines Vaters. Am 14. Februar 2000 fiel er aus sechseinhalb Metern Höhe vom Gerüst. Er war sofort tot. In der Brusttasche seines Hemdes steckte ein Zettel mit einer Nachricht für mich. Haha!

Seit dieser Sache gehe ich keine festen Beziehungen mehr ein, ich altere als Single-Frau mit flüchtigen Bettgeschichten und einem verstaubten Trockenblumenstrauß, der ganz hinten auf dem obersten Regal meiner Bücherwand im Arbeitszimmer liegt. Gut versteckt und trotzdem da. Immer bewahrt. Damit du deine Ruhe findest, Peter. Wie versprochen. Haha! Die Nachricht lautete:

„Für immer mein, Geliebte! Du Schlange schworst Für immer dein. Ich lass' mich nicht verarschen.“

 

erschienen in: Zwielicht 19, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, Okt. 2023


Kleiner

© Karin Reddemann

Der Hund war klein und würde klein bleiben. Auf ewig sein. Ein Krümel, dachte Lorne, einen Krümel gibt der mir. Hunde sehen anders aus, Feldmaus bleibt Feldmaus, verflucht nochmal, Kenzo, du Idiot, was tust du mir an? Er starrte den Winzling auf Kenzos Arm unglücklich an und versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Kenzo strahlte. „Ein Pfundskerl. Der hat auf dich gewartet, sieh mal, wie der guckt.“ Lorne atmete tief durch und warf erneut einen höflichen Blick auf das verschlafene Bündel an Kenzos Brust, das genau in diesem Moment seine Augen weit aufriss, den Kopf in seine Richtung drehte und ihn ansah. Bernstein. Wie mit Gold besprenkelt. Erstaunliche Farbe, dachte Lorne, war für einen Moment irritiert, weil der Hund ihn regelrecht zu fixieren schien, neugierig, natürlich. Lauernd. Irgendwie auch. Lorne grinste ihn schief an, schluckte, weil Jumper in seinem Kopf spukte. „Nett. Aber ich kann den nicht nehmen. Wirklich nicht.“

Natürlich nimmst du ihn. Es ist ein Hund. Du brauchst einen Hund. Du kannst nicht ohne.“

Wer behauptet das?“

Alle. Alle meinen das. Wie du aussiehst. So richtig gut kaputt. Du bist der graue Mann, Lorne. Ohne Witz, du musst mal wieder Sonne tanken. Dein Jumper ist tot, Scheiße auch, 

der Junge war Klasse, aber er war alt, verdammt. Und du brauchst wieder Leben neben dir.“

Und du kannst mich mal. Spar dir deine Sprüche und verzieh dich. Hau einfach ab und vergiss deinen Zwerg nicht.“

Lorne fühlte sich miserabel, als er das sagte. Kenzo war sein bester Freund, er war immer da, wenn er ihn brauchte, er verstand ihn, ohne umständlich im Drehbuch blättern zu müssen, um anschließend dämliche Fragen zu stellen. Solche Freunde sind Gold wert, dachte Lorne, solange sie einem nicht ihr überflüssiges Handgepäck an den Hals hängen.

Kenzo sah ihn ungläubig an, dann blickte er gekränkt zu Boden, die Wangen immer noch vor Aufregung gerötet, das Haar verstrubbelt. Wie ein Schuljunge, dachte Lorne, fehlt noch der Hemdzipfel, der aus der Hose hängt.

Er war wütend auf Kenzo, weil der mit diesem mickrigen Hund vor ihm stand und allen Ernstes erwartet hatte, dass er diesen Floh mögen würde. Gleichzeitig schämte er sich für seine Worte. Und irgendwie schämte er sich auch vor dem Floh, der ihn aufmerksam beobachtete. Lorne war laut geworden, als er Kenzo so barsch abgekanzelt hatte, seine Stimme war dunkel, eine Stimme wie aus dem Keller, die kleinen Kindern Angst machte, manchmal, das wusste er. Kleinen Kindern. Jungen Hunden. Natürlich war das so. Aber dieser dort auf Kenzos Arm zeigte keine Reaktion. Er sah ihn nur an, regungslos, konzentriert. Bereit. Das war es. Bereit für irgendwas. Lorne schüttelte den Gedanken wieder ab. Sei bloß nicht komisch, dachte er, was soll der schon im Sinn haben. Er sah streng zurück. War verblüfft. Die Augen waren schwarz. Nicht bernsteinfarben. Er hatte sich getäuscht. Sie waren tiefschwarz, mit einer Pupille, die wie vom Nachthimmel verschluckt war. Schöne, geheimnisvolle Augen, mit einem dichten Wimpernkranz, wie Frauen ihn lieben. Sie waren besonders. Sie wirkten gefährlich. Bedrohlich. So in der Form. Irgendwie.

Lachhaft. Der Krümel da. Hirngespinste, dachte Lorne, bilde dir jetzt keinen Unsinn ein, dieser Hund ist ein Hund, wenn auch eine mickrige Ausgabe, er ist jung und blöd und hat normale Hundeaugen. Er sah ihn erneut an, es war gar nicht seine Absicht, ihm soviel Aufmerksamkeit zu widmen, aber der Köter, – Köter? Gott, Lorne, du Arsch! -, schien ihn zu hypnotisieren. Er blieb ganz ruhig, blickte nur, die Ohren aufgerichtet, das Maul leicht geöffnet. Er streckte seine winzige rosa Zungenspitze heraus, grundsätzlich fand Lorne das niedlich, schob sie noch ein Stück weiter nach vorn, riss dann das Maul auf, gähnte und zeigte ihm seine Zähne.

Lorne erstarrte. Das konnte jetzt so nicht sein, das war Fake in seinem Hirn, das war nicht normal und anatomisch schlichtweg unmöglich. Die Zähne waren weiß und lang. Fürchterlich lang. Sie waren einfach nur riesig. So stark und gewaltig wie die eines ausgewachsenen Schäferhundes. Ach was, größer. Er hatte Jumpers Gebiss vor Augen. Ein gutes, ordentliches Gebiss für einen Collie, ein Witz gegen das da. Das geht nicht, dachte Lorne, die Zähne passen in ein Löwenmaul, und der Kopf von diesem Hund ist nicht größer als eine Apfelsine, das haut doch alles nicht hin, vermutlich bin ich wahnsinnig geworden, so was passiert. Er atmete durch.

Tief, ganz tief, Junge, dir passiert nichts, da sitzt nur ein Untier auf dem Arm deines besten Freundes und lauert darauf, dich endlich anfallen und zerfleischen zu können.

Er räusperte sich, wunderte sich nicht weiter über das krächzende kaputte Geräusch, das er dabei von sich gab, – nichts ist mehr in Ordnung, nichtsnichtsnichts, ich sowieso nicht -, starrte weiter auf die Zähne, trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

Irgend was stimmt mit dem nicht.“ Er sah noch einmal hin, misstrauisch, scheu, ängstlich fast, bannte seinen Blick auf den schneeweißen Hundekopf, der an Kenzos Brust lehnte, war fassungslos. Das groteske Bild war verschwunden. Ein winziger harmloser Hundeknirps war das, ein kleiner Mann mit bernsteinfarbenen Augen und dunkel gesprenkelten weißen Pfoten, und die Zähne waren die eines Welpen, so, wie es sein sollte.

Und verflucht noch mal auch ist, es ist so, basta, es ist alles gut. Da war er sich sicher, das musste er jetzt nicht überdenken oder kontrollieren. Anfassen wollte er den Hund eh nicht. Nicht unbedingt. Unfreiwillig vielleicht. Er wollte ihn nicht haben. Immer noch nicht. Irgendwie nicht. Nein. Aber der Hund wollte ihn. So absurd ihm das auch zu sein schien, der Hund lächelte ihn an. Manche Hunde lächeln. Und dieser dort beherrschte das besonders gut. Er lächelte ihn an und sagte ihm mit seinen Augen, dass er ihn lieben würde. Auch in der Dunkelheit. Lorne wurde das Gefühl nicht los, dass er diesen Hund nicht ablehnen durfte. Warum auch immer.

Was soll mit dem nicht stimmen? Spinnst du jetzt?“ Kenzos Stimme riss Lorne von irgendwo her, wo er sich nicht wirklich auskannte, wieder zurück auf seinen Platz, dorthin, wo sie sich getroffen hatten, am Ehrenmal im Stadtpark, zehn Minuten Fußmarsch vom Biergarten entfernt, ihrem tatsächlichen Ziel. Kenzo hatte am Telefon nichts davon gesagt, dass er ihm Jumpers Nachfolger präsentieren wollte. Eiskalt erwischt. Da war dieser alte, schöne, starke, wunderbare Freund, der ihn verlassen hatte. Und da war der seltsame Kleine. Ein ungleiches Paar, das in seinem Schädel spukte.

Vergiss es. Gib schon her.“ Und wenn mit dem da tatsächlich alles in Ordnung ist, dann besorg mir einen vernünftigen Seelenklempner, dann ist es soweit, Himmelherrgottscheißnochmal, erst neununddreißig und schon das Hirn im Eimer.

Kenzo sah aus, als hätte ihm soeben seine Traumfrau ihre Liebe gestanden. Er freute sich wirklich, und allein das war es wert. Er war ein echter Freund. Der Beste.

Gute Wahl, Bruder. Das wirst du nicht bereuen, ich kenn dich doch.“

Lorne nah ihm den Hund ab, setzte ihn auf den Boden,hockte sich neben ihn und kraulte seine Ohren. Samtohren. Der Hund schnurrte wie eine Katze. Er sah ihm in die Augen. Bernsteinfarben, natürlich.

Wo hast du den überhaupt her?“

Bauer Heitfeld hatte einen Wurf.“

Und warum der?“

Na, hör mal. Wie der guckt.“

Wie der guckt. Korrekt, Junge. Anders guckt der. Ganz schön viel anders. Aber das sag ich nicht, im Leben nicht, der hält mich doch für bescheuert.

Gib ihm einen Namen. Das musst du jetzt sofort machen. Kein Zurück mehr.“

Kleiner. Ich nenn ihn Kleiner.“

Kenzo strahlte erneut. Für ihn war es ein phantastischer Tag. Für einige nicht. Für einige änderte sich etwas in ihrem Zeitablauf. Sie starben früher als höchstwahrscheinlich von ihnen gedacht. So was passiert.

Lorne gewöhnte sich schnell an seinen neuen Mitbewohner, mehr noch, er schloss ihn erstaunlich schnell und kompromisslos in sein Herz. Natürlich vermisste er Jumper, aber Kleiner in seiner unbekümmerten Art schaffte es, dass er nicht ganz so oft und so verdammt schmerzvoll an ihn denken musste, wie er es sich nach seinem Tod vorgestellt hatte. Am Tag seines Einzugs in Lornes Hexenhaus, – es hatte seinen Großeltern gehört, er nannte es so, weil es für ihn eins war, immer schon und immer noch -, saß Schröders gelber Kater wie gewohnt in der Hofeinfahrt des Nachbarn und wartete darauf, irgendwen umbringen zu können. Trollo war groß, Lorne hatte noch nie einen derart großen Kater gesehen, und wie er da so hockte, bewegungslos, wie aus goldgelbem Stein gemeißelt, flößte er einen Respekt ein, von dem sich niemand so recht freisprechen konnte. Man machte automatisch einen Bogen um ihn, selbst Jumper, der zu jedem anderen Tier auf seine diskrete, freundliche Art aufmerksam gewesen war, hatte ihn gezielt ignoriert und jeden Blickkontakt vermieden, um Trollos Interesse nicht zu wecken. Wenn irgend jemand es wagte, sich dem Kater zu nähern, – wer zu Helmut Schröder wollte, nahm den Hintereingang -, buckelte er, fauchte und machte sich sprungbereit. Wer Vernunft besaß, ergriff umgehend die Flucht. Der Cockerspaniel von Else Tettloff hatte das nicht kapiert. Er verblutete in der Einfahrt, und Schröder zeterte über die Sauerei auf seinem Grundstück.

Lorne hatte ein mulmiges Gefühl, als er mit Kleiner an der Leine das Haus verließ, um ihm seine neue Welt zu zeigen. Der gelbe Kater hockte an seinem Platz, Lorne wohnte direkt nebenan, und die Straße, mehr ein Weg, ungepflastert, zugängig nur für die wenigen Anwohner, war eng und bot keine nennenswerte Ausweichmöglichkeit. Sie mussten da vorbei. Trollo starrte. Kleiner blieb abrupt stehen, frontal zu ihm, sah ihn nur an, blieb ganz ruhig. Der Kater erhob sich, starrte immer noch, fauchte. Lauerte. Dann wich er langsam zurück, zwinkerte kurz, – das hätte Lorne beschwören können, der Kater zwinkerte – , drehte sich um und ging. Einfach so. Kleiner hatte nur ein einziges Mal, kaum hörbar für Lorne, geknurrt. So leise, wie ein Welpe knurrt, kaum der Rede wert. So prinzipiell unschuldig. Fast niedlich. Zaghaft nicht. Lorne ging in die Knie, zog Kleiner an seinem Halsband näher zu sich heran, sah ihm direkt in die Augen. Kleiner erwiderte den festen Blick.

Sie sind schwarz, so gottverdammtverfluchtnochmal schwarz wie sonstwas schwarz sein kann, ich sehe, was ist, ich sehe was, was du nicht siehst, schwarz, ich bin nicht verrückt.Kleiner runzelte die Stirn, Lorne kannte das von Jumper, zumindest sah es aus wie ein menschliches Runzeln, dann veränderte sich die Farbe. Bernstein. Und Lorne dachte, jetzt liebe ich ihn eben doch. Aber wer bist du, mein Freund? Wer bist du?

Schröder, der seine Einfahrt fegte, ließ den Besen fallen, schob die Schiebermütze in den Nacken und rieb sich das Kinn. Für einen Moment war er sprachlos, drehte den Kopf, sah seinen Kater im Schuppen verschwinden, sah Lorne und seinen weißen Winzling, die ein göttliches Pärchen bildeten, der Minihund und dieser auf dem Gehweg kauernde Einsneunzigmann, kam auf sie zu, fand die Stimme wieder.

Was zum Henker soll das werden?“

Lorne zuckte die Schultern, blieb hocken, lächelte nicht, als er beschwichtigend die Hand hob. „Nichts. Was soll denn sein?“

Haben Sie was mit Trollo gemacht? Und was ist das da? Geh’n Sie jetzt mit Ratten Gassi, wo der alte Köter weg ist? Nichts für ungut, Nachbar.“ Er grunzte, das sollte ein Lachen sein, warf dabei einen nervösen Blick zurück zum Schuppen. Trollo tauchte nicht auf.

Das da ist mein neuer Hund. Und mit dem Kater ist alles in Ordnung. Mehr als in Ordnung.“ Der ist auf jeden Fall schlauer als du mieses Sackgesicht.

Na, dann passen Sie mal gut auf den auf. Mein Trollo mag solche kleinwüchsigen Kläffer nicht. Ich warne nur, will ja keine Beschwerden hören, Sie wissen schon, wenn die sich kriegen, da hat der da schlechte Karten. Aber ganz schlechte.“ Er musterte Kleiner, lachte erneut, gab dabei ein kehliges Brummen von sich. „Der hat ja Kohleaugen. Das ist der böse Blick.“

Einen Monat nach seiner ersten Begegnung mit Kleiner war Helmut Schröder tot. Kleiner hatte sich nicht wirklich anstrengen müssen, Schröders Herz war nicht gesund, es genügte ein langer Blick, Schröder wirkte wie elektrisiert, er zuckte, keuchte, lief rot an, konnte seine Augen nicht abwenden von dem Hund, der so jung und süß und zierlich vor ihm in seiner Einfahrt stand und kurz, recht kurz nur das zarte Maul öffnete, um ihm als letztes Überraschungspaket sein Geheimnis zu zeigen. Lorne saß auf der Veranda und gönnte sich nach guter Arbeit einen besseren Burgunder, als Schröder wie eine aufgeblasene Papiertüte, die jemand zwischen den Handflächen kaputt klatscht, in sich zusammen sackte. Er war nicht der einzige Zeuge. Trollo, der sich entschieden hatte, seinen Platz in der Hofeinfahrt wieder einzunehmen und Kleiner kompromisslos zuakzeptieren, mehr noch, ihm Höflichkeit und Bescheidenheit zu zollen, beobachtete, wie sein Herr und Meister tot zu Boden fiel. Er zeigte keine Anteilnahme. Helmut Schröder hatte er geduldet, gemocht, wie ausnahmslos alle in der Straße, hatte er ihn nie. Selbst Margot Schröder hielt sich nach vierundvierzig farblosen Ehejahren in ihrer Trauer bedeckt, zeigte sich betroffen, gefasst und machte weiter bis bisher. Halt ohne ihren Helmut, wie es kommt, kommt’s, dachte sie, und manchmal ist das nicht das Schlechteste.

Er war ein echter Scheißkerl. Und damit hatte es sich.

Du bist ein ungezogener Junge.“ Lorne tätschelte Kleiners Kopf, der auf seinem Schoß lag. Es war der Abend nach Schröders Tod, sie hatten es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, im Fernsehen lief Zwei glorreiche Halunken.„Den kennst du noch nicht, Kumpel.“ Kleiner gähnte, schmatzte, leckte Lornes Finger ab, an denen Chipskrümel klebten. Er zupfte ihn an den Ohren, eine Welle von Zärtlichkeit war da, unfassbar, dachte Lorne, wie gut man sich fühlen kann.

Du hast diesen fiesen Drecksack um die Ecke gebracht, kleiner Mann, schön, was kommt jetzt?

Kleiner wuchs nur unwesentlich, er blieb ein winziger Knirps, den jeder entzückend fand. Der Hund war wachsam und blickte dunkel, wenn er ein falsches Lächeln in fremden Augen erkannte. Der Entlarvte, ob Mensch oder Tier, wich meist erschrocken zurück und mied Kleiner fortan. Lorne zeigte ihm jeden Tag seine Zuneigung, und Kleiner dankte es ihm mit seiner bedingungslosen Aufmerksamkeit. Als Kleiner zum ersten Mal ein Kaninchen erlegte, war er knapp sechszehn Wochen alt. Oben auf der mit üppigem Gras bewachsenen Halde, wo Lorne ihn von der Leine ließ, wenn niemand mit Gesellschaft störte, fand er seine Beute, die unter einem Busch saß, ihn sah und sich nicht rührte, ergeben wartend, regungslos, als hätte das Schicksal sie dort fest genagelt, schnappte fast behutsam nach ihr, tötete sie mit einem einzigen Biss in die Kehle und trank das Blut. Er zerfetzte das Tier nicht, um das rohe Fleisch fressen zu können, er saugte es gierig aus.

Lorne war fassungslos. Gleichsam auf irritierende Art fasziniert. Er rief ihn nicht zurück, er zeigte ihm auch nicht, dass er solch ein Verhalten nicht dulden könne, dass Welpen so was grundsätzlich nicht machen würden und Hunde generell nicht machen sollten.

Ich weiß doch, dass du anders bist, mein Freund, so verflucht anders, jaundjaundjaund, auch wenn ich jetzt hysterisch werden könnte. Panisch. Bekloppt. Aber warum? Warum sollte ich, das bist eben du, dachte er weiter, du bist einzigartig. Du bist ein guter Hund. Er blinzelte in die Sonne, steckte sich eine Zigarette an, ließ Kleiner Zeit. Trink, Junge, du lernst von mir, ich von dir. Nur verrate uns nicht. Dann holen sie dich von mir weg.

Als Kleiner zu ihm zurück kehrte, leckte er sich einen letzten Tropfen von der Schnauze, setzte sich brav zu seinen Füssen und sah ihn an. Bernsteinfarbene Augen. Lorne lächelte.

Dann brauchst du also Blut. Dann und wann. Solange es Kaninchen sind.

Es blieb nicht dabei. Der Tag, an dem Kleiner auf dem abgelegen Dörter Waldfriedhof Kalle Menzel und Jacko tötete, belehrte Lorne knapp drei Monate nach dem Kaninchen (es folgten ungezählte weitere) eines Besseren. Kleiner durchtrennte zuerst dem mächtigen braunen Jacko die Halsschlagader, dann seinem bösem tapferen Herrchen, das sich schreiend auf seinen Hund warf und versuchte, Kleiner mit seinem Messer abzustechen. Kalle Menzel, ein rundum tätowierter Hüne, einfältig und ständig in finanzieller Not, hatte Lorne und seinen winzigen Wegbegleiter vom Geldautomaten der Dörter Sparkasse aus bis zur Familiengruft der Knoppkens verfolgt, wo er ihm nach einem groben Hieb in den Rücken zu verstehen gab, Scheine sehen zu wollen, und „…hey, Alter, ich hatte bereits einen beschissenen Tag, der kann nur beschissener werden. Aber nicht für mich.“

Hier irrte Kalle. Als Lorne, völlig perplex, nicht sofort reagierte, ließ Kalle, zu dessen paar Tugenden Geduld nicht zählte, seinen Hund los. Jacko, ein armer Kerl, der es nicht anders kannte, stürzte sich auf Kleiner, registrierte keine Augen. Keine Zähne. Er verblutete, wie auch Kalle, der gar nichts mehr ordentlich machte und nichts mehr sehen musste, in Sekundenschnelle.

Kleiner hob den Kopf, sah Lorne an, der völlig erstarrt mit seiner Brieftasche in der Hand, die er noch hastig und völlig unnötig aus der Jackentasche gezogen hatte, neben Knoppkens verwittertem Grabstein stand. Und wartete.

Hinter Lornes Stirn hämerte es.

Er wartet auf meine Erlaubnis, Gottgottgott, verfluchter Mist, was mach ich bloß?, und wenn das jemand gesehen hat?, ohGottohGott, Scheißescheißescheiße. Ich kann das nicht ändern, das ist nun mal so, das ist passiert, und wenn das keiner beobachtet hat, dann bleibt das, wie es eben ist, und wer sollte uns schon verdächtigen, einen harmlosen Architekten aus Dörten und sein süßes winziges Hündchen mit Säuglingszähnchen und bernsteinfarbenen schönen Äuglein. Niemandniemandniemand wird das denken, ach was, das wäre ja geisteskrank. Geisteskrank.

Lorne kicherte. Dann nickte er schwach.

Irre. Wer oder was ist schon irre?

Es dämmerte bereits, als Kleiner sich von den Leichen abwandte und zu ihm trottete. Er schien satt, zufrieden, auf eine gute Art erschöpft zu sein. Lorne hatte sich, während der Hund ihm sein Hinterteil zuwandte, den Kopf nach unten gebeugt, dorthin, wo Kalle und Jacko halb aufeinander lagen mit erstaunten, weit aufgerissenen Augen, auf einen Findling schräg gegenüber von der Gruft gesetzt, rauchte, wünschte sich etwas Starkes zum Hinunterspülen und war recht gelassen. Das wunderte ihn etwas, aber dumme Gedanken über sich selbst und diese merkwürdige Welt an sich spukte er von sich. Ist so, na und? Gibt Schlimmeres, führwahr.

Er kraulte Kleiners Nacken, verlor sich kurz im Bernstein und küsste Kleiner auf die Nase. Er liebte diesen Hund, das war’s, so war’s, und damit war alles Wichtige gedacht. Es war Zeit für den Heimweg. Frieden. Liebe. Brandy wäre gut. Er atmete tief durch. Zu früh. Denn in dem Moment war da diese Stimme, sie schien aus dem Ahorn über dem Grab, aus dem Rhododendron, aus der Erde, aus dem Friedhofsbrunnen, aus dem Himmel, der Hölle zu kommen. Tatsächlich war sie zwei Meter hinter Lorne und gehörte einem Mann mit Trachtenjacke, Spazierstock und hochrotem Gesicht. Gerd Brügge aus der Konradstraße. Lorne hatte vor einem Jahr seinen Dachausbau gemacht. Er schien angespannt, war laut. Zornig. Wirkte furchtbar erschrocken. Ängstlich war er auch. Mit Sicherheit. Da lagen blutleere, zerbissene Körper auf der Erde, wie sollte er sich das erklären?

Was ist da vorn los? Was zum Teufel ist das? Was in aller Welt machen Sie da, Herr Lindner?“

Er sah, er keuchte, schrie, sah wieder hin, die einbrechende Dunkelheit verschluckte ein wenig von dem Bild, wich zurück, ließ den Stock fallen und hob die Hände abwehrend vor das Gesicht. „Nein. Neinnein. Oh Allmächtiger. Nein.“ Lorne starrte ihn nur an. So ein Idiot, dachte er, wie blöd kann man denn sein? Brügge torkelte rückwärts, fiel zu Boden, rappelte sich umständlich, aber erstaunlich schnell für sein Alter wieder hoch, sah erneut hin und würgte. „Das ist…das kann nicht…wer war das? Wer macht das? Sie müssen…Polizei…ich mein, Sie haben doch nicht…waren doch nicht…? Herr Lindner, was…?“

Lorne ging langsam auf ihn zu, tätschelte seine Schulter, verzog den Mund zu einem hübschen Lächeln, das nicht echt sein musste. Hier nicht.

Grotesk, das Ganze, wie absurd, wie lästig, es hätte gut sein können, das ist es nicht mehr, das ist schlecht, ganz schlecht. Keine Polizei, Brügge, keine Zeugen. Brüggebrügge, du bist eine arme Sau.

Lorne sah seinen Hund an. Er hörte. Er lauerte. Er war nicht mehr durstig. Aber er war bereit. Schwarze Augen. Die Zunge blitzte hervor. Er wartete.

Lorne nickte. „Hol ihn dir, Kleiner.“

(c) Karin Reddemann

 

erschienen in: Zwielicht Classic 11, Hrsg. Michael Schmidt undAchim Hildebrand, Nov. 2016


Anders, aber auch gut

© Karin Reddemann

Die Frau im Garten der Salewskis war Pola Tomaczek. Vince stand auf der Terrasse und beobachtete sie. Die Tomaczek trug ein kniekurzes, halbtransparentes Nachthemd, darüber eine blaue Strickjacke. Sie war unfrisiert, flittrige silbergraue Strähnen bedeckten ihren Rücken bis zur Taille, - Vince kannte sie nur mit ordentlich gestecktem Haardutt - , und stolperte in schwarzen Filzpantoffeln über die Wiese. „Zum Teufel“, schrie sie, „zum Teufel auch!“

Pola Tomaczek hatte im Haus gegenüber gewohnt. Immer höflich, stets korrekt gekleidet, ehemalige Oberstudienrätin, Latein und Geschichte, verwitwet, kinderlos. Mittlerweile verwirrt. Seit vierzehn Tagen lebte sie als Pflegefall in der Seniorenresidenz am Stadtpark.

Das Haus, ein Flachbungalow mit großem Garten, abgeschieden auf einer Anhöhe in den 1970ern gebaut, war verpachtet. Wie Vince vom Postboten wusste, an Pavel und Milla Salewski, Eltern eines kleinen Jungen. Vince sah ihn am späten Vormittag draußen an seinem Planschbecken. Blonde Engelslocken. Wie überaus entzückend aber auch, dachte 

er noch, dann fiel sein Blick auf die unbedeckte Brust des Jungen und auf die nackten Beine. Fasziniert starrte er auf die dichte Behaarung. Wie alt mochte der Kleine sein? Sechs. Sieben. Den Jungen mit der schwarzen Wolle am Körper und die Tomaczek hatte Vince per Handy bereits festgehalten. Absolut High Tech mit einem galaktisch funktionierenden Mikrolautsprecher und stylisch getarnter Teleskop-Installation. George besaß exakt dasselbe Modell, metallicgrün, Bronzetastatur. Sowas Megafeines ging nicht über die normale Ladentheke, Vince pflegte da seine speziellen Beziehungen.

Er musste seine Aufnahmen unbedingt Georg zeigen. Der hatte die vergangene Nacht in seinem Arbeitszimmer verbracht und holte im Strandkorb auf der Terrasse seinen Schlaf nach.

Georg machte wie gewohnt den Eindruck, als wäre er soeben für ein Männermagazin fotografiert worden. Helle Leinenhose, ockergelbe Segeltuchschuhe, keine Socken, blütenweißes enges Shirt, das über den Muskeln spannte. Sein markant geschnittenes Gesicht war leicht gebräunt, die Augen versteckte er hinter den dunklen Gläsern seiner Ray-Ban-Brille.

Vince sah zu ihm hinüber. „Du kriegst nichts mit, George. George?“

Keine Raktion. Vince wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Tomaczek zu. Sie hockte breitbeinig vor dem Planschbecken und starrte in seine Richtung. Vince duckte sich. Er war schlecht übersehbar, ein durchtrainierter Mann von beachtlicher Länge, knapp zwei Meter. Vince ging noch ein Stück tiefer in die Knie und zielte mit dem Handy auf sie.

Tatsächlich schien die Tomaczek ihn nicht bemerkt zu haben. Sie spuckte mehrmals auf den Boden, dann knurrte sie. Es klang wie das kehlige, warnende Knurren eines großen Hundes. Dabei warf sie fauchend ihren Kopf in den Nacken und riss den Mund weit auf.

„Saubande da drinnen“, kreischte sie, „hol' euch der Teufel!“

Die Tomaczek sprang behände auf ihre Beine, fiel aus dem Sprung heraus auf alle Viere, ging in Lauerstellung, senkte ihren Oberkörper und streckte den Kopf vor. „Die Missgeburt hat mich gebissen!“, geiferte sie. „Ich will fressen. Das Drecksblag hat mich in den Hals gebissen!“

„Halt die Schnauze! Sonst schneid' ich dir die Kehle durch!“

Das kam aus dem Haus der Salewskis. Eine Frauenstimme. Vince richtete sich auf. Die Sonne würde bald untergehen, die Abendluft drückte. Vince schwitzte, obwohl er nur Boxershorts und Badelatschen trug. Er äugte zu George.

„Du verpasst das Beste. Die Tomaczek ist tollwütig geworden.“

„Die Tomaczek?“ George blinzelte ihn schläfrig an. „Was macht die hier?“

„Momentan schreit sie herum, der Salewskijunge habe sie gebissen.“

„Kommt schon mal vor.“ Georg zündete sich gähnend eine Zigarette an, inhalierte tief und stieß mit seinem Atem eine blaue Wolke aus. „Nimmst du auf, Cowboy?“

Vince hielt das Handy hoch.

„Großartig.“ Georg erhob sich träge und trat ein paar Schritte vor, um einen besseren Blick in den angrenzenden Garten werfen zu können.

Pola Tomaczek gab in kurzen Intervallen knurrende Geräusche von sich. Sie bewegte ihren Kopf ruckartig hin und her, schaukelte mit ihrem Becken und brach in schrilles Gelächter aus. Dann brach sie wimmernd zusammen: „Hilfe! So helft mir doch!“

Drei Männer von kräftiger Statur stürmten aus dem Haus. Einer war glatzköpfig, der kahle Schädel komplett tätowiert, der zweite trug einen dunklen Schlapphut, um den ein buntes Tuch geschlungen war, der dritte hatte lange rote Haare, geflochten zu einem dicken Zopf, der ihm bis zum Gesäß hing. Der Glatzköpfige beugte sich über Pola Tomaczek, packte sie mit einer Hand im Genick und zog sie mit einer Leichtigkeit hoch, als sei sie eine junge Katze, die er aus einem Wassertrog rettete. Pola hing wie eine hässliche Marionette an kaputten Fäden zappelnd über dem Boden, aus ihrer Kehle kam nur noch ein Krächzen. Der Mann schüttelte sie heftig. Ihre grauen Haarsträhnen tanzten in der Luft, die Pantoffeln rutschten von den Füßen und fielen ins Gras, der Kopf sackte schräg auf die Seite. Der Mann ließ Pola los und sah missbilligend auf sie herab wie auf einen frisch gelegten Hundehaufen im Rosenbeet.

„Die Alte hat nur Ärger gemacht!“, sagte er laut. Der Rothaarige verschränkte die muskulösen, von wulstigen Narben gezeichneten Arme vor der Brust und nickte dem Glatzköpfigen mit finsterer Mine zu. Der rieb seine Handflächen aneinander und trat mit der Schuhspitze gegen den leblosen Körper. „Die ist hin.“ Seine Stimme war tief und heiser. Wütend schrie er: „Milla! Was dachtest du dir dabei, dieses unnütze Wrack am Leben zu lassen?“

Eine Frau in einem bodenlangen weißen Rock, schlank, kurzgeschnittenes braunes Haar, mit auffällig großen, in der Abendsonne glitzernden Creolen an den Ohren, betrat die Veranda. Der kleine blonde Junge an ihrer Seite stampfte quengelnd mit den Füßen auf. „Durst, Mama, ich hab' Durst.“

„Halt' die Klappe, Paschka“, fauchte sie ihn an, fixierte die Tote auf der Wiese und schlug dem Glatzköpfigen mit der Faust ins Gesicht.„Und jetzt, Pavel? Sollen die Mutanten sich vollstopfen? In meinem Garten?“

„Das wäre nicht passiert, wenn du unseren Sohn mehr unter Kontrolle hättest“, brüllte der Mann zornig zurück. „Der hat die Irre gebissen, die hätte nur Schereien gemacht.“

Der Junge begann zu heulen. „DURST! Ich will was trinken!“

„Da siehst du, was du angerichtet hast!“, schrie die Frau. „Ach, mein kleiner, süßer Paschka! Papa meint das nicht so.“ Sie ging neben ihm in die Knie und umarmte ihn. „Heute Nacht, mein Kind“, flüsterte sie. „Da gehen wir am Kanal spazieren.“

„Interessant.“ George blinzelte in die untergehende Sonne. „Am südlichen Kanalufer in der Nähe des Wildtiergeheges findet heute Abend ein Open-Air-Konzert statt. Da wird auch gecampt. Und die planen dort also eine Nachtwanderung. Wohl Leute erschrecken.“ Er nickte Vince zu. „He, da kommt noch so eine hässliche Visage aus dem Haus.“

Der Mann, der schwerfällig die paar Stufen von der Veranda in den Garten hinunterstieg, war ausgesprochen dick und sehr groß, augenscheinlich nicht viel kleiner als Vince. Sein feistes, rundes Gesicht war mit fetten violetten Pocken übersät, und sein zotteliges, eisgraues Haar fiel ihm auf den hochgeschlagenen Kragen seines grünen Militärmantels. „Lasst die Sauerei da liegen!“, bellte er mit tief grollender Stimme. „Die Mutanten erledigen das!“

„Opa!“, juchzte Paschka, sprang auf und hüpfte kreischend um ihn herum. „Du stinkst, Opa!“

„Ein fürchterliches Balg“, sagte George. „Obwohl...recht hat der kleine Scheißer vermutlich. Der Alte schwitzt doch seine Pisse aus in dem Mantel.“ Er zog an seiner Zigarette, atmete eine blaue Wolke aus und grinste breit.

Ich ruf' jetzt Desmond an“, erklärte Georg entschieden „ Der kennt da einen, der einen Haufen Kohle für solche Bilder abdrückt.“

Er zog sein Handy aus der Hosentasche. „Ich sprech' mit ihm. Späh' du mal in der Zwischenzeit aus dem Küchenfenster, ob vor dem Haus irgendwas auffällig ist

„Yes, Sir.“ Vince schnappte sich im Vorbeigehen sein Shirt, das er am Vormittag auf die Lehne des Korbstuhls neben dem Terrasseneingang gelegt hatte. What a wonderful World! Das stand auf dem Shirt. Ha! Es war kühler geworden, die Abendsonne verschwand allmählich hinter dem dicht bewachsenen Hügel hinter der Anhöhe, auf der das Haus von Vince und, direkt darunter liegend, das von den Salewskis gepachtete stand. Es gab keine weitere unmittelbare Nachbarschaft hier oben. Bei Windstille war die Akustik geradezu perfekt, wie auch die freie Sicht von oben in den anderen Garten durch nichts versperrt wurde.

Das Küchenfenster war sperrangelweit geöffnet, auf dem Sims hockte ein kleiner blauer Vogel und glotzte ihn neugierig an. „Du weißt gar nichts“, sagte er. „Dummes glückliches Tier.“

Er hörte knatternde Motorengeräusche und sah, wie ein schwerer, schwarzer Geländewagen in die Einfahrt der Salewskis bog und vor dem mannshohen Gartentor stehenblieb. Vier Personen stiegen aus in knöchellangen, weißen Capes mit weiten, tief in die Gesichter gezogenen Kapuzen. Pavel Salewski erschien am Tor und öffnete es. Die fünf vermummten Gestalten traten sofort ein und verschwanden hinter der Mauerecke.

Vince filmte mit lang ausgestreckten Armen, viel sehen konnte er nicht mehr. Er fischte zwei Dosen Bier aus dem Kühlschrank und begab sich zurück auf die Terrasse. „Diese Kuttenkerle -,“ - er drückte George sein Bier in die Hand - , „ - schätze mal, das sind diese Mutanten.“

„Sicher sind sie das. Sie fressen grad die alte Pola.“ Georg nahm einen tiefen Schluck, wischte sich Schaum vom Mund.

„Diese Freaks haben sich sofort auf sie gestürzt, wie ausgehungerte Ratten. Die stopfen sich grad mit den Leichenteilen voll. Hab' von den abgefuckten Ghouls ein gestochen scharfes Video, kannst gucken. Aber kotz' nicht auf meine neuen Sneakers.“

„Deine Sorgen.“ Vince verzog ironisch die Mundwinkel.

Die vier aus dem Geländewagen kauerten auf der Wiese vor der zerfetzten Leiche, ihre weißen Umhänge waren durchtränkt von den blutigen Eigeweiden. Sie grunzten und rülpsten, während sie gierig ihre Hände im Leib der toten Frau vergruben und darin nach saftigen Brocken und Knochen wühlten. Einer stieß ein triumphierendes Brüllen aus, nachdem er mit einem einzigen kräftigen Ruck den Kopf abgetrennt hatte. Er hielt ihn in die Höhe, Polas lange graue Haarsträhnen bedeckten seine Unterarme, und er beugte seinen Oberkörper weit nach hinten, um das Blut, das aus dem zerfetzten Halsstumpf floss, in seinen weit aufgerissenen Rachen laufen zu lassen. Dabei rutschte ihm die Kapuze in den Nacken, und Vince und George sahen seinen Kopf.

Er war klein in Proportion zu seiner Gestalt, und er erinnerte ihn an den Totenschädel, den sie mal in einer Ausstellung anthropologischer Skurillitäten gesehen hatten. Die Haut war schmutzig gelb wie altes Papier, die platte Schädeldecke kahl, die Ohren standen weit ab und sahen aus wie lappige Flügel, die aus den Schläfen wuchsen.

Der Kerl mit dem Schlapphut gab einen langgezogenen Heulton von sich, sein zuckender Körper schaukelte hin und her. Er stampfte mit den Füßen auf, erst langsam, dann immer schneller. Der mit dem Zopf klatschte brüllend in die Hände: „Yessa! Yosse! Yiiii!“

Pavel Salewski rammte ihm den Ellenbogen ins Gesicht. Der Mann taumelte rückwärts und grölte. „Arschloch! Geh' doch Karnickel jagen!“

Milla Salewski stand keifend mit ihrem Sohn abseits des Geschehens: „Ich hab's geahnt! Keine Kontrolle! Pavel! Tu was!“

„Was denn?“, schnauzte Pavel Salewski wütend. „Soll ich allen die Fressen einschlagen?“

„Versager!“, schrie sie. „Nicht mal mit Mutanten wirst du fertig!

„Hammer“, murmelte Vince.

George rieb sich die Schläfen. „Ich glaub' ja nun viel“, sagte er mit monotoner Stimme, angelte sich eine Zigarette aus der Schachtel in seiner Hosentasche und zündete sie an seiner halb aufgerauchten an.

„Desmond sollte sich beeilen. Was der verpasst.“ Vince räusperte sich. „Du vertraust ihm aber?“

George musterte ihn skeptisch. „Warum fragst du? Er ist wie wir, Vince.“

In diesem Moment brüllte der Alte im Militärmantel: „Heee! Da ist jemand! Milla!“

Er hockte breitbeinig auf der untersten Stufe der Treppe zur Veranda und ruderte mit einem Stock in der Luft. „Irgendwas ist vor dem Haus! Die Türklingel...sieh nach! Chut! Du gehst mit!“

Milla Salewski warf ihm einen giftigen Blick zu: „Warum ich und nicht Pavel? Soll ich immer die ganze Scheiße aufwischen? “, schrie sie, während sie sich auf den Weg machte. Der Kerl mit dem Hut zog eine Knarre aus seinem Hosenbund und folgte ihr schnellen Schrittes.

„Ohoh.“ Vince kratzte sich am Kinn. „Nicht gut, würde ich meinen.“

„Ich bleib' dran, du hältst hier die Stellung“, entschied George. Er hechtete ins Haus, in die Küche, zum Fenster, sah hinaus, zückte das Handy. Ein Streifenwagen parkte in der Einfahrt, direkt hinter dem schwarzen Jeep. Drei Personen standen vor Salewskis Tür, zwei Polizisten, der eine rundlich mit Schnauzbart, der zweite schlank, jünger als sein Kollege, und eine Frau mittleren Alters, geblümtes Sommerkleid, brünetter Pagenkopf, eine modisch große Sonnenbrille, braune Schultertasche.

Milla Salewski öffnete die Tür, weit genug für Georg, um zu erkennen, dass Chut sich dicht hinter ihr aufgebaut hatte. Sie lächelte fragend, sprach nicht, lächelte nur.

„Guten Abend. Polizei,“ erklärte der mit dem Schnauzbart. Er verzog keine Mine. „Frau Salewski? Wir suchen eine alte Dame, Pola Tomaczek. Sie ist aus dem Rosengrund, dem Seniorenheim in der Nähe des Stadtparks, verschwunden. Unseres Wissens nach hat sie bis vor kurzem hier gewohnt. Haben Sie - “

„- sie spricht immer von ihren Blumen“, unterbrach die Frau im Sommerkleid ihn. „Sie ist dement, und es könnte sein, dass sie sich allein auf den Weg gemacht hat, um wieder in ihrem Garten zu sein. Wir von der Heimleitung denken...großer Gott, was machen Sie denn da?“ Völlig entgeistert starrte sie in die Mündung eines Pistolenlaufs, die Chut ihr vors Gesicht hielt.

„Ich mach' dir Angst, Schätzchen“, sagte er.

„Ruhig. Ganz ruhig.“ Der Polizist mit dem Schnauzbart wich einen Schritt zurück und hielt seine Hände hoch. „Sie wollen uns nichts tun, das weiß ich. Das ist Anne Kempert von der Seniorenresidenz. Ich bin Kriminalhauptmann Fischer, mein Kollege heißt Brinkmann. Wir suchen nur eine verwirrte alte Frau. Kein Grund zur Panik, wir bleiben alle ganz ruhig. Der Mann wird Ihnen nichts tun, Frau Kempert. Das stimmt doch? Sie tun ihr nichts.“

„Weiß nicht“, sagte Chut, „weiß noch nicht so recht.“

„Jetzt mach' keinen Unsinn, Mann!“ Der jüngere Polizist, - sein glattrasiertes Gesicht war völlig angepannt -, fingerte an seinem Gürtel.

„Thomas! Nicht!“ Der ältere Kollege warf ihm einen entsetzten Blick zu. In der gleichen Sekunde zielte Chut auf ihn und schoss ihm direkt in den Hals.

Der Mann sackte zusammen und fiel zu Boden. Milla Salewski, die weiterhin im Hauseingang stand, stöhnte verärgert auf. „Chut, du Trottel! Musstest du ihn gleich abknallen? Ein Schuss ins Knie hätte gereicht.“

„Neeneenee!“ Chut schüttelte wild den Kopf. „Der wollte seine Knarre ziehen. Nee, nicht mit mir.“

„Er hatte gar keine dabei“, sagte Fischer mit gepresster Stimme.

„Pech.“ Chut sah ihn misstrauisch an. „Und du? Willst du jetzt Ärger machen?“

Fischer schwieg. Anneliese Kempert stand dort wie versteinert. Chut grinste sie an.

„He, wieso heulst du eigentlich nicht?“, fragte er feixend. „Weiber heulen bei sowas immer.“

„Ah, halt's Maul! Lass' sie. Gib' mir die Waffe!“, herrschte Milla Salewski ihn an. Sie riss Chut den Revolver aus der Hand und richtete den Lauf funkelnden Blickes auf Fischer. „Wirf ihm den Autoschlüssel zu. Loslos! Und dann geht hinein, du und die Frau. Besser, ich höre kein Wort. Ich warne nicht nur, ich schieße auch.“

„Chut -“, schrie sie über ihre Schulter hinweg, während sie den Geiseln ins Haus folgte, „- bring die Bullenkarre weg, die kann hier nicht stehenbleiben. Odlin soll dir nachfahren. Komm' mit ihm zurück, wenn die Sache erledigt ist.“

Chut ging zur Fahrertür des schweren schwarzen Jeeps und klopfte an die getönte Scheibe. Dann setzte er sich in den Streifenwagen, bewegte ihn rückwärts aus der Einfahrt heraus und ließ den Motor aufheulen. Mit hoher Geschwindigkeit nahm er den Talweg, der aus ihrer jungfräulichen Siedlung, - es standen nur vier Häuser, großzügig verteilt - , herausführte und an einer Gabelung endete. Er bog rechts ab, mutmaßlich Richtung Weiße Weide, einem Naturschutzgebiet, das an den Witterwald grenzte. Der Jeep fuhr dicht hinter ihm her.

Von links, aus der entgegengesetzten Richtung, näherte sich ein dunkelblauer Jaguar.

Das blankpolierte Sportcoupé, Baujahr 1969, das Desmond dos Santos meine Mauritius nannte, hielt am Rand des Weges schräg gegenüber der alten, vertrockneten Weide vor ihrem Haus. Desmond stieg aus, rückte gemächlich seine rote Satinweste zurecht und fuhr sich mit den Fingern durch sein kurzgeschnittenes Haar. Es war gelb gefärbt. Butterblumengelb, er hatte eine Schwäche für auffällige Farben, Georg erinnerte sich an violette Strähnen bei ihrem letzten Treffen. Desmond trug eine schilfgrüne Pluderhose, dazu ein weites, buntes Hemd, fast bis zum Nabel aufgeknöpft, auf der dicht behaarten Brust hing ein goldenes Medaillon an einer Panzerkette. Rote Turnschuhe, eine Sonnenbrille mit pinkfarbenem Gestell. Er sah aus wie immer.

Desmond war die geballte Ladung Muskeln in Geschenkpapier, ein Hüne mit stählernem Körper, der es genoss, auf wenig dezente Art wie ein schwuler Künstler zu wirken. Tatsächlich war er Literaturprofessor. Und er war nicht schwul.

Vince lehnte bereits an der Haustür, als Georg aus der Küche kam. „Ich hab' ihn wohl gerochen“, meinte Vince trocken.

Desmond steuerte pfeifend auf sie zu.

„Wurde auch Zeit, Kollege.“ Georg klopfte ihm auf die Schulter.

„Bist hoffentlich im Training.“ Vince spannte seinen Brustkorb an. „Hau' drauf.“

„Ich schlag' keine Frauen.“

Desmond schob sich an ihm vorbei und blieb vor der Jukebox neben dem deckenhohen Dielenspiegel stehen.

„Ein Warlitzer. Und er lebt!“ Desmond warf einen gerührten Blick auf den blinkenden 200-Kilo-Automaten. „Oldies? Blue Moon von Cooke? Sag' schon, George.“

„Ist dabei.“

Desmond grinste breit. „Wundervoll. Ganz wundervoll. Aber zuerst die Arbeit. Du erzähltest mir am Telefon bereits, was hier abgeht, George. Eine Konfettiparade würde mich jetzt derb enttäuschen.“

„Schwer Showtime, sag' ich nur.“ Vince verdrehte die Augen. „Da grad im Garten tauchte dieser Schwarm von Fledermäusen auf. Sie formierten sich in der Luft, dann gingen sie im Sturzflug hinunter auf den Rasen und sortierten sich zu einem großen schwarzen Haufen, aus dem eine nackte Frau stieg. Lange honigblonde Haare, toller Körper. Einer dieser Kuttenträger riss sich seinen abgewetzten Umhang ab und legte ihn ihr über die Schultern. Sie stand da wie eine Lumpenprinzessin.“

„Aphrodite im Kartoffelsack? Die guck' ich mir an.“ Desmond verzog spöttisch die Mundwinkel. „Ansonsten kann ich wohl davon ausgehen, dass ihr bereits erstklassiges Bildmaterial habt?“

Vince strahlte. „Darauf kannst du deinen 69er verwetten.“

Desmond folgte George auf die Terrasse, Vince kam hinterher, drehte aber auf dem Absatz wieder um. „Ich hör' Motorengeräusche. Geht ihr raus, ich seh' nach.“

Sein erster Blick aus dem Küchenfenster fiel auf den leblosen Körper, der auf den Steinplatten vor der Haustür lag. Polizeiuniform, die Kappe noch schräg auf dem Kopf, der weiße Schirm mit dunklen Spritzern übersät. Der Mann hatte ein großes Loch in der Stirn.

Der Jeep, mit dem die Mutanten gekommen waren, fuhr laut knatternd wieder in die Einfahrt und hielt erneut direkt vor dem Tor.

Der Typ mit dem Hut und der Fahrer stiegen aus. Der Fahrer war ein langer, dürrer Kerl in einem schlechtsitzenden, schwarzen Anzug, - die Hosenbeine waren zu kurz, das zugeknöpfte Jackett spannte über der Hühnerbrust - , der seinen Kopf kurz gen Himmel streckte und Vince sein knöchernes, leichenblasses Gesicht mit diesen grotesk winzigen, schwarzen Knopfaugen im Licht der untergehenden Abendsonne präsentierte. Die beiden Männer gingen auf den leblosen Körper des Polizisten zu, hoben ihn an Armen und Beinen hoch und schleppten ihn in den Garten.

„Hier gibt’s nichts mehr zu sehen“, murmelte Vince und hastete zu George und Desmond. „Vor dem Haus lag eine Leiche“, erklärte er rasch. „Ein Polizist. Einer von den schrägen Vögeln und der Fahrer haben ihn mitgenommen.“

Georg nickte. „Chut und Odlin. Chut hat den Mann erschossen. Er war gemeinsam mit einem Kollegen und einer Frau von der Residenz auf der Suche nach Pola. Die beiden sind noch im Haus, zusammen mit dem Rest der ganzen Truppe.“ Er zündete sich eine Zigarette an und deutete mit dem Feuerzeug auf Salewskis Grundstück.

„Bis auf die da. Den Toten haben sie, bevor sie reingegangen sind, da vorn auf die Wiese gelegt als Futter für diese Mutanten. Sie haben sich sofort darauf gestürzt.“

„Aasfresser sind das. Nicht zu unterschätzen, denke mal.“ Desmond griff nach der Zigarette, die Georg zwischen den Fingern hielt, nahm einen tiefen Zug, gab sie ihm zurück. „Teufelszeug. Ich hab's mir eigentlich abgewöhnt.“

„Passt deinem Daddy das denn?“ Georg verzog feixend seine Lippen.

„Ich will ja nicht unnötig Panik verbreiten, aber es wird allmählich höllisch dunkel, Leute. Und die da unten -“ Vince sah Desmond fragend an.

Der lachte schallend auf und stützte sich mit den Händen auf dem Geländer vorn an der Terrasse ab. „Panik, ja? Okay. Momentan sind die Mutanten allein im Garten. Denke mal, die anderen sammeln sich noch. Die kurze Pause kann ich nutzen, um zu sagen, mit welcher Spezies wir es hier zu tun haben. Ich habe vom Auto aus natürlich mit unserem Kunden in Brasov telefoniert, Bela Ludoviczk. Als Vorstandsmitglied im Bund und Koryphäe auf dem Gebiet mystisch-reeller Formwandler musste er sich nicht lange schlau machen. Diese Salewskis und ihre Begleiter sind odinisch-rumänische Ferrisjünger. Eine uralte Sekte, deren Mitglieder hauptsächlich humanoide Werwolfvampire sind. Geschickt in ihrer Tarnung und beim Morden. Getötete Menschen und Tiere werden nie gefunden, da leisten die Mutanten, - sogenannte Zwitterzombiewölfe - , ganze Arbeit. Ihre Anführer, die Ferrisjünger, lassen naturgemäß Reste ihrer Opfer zurück, Knochen, Fetzen der Kleidung, Körperstücke. Die Mutanten räumen dieses Unordnung auf, sie fressen alles, da bleibt kein Krümel zurück.“

„Bingo.“ George pfiff durch die Zähne. „Es gibt keine Indizien.“

„Da unten schon. Jede Menge sogar“, sagte Desmond gelassen. „Sie verlassen das Haus.“ Einen Atemzug später überschlug sich seine Stimme fast. „Jesses! Wie die aussehen! Als kämen sie frisch aus den Hammer-Studios!“

„Der totale Knaller“, bestätigte Vince. Seine Stimme klang beeindruckt. Zugleich belustigt. „Echt, Leute, die hab' ich mir anders vorgestellt.“

„Das hat John Landis aber geschickter hingekriegt.“ George zündete sich grinsend eine Zigarette an. „Den Maskenbildner würde ich feuern.“

„Könnte glatt Fake sein. Wenn wir's nicht besser wüssten.“ Vince zog die Nase kraus. „Nimmt dieser Ludoviczk uns das ab?“

„Der weiß es noch sehr viel besser als wir. Was denkst du denn?“ Desmond schüttelte unwirsch den Kopf. „Mann, Vince...das muss alles auf den Handys sein, klar?! Seht bloß zu, dass das richtig gut wird. Ludoviczk will das komplette Material, das wiegt er uns in Diamanten auf.“

Der zottelige Alte im Militärmantel marschierte voran wie die Karrikatur eines Stabsorchesterdirigenten. Mit ruckartigen Bewegungen schwang er einen Stock aus schwarzem Holz mit einem glänzenden Knauf durch die Luft und zischte: „Schitumm, schitumm.“ Die hochgewachsene Person direkt hinter ihm war in ein bodenlanges, goldfarbenes Cape gehüllt, die Kapuze weit ins Gesicht gezogen.

„Die Fledermausfrau“, kommentierte Vince. Georg schnalzte mit der Zunge: „Ach? Goldig!“

Milla und Pavel Salewski folgten dem Alten und seiner Begleitung, sie trugen, wie auch Chut, Odlin und der Kerl mit dem Zopf, die sich dicht hinter ihnen befanden, feuerrote Umhänge, unter dem Kinn zusammengebunden. Die Truppe war noch zu identifizieren, trotz der riesigen, grauen Schnauzen, der wulstigen Augebrauen und der Raubtiergebisse, die im Mondlicht blinkten wie frisch poliert. Sie hatten Fackeln bei sich, die Rücken waren leicht gekrümmt wie bei Buckligen, die Gliedmaßen ungewöhnlich lang und knochig, die Hände breit und behaart wie Bärentatzen mit krummen, scharfen Nägeln. In einer Art Singsang murmelten sie, während sie die Fackeln in einem Halbkreis aufstellten, aneinandergereihte Laute, von denen nur einzelne Fetzen wie Bra... kiku... tam.. ka...schka...zu verstehen waren.

Die Mutanten verharrten. Dann sprangen sie aufheulend in die Höhe und warfen ihre Kutten ab. Sie waren nackt, graubraune Haut, die morsch wirkte wie faules Holz, die Krallen ihrer Klauen, die spitzen, langen Zähne wie vergilbte Knochen, die lappigen Ohren gespitzt, die kreisrunden schwarzen Augen blutunterlaufen. „Yessa! Yosse! Yiiii!“, kreischten sie, gingen auf alle Viere und setzten zum Sprint an. In Sekundenschnelle jagten sie ins Haus.

Für einen kurzen Moment war es völlig ruhig, nur die Grillen zirpten weiter, als wäre die anbrechende Nacht eine Nacht, wie sie gestern gewesen war und morgen sein würde.

Als die Mutanten auf der Terrasse wieder auftauchten, zogen sie zwei menschliche Körper wie Sandsäcke hinter sich her, zweifellos Anna Kempert von der Seniorenresidenz und Kriminalhauptkommissar Fischer.

Sie trug ein kurzes weißes Spitzenkleid und einen Blütenkranz im Haar, er war grotesk hergerichtet. Kahlgeschoren, unbekleidet bis auf einen Lendenschurz, von Kopf bis Fuß besprüht mit roter Farbe. Ein schwarzes Pentagramm prangte auf seiner Brust, möglicherweise aufgemalt, schlimmstenfalls eingebrannt. Seine Lider waren geschlossen, wie auch die der Frau. Beide wirkten völlig benommen, als wären sie betäubt worden.

Die Mutanten schleiften Fischer und die Frau grob über die abgetretenen Treppenstufen in den Garten und legten sie, exakt nebeneinander platziert, in dem Halbkreis auf dem Rasen ab. Als würden Raubvögel ihre Flügel spannen, breiteten sie ihre Arme aus, reckten ihre Köpfe hoch gen Nachthimmel und johlten. „Yessa! Yosse! Yiiii!“

„Opfer! Opfer!“, plärrte Paschka. Er hüpfte sabbernd und spuckend um die beiden regungslosen Körper herum. „Macht sie tot!“ Er warf sich zu Boden und stieß einen gellenden Heulton aus.„Opfer!“, brüllten die Mutanten.

„Schweigt!“, befahl die Frau in dem goldenen Cape mit dunkler, energischer Stimme. Sie löste ihren Umhang, er glitt zu Boden. Sie war atemberaubend schön. Welliges, goldblondes Haar, ein Gesicht wie gemeißelt. Das hautenge, purpurrote Kleid, das die Makellosigkeit ihres Körpers betonte, war großzügig ausgeschnitten. Die Haut hell wie feines Porzellan, der Hals geschmückt mit einer breiten, kurzen Kette, die aus grünen Steinen bestand. Sie funkelten im Mondschein wie gefallene Sterne. Die Frau ließ ihren Blick von einem zum anderen wandern. Augenblicklich herrschte Ruhe.

Sie kreuzte die Hände über ihren Brüsten und legte den Kopf in den Nacken. Der Mond zeichnete silbrig-gelbe Linien in ihr Gesicht, Wolken hatten sich wie graue Staubflocken vor ihn gelegt.

„Ich, Diandra, die Goldwölfin“, rief sie, „begrüße die volle Nacht. Sie küsst ihre Wölfe. Beten wir, opfern wir. Jagen wir.“ Sie beugte den Kopf wieder nach vorn, riss die Augen auf, - gelbe Iris mit Pupillen wie Schlitze - , und keifte: “Auf die Knie!“

Die Mutanten nickten eifrig und folgten ihrem Befehl, der Rest der Truppe tat es ihnen nach. Nur Paschka blieb stehen. „Wieso beten?“, maulte er. „Zu wem denn?“

„Vorsicht, dummer Höllenwelpe, sonst reiß' ich dir den Kopf ab.“ Diandra kräuselte die Lippen und zeigte ihre Fangzähne. Der Junge blickte sie erschrocken an, sprang winselnd an ihr hoch und versuchte, ihre Hand abzulecken. Diandra schüttelte ihn ab wie ein lästiges Insekt. Er jaulte auf.

„Du machst Paschka Angst,“ beschwerte sich Milla Salewski, die direkt neben ihr kniete.

„Wie war das?“ Diandra schlug ihr ins Gesicht. Milla kreischte, die rechte Wange war von blutigen Striemen gezeichnet. „Erzieh' ihn besser! “, fauchte Diandra. „Wenn er Angst hat, ist er falsch.“

„Und nun -“, verkündigte sie in feierlichem Ton, ohne Milla noch eines Blickes zu würdigen, „ - haltet inne. Ich rufe schoscho Gerifreki, schaura Ceberus, schaschta Ischtar -“

„Wie lange dauert das denn?“, maulte Paschka, der sabbernd auf dem Hosenboden hockte.

„Bis der Mond blutet, du Wurm.“ Diandra kräuselte die Lippen und zeigte ihre spitzen, dolchartigen Eckzähne. Ihre Pupillen waren glutrot, ihre feinen Züge wichen den hässlichen Auswüchsen einer dämonischen Raubtierfratze. „Aber du siehst ihn nicht. Du gehst mir auf die Nerven. Schlaf!“ Sie presste die flache Hand auf sein Gesicht. Paschkas Körper fiel wie ein Stein zu Boden.

„Schlummert wie ein Baby. Schurau Therion -“ Diandra streckte sich. „- schoscho Khan -“

Vince zog sich sein Shirt über den Kopf, warf es achtlos auf den Boden und pfiff durch die Zähne. „Was für ein Theater.“ Er blickte zum Himmel, dunkle Wolken schienen die Sterne verschlucken zu wollen. „Könnte Regen geben. Meine Knochen jucken.“

Er nestelte am Bund seiner Shorts, zog sie hinunter und streifte sie mit den Füßen ab. Es war schwül, seine Kehle trocken. Vince setzte sich seine kaum angetrunkene Bierdose an die Lippen und schluckte gierig.

George war nackt. Ein muskelbepackter Adonis, dessen Silhouette im Mondgold der Finsternis tauchte. Hose und Hemd hatte er fein säuberlich über das Terrassengeländer gehängt. Vince lächelte. TypischGeorge.

Desmond knetete seine Finger. Es klang, als würde er sie brechen.

Vince sah hinunter in den Garten. Fischer und die Frau waren offensichtlich immer noch bewusstlos. Sie lagen wie ein zum Gruselfasching ausstaffiertes Ehepaar eng beieinander, die lodernden Fackeln und die abstrusen Gestalten um sie herum erinnerten an eine irre Mottoparty. „Wenn -“, überlegte er laut, „- nur wenn - was würden die mit den beiden anstellen, Desmond?“

„Verbrennen garantiert nicht, das Feuer ist Show. Ich tippe auf Blutorgie. Sie sind der Cocktail vor der Jagd am Kanal. So ist das zumindest geplant. Aber das wird nicht hinhauen.“

„Ludoviczk weiß das hoffentlich?“ Vince legte seine Armbanduhr im Hortensientopf ab und schüttelte sich unruhig. Jetzt – gleich -

„Der wird höchst zufrieden sein mit dem, was wir anzubieten haben“, erklärte Desmond bestimmt. „Die Opferung unbeteiligter Personen steht nicht in unserem Auftragsbuch. Wir sind Voyeure, keine Perversen.“

Er atmete kräftig durch. „Und das gilt auch für den Jungen.“

“Für dieses Rotzbalg?“ Georg lachte. „Von mir aus. Krümmen wir ihm halt kein Härchen.“

„Gut.“ Desmond schnippte mit den Fingern. „Dann macht jetzt Eure Handys aus. Und ich -“, - Desmond kreiste schwungvoll mit der Hüfte und riss sich, während er ins Haus tänzelte, in einer einzigen eleganten Bewegung Weste und Hemd vom Leib- , „ - mach uns Musik. Ist aus meinem Lieblingsfilm.“

Es dauerte nur wenige Sekunden. Die Jukebox sprang an, Desmond rief von der Diele aus: „Bereit?“

Blue Moon, you saw me standing alone, without a love of my own...

Er baute sich breitbeinig in der Terrassentür auf. Desmond war nackt, seine gebräunte Haut glänzte im Mondschein wie frisch gewachste Bronze. Vince und George standen an der Geländerbrüstung und blickten hinunter in den Garten der Salewskis. Desmond stellte sich zwischen sie und bemerkte wie beiläufig: „Ich habe übrigens noch einen zweiten Interessenten an der Hand. Milas Romanoswsi. Er kauft tote Werwölfe. Ist das ein Wort, Männer?!“ Er stieß einen markerschütternd lauten, kehligen Schrei aus.

Die Ferrisjünger hoben augenblicklich die Köpfe, wild in der Nachtluft schnüffelnd, lauernd in noch kniender Position, sprungbereit, aber noch zu desorientiert, um die Quelle der unheilvollen Störung zu wittern. Die Mutanten bellten wie gehetzte Hunde und schnappten nach vermeintlichen Feinden direkt neben sich in der Dunkelheit.

Mit dröhnender Stimme rief Desmond:„ Wir sehen euch!“ Er lachte kehlig auf. „Hört ihr uns?“

Blue moon, you knew just what I was there for, youheard me saying...

Milla Salewski ging schnaubend in die Höhe und blickte direkt zum Nachbarhaus. „Spanner! Da oben!“, kreischte sie.

„Yiii! Spanner!“, wiederholten die Mutanten grölend und rissen bestialisch knurrend ihre Mäuler auf.

„Jagt sie! Holt sie da runter! Tötet sie!“, keifte Milla. „Dieses ewig dumme Menschenfleisch!“

„NEIN!“, fauchte Diandra gellend. „Es sind weiße Wölfe!“

I heard somebody whisper please adore me
And when I looked the moon had turned to gold...

Desmond, Vince und George umgriffen die Brüstung mit stahlharten Fäusten, beugten ihre Knie, wölbten die Rücken und schrien ihr Schicksal hinein in die Finsternis. Ihre Wirbel traten hervor, drahtige Borsten bedeckten ihre Haut, ihre Gesichtszüge verzerrten sich. Die Kopfpartie, die Gliedmaßen veränderten sich. Wie auf einer imaginären Streckbank zogen sie sich in die Länge, und die Knochen und Kiefer knackten, als würden sie splittern und bersten. Aber tatsächlich erwachten sie aus ihrer menschlichen Anatomie wie mächtige Vampire in blutgetränkter Erde.

Als sie sich vom Boden abstießen und in hohem Bogen über das Geländer setzten, war die Verwandlung vollendet. Hoch hinauf in den blauschwarzen Himmel verkündeten sie brüllend ihre Natur. Sie hatten die Größe von ausgewachsenen Löwen, und ihr prachtvolles Fell glich dem der Schneeleoparden. Sie schossen durch die Nacht, meterhoch, meterweit fliegend, unvorstellbar schnell und stark, in den benachbarten Garten und stürzten sich wie hungrige Adler auf ihre Beute.

Anklagend heulten die Mutanten den Mond an, düster ahnend wohl, dass seine magische Kraft nicht mit ihnen sein würde. Sie stürmten nach vorn, voller Wut und Mordlust, kreischend und brüllend einer Verteidigung entgegen, die ihnen kaum Chancen bot. Sie starben schnell. Ihre Angreifer verwundeten sie bereits bei der ersten gewaltigen Attacke schwer. Die Leichenhaut platzte bei den tiefen Bissen, Eingeweide quollen hervor, und sie schluckten ihr eigenes giftiges Totenblut, nachdem ihre vergilbten Knochen wie morsche Zweige gebrochen waren.

Diandra wurde von ihren Fledermäusen gedeckt, die sich wie ein lebendiges Schutzschild vor ihr sammelten. Aber der Weg zu den Ferrisjüngern war frei. Desmond, Vince und George sprangen sie mit infernalischem Wutgebrüll an, gruben ihre Fangzähne tief in ihr Fleisch und zerfetzten sie. Es war ein kurzer, ein ungleicher Kampf gegen die Gewaltigsten aller Wölfe. Es war ein Ende.

Desmond tötete Milla und Pavel Salewski, George Odlin und den Namenlosen mit dem Zopf, Vince Chut und den Alten, der sich als erstaunlich zäher Krieger erwies. Er fügte Vince eine klaffende Wunde an der rechten Schulter zu, bevor er mit durchbissener Kehle zusammenbrach.

.Schwer atmend fixierte Vince den Stock des Alten, der neben seiner blutüberstömten Leiche lag. Der Knauf war ein silberner Wolfskopf. Irgendwie unpassend für den, dachte er noch. Im selben Momentfiel ein Schuss. Vince schreckte auf, sah, wie George zur Seite sackte, , - Georgie-Porgie? -, hörte diesen zweiten Schuss, spürte den Einschlag der Kugel dort, wo das Herz sitzt, spürte die Wärme, roch das heiße Blut, das seins war, wunderte sich, dass die Nacht dunkler wurde, eine Nacht ohne eigenen Mond, und vernahm ganz in der Nähe die vertraute Stimme des Wolfes, der seinen Triumph zu den Sternen schickte. „Desmond?“, flüsterte er. Dann starb er.

Blue moon, now I'm no longer alone
Without a dream in my heart
Without a love of my own...

„Guter Film.“ Diandra fuhr sanft mit ihren Krallenfingern durch Desmonds Nackenfell. „Es ist alles perfekt.“

Desmond schüttelte sich heftig. Sein Körper veränderte sich, er nahm wieder seine menschliche Gestalt an. Diandra küsste ihn ungestüm. „So viele tote Wölfe, einfach fantastisch. Die beiden Weißen sind Romanowski noch einmal doppelt soviel wert wie das ganze Pack hier. Zusammen mit dem Honorar von Ludovicz für das Bildmaterial haben wir beide heute Nacht ein Vermögen verdient. Du liebst mich doch?“

„Ja doch, jaja.“ Desmonds Stimme klang gereizt. „Aber George und Vince jetzt hier so liegen zu sehen, abgeknallt wie Rotwild am falschen Platz zur falschen Zeit - so recht gefallen will mir das nicht.“

Genau genommen missfiel es ihm völlig. Er hatte es sich anders vorgestellt. Nicht so berührend. Und nicht so beschämend. Tatsächlich hatte er das unsinnige Bedürfnis, sich bei Vince und George für seinen Verrat zu entschuldigen. Alles nur für Geld und für eine Frau, die ihm hier und jetzt nicht mehr ganz so überirdisch verlockend vorkam, wie er sie noch erstaunlich frisch in Erinnerung hatte.

„Es war so abgemacht zwischen dir und mir.“ Diandra leckte über seine nackte Brust, dann sah sie zärtlich zu ihm auf. „Ich teile nicht durch vier. Und die beiden sind so viel mehr wert als die anderen, Darling. Sieh einfach nicht mehr hin. Denk' an was Schönes. Denk' an das Kopfgeld.“

Er dachte tatsächlich an das fette Honorar. Und an Diandra. Er fand sie fürchterlich penetrant.

„Für unsere Leichen würde Romanowski auch gut bezahlen.“

„Er zahlt für jeden toten Werwolf. Aber es interessiert ihn nicht, wer sie ihm liefert.“

„Tja. Ist wohl so.“ Desmond atmete tief durch. „Sie waren beide auf der Stelle tot. Einfach umgefallen und aus. Du schießt verflucht gut.“

„Nicht nur das.“ Diandra lächelte spöttisch. „Ich hab' Silberpatronen im Lauf.“

Er zuckte mit den Schultern. „Die Munition spielt keine Rolle. Die Silberkugeln sind eine Erfindung der Filmindustrie.“

„Hollywood?“ Diandra verzog amüsiert die Mundwinkel. „Funktioniert aber.“

„Ja. Offensichtlich.“ Er blickte zum Haus. „Die Handys von Vince und George sind noch auf der Terrasse. Ich hol' sie.“

Als er zurückkam, hockte Diandra auf dem Rasen und hatte Paschka in ihrem Schoß. Sie sah mit blitzenden Augen zu ihm auf, ihre untere Gesichtspartie war blutverschmiert. Und sie sang.

„Hush, little baby, don't say a word -“

„Hast du ihn etwa - ?“

„Mama's gonna buy you a mockingbird -“ Sie lachte. „Aber nein, er schläft. Wenn er aufwacht, beiß ich ihm die Kehle durch, damit er's richtig merkt. Das wär's dann.“

„Das wär's wohl nicht. Du rührst ihn nicht an, Diandra. Schon vergessen?“

„Wir können ihn nicht gebrauchen. Er ein ganz furchtbares Kind. Ich kann diesen Scheißer nicht leiden.“ Sie sah den Jungen in ihrem Schoß angewidert an, packte ihn am Genick und schleuderte ihn von sich. „Weg mit dir, ich kauf' dir gar nichts.“

Desmond stöhnte abgenervt auf. „Verdammt, Diandra...wieso hast du überhaupt Blut am Mund?“

„Ich hab' gefressen. Und das hier -,“ - sie zeigte auf die blutigen Brocken rohen Fleisches neben sich im Gras- , „ - ist für dich. Zufrieden?“

„NEIN. Wo hast du den Fraß her? Hast du etwa Fischer und die Frau umgebracht?“ Desmonds Pupillen verdunkelten sich. Er leckte sich über seine spitzen Eckzähne. Sie hämmerten gefährlich in seinem Schädel. Ruhig, Junge. „Wir hatten es anders ausgemacht, Diandra.“

„Und ich hab's mir anders überlegt,“ erklärte sie schnippisch.

„Einfach so, ja?!“ schnaubte er. „Das findest du korrekt?“

„Sogar sehr korrekt,“ fauchte sie. „Was dagegen?“

„Was dagegen, wenn ich umdisponiere?“ knurrte er zornig. Wenn die so weitermacht -

Exakt in dem Moment, der ihn sagen und denken ließ, was durchaus bedenklich hätte eskalieren können, - vielleicht auch nicht, wer weiß das schon, wenn vermeintlich Liebende streiten - , geschah ein Missgeschick. Unvorhersehbar. Unvermeidbar. Durchaus tragisch. Aber eben auch eine vernünftige Perspektive, wie Desmond es sich nach den ersten Schrecksekunden ehrlichen Gewissens eingestand.

Paschka krähte: „Bumm!“ Er war direkt neben Diandras Revolver gelandet, den sie auf der Wiese abgelegt hatte, wohl bedenkenlos, aber doch recht leichtsinnig darauf vertrauend, dass die ganze Angelegenheit nun erledigt sei. Das war sie nicht. Paschka griff nach dem Revolver, sah ihn sich neugierig an, richtete ihn auf Diandra, zielte auf ihren Kopf und drückte ab. Es war die letzte Silberkugel. Ein meisterhafter Schuss. Direkt in die Stirn. „Bumm,“ wiederholte er, als sie vornüber fiel. Die Flut ihrer goldblonden Haare bedeckte sie. Es war ein schönes Bild.

„Alte Hexe, die,“ maulte der Junge und sah Desmond erwartungsvoll an. „Gut so?“

„Anders, als erwartet, Kleiner.“

Desmond blickte aufseufzend gen Nachthimmel. Ich bin ein großer böser Wolf. Nehmt mir das nicht übel, Freunde.

Über ihm stand der volle Mond und strahlte ihn an.

Blue moon, now I'm no longer alone...

Er lächelte dem Jungen zu.

„Anders, aber auch gut.“

Blue moon, now I'm no longer alone
Without a dream in my heart
Without a love of my own

 

erschienen in: Horrormagazin Zwielicht, Sonderband Werwölfe 2021, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand


Gottes kalte Gabe

© Karin Reddemann

Es war einer dieser trägen, trockenen Tage, die nicht wirklich glücklich sind. Du nimmst sie hin wie einen langen lästigen Spuk, der Deinen Körper nass und salzig macht, willst Dich bewegen, wenn Deine Nase juckt, bist aber zu faul, um sie zu kratzen. Am Abend des 19. Augusts 1983 feierte ganz Pitzbach mittelalterliches Sauerfest in Humperdinks ausgebauter Scheune. Am Nachmittag holte mich Theresa, um bei mir zu sein, bis sie über den Verbleib meiner Seele entscheiden darf. Es ist Gottes Geschenk an sie.

Ich war sehr dick in diesem Sommer 1983, ein dickes sommersprossiges Mädchen in hellblauen Baumwollshorts mit zu kurz geschnittenem Stirnhaar und hüftlangen Zöpfen. Theresa gefiel es, dass ich unförmig und müde war. Sie liebte es, mit meiner Trägheit zu spielen, neckte mich lauernd, damit ich ihr folge wie ein Welpe, der erstaunt den ersten Schnee schmeckt, drehte sich wie eine Spitzentänzerin auf einem Bein im Kreis, das andere angewinkelt, die Arme ausgestreckt, sprang mit gerafftem Rock über die Gräber, ließ mich hinter ihr her keuchen und sie niemals kriegen. "Scht, fettes Kind. Schtscht. Fang mich doch."

Theresa Ernestine Reitzenstein hätte wohl gern von meinem Speck gekostet, manchmal, wenn ihre grauen, fast wimpernlosen Augen einen unstillbaren Hunger verrieten, ließ ihn aber nur einmal zwischen Daumen und Zeigefinger rollen, als ich ihr unvorbereitet zu nahe gekommen war, kniff hinein, strahlte. Sagte: "Scht, süßes Kind. Schtscht. Wir sind schließlich Freunde."

Die Mittagssonne verbrannte mir an diesem Tag im August 1983 in Pitzbach das Gesicht, auch die Knie, auf denen angeschmuddelte Pflaster klebten, sinnloses Indiz für den Versuch, über Tante Eddis Gartenzaun zu hüpfen. Ich fühlte mich einmal mehr wie ein plumpes Etwas, das durch den Sommer stolperte und hinfiel und wieder aufstand, um Tante Eddi pusten und streicheln zu lassen. Eine Dreizehnjährige, der die triefende Nase noch geputzt werden musste. Fast trotzig, ließ es mir gern gefallen, tröstete mich damit, erwachsen werden zu können, wenn ich erst einmal vernünftige Brüste haben und bluten würde. Der Hund schützte meinen weißen Bauch, der weich und viel zu kuschelig war, um ihn nicht hassen zu müssen. Er war heiß von Tinkas Körperwärme, ihr goldbraunes langes Fell saugte sich fest an meiner Haut, aber ich ertrug es und liebte sie für ihre kehligen Seufzer, denn sie war dick wie ich. Tinka hatte sich auf mich gequetscht, schnarchte und knurrte im Schlaf, während ihre Pfoten strampelten, als würde sie ihre hoffnungsvollen Tagträume jagen und erwischen, um sie glücklich zu zerbeißen. Tante Eddi, die sich auf ihr letztes Sauerfest in Humperdinks Scheune freute, schimpfte zärtlich und verlangte von mir, in den Schatten zu gehen. Ich blieb auf ihrer geblümten Liege, ohne mich zu rühren, zog an meinem Strohhalm und pustete Luft in das Glas, ließ Bläschen steigen und zerstach sie mit meinem rechten kleinen Fingernagel, weil er mein schönster war. Ein langer rot lackierter Nagel, die anderen kaute ich weg.

Tante Eddis selbstgemachte Limonade war süß und dickflüssig wie Beerenauslese, die ich viele Jahre später schmeckte, um mich zu entschließen, sie nie wieder trinken zu wollen. Weil sie an meinen Eingeweiden nagte wie die Erinnerung an Theresa, die mich in diesem Sommer 1983 allerbeste Freundin nannte. Die auf dem Grabstein ihrer Eltern Pirouetten drehte und Schmetterlingen die Flügel herausriss, um sie zu schlucken wie die Erde auf ihrer eigenen Gruft. Ich sehe mich dort stehen in meinen verwaschenen Shorts, ich trage rote Sandalen, in denen sich winzige Steinchen verirren, und meine Hände greifen nach meinen Zopfenden, um sie zu kneten. Meine Augen sind grün, die gelben Sprenkel darin, die ich von Großvater Konrad habe, tanzen nicht. Ich höre mich flüstern, leise genug, um keinen zu wecken: "Warum tust Du das?" Und wieder und wieder summt sie ihr Lied, hebt den langen gerüschten Rock, wippt mit den Füßen, die in schwarzen Schnürschuhen stecken, wiegt sich und lacht. Zupft an den honigblonden Locken, breitet die Arme aus, immer wieder macht sie das, wirft mir Luftküsse zu, sagt: "Gottes Gabe."

Die Sommerferien verbrachte ich 1983, zwei Monate vor dem großen Feuer, bei der unverheirateten Schwester meines Vaters, Edeltraud Magdalene Großjohann, die am Dorfrand von Pitzbach in einem urigen Häuschen mit Hund Tinka und Haushälterin Anneli lebte. Tante Eddi war keineswegs vermögend, sie arbeitete als Pflegerin im Elisabeth-Seniorenstift, und manchmal schimpfte Papa, obwohl es ihn nichts anging: "Möchte nur wissen, wovon die alte Juffer ihr Personal bezahlt." Heute denke ich, dass Anneliese Kenkhoff mehr war als nur die gute Seele, die backte und kochte und putzte, um sich ein gemütliches Zuhause bei ihrer Eddi zu verdienen. Fragen kann ich nicht mehr. Das Haus brannte ab im November des Jahres, das mich erwachsen werden ließ. Eddi und Anneli kamen dabei um, wurden in Tante Edeltrauds riesigem Bauernbett entdeckt und diskret getrennt entsorgt. Gemeinsam schlafen sie jetzt nicht mehr. Es sei denn, Theresa hat sie herausgelassen, irgendwann, jetzt, morgen vielleicht, damit das Unerträgliche sich aus meiner Brust reißt, das mir die Leichtigkeit verwehrt hat, die ich nie erfahren durfte.

Am frühen Nachmittag des 19. Augusts 1983, unmittelbar vor meiner Begegnung mit der grausamen Toten, der ich in der Nacht vor meiner Heimreise nach Frankfurt unverdient meine Tränen geschenkt hatte, schaffte Tante Eddi es doch noch, mich von der geblümten Liege zu locken. Anneli und sie hängten im Garten Wäsche auf, kicherten und neckten sich, indem sie sich gegenseitig mit den feuchten Tüchern die nackten Oberarme kühlten. Der Geruch von Lavendelseife und frisch gemähtem Gras steckt immer noch irgendwo in meiner Nase, und sie versprachen mir Arme Ritter, Weißbrot in Eigelb und Zucker getränkt, gebraten, dampfend, gezaubert, um mich glücklich sein zu lassen. Mich, das dicke, faule Kind. "Ab mit Euch in den Wald. Dann gibt's was Feines."
Das galt uns, den beiden Fetten.

Der Gedanke, für einen kleinen Spaziergang mit einem Hund, der meine Trägheit so gottergeben teilte, süß und gut belohnt zu werden, erschien mir weitaus angenehmer als die Vorstellung, den beiden die hölzernen Wäscheklammern reichen zu müssen, die in einem eierschalfarbenen Stoffbeutelchen an der Leine baumelten. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht half, aber ich war dankbar für meine Aufgabe, die mich wichtig machte. Mein Ausflug würde kurz sein, wie immer, wenn ich mir die Leine griff und über Feldkamps Wiese stapfte, hoch bis zur Wegkreuzung, wo es links nach Kornbach ging und rechts zum Pitzbacher Friedhof mit der Marienkapelle, wo der mannshohe Farn längst schon den Blick auf kunstvoll bemalte Butzenscheiben versperrt hatte. Meist ruhten Tinka und ich uns auf der Bank am Ortsausgangsschild kurz aus, blickten gemeinsam ins Tal auf die roten Kornhauser Ziegeldächer und schworen uns, sie nie mögen zu wollen. Unnötig, einen Fuß dorthin zu setzen. Der Wind trug den Geruch von gekochtem Kohl bis hinauf zum Moosbänkchen, das ich so nannte, weil das feuchte grüne Holz grundsätzlich nicht zum Hinsetzen einlud. Mir waren die hässlichen Flecken im Stoff ziemlich egal, weil ich aus meinen alten Shorts herausgewachsen sein würde, bevor die ersten Kastanien fallen sollten. Ich war gut dreizehn in diesem Sommer bei Tante Eddi in Pitzbach, vier Zentimeter länger als noch im Frühjahr, und ich sehnte mich danach, über Nacht ordentlich in die Höhe zu schießen, um groß und schlank zu sein wie Anneli. Meine schweren Zöpfe stören mich, und ich nahm mir vor, auch die anderen neun Fingernägel wachsen zu lassen, weil ich eine junge, hübsche Frau sein wollte. Später. Bald schon. Aber ich wurde nicht wirklich jung. Mein Kopf war alt, bevor ich ihn wie einen bunten Luftballon hätte steigen lassen können.

Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich Theresa tanzen, sehe, wie die ausgefärbte Spitze an ihren dünnen Ärmchen flattert, wie die Schleifenbänder an ihren Locken sich zu lösen scheinen, um dort zu bleiben, wo sie sind, immerfort an den gleichen Stellen über den weißen Ohren, an denen die Aquamarine hängen, ein Geschenk ihrer Mutter zu ihrem 14. Geburtstag am 17. Mai 1865, sechs Tage vor der Geschichte, die sie mehr als hundert Jahre später noch wirbeln und singen ließ mit ihrer hohen, klirrenden Stimme. „Scht, süßes Kind, schtscht. Scht, süße Tess, schtscht.“

Der Kohl stieg mir an diesem Nachmittag im Sommer 1983 auf der Moosbank am Pitzbacher Ortsausgangsschild wie frisch Erbrochenes in die Nase, derart intensiv, dass ich mir vorstellte, er würde in allen 133 Kornbacher Küchen seit Wochen auf dem Herd stehen, um ausgespuckt und wieder gegessen zu werden, und ich schüttelte mich und hustete Speichel auf die Ameisen zwischen meinen Füßen, um sie tauchen zu lassen. Manchmal denke ich, dass dieser Gestank gar nicht reell gewesen ist, nur ein dummer Streich meiner Phantasie, aber dann zweifle ich wieder, weil ich auch in dieser ersten Nacht nach meiner Begegnung mit Theresa gedacht, erträumt hatte, dass sie nicht wirklich dort gestanden hat neben meiner Bank in ihrem samtroten Kleid mit der vergilbten Spitze an ihrem Hals und an den Handgelenken, ein Kleid wie einem alten Bild entsprungen. Ich sollte ihr oft genug wieder begegnen, um nicht mehr länger vor mir selbst leugnen zu können, dass sie lebte. Irgendwie lebte, dabei leichtfüßiger als es ein Mensch wohl tatsächlich vermag über den Betten der Toten auf dem Pitzbacher Friedhof schwebte, ein böses, armes Mädchen, das seinen Eltern dort unter der Erde nicht vergeben wollte, die nach Barmherzigkeit schrien, gefangen in einem schwarzen Raum ohne Fenster, ohne Türen, ohne Theresas Gott.

Heute noch, wenn Dunkelheit mich schützt vor fragenden Blicken, bewege ich fast lautlos meine Lippen, ziehe mich auf wie eine Spieluhr, lausche der immer wiederkehrenden monotonen Melodie, singe leise, ganz leise, und warte mit Furcht darauf, dass der Wind ihre Stimme zu mir trägt, um mir zuzuflüstern, dass es nicht vorbei ist. „Scht, süßes Kind. Schtscht. Schlafe endlich.“
An diesem trockenen Sommertag 1983 am Ortsausgangsschild von Pitzbach, wo Tante Eddi und Anneliese Kenkoff am Abend Sauerfest feierten und im Herbst des gleichen Jahres in ihrer sauberen blau-weiß karierten Baumwollbettwäsche brennen sollten, stand Theresa Ernestine Reitzenstein wie aus dem Nichts aufgetaucht vor mir und riss mit ihren Zähnen blutige Fleischfetzen aus einem Fellbündel, kaute, ohne ihren Blick von mir abzuwenden, und schluckte die entsetzlichen Brocken, ohne ihre Lippen zu schließen. Den Rest warf sie Tinka vor die ausgestreckten Pfoten, auf denen ihr kleiner runder Kopf ruhte, unfähig, zu verstehen. So schien es mir damals. Aber vermutlich hatte sie sofort begriffen. Sie versteckte sich aufjaulend hinter meinen nackten zerstochenen Waden, zutiefst verstört von dem unerwarteten Mahl, das diese schreckliche Person ihr hatte schenken wollen, knurrte zögernd, kurz nur, um es dann aufzugeben, tapfer zu sein. Ich selbst hockte wie gelähmt auf meiner feuchten grünen Bank, starrte auf den rot durchtränkten Fellklumpen, starrte das fremde Mädchen an und zwinkerte mit den Lidern, nervös, wie ich es immer tat, um wieder aufzuwachen. „Katze.“ Sie sagte es gleichgültig, wischte sich den Mund mit dem Ärmel ihres Samtkleides ab, blickte weg ins wolkenlose Blau, seufzte, lachte. „Junge Katze. Der Hund ist zu alt, zu zäh. Scht, süßes Kind. Schtscht. Tu ihm nichts. Fresse ihn nicht. Fresse dich nicht. Spiel mit mir.“

Das war alles. Spiel mit mir, spiel mit ihr. Als wäre alles so herrlich leicht, so wunderbar selbstverständlich. Dieser Moment, der nicht zu mir gehörte, genügte, um alles in mir, was sich sträubte, ekelte, ängstigte, zu verschlingen, als hätte ich niemals etwas anderes getan als mit ihr zu gehen, dorthin, wo sie seit 118 Jahren tanzte zu einer Musik, die nur die Stillen dort unten hören. Die August-Hermann Reitzenstein, seine Frau Katharina und sein Bruder Friedwart, die in ewiger Nacht heulen, ohne Erbarmen immer noch hören müssen, weil sie nicht weg fliegen dürfen. „Gottes Gabe.“ Mehr erfuhr ich von Theresa nicht. Besser vielleicht, Anneli hätte niemals gesagt, was mich fragen ließ.

Ich hielt meine täglichen Verabredungen mit Theresa gewissenhaft ein, zur Freude von Tante Eddi, die glaubte, ich hätte Gefallen an den regelmäßigen Spaziergängen mit Tinka gefunden, die ich vorschob, um nichts erzählen zu müssen, das ich selbst nicht begriff. Tinka mied Theresas Nähe, legte sich unter das schmiedeeiserne Kreuz, das über dem verrosteten Pitzbacher Friedhofstor hing, und wartete auf mich mit spitzen Ohren, wohl allzeit bereit, das Weite zu suchen. Alles ist viel zu schwer, viel zu schwarz, um erklären zu können, warum ich Theresa so widerspruchslos gehorchte, warum ich mich nach ihr sehnte wie ein Kind, das Glasmurmeln mit dem anderen tauscht und in Unschuld ruht, solange es nicht nachdenken muss. Ich beobachtete sie angewidert und doch so merkwürdig fort von allem dabei, wie sie ziellosen Ratten auf dem Pitzbacher Friedhof die Kehle durchbiss, um sie auszusaugen und an ihnen zu knabbern. Warum ich ihr nachlief, ihr wortlos meine Aufmerksamkeit schenkte und süßen, gar boshaften Schauer verspürte, wenn sie die Toten verhöhnte, auf die Grabsteine spuckte und Knospen zertrat, um ihnen die Jugend nicht zu gönnen, die sie selbst auch nicht gehabt hat...ich weiß es nicht. Ich denke einfach, Theresa hatte etwas an sich, das jeglichen vernünftigen Gedanken in mir ausschalten konnte. Bis zu diesem letzten Tag vor meiner Abreise nach Frankfurt.

Anneliese Kenkoff, verwurzelt mit Pitzbach seit fünf, sechs Generationen, hatte von Kottermanns Steffen, einem braven einfältigen Schusterssohn aus Kornbach, erfahren, dass er „die kleine Frankfurterin“ zwei-, dreimal auf dem Pitzbacher Friedhof gesehen habe, ganz allein sei sie dort herumgelaufen und hätte wohl Grabinschriften studiert. Kottermanns Steffen muss sichtlich verstört gewesen sein, dachte aber wohl, das sei eine merkwürdige Marotte der Großstädter, die ihm nicht geheuer waren. Ich fühlte mich ertappt, gleichzeitig reizte es mich, jetzt, wo mir eh nur noch ein Tag blieb, Theresa zu erwähnen, wie man beiläufig erwähnt, sich ausruhen zu wollen. Anneli wusste von ihr. „Lange her. Armes kleines Ding.“

Theresa Ernestine Reitzenstein wurde kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag im Mai 1865 im Kornbacher Wäldchen, das an Ruprecht Hillfelds Kartoffelacker grenzte, vom eigenen Vater, August Hermann Reitzenstein, tot aufgefunden. Sie war wohl geschändet, dann erwürgt worden, wie Anneli es nüchtern formulierte, wissend, dass sie mich erschreckte. Nicht ahnend, dass sie mich lockte, die Wahrheit zu finden. Vergewaltigt. Getötet. Ruhelos und böse.

Meine kalte Freundin tobte, als ich ihr vorsichtig erzählte, was ich wusste. Sprang, wie ich es kannte, über die Grabsteine, die Namen nannten, die niemand wirklich rührten. Zertrat mit ihren schwarzen Halbstiefeln vertrocknete Eriken, Überbleibsel der vergangenen Weihnacht, schnappte nach Mücken und spuckte sie auf die Familiengruft, stopfte den Torf der Reitzensteins in den Mund und fraß ihn, ohne mein Würgen zu teilen. „Fette Freundin hat geschnüffelt. Unartig, unartig ist sie. Hat geschnüffelt.“ Sie kreiselte, tanzte, drehte sich, ging zu Boden und schaufelte die alte Erde tief in sich hinein, schluckte sie und blieb reglos liegen, Arme und Beine weit weg vom Körper, als würde sie an einem Kreuz hängen, das ich niemals angebetet hätte. Dann sprach sie, ruckartig und schnell, fast zu hastig, zu unwirklich, um sofort zu begreifen. „Onkel Friedwart. Friddel-Diddel. Haben nichts gesagt, nichts getan. Friddel-Diddel spielt mit mir, hebt den Rock, leckt Tessi-Kessi, süßes Kind. Scht, brave Tessi-Kessi. Schtscht. Haben gewußt. Nichts gesagt. Nichts getan. Süßes Kind. Scht. Wir sind Freunde. Schtscht. Hat mir wehgetan. Friddel-Diddel, tust mir weh. Scht. Kleines Mädchen. Schtscht. Tust mir weh, Onkel Friedwart, will nicht. Beißt mich, saugt mich, stößt mir Baum in mein Blut. Schrei nicht, Tessi-Kessi, nicht schreien. Stinkt auf mir, reißt mein Herz heraus. Schtscht. Kann nicht mehr atmen, keine Luft. Scht. Jetzt ist es gut.“

Sie atmete schwer, vielleicht so wie Untote atmen, wenn ihre Seele schreit. Ich weiß es nicht. Wusste es nicht. Weiß nur, dass ich mit hängenden Schultern dort unter der Trauerweide stand und mir vorstellte, an Worten ersticken zu müssen, die nicht die eigenen sind. „Liegen tief, kein Morgen, kommen nicht rauf. Kann sie holen, hol sie nicht. Süße Tess, schtscht, gute Tess.“ Ich war dumme dreizehn und hatte Schwierigkeiten, mich selbst zu erkennen. Aber das hier verstand ich. Theresa ließ ihre Eltern und Onkel Friddel-Diddel nicht heraus aus ihrem Grab. Ich verstand, dass sie da unten verfaulten und zerbrachen, von Selbstmitleid und Würmern zerfressen, dass sie jammerten und um Gnade winselten, dass der Wind über ihrem Grab flüsterte und das kleine Lied der toten Theresa mit sich trug, dessen Melodie sich durch die Erde bohrte und bohrt, immer wieder. Sie brüllten nach ihr.

Ich stand dort an der Gruft, bewegungslos, atemlos, konnte sie hören, als ich die Augen schloss, um kurz nur bei ihnen zu sein, durchlebte ihre Schuld, ihre Trauer, ihre Angst, sah die anderen, die schweben dürfen, irgendwo im hoffnungsvollen Nichts, das ihnen doch noch irgendwann, vielleicht, voller Gnade Verheißung verspricht. Sah die, die für ihre Taten brennen müssen, ein immer wieder neu entfachtes Feuer, bevor sie das Vergessen bettet, um sie unschuldig wiederkommen zu lassen. Sah die, die rein und glücklich sind, denen nicht vergeben werden muss. „Laß sie frei, Theresa. Gott wird sie richten.“ Meine Stimme war in dem Moment, in dem ich das sagte, so alt, uralt und grau, so wissend und fremd. Ich war ein dreizehnjähriges Mädchen mit hüftlangen Zöpfen, so dick, so jung, so unerfahren, und doch war ich es, die wie eine Greisin sprach, die alles geträumt hat, was Gott und der Teufel einem Menschenleben an Träumen schenken können. Theresa sah mich an, ihre Augen waren dunkler, als ich sie in Erinnerung hatte, ihre Mundwinkel zuckten, und ich betete zum Himmel, dass er sie weinen lässt, endlich, nach so vielen Jahren.

Ungläubig starrte sie auf mich, ihre fette kleine Freundin, die sie bat, ihre Familie zu erlösen, um sie einer anderen, starken Macht zu überlassen, vielleicht einer noch unbarmherzigeren, vielleicht aber auch einer, die endliche Qualen verspricht, die irgendwann loslässt für die neue Chance, die wir alle ersehnen. Und die ich mir auch für Theresa wünschte, die den Frieden finden würde, den sie nicht vermisste, weil sie ihn nie kennengelernt hatte. „Scht, süße Kinder. Schtscht. Tut nicht weh. Lass euch nicht raus, kann das, darf das, ist Gottes Gabe, sieht nur zu, sagt, süße Tess, gute Tess, spiel mit ihnen, wussten alles, nichts getan. Nicht verdient, nichts verdient. Rufe nach Mutter und Vater, halten sich die Ohren zu, werfen mich in die Grube, küssen Friddel-Diddels Kummer weg. Lassen ihn leben, lassen mich verrotten. Hurenpack. Teufelsbrut. Kotz Euch zu, verflucht, ihr alle. Hatte Zeit, habe Zeit. Schlafen jetzt nie, schtscht, leise, leise, schlafen aber nicht.“

Ich rannte davon, blind vor Tränen, ließ sie dort liegen, kehrte nicht um, blickte nicht zurück, während ihre Worte mich verfolgten, in meinen Kopf trommelten. „Geh nicht, fette Freundin, süße Freundin, geh nicht.“ Ich reiste am nächsten Tag ab, stieg in den Zug und schwor mir, mich vergessen zu lassen. Es sollte mir nie wirklich gelingen. In ungeteilter, schlafloser Dunkelheit höre ich sie wieder und wieder nach mir schreien, sehe sie zornig tanzen und empfange ihre düsteren Gebete, sehe sie heute noch dort stehen an meinem Bett in Frankfurt, kurz vor dem Feuer, lausche atemlos und voller Furcht. „Scht, fettes Kind, schtscht. Hast mich verlassen. Nehm mir Deine Brut. Nehm Dein Herz.“

Ich weigerte mich, meine Eltern zu begleiten, als Tante Eddi und Anneli begraben wurden. War nie wieder dort in Pitzbach, habe Angst, es doch noch einmal, ein letztes Mal aufzusuchen, jetzt, so viele Jahre später. Habe Angst, ihre Schreie zu hören, weil Theresa sie gefangen hält wie Friddel-Diddel und ihre Eltern. Manchmal tröste ich mich damit, dass Gott ihr mit Sicherheit nicht die Erlaubnis erteilt hat, über Eddi und Anneli zu entscheiden. Aber warum sah er weg, als sie brannten? Kann mich nicht lösen von dem Gedanken, dass Theresa sie hat sterben lassen. So grausam. So unnötig. Fürchte mich vor meinem Ende. Mag sein, sie holt auch mich. Lässt mich in der Erde, nimmt mich vielleicht mit. Nicht, um fliegen zu dürfen. Vielleicht auch nur, um mit mir zu tanzen, weiter und weiter, ohne Pause, ohne Gnade, weil Gott sein kaltes Geschenk nicht zurückfordert. Theresa wacht über mich, wartet auf mich. „Scht, süßes Kind, schtscht. Spiel mit mir.“

Gottes kalte Gabe“ aus:
„Gottes kalte Gabe“, Kurzgeschichten, Karin Reddemann: Dr. Ronald Henss Verlag, 2006, Saarbrücken

 


Zeit der Kniestrümpfe

© Karin Reddemann

Frühling roch damals anders. Mir stiegen Öl und Benzin so intensiv wie zu keiner Jahreszeit in die Nase, wenn mein Vater mich am Wochenende auf die andere Straßenseite zur Tankstelle schickte, um Zigaretten zu holen. Das war normal für unsere Eltern, dass wir Kinder das machten. Es war auch völlig normal, dass sie gemeinsam mit Freunden, die zu Besuch waren, Ernte und HB rauchten, während wir auf dem Teppichboden in der Ecke hockten, Bilder aus Katalogen schnitten und Bluna tranken. Irgendeiner fragte dann irgendwann, meist waren das die Schmölkes, die über uns wohnten und vier Katzen hatten: „Kann mal jemand lüften?“ Das reichte dann auch. Es waren die 70er, wir durften Weinbrandbohnen essen, aber Cola gab es für uns nicht. „Kinderschnaps, nichts da“, sagte mein Großvater.

Wenn meine Mutter die Fenster nach dem Winter zum ersten Mal wieder so richtig weit öffnete und dabei mit rotem Kopf murmelte, wie die bloß aussähen, - „Völlig blind, ganz schlimm, also morgen putz ich die“ -, wussten wir, dass es bald losgehen würde. Gertrud Schmölke und Annegret Krawzyk nickten dann und nippten weiter an ihrem Likör, meinen Vater und die anderen Männer schien das nicht zu interessieren. Aber uns. Denn meine Mutter sagte noch was, sie sagte: „So ist das. Der Frühling kommt.“

Ich sah ihn mittags im Schatten, den die Sonne auf die gepflasterten Bürgersteige warf, in meinem, der lang und dünn und dunkel war und einen Buckel vom Tornister hatte. Der Schatten zeigte den Schulranzen auf meinem Rücken, meine geflochtenen Zöpfe, die Schnürschuhe, die mir auf dem Gehweg Klumpfüße verpassten, und den Bommel meiner Mütze, die ich bis Ende März tragen musste, weil, wie meine Mutter wusste, „das beste Wetter trügerisch ist, da holt man sich immer noch was weg“.
Der zweite Schatten, der sich direkt neben meinem bewegte, gehörte Mechthild Hinder.

Er war niedriger als meiner, breiter, auch irgendwie verzerrter. So wirkte er zumindest auf mich. Mechthild war seit der ersten Grundschulklasse meine Freundin, und ich liebte und verteidigte sie, weil sie dick und unbeholfen war und sofort errötete, wenn jemand sie ansah oder mit ihr sprach. Sie hatte diese helle Haut und wirklich viele von diesen Sommersprossen, die nicht die Pünktchen waren, die man niedlich nennt.

Mechthild fehlte der kleine Finger an der linken Hand. Das irritierte mich etwas, ich hätte gern von ihr gewusst, warum das so war. Ich traute mich aber nicht, es schien mir, als wäre das unerzogen. Ich fragte meine Mutter. Die zuckte mit den Achseln und strich mir über den Kopf, um mein Haar zu glätten. „Vielleicht ein Unfall. Sieh einfach nicht hin. Und kämm dich mal.“
Ich vergaß den Finger, es störte mich ja nicht, dass er nicht da war. Mechthild versteckte die linke Hand oft in der Jackentasche, das ging nicht mehr, wenn es so richtig heiß wurde und wir nur in kurzen Ärmeln herumliefen. Dann ballte sie die Hand zur Faust, das sah verkrampft aus, aber ich sagte nichts.

Es war mein neunter Geburtstag. Mechthild kam nicht, obwohl wir den ganzen Vortag darüber getuschelt hatten, was wir anziehen und wie wir uns frisieren würden. Ich hatte auch Eugen aus unserer Klasse eingeladen, einen unscheinbaren braven Jungen, der mich nicht sonderlich kratzte. Mechthild mochte ihn. Er war für sie vorgesehen. Meine beste Freundin. Ich rief ich bei ihr zuhause an, niemand meldete sich. Am nächsten Tag erschien sie nicht in der Schule, und es sollte eine ganze Woche dauern, bis ich sie wiedersah. Und endlich mit meiner Mutter sprach. Über alles.
Mechthild fehlte ein zweiter Finger.

Als ein Jahr zuvor die Zeit der Kniestrümpfe gekommen war, nahmen wir sie an wie dieses heute noch unvergessliche Eis am Stiel, das es bald wieder geben würde, so lang wie eine rechteckige Zigarre, Schokolade oder Vanille, eingepackt in Silberpapier. Die Strümpfe bedeuteten Sandalen, kurze Röcke, karierte Blusen und Pflaster auf den Knien. Kniestrümpfe waren Frühling, so, wie ein ordentlicher Frühling zu sein hat. Wenn meine Mutter endlich an irgendeinem großartigen Abend kurz vor dem Zubettgehen in diese eine Schublade im Kinderzimmer griff, war unsere Welt vorerst einmal in Ordnung. Sie legte uns Kniestrümpfe, keine wollenen Strumpfhosen für den nächsten Tag heraus, sie tat das sehr feierlich, mit diesem Ausdruck im Gesicht, als würde sie uns Extraportionen an Süßigkeiten schenken. Tatsächlich kam uns das ähnlich vor. Sie lächelte, wie Mütter eben lächeln, und verkündete, dass wir die wohl jetzt anziehen dürften. Vorerst. „Das kann noch kalt werden, Kinder, vertut euch mal nicht.“

In den darauffolgenden Wochen wurde es richtig warm. Die Kniestrümpfe gehörten dazu wie das Brausepulver, das Mechthild und ich uns gegenseitig aus den Handflächen schleckten. Das waren dann diese Momente, in denen ich verstohlen ihren kleinen Stumpf ansah, um wieder wegzusehen und zu hoffen, sie würde es nicht bemerken.
An einem dieser ganz besonders schönen Tage spielten Mechthild und ich auf dem Hinterhof Memory. Wir hockten auf einem alten Badelaken, ausgebreitet auf den Steinplatten, und waren eine ganze Weile damit beschäftigt, die zusammengehörigen Bilder aufzudecken, bis es uns auf dem Boden zu hart wurde. Dotz, unser Dackel, der unter dem Ahorn lag, dort, wo man ihn immer fand, war dabei, einen Tennisball zu zerlegen, den er mit seinen beiden Vorderpfoten fest umklammert hielt. Ich nahm ihm den Ball weg, er guckte nur träge und gähnte, und warf ihn Mechthild zu. Die schnappte nicht, musste sich bücken, warf ihn zurück. Das ging nicht lange hin und her, es war kein rechter Spaß, Mechthild fing ihn nicht sehr oft und behauptete, das läge an mir, weil ich nicht vernünftig in ihre Richtung zielen würde. Wir hörten auf damit. Mechthild atmete schwer und schwitzte stark, das war ihr bekannt, „das ist, weil ich fett bin“, lispelte sie, kaum hörbar war das, nur für meine Ohren, für die ihrer Freundin gedacht. Sie senkte den Kopf und machte Anstalten, zu heulen. Ich nahm sie in den Arm und machte „Kschtkscht“, wie ich es von meiner Großmutter her kannte. „Das ist doch nicht schlimm“, sagte ich und fühlte mich unwohl, weil mir klar war, dass sie etwas anderes hätte hören wollen. Wir setzten uns nebeneinander auf die Holzbank, sprachen eine Weile nicht und beobachteten Dotz, der sich auf dem Rücken wälzte und in die Luft boxte. Ich schlug dann vor, zu dem kleinen See am alten Friedhof zu gehen, der direkt an dem schmalen Weg hinter unserem Haus lag. Das war verboten. Ich kannte die Regel, den Hof nicht ohne Begleitung verlassen, und die gleichaltrige Mechthild zählte da nicht. Wir gingen trotzdem, weil es aufregend war, zu ignorieren, was man nicht darf.
Ich zog meine Schuhe und die Strümpfe aus, ging in die Knie und beugte mich nach vorn, um meine Hände in den See, der tatsächlich ein winziger flacher Tümpel war, zu tunken.
„Ist nicht kalt, da können wir rein.“
„Ist aber dreckig.“
„Dreck ist gut.“
„Weiß nicht.“
Ich setzte mich vor die Böschung, wo eine unbewachsene kleine Fläche war, und steckte meine Füße in das Wasser. Mechthild stand da wie angewurzelt und sah mich erschrocken an.
„Ich mach das aber nicht.“
„Wenn ich das mach, dann du auch. Wenn du meine Freundin bist, musst du das machen. Das ist so, und jetzt mach.“
Sie zögerte kurz, dann hockte sie sich hin und löste die Schleifen an ihren Schuhen.

Heute frage ich mich, wie alles verlaufen wäre, wenn ich mit meinen acht Jahren nicht so stur darauf beharrt hätte, dass Mechthild sich mir anschließen müsse. Beste Freundin, die sie war. Ich hätte ihre nackten Füße nicht gesehen, wäre niemals in der Pflicht gewesen. Ich hätte das Blut nicht gerochen. Ich wäre ein guter Mensch geblieben, der von roten Kniestrümpfen und zerliebten Teddybären erzählt, wenn er von seiner Kindheit spricht.
Vielleicht.

Als sie barfüßig vor mir stand mit ihren roten verstrubbelten Locken, in ihrem kurzen blauen Trägerkleid, das zu eng und zu steif war , um ein dickes Mädchen hübsch aussehen zu lassen, fiel mein Blick, warum auch immer, zuerst auf ihre Zehen.
Zwei fehlten. Die kleinen.

Vermutlich kurz, wohl länger als nur kurz hielt ich den Atem an, das werde ich mit Sicherheit getan haben, so mache ich es heute noch, um nicht zu spontan etwas zu sagen, was ich besser hätte durchdenken sollte. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Füßen, die schwer im Wasser hingen, zu schwer, um auf ihnen davonlaufen zu können. Ich beugte meinen Kopf weit nach vorn, als wäre da etwas Spannendes in unserem See, aber da war nichts, nur hoffnungslose Brühe, die mir keine Chance bot, von ihr zu erzählen. Schließlich sah ich sie einfach an.
„Da war grad eine Hummel auf meinem Knie. Die kann man streicheln.“
Ich bekam keine Antwort.
Mechthild starrte mir direkt in die Augen, lief rot an, starrte weiter, die Augen weit aufgerissen, der Mund leicht geöffnet. Sie wirkte fürchterlich, ich wünschte mir, wieder mit ihr auf unserem Hof zu sein und Dotz mit einem Keks glücklich zu machen. Überhaupt, wir hätten den Hund mitnehmen sollen. Den Ball. Unser Kartenspiel. Besser noch, meine Mutter hätte uns bei einem zufälligen Blick aus dem Fenster dabei erwischt, wie wir heimlich das Tor öffnen und wegrennen wollten. Böse wäre sie auf uns gewesen, egal, sie hätte sich wieder beruhigt und uns Kellerkuchen gebracht, wir würden auf der Bank sitzen, kalten Kakao trinken und hätten die Kniestrümpfe und die Schuhe noch an.
So war das aber nicht. Mechthild stand da wie ein Stock, und ich hoffte so sehr, dieser schreckliche Blick würde endlich verschwinden. Ich war unglücklich, das weiß ich noch sehr genau, so unglücklich, dass ich dachte, der liebe Gott hätte uns endgültig verlassen, um nicht zugucken zu müssen, wie Mechthild sich plötzlich verwandelt. Noch hatte ich keine klare Vorstellung davon, als was meine beste Freundin, die so anders war, da oben am Abhang der Böschung mir die schlimmste Furcht meines Lebens einjagen könnte, aber es musste ein grauenhaftes Etwas sein. Und es würde nur acht Zehen haben.

„Was guckst du denn so komisch?“
Das war tatsächlich ihre Stimme, die recht erkennbar nach Mechthild klang, und das war auch, denke ich, wirklich gut so. Sie bewegte sich wieder. Sie verzog ihr Gesicht und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wieso ich? Ich guck nicht komisch. Hast du was?“
„Nein. Aber du wohl.“
Sie stampfte mit dem rechten Fuß auf, ich dachte, jetzt geht es los, ihr Kopf war noch so rot, die Augen so weit aufgerissen, und ich hockte da mit den Beinen im Tümpel, kämpfte mit den Tränen und und hätte gern nach meiner Mutter geschrien.
Aber sie sagte nur: „Wir haben nichts zum Abtrocknen.“
Welch wunderbar normaler Satz. Ich winkte hastig ab, da steckte immer noch dieser fette Klops in meinem Hals.
„Wir nehmen meine Strickjacke. Die ist schon schmutzig, da ist das egal.“
Mechthild zuckte mit den Schultern, kam auf mich zu, setzte sich neben mich, tauchte die Füße ins Wasser, seufzte wie meine Großmutter, wenn sie vom Zipperlein sprach.
„Kalt. Aber schön. Da schwimmt Zeug rum.“
„Das ist Fischkotze.“
„Du lügst.“
„Dann ist es eben Froschscheisse.“
Wir mussten lachen, so war es in Ordnung, so war die Sonne wieder gut.
Eine ewig stille Weile ließen wir unsere nackten Beine baumeln, plätschern, hin und her tanzen, tunkten sie ein, versenkten sie wieder, vergaßen beinahe, auch hier und jetzt unweigerlich zu altern, weil alles so zeitlos hell und lebendig schien. Bis Mechthild unruhig hin und her rutschte und die Stirn in Falten legte, die nicht zu achtjährigen Mädchen gehören.
„Meine kleinen Zehen sind ab.“
Ich versteinerte innerlich, zumindest stellte ich mir das so vor, dass man plötzlich hart und steif und kalt wird wie ein Fels, auf dem nichts mehr wächst. Ich schaffte es aber, sie von der Seite anzusehen, anzustupsen, kurz zu kichern. Sogar das gelang mir.
„Na, und wenn schon.“
„Stört dich das nicht?“
„Nein, warum, dich denn?“
„Eigentlich nicht. Ist aber hässlich. Oder?“
Sie blickte mich fragend an. Ihr Kopf war immer noch scheußlich rot.
„Das sieht doch niemand, fällt gar nicht auf. Ich hab ein Muttermal am Knie. Das sieht aus wie eine braune Träne.“
„Ich hab eins am Po. Ganz rund und gelb wie der Mond.“
„Meine Mutter sagt, die hellen sind besser. An den dunklen stirbt man.“
„Quatsch. Du nicht.“ Sie zog an meinem Zopf und lachte. Das klang aber nicht richtig, ich fühlte mich überhaupt nicht mehr wohl und schlug vor, nach Hause zu gehen.
„Das gibt ein Donnerwetter, wenn meine Mutter auf dem Hof ist. Mit dir schimpft sie auch, wetten?“
„Soll sie doch. Ich will noch hierbleiben.“ Sie blinzelte mich aus verkniffenen Augen an, wie mein Vater, wenn er seine Brille nicht trug. „Weißt du, das mit meinen Zehen, das kam so, weil ich zu enge Schuhe an hatte. Die sind nicht richtig gewachsen, da mussten sie weg.“
„Was?“ Ich war fassungslos. Das war Horror. Das war nicht der Zyklop, der die kleinen Männer in der Höhle frisst, der hatte mir nur einmal Angst gemacht, der war Fernsehen. Das hier waren die blutenden Füße von Aschenputtels Schwestern.
„Was meinst du mit weg?“ Ich sprach so leise, dass ich glaubte, die Käfer im Gebüsch fressen zu hören. „Abgeschnitten?“ Und wieder, wie so viele Male in meiner Kindheit, sah ich mich dort ungläubig im Keller stehen, hörte meiner Großmutter zu, die ein Kaninchen häutete, das zum Ausbluten an einem Haken über einem Eimer hing, die gelbe Plastikhandschuhe trug und mir Märchen erzählte, während ich in den Knopflöchern meiner Strickjacke mit den Fingern bohrte und mir Saft wünschte, weil mein Mund ganz trocken war. Schneewittchens Schwestern hatten zu große Füße, der Schuh passte nicht, also hackte die eine sich die Ferse ab und die andere den dicken Zeh. Das haben sie völlig umsonst getan, das war das Schlimme daran.
Mechthild stocherte mit einem Ast in der Erde und blickte nicht auf. Sie murmelte nur, verstanden hab ich schon.
„So ungefähr. Meine Mutter hat das gemacht.“
„Deine Mutter? War das denn nötig? Sie hätte dir größere Schuhe kaufen können. Oder nicht?“
Große Güte, Frau Hinder, ich hatte sie erst einmal gesehen, sie war so gar nicht hübsch, auch nicht so nett, aber trotzdem hätte ich das nicht von ihr gedacht.
„Das war schon zu spät dafür, die mussten eben weg.“
„Normal finde ich das aber nicht.“
„Meine Mutter war Krankenschwester. Die kann so was.“
„Trotzdem.“
„Du findest mich also nicht normal?“
„Das hab ich nicht gesagt.“
„Aber so ähnlich.“
Wir schwiegen beide. Weil ich nicht weiter wusste, griff ich auch nach einem Stock, betrachtete ihn ratlos, zerbrach ihn schließlich in zwei, vier Teile, warf sie zu Boden, griff nach einem Stein, den ich in der Handfläche drehte, ihn dann ins Wasser warf und mir vorstellte, er würde zurück kommen und mich an der Schläfe treffen. Ich wäre tot, und Mechthild müsste das alles meiner Mutter erklären.
Irgendwann standen wir wortlos auf und kletterten die Böschung hoch. Mechthild griff nach meiner Hand. Ihre war ganz feucht und winzig, ich drückte sie, obwohl ich sie gern losgelassen hätte. Wir sprachen nicht mehr darüber. Meine Mutter wartete am Zaun, sie schimpfte, das war richtig so. Sie fragte nach meiner Strickjacke. Ich bückte mich, um Dotz zu kraulen, der sich freute, mich lebend wiederzusehen. Hunde sind so, denke ich, sie sind davon überzeugt, man geht allein in den Tod, wenn sie einen nicht begleiten dürfen. Die Jacke lag noch am Tümpel, ich hatte sie vergessen, das störte mich nicht. Ich mochte sie nicht mehr. Sie war mit Blümchen bestickt. Das war eine Jacke für kleine Mädchen. Ich fühlte mich zu alt dafür.

Tatsächlich schaffte ich es, meiner Mutter fast ein ganzes ewig langes Jahr nichts von Mechthilds Zehen zu erzählen. Ich hätte das gebraucht, ich war so oft so nahe dran, mich an sie zu lehnen und zu weinen, das wäre genug gewesen, genug, um gefragt zu werden, wie nur Mütter fragen können, um alles, wirklich alles zu erfahren. Mechthild und ich waren weiterhin beste Freundinnen, aber in der Nacht, wenn ich mit meiner Taschenlampe unter der Bettdecke lag und meine Füße betrachtete, anstatt zu lesen, schlich sie sich ein in meinen Kopf und machte mir Angst. Sie sah nicht anders aus als sonst, nicht wirklich. Sie trug ihr blaues Trägerkleid, und ihre geflochtenen Locken waren zu Affenschaukeln hochgesteckt, gehalten von breitem Schleifenband, das machte ihren Kopf dick, der wieder so furchtbar rot war. In ihrer Hand hielt sie ein Messer, es war die linke, die mit nur vier Fingern, und ich starrte in ihr Gesicht und wieder auf das Messer und hinunter zu ihren Füßen. Sie waren nackt. Mechthild bewegte ihre acht Zehen auf und ab und nach rechts und links, als würde sie mit ihnen einen Tanz einstudieren, dazu summte sie etwas, blickte mich an und wirkte dabei so weit, weit weg von mir. Dann sprang sie auf der Stelle, hoch, ganz hoch, keuchte, weil es sie anstrengte, lachte dabei und drehte sich im Kreis, zeigte auf meine Füße und sagte: „Das kannst du auch.“

Das Messer, das Mechthild dort unter meiner Bettdecke in ihrer verstümmelten Hand hielt, war das Messer für die Kaninchen. Dieses Messer, mit dem ich fünfundzwanzig Jahre später meine beste Freundin und ihren Metzger tötete. Da bin ich mir sicher. Es hatte einen braunen, abgenutzten Knauf und kleine, spitze Zähne, und es war so lang und so scharf wie das meiner Großmutter, die es nur dann aus der abgeschlossenen Küchenkommode unter der Fensterbank holte, wenn mein Großvater und sein Bruder von der Jagd nach Hause kamen.

Zwei Wochen nach meinem neunten Geburtstag wurde Gerlinde Hinder verhaftet. Sie hatte ihren Mann mit einem Hammer erschlagen und war völlig betrunken aus dem Fenster gesprungen, blieb dabei aber wohl unverletzt. Ein Rhododendron fing sie auf, es war auch nur der erste Stock. Drei Tage zuvor hatte das Jugendamt meine Freundin abgeholt, sie kam dann später, nachdem der Vater tot und die Mutter weggesperrt war, zu Verwandten in einen dreißig Kilometer von unserer Stadt entfernten Ort. Dort in Heiligbüschkenstett blieb sie, wurde älter, aber nicht bemerkenswerter, und bekam irgendwann eine Tochter mit namenlosem Vater, ein unscheinbares pummeliges Mädchen, dessen Besonderheit darin bestand, dass ihm zwei Finger an der linken Hand fehlten.

Meine Mutter reagierte damals, denke ich, richtig, obgleich ich sie anflehte, alles, was ich ihr erzählt hatte, für sich zu behalten. Ich war in schrecklicher Sorge, ich könnte Mechthild verlieren.
„Verrate nichts, mach doch einfach irgendwas, das niemand merkt.“
„Das kann ich nicht, das darf ich auch nicht.“
Sie strich mir mit ihren Fingerkuppen sanft über die Wangen und lächelte mich an, aber ich sah da was in ihren Augen, das war etwas anderes als Zärtlichkeit. Das war Zorn. Das war auch Furcht.
Mein Vater blieb ganz ruhig, sagte nur: „Ich hab das nicht gern, wenn du dich einmischt, Hella, aber in diesem Fall... das sind doch Tiere.“
Ich wurde auf mein Zimmer geschickt, meine Eltern telefonierten, sprachen so leise miteinander, dass ich nichts verstand, obgleich ich direkt am Türschlitz auf dem Boden kauerte und lauschte, telefonierte, flüsterten wieder. Bis es klingelte. Wer die späten Gäste waren, erfuhr ich nicht, ich wurde nicht dazu geholt.

Mechthild war am nächsten Tag fort, wir hatten uns nicht verabschieden können, und ich dachte nur, sie sei vermutlich eh sehr böse auf mich und würde mich vielleicht umbringen wollen, weil ich geredet hatte. Ich stellte mir vor, sie würde mich zu Boden werfen und mir den Bauch aufschlitzen mit dem Messer meiner Großmutter, und dann würde sie ihre abgeschnittenen Zehen und Finger hineinstopfen in mein großes blutendes Loch und es mit Korn zunähen, denn „Korn hält Magen und Darm zusammen“, wie mein Großvater sagte. Warum das so sein sollte, weiß ich nicht, es kümmert auch nicht, wenn der Tod bevorsteht.
Wie gefährlich nah ich ihm gewesen bin, wurde mir so richtig bewusst, als Frau Hinder kurz nach Mechthilds Auszug ihren Ehemann mit einem Hammer ermordete. Ich dachte nur, lieber Gott, das auch noch, das verzeiht sie mir nie, besser wohl, sie bleibt für immer in Heiligbüschkenstett und ich daheim auf unserem Hof.

Es kam anders. Mechthild und ich schrieben uns, als sei niemand tot oder eingekerkert und als hätte niemand ihr jemals etwas getan, es ging ihr wohl gut bei ihrer Tante. Die hatte einen blinden Pudel, der in Mechthilds Bett schlief, und einen Sohn, der alt war. Meine Freundin liebte diesen Matze und schickte mir ein Foto von ihm, der sprach wohl schon mit dunkler Stimme und hatte Pickel auf der Stirn. Matze war groß und fett, ich gönnte ihn ihr, mit ihm zusammen würde sie sich nicht erinnern wollen.
Im Frühling darauf besuchte ich Mechthild für eine Übernachtung, mein Vater fuhr mich, aber die Zeit war zu kurz, um wirklich befreit von all dem Alten sein zu können, wir guckten nur und alberten und schwiegen, mehr war nicht. Matze mochte ich nicht, er war laut und hatte Spucke im Mundwinkel. Mich mochte er auch nicht. Ich schlief auf einer Matratze, in Mechthilds Bett lag der blinde Pudel, und ich dachte, wir hätten uns viel zu erzählen, aber sie schlief schnell ein. Ein Jahr später kam Mechthild zu mir für ein paar Tage, es war schon richtig so, aber anders. Sie hatte bestickte Blue-Jeans an, die sehr eng waren, ihr Bauch quoll am Hosenbund hervor, das sah nicht unbedingt gut aus, aber ich sagte nichts. Ich selbst trug mein kariertes kurzes Kleid, dazu neue Kniestrümpfe, und ich kam mir sehr kindlich vor mit meinen Haarschleifen und den Lacksandalen. Unauffällig löste ich meine Zöpfe, das Haar fiel mir bis zum Po. Mechthilds war jetzt schulterlang, sie sah erwachsen aus und hatte grüne Farbe auf den Lidern. Ihr Kopf war immer noch rot.

Wir hockten nebeneinander am Tümpel, Mechthild hatte ihre Jeans hochgekrempelt und ließ mich ihre nackten Füße sehen, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Ihre acht Zehen waren rot lackiert, das verstand ich überhaupt nicht, die musste man notgedrungen durchzählen, das war auffällig. Sie rauchte jetzt, weil Matze rauchte, aber sie war elf, so wie ich, und irgendwie empfand ich das als falsch und durchweg verboten, was sie machte.
„Schmeckt das denn? Darfst du das überhaupt?“
„Ach was.“
Ich überlegte, worauf sich ihre Antwort bezog, fragte aber nicht weiter nach, weil ich nicht wollte, dass sie mich für dumm hält.
Eine Weile schwiegen wir, während wir unsere Füße ins Wasser hielten. Dotz versuchte, Fliegen zu fangen, ließ es bleiben und lehnte sich an meinen Rücken. Ihm war wohl langweilig. Mir auch. Mechthild war so fremd, ich wusste nicht, was sie interessieren könnte.
„Nach den Sommerferien komm ich in die Quinta. Mein zweites Jahr Latein.“
„Und was willst du damit?“
„Irgendwas. Zu irgendwas ist doch alles brauchbar. Wie ist deine Schule?“
„Wie soll Schule schon sein?“
Sie zuckte mit den Achseln und gähnte. Ich fühlte mich unbehaglich, sie schien mich nicht mehr besonders gern zu haben. Ich stellte mir vor, mit ihr auf unserem Hof zu sitzen, wir würden Reisequartett spielen, Schaumwaffeln essen und uns Inselgeschichten ausdenken. Die Schokolade würde schmelzen, und unsere Hände wären braun und klebrig. Das war nicht so.
„Meine Mutter hat ganz schöne Scheiße gebaut.“
Ich war irritiert. Damit hatte ich nicht gerechnet, nicht hier, an unserem See, wo sie nach meiner Hand gegriffen hatte. Mit ihrer, die so nass und klein gewesen ist. Ich zögerte kurz, strich ihr unbeholfen über den Unterarm, sie zuckte nicht zurück, ich fand nur lahme Worte für sie.
„Das war eben schlimm, was sie getan hat. Sie war wohl sehr krank.“
„Wer sagt das?“
„Alle. Alle sagen, dass sie krank war. Sonst macht man so was nicht.“
„Dann sag du mal hübsch allen, dass die in der Irrenanstalt ist. Krank ist die nicht.“
Ich schluckte. Irrenanstalt, das kam mir fürchterlich vor. Leute in weißen langen Hemden mit roten Augen und verfilztem Haar, die schreien und einen packen wollen.
„Da ist die jetzt?“
„Na hör mal. Die hat meinen Vater ermordet. Wo soll sie denn sonst sein? Im Gefängnis? Da kommen Irre nicht hin.“
„War sie denn immer schon so? Irre?“
„Bekloppt war die. Ist noch bekloppter geworden, als die mich weggeholt haben.“
„Das war aber richtig.“
„War es nicht.“
„War es aber doch. Deine Mutter hat dir die Finger abgeschnitten. Und die kleinen Zehen. Sie hätte damit weitergemacht, stell dir das mal vor, das wolltest du doch wohl nicht.“
Unglücklicher als in diesem Moment war ich nur selten in meinem Leben. Alles um mich herum schien so wenig normal zu sein, der Tümpel, der nach Fäulnis roch, Dotz, der unmotiviert knurrte, Mechthild, die finster blickte, ich, die keine Ahnung mehr hatte.
„Hätte sie nicht gemacht. Mein Vater wollte sowieso gehen.“
„Wohin denn?“
„Weg. Zu einer anderen Frau. Wäre er schnell genug gegangen, dann hätte es auch keinen Grund mehr gegeben. Für meine Mutter. Kapierst du das? Nein, du kapierst natürlich nicht.“
„Keinen Grund mehr? Ihn zu töten?“
„Quatsch. Kein Grund mehr, mich zu bestrafen.“
„Dich? Warum?“
„Dafür, dass ich in seinem Bett lag. Darum.“
„Nur deswegen?“
„Du bist einfach nur blöd.“

Ihre Worte kränkten mich zutiefst. Ich war zwar völlig verunsichert, weil ich die Wahrheit nicht wirklich erkennen, mehr noch, begreifen konnte, aber ich malte mir ein Bild davon, es war unfertig, und ich erwartete von Mechthild, es zu Ende zu bringen. Für mich. Ihre vielleicht doch noch beste Freundin. Für mein Gewissen, das mich plagte, weil ihr Vater tot war und ihre Mutter im Nirgendwo. Für ihre Zehen und ihre Finger, die niemals ganz normal wieder da sein würden, ich hatte ja nichts ändern können. Verhindern, mag sein. Der Gedanke, Mechthild davor bewahrt zu haben, irgendwann eine Hand, ein Auge, eine ihrer Brüste, die noch so unschuldig flach waren wie meine, zu verlieren, weil da eine Mutter war, die ihre Tochter mit dem Messer bestrafte, tröstete mich nur schwach. Mir war bewusst, dass meine Freundin mich nicht mehr liebte. Und ich redete mir ein, diese Liebe verspielt zu haben. Das war falsch.

Mit der Zeit, die folgte, dachte ich immer weniger an sie, wir hatten keinen Kontakt mehr, so was geschieht. Als ich Mechthild nach zehn Jahren zufällig auf einem Scheunenfest der Landjugend irgendwo außerhalb von Heiligbüschkenstett wiedersah, war sie groß und schwer geworden und hatte viel Farbe im Gesicht. Sie stellte mir keine Fragen und lächelte mich nicht an. Ich hätte gern etwas von ihr erfahren, aber ich hatte das Gefühl, ihr lästig zu sein. Mechthild schien stark sein zu wollen, sie hatte ihre Leute bei sich, darunter auch Matze, der ruhiger und schlanker war als früher. Er machte einen vernünftigen Eindruck, das sollte mir sehr viel später die Beruhigung geben, Mechthilds Tochter in guten Händen zu wissen. Immerhin hatte ich ihre Mutter und ihre Großmutter ermordet, das Schicksal war ihr etwas schuldig. Für mich. Tatsächlich für mich. Wer sagt denn, dass nur Gott die Fäden in der Hand hält, an denen wir hängen und zappeln müssen? Manchmal ist es das Böse, das uns erlaubt, auch mal zu tanzen. Zu unserem Besten, gerade dann, wenn Dunkelheit uns lenkt. Wer weiß das schon.

Fünfzehn Jahre nach unserer so nüchternen Begegnung rief Mechthild mich an. Es war wieder Frühling, als sie sich an mich erinnerte, und es war ein sonniger Tag, der mich zufrieden sein ließ. Sie wirkte aufgeräumt, ich sah keinen Grund, ihre Einladung auszuschlagen. Und auch keinen Grund, für sie und die anderen nicht zu entscheiden.

Mechthild wohnte mit ihrer achtjährigen Tochter Katja, die scheu und ungelenk war, direkt am wenig bebauten Ortsrand von Heiligbüschkenstett. Zwei weitere Mitbewohner, die wohl nach Laune kamen und gingen, waren Herbert Strack, ein arbeitsloser Metzger mit schlechten Zähnen und riesigen Händen, den sie als ihren Freund vorstellte, und ihre Mutter Gerlinde. Vor dem zweigeschossigen Mietshaus, das von einem großen, wild bewachsenen Grundstück umgeben war, befand sich ein Schotterweg, dahinter freies Feld. Die Einsamkeit dort machte es mir einfach. Dafür bin ich dankbar.
Ich blieb wortlos, als ich die fehlenden Finger an Katjas linker Hand bemerkte, trank meinen Kaffee und beschloss, noch an diesem Abend Mechthilds Mutter zu töten. Der Gedanke daran war so kalt und klar wie mein Bild von mir selbst in diesem Moment. Ich war schön, ich war dunkel, ich hatte Schuld auf mich geladen, die ich nicht länger definieren wollte, und ich tauchte meine Füße längst nicht mehr in einen moderigen Tümpel in der festen Überzeugung, es sei ein See, so blau wie der Frühlingshimmel, der nur mir gehörte.
Wie ich es anstellen würde, die Frau umzubringen, die kleinen Mädchen die Seelen schwärzte, wusste ich noch nicht, bei Mechthild und dem Metzger war ich gut vorbereitet. Es hatte mich nicht erschreckt, Gerlinde Hinder welk, missmutig und angetrunken bei ihrer Tochter anzutreffen, sie musste lange schon die Psychiatrie verlassen haben, und es erstaunte mich auch nicht, dass Mechthild mit den Schatten ihrer Vergangenheit einen gleichgültigen Frieden geschlossen hatte.

Frau Hinder, die nichts mehr zu trinken hatte, verließ die Wohnung gegen Abend, kurz, nachdem auch Herbert Strack gegangen war. Ich blieb noch eine ewige Stunde, in der wir uns gegenseitig störten, verabschiedete mich, parkte meinen Wagen hinter einem dichten Gebüsch am Schotterweg dreihundert Meter entfernt vom Haus und wartete. Sie starb um Mitternacht, ich überfuhr sie viermal, bevor ich aus meinem Wagen stieg und mir im sterbenden Schein einer alten Straßenlaterne ihren verdrehten Körper ansah. Ihr aufgedunsenes Gesicht, vom Alkohol gezeichnet, war platt gedrückt und mit einem abstrusen Zickzack-Muster von meinen Reifen versehen, als hätte jemand den Kopf unter eine Druckerpresse gehalten. Die Augäpfel quollen hervor wie fette Rosinen aus einer flachen Teigschnecke, und ich bedauerte, kein Messer bei mir zu haben, um sie herauszuschälen und sie mitzunehmen. Der Brustkorb klaffte auseinander, der grüne Stoff ihrer Bluse wirkte wie eingeweicht in einer Schüssel voller Blut und Innereien. Ich verspürte keinen Würgereiz, ich hatte auch keinen erwartet, ich empfand Genugtuung. Der Anblick der kaputt gewalzten Frau vor mir auf dem Boden bereitete mir Freude, ich dachte an den erschlagenen Ehemann und an in Einmachgläsern konservierte rosafarbene, kleine Gliedmaßen auf der Fensterbank in Hinders Küche, dort, wo Mütter die von ihren Kindern gepflückten Butterblümchen in ausgespülten Joghurtbechern noch eine liebevolle Weile lang leben lassen.

Gesehen hat mich niemand, gefragt hat man mich nie. Und den einen schrillen Schrei, den Gerlinde Hinder ausgestoßen hatte, bevor sie über die Motorhaube auf den Schotter flog, muss die Frühlingsnacht mit ihren eigenen süßen Geräuschen verschluckt haben.
Drei Tage nach der Beerdigung rief Mechthild mich erneut an. Sie klang betrunken. Alle hätten sie im Stich gelassen, die Mutter, der Metzger, die Tochter, auch ich, ihre beste Freundin. Ich versuchte, echte Worte zu finden, es gelang mir nicht. Als sie mir sagte, Matze und seine Familie hätten Katja über Ostern zu sich nach Norddeich geholt, und das wäre allemal auch besser für das kranke Luder, weil das Jugendamt sich wegen der Sache mit den Verletzungen eingeschaltet hätte und der Metzger nur noch auf Krawall aus wäre, wusste ich, dass ich nicht ohne das Messer meiner Großmutter erneut nach Heiligbüschkenstett fahren würde. Ein mit Sicherheit letztes Mal, es gefiel mir dort nicht, meine Rolle konnte ich auch anderswo weiterspielen.
Es war nur ein kurzer Wortwechsel. Mechthild leerte Wassergläser mit gelbem Schnaps, rauchte und heulte und erklärte mir, warum sie ihrer Tochter die Finger abgeschnitten hatte. Zur Strafe. Selbstverständlich. Mit einer Rosenschere, das kannte sie, da wusste sie, wie schnell das geht. Gerlinde Hinder hätte tatsächlich Theater deswegen gemacht, was ihr denn einfiele.
„Ausgerechnet die. Reißt ihr Maul auf und tut unschuldig. Hat die Sauerei aber in Ordnung gebracht. Nichts entzündet. War ja mal Krankenschwester.“
Ich nickte. Natürlich.
„Deine Mutter war das also nicht, sondern du.“
„Ist halt so, mein Gott.“
„Egal. Verdient hat sie es allemal.“
„Was? Über den Haufen gefahren zu werden?“
„Vergiss es. Und warum hast du Katja das getan?“
„Herbert.“
„Was ist ist mit dem?“
„Die lag in seinem Bett.“
„Nur deswegen?“
Sie starrte mich ungläubig an. Ich lachte.
„Ist schon klar. Ich bin einfach nur blöd.“

Mit Mechthild war ich fertig, als ich das Schließgeräusch an der Tür hörte. Der Metzger kam, wir schienen uns alle drei wortlos abgesprochen zu haben. Ich schlachtete auch ihn ab. Da war diese wohlige Erkenntnis, so was wirklich gut zu können, ich war von mir selbst beeindruckt, das hatte mir niemand beigebracht. Meine Großmutter wäre wohl stolz auf mich gewesen. Besser, blutiger, ausgeweideter war das als jedes Kaninchen, das in unserem Keller am Haken gehangen hat.
Ich öffnete das Wohnzimmerfenster, atmete tief durch. Der Frühling roch nach Gras und Blut und Sonne, ein herrliches Gemisch. Ich steckte das Papiertuch in meine Tasche, in dem sich Mechthilds Augen befanden, die ich ihr aus dem sommersprossigen Gesicht geschnitten hatte. Fast wie bei Aschenputtel. Die Tauben hackten den Stiefschwestern vor der Kirche die Augen aus. Warum eigentlich? Ich musste lächeln, sah an meinen Beinen hinunter. Ich trug leichte lange Stiefel, die meine nackten Knie bedeckten, dazu ein Sommerkleid mit einer Strickjacke. Chic, aber zu warm. Ich würde nach Hause fahren, zum See laufen, der nur ein Tümpel war, und die Strümpfe ausziehen, die Stiefel waren und trotzdem den richtigen Schatten warfen, um meine Füße ins Wasser tauchen zu können. Es war die Zeit.

Gefunden hat man mich nie. Gemordet habe ich weiter. Nicht ständig. Es ist richtig so für mich, ich fühle mich wohl. Im letzten Jahr traf ich im Wald einen Mann, der seinen Hund trat. Ich nahm ihn anschließend mit zu mir und nannte ihn Dotz, nach unserem alten Dackel. Er ist größer und struppiger und wälzt sich gern auf dem Rücken. Dabei boxt er mit den Pfoten in die Luft. Frühlingsluft.
Damals roch sie anders. Aber sie gehört mir immer noch.

erschienen in: Zwielicht Classic 12, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2017


Roter Regen

© Karin Reddemann

Er sieht aus wie Jojo. Er nennt mich Mama. „Er ist unser Sohn,“ sagt Michael. Mein Mann beharrt darauf, dass ich das sehr genau weiß. Wissen sollte. Wissen muss.

Falsch. Alles falsch.

Es ist weit nach Mitternacht, ich habe getrunken. Nicht zu viel. Nichts wirklich Gutes. Tafelwein aus dem Küchenschrank, den ich eigentlich nur zum Kochen nehme. Unwichtig, er wirkt. Gerade genug, um aufschreiben zu können, was passiert ist. Im nüchternen Zustand trommelt es unaufhörlich in meinem Kopf. Das passt nicht zusammen.

 

Ich hocke hier am Küchentisch, ins Wohnzimmer gehe ich nicht, da sitzt Michael. Ich will nicht mit ihm reden. Er hält mich für hysterisch. Und gemeingefährlich krank. Komplett übergeschnappt. Meint er. Und ich bräuchte einen Arzt. Morgen. Sofort. Längst schon.

Jajaja. Seine Sorgen. Aber falsch. Komplett falsch.

Die Geschichte erzähle ich, weil ich will, dass jemand sie glaubt. Irgendjemand. Die Geschichte ist ganz und gar nicht normal. Sie steht in keinem Seltsam, aber wahr-Buch. Könnte sie aber. Natürlich könnte sie das.

Ich erzähle sie genau so, wie sie war. Versuche, mich an jedes Wort, das fiel, an jedes Bild vor meinen Augen zu erinnern und es aufzuschreiben. Auch, wenn manches lächerlich profan klingt, es gehört dazu. Dieses ganz Banale zu erwähnen hilft mir dabei, dass die Angst sich nicht in meinem Verstand verbeißt. Das wäre mein ultimatives Scheitern. Verstehe es, wer immer es vermag.

Es war gestern. Freitagabend. Mein Sohn sagte: „Mama, es regnet ganz viel und komisch.“ Ich blickte kurz von meinem Buch auf. „Wieso komisch?“ Jojo stand in einem viel zu großen T-Shirt, das wie ein Schlabberkleid an ihm herunterhing, vor der gläsernen Terrassentür und starrte gebannt in unseren Garten. Es schüttete wie aus Eimern. Aber komisch?

„Der Regen ist rot,“ meinte er. „Ganz blutig. Echt.“

„Ich seh' den Regen von hier aus auch, Jojo. Der ist völlig normal. Guck' dir doch die Fensterscheiben an. Sind patschnass. Aber nicht rot.“

„Trotzdem. Es regnet Blut.“

Garantiert nicht, Jojo.“ Damit war die Sache für mich erledigt. Als hätte er mir soeben erklärt, er würde sich das Marvel-Universum kaufen, wenn er groß wäre. „Garantiert nicht.“

Warum eigentlich nicht? Ich frage mich, warum wir Erwachsenen so verflucht überheblich sind. Und warum ich mich nicht immer wieder daran erinnere, was ich selbst gesehen habe. Das Auge des Zyklopen, der durch die Fensterscheibe in mein Zimmer glotzt. Den Schattenmann im Keller, der Klauenhände hat und einen Zylinder trägt. Die fette grüne Hexe in der Berghofsiedlung, die ihre Pfeife mit Kinderhaaren stopft. Ich weiß sehr wohl, wie meine Stimme geklungen hat, als ich das zu meinem kleinen Sohn sagte: „Garantiert nicht.“ Sie klang exakt so wie die meiner eigenen Mutter, die vor über dreißig Jahren für mich entschieden hatte, dass es gewisse Dinge einfach nicht gibt. Und basta.

„Spinn' nicht, Melli.“ Das hätte ich auch sagen können: „Spinn' nicht, Jojo.“

Egal auch. Falsch, alles falsch.

Jojo schwieg. Vorerst. Er beobachtete weiter seinen Regen.

Mein Vater saß vor dem Fernseher und kommentierte den Krimi, der lief. „Lahmarschig. Der Klugscheisserbulle frisst die ganze Zeit, das musst du dir mal antun, Melli. Der quatscht mit vollem Mund. Und nebenbei wird so ein kleiner Mordfall gelöst. Lachhaft.“

Ich hockte mit einem wirklich guten Buch, Still Missing von Chevy Stevens war es, in der Sofaecke, mein geliebtes dickes Patchworkkissen im Rücken, ein Pott Milchkaffee vor mir auf der Tischplatte, und wollte einfach nur lesen. Ich dachte noch, tu einfach so, als würdest du gar nicht hören, was er sagt.

„Lachhaft“, wiederholte mein Vater grimmig. „Na dann. Ein Bierchen wäre nett.“

Ich blätterte demonstrativ geräuschvoll um. „Muss das sofort sein?“

„Mama, da am Teich ist was. Guck'! Oh Mann!! Eine schwarzer Affe! Guck' doch!“

„Also Jojo, das ist doch Quatsch.“ Ich blickte gar nicht auf.

„Nein! Da ist ein Affe. Oder so was ähnliches, ich schwör'! Nie glaubst du mir. Nie! Alles weißt du besser.“

Beinahe hätte ich losgelacht. Er klang wie ein Miniabklatsch meines Mannes. Aber es war nicht witzig. Nichts war witzig.

Jojo warf mir einen finsteren Blick zu. Zu finster für solch einen kleinen, unschuldigen Kerl, dachte ich noch. „Ein schwarzer Affe also“, wiederholte ich. „Na dann.“ Ich legte mein Buch zur Seite und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Er zog eine Grimasse. Ja, es war albern von mir, dieses Zwinkern, so blöd überlegen. So unangemessen in einer Situation, die für meinen achtjährigen Sohn alles oder nichts bedeutete. Ich sah ihm an, dass er am liebsten mit den Füßen gestampft hätte, um mich anzutreiben. Dieser kleine, wichtige, einmalige Kerl im Riesen-T-Shirt mit seinen kastanienbraunen, wild verstrubbelte Locken.

Ich stand auf, ging zur Terrassentür und gab, bevor ich überhaupt einen Blick zum Teich geworfen hatte, diesen lächerlich verlogenen Satz von mir: „Das kann überhaupt nicht sein, Jojo.“

Kann nicht. Wer legt das denn fest? Wer weiß denn, ob es nicht doch mein Zyklop sein wird, der mich durch die Scheibe anstarrt mit seinem einen Auge, das so groß ist wie ein Wagenrad, so alt wie die Furcht vor dem Unaussprechlichen, so hässlich und grausam wie eine Wahrheit, die nicht weg geträumt, weg gestreichelt werden kann. Spinn nicht, Melli!

Ich blickte hinaus. Und ich fasste es nicht. Unmöglich, dachte ich, das kann doch gar nicht sein, das ist ja abartig. Der Regen sah tatsächlich blutig aus. Er peitschte ordentlich durch die Büsche, unsere Wiese war völlig durchtränkt. Als hätte jemand literweise rote Farbe darüber gegossen. Es war noch recht hell, der Himmel hatte sich kaum verdunkelt, vereinzelt ein paar graue Regenwolken. Tatsächlich blitzte ein Bilderbuchblau zwischen ihnen hervor. Das passte alles nicht.

„Papa!“, rief ich. Meine Stimme klang ganz hoch und piepsig. Eine Kleinmädchenstimme. „Komm' schnell her, ich werd' nicht mehr. Jojo hat recht! Der Regen ist rot. Blutrot.“

Mein Vater stand ächzend auf, - „Da muss ich wohl.“ -, und kam zu uns, Stock in der rechten Hand, der Rücken gebeugt, vorwurfsvoller Blick. „Mein Kreuz, Melli, also heute...“ Er starrte durch die Scheibe und meinte trocken: „Jau. Stimmt. Da ist was schiefgelaufen in so'nem Chemiewerk, jede Wette. Geht mir da bloß nicht raus.“

„Was denn für ein Chemiewerk?“ Ich schüttelte den Kopf. „Hier in der Gegend ist keins.“

„Jaja,“ quengelte Jojo, „Blutregen, hab' ich doch gesagt. Aber der Affe, Mama.“

„Blutregen.“ Mein Vater schüttelte den Kopf und lachte heiser. „Ach, Junge. Aber weißt du, was meine Mutter jetzt gesagt hätte? Gibt's am Tage roten Regen, bringt's den Trollen Kindersegen.“

Jojo sah zu ihm hoch. Der Gesichtsausdruck ganz ernst. „Kenn' ich gar nicht.“

„Was soll das jetzt?“, fragte ich gereizt. Mir machte das da draußen ernsthaft Sorgen. „Trolle. Also wirklich, Papa.“

„Da hinten. Am Teich.“ Jojo zog an meinem Arm. „Der Affe.“

Ich sah nichts. Und das glaubte ich auch nicht. Trotzdem verrenkte ich pflichtschuldig meinen Hals, ließ meine Blicke zweimal, dreimal schweifen. Hinter dem Teich, wohlwollend so genannt, eher eine mit Seegras und Farn nett zurechtgemachte mittelgroße Pfütze, in der vier Goldorfen schwimmen, wachsen Wildrosen. Etwas weiter entfernt steht eine Tanne. Direkt vor dem Zaun. Mehr ist da nicht. Mehr gab's da nicht. Ich überlegte, was das war, das in Jojos Kopf spukte? Eine Geschichte, die er niemals hätte lesen dürfen?

„Jojo, da ist nichts. Nur dieser merkwürdige Regen.“

„Du guckst total falsch.“ Er verzog gekränkt die Mundwinkel.

Ich strich ihm durchs Haar. Auf seinem T-Shirt, das ihm bis in die Kniekehlen reichte, war ein Basketball abgebildet. Darunter stand in goldgelber Schrift: Germany World Champions 2023.

Jojo hatte es seinem Vater abgebettelt. „Sooo cool, Papa.“ Er sah darin aus wie ein Zwerg im Hemd eines Riesen, und so war es ja auch. Irgendwann, dachte ich, viel früher, als es mir gefallen wird, passt es ihm. Sehr wahrscheinlich existiert es dann nicht mehr, aber mein Baby wird einsneunzig sein und sich rasieren. Er wird mir immer öfter sagen, dass ich keine Ahnung habe. Weil ich alt bin. Und Mädchen anschleppen, die ich ihm nicht aussuchen darf. Er wird es vernünftig finden, wenn ich unsichtbar werde.

„Melli? Wird das noch was mit meinem Bier?“ Mein Vater klang erschöpft, er schleppte sich bereits wieder vor den Fernseher.

„Hol' ich dir,“ sagte ich, und, an Jojo gerichtet: „Du wartest hier. Verstanden? Bin gleich zurück.“

Das mit dem gleich schaffte ich nicht. Ich befand mich in der Küche, und mein erster Schritt war nicht der zum Kühlschrank, ich ging zum Fenster und starrte hinaus auf die Straße. Es ist eine Sackgasse mit nur ein paar Einfamilienhäusern. Direkt gegenüber, im Vorgarten der Gernots, stand die kleine Luzia. Wie komplett erstarrt stand sie da, das Kleid, das sie trug, vom roten Regen völlig durchtränkt. Ein fünfjähriges, zierliches, schüchternes Püppchen mit Pferdeschwanz, das dort draußen ganz allein und patschnass bis auf die Knochen normalerweise nichts verloren hatte. Ich konnte ihren Gesichtsausdruck erkennen, wie vollkommen weggetreten. Luzia wirkte auf mich wie in Stein gehauen. Sie ist krank, sie muss da weg, dachte ich panisch, wo sind ihre verdammten Eltern?Ich öffnete das Fenster und rief hinaus. „Luzia! Was machst du da?“

Dann sah ich es. Da rannte jemand, nein, etwas wie ein losgelöster Schatten über die Straße direkt auf Luzia zu und packte sie. Kein Mensch. Nicht sehr groß, ganz schwarz, überall behaart, und auf seinem Rücken hockte ein kleines Wesen, Tier, Ding mit funkelnden Murmelaugen und weit aufgerissenem Maul. „Uahahauah,“ stieß es hervor, „ahahauah, und ich schwöre, es war ein Lachen. Es war ein kehliges, gehässiges Kinderlachen.

Es ging ganz furchtbar schnell, so schnell, dass ich es kaum schildern kann, weil es mir jetzt noch wie ein einziger grausamer Atemzug vorkommt. Das scheußliche behaarte Etwas schüttelte das Kleine ab, warf sich Luzia, die das völlig apathisch mit sich geschehen ließ, wie einen Sandsack über die Schulter und hastete mit ihr davon. Und dann...es würgt in mir, ich kann es kaum in Worte fassen...stieg dort, wo das kleine, widerwärtige Wesen jetzt kauerte, roter Nebel auf, hüllte es komplett ein, stieg höher, löste sich blitzartig wieder auf, und...es war Luzia. Nein. Es war nicht Luzia. Das war mir so absolut und endgültig klar wie sonst nichts in meinem Leben.

Ich schrie. Ich schrie bestialisch. Hörte meinen Schrei und wähnte ihn als den einer Unbekannten, die mir weismachen wollte, dass der Schattenmann den Keller verlassen hatte. Und dass es die grüne Hexe war, die mit ihren Höllenkatzen tanzte.

Mir dieses groteske, absurde Szenario klar ins Gedächtnis zu rufen quält mich umso mehr, da ich mit eigenen Augen gesehen habe, was, vermutlich im selben ungeheuerlichen Moment dieses höllischen Grauens, auch meinem Sohn widerfuhr.

Wäre ich nicht in die Küche gegangen, würde er noch bei mir sein. Niemals hätte ich ihn in den Garten gelassen. Niemals. Warum habe ich ihm nicht geglaubt? Ein schwarzer Affe am Teich.

Ich sitze hier mit verweinten Augen am Küchentisch, trinke den billigen, bitteren Tafelwein, der mir durchaus gerecht wird, und überlege, wann ich den Zaun gebaut habe zwischen dem, was ist und gefälligst auch so sein soll. Und dem, was sein kann. Weil es Unmögliches möglicherweise gibt. Weil die Monster sich verstecken, wenn die Erwachsenen lügen. Wer legt da die Regeln fest? Mein Vater war immer ein Realist. Zumindest hat er so getan. Meine Mutter beharrte darauf, völlig bodenständig zu sein. Aber sie ging nie allein in die Waschküche oder auf den Speicher. Warum wohl nicht? Und meine Großmutter...

„Gibt's am Tage roten Regen, bringt's den Trollen Kindersegen.“

Ich kenne die zweite Zeile, oh, ich kannte sie immer schon:

„Sie holen uns're, und das geht, wenn Blut in nassen Gassen steht.“

Vermutlich hatte Luzias Mutter meinen Schrei gehört. Sie riss die Haustür auf, eine hübsche, etwas pummelige Blondine in Bluejeans und gestreifter Bluse, Grundschullehrerin, nur die eine Tochter, der Mann Bankangestellter, spielt Tischtennis im Verein, - alles so normal, so herrlich schrecklich verflucht normal! - , und erblickte, sichtlich entsetzt, Luzia, die im Vorgarten stand, ihr Gesicht in den Regen hielt und vor sich hin lächelte. Es war ein falsches, ein triumphierendes Lächeln, das mir den Atem raubte. Dieses Kind war nicht mehr echt.

„Was treibst du da bloß?“, kreischte Luzias Mutter, stolperte in ihren dünnen Riemchensandalen viel zu schnell über den durchtränkten Rasen auf ihre Tochter zu, rutschte auf dem glitschigen Untergrund aus und fiel ungelenk der Länge nach hin. Ich weiß nicht, ob sie sich dabei verletzt hat. Mein Blick galt in dem Moment, als Carla Gernot stürzte, einzig ihr. Luzia. Sie lachte. Lachte ihre Mutter aus. Klatschte in die Hände und rief mit dieser krächzenden Stimme, die nicht ihre war: „Dumme Maaama!“

Jojo! Ich hatte das grauenvolle Gefühl, mein Schädel würde durchbohrt, als ich mir blitzartig vorstellte, er könnte ja auch, jetzt grad, in diesem Moment dort draußen...und ich betete, dass er auf mich gehört hatte, während ich keuchend ins Wohnzimmer hastete, wo er auf mich warten sollte, geduldig und brav warten sollte, wohlbehütet und beschützt von seinem Großvater, natürlich beschützt, und Scheisse auch, warum auch nicht? Warum nicht?

Ich betete umsonst. „Jojo! Jojo!“ Keine Antwort. Die Terrassentür stand auf. Nicht sehr weit, nur einen Spalt, exakt so breit, um einen Kind durchschlüpfen lassen zu können. Jojo war draußen. „Warum ist Jojo im Garten?“, schrie ich. Mein Vater starrte mich verblüfft aus seinem Fernsehsessel heraus an. „Er wollte nur den Hund wieder reinlassen. Der war draußen bei dem Sauregen.“ „Barney liegt die ganze Zeit direkt neben dir, du verdammtes Arschloch. Kriegst du gar nichts mehr mit?“, keifte ich, völlig von Sinnen, so gemein, so unverzeihlich. Mein Vater fuchtelte mit den Händen wie ein orientierungsloser Lotse wild in der Luft herum. Er war ganz bleich, die Augen weit aufgerissen. Fassungslos. Er fragte: „Was ist denn los, Melli?“ Seine Stimme klang uralt.

Ich stürmte in den Garten. Jojo stand vor dem Teich. Das Wasser sah aus, als hätte jemand eimerweise rote Farbe hinein geschüttet. „Wohl doch kein Affe, Mama,“ rief er mir zu. Seine Stimme klang anders, ich hörte das sofort. Ich bekreuzige mich und sage: Anders. Und das stimmt, stimmt, stimmt. Er kicherte. Wie eine Krähe. Das war nicht er. „Kein blöder Affe.“

„Nein!“, wimmerte ich. Es war zu spät. Eine Mutter in einem Märchenbuch, die ihre Tränen in dem See vergoss, der ihr Kind getrunken hatte. Ging das? Geht das? Jajajadoch, krächzt die grüne Hexe, die ihre Pfeife mit Kinderhaaren stopft.

Hinter meiner Stirn dröhnte ein Presslufthammer. Ausausaus, dachte ich. Ich glotzte den Jungen, der aussah wie mein Sohn, - er war es nicht, er ist es nicht mehr - , so fassungslos an, als hätte ich mir selbst soeben die Apokalypse erklärt. Das weiße Shirt, auf das Jojo so stolz gewesen ist, war völlig hin. Das Blut geht da nicht mehr raus, dachte ich. Ich dachte das wirklich, das weiß ich noch ganz genau, weil mir völlig klar war, dass ich eh' den Verstand verloren hatte. Völlig panisch zerrte ich Jojo ins Haus, - ja, Jojojojojojo, wie soll ich ihn nennen, wie denn? - ,zog dabei so kräftig an seinen Armen, dass ich für wenige Sekunden kläglicher Vernunft befürchtete, sie auszukugeln.

„Mama!“, schrie er auf. „Du tust mir weh! Was soll das denn?“ Er heulte aber nicht. Er grinste mich an. Es war ein Grinsen, das in ein Buch gehört, das ich nicht lesen will.

„Junge, wie siehst du bloß aus. Völlig nass. Und alles ganz rot an dir, Mannmann.“ Mein Vater hatte sich aufgerichtet und stützte sich an der Sessellehne ab, vor ihm stand Barney. Sein Blick auf Jojo fixiert. Die beiden waren als dicke Freunde zusammen aufgewachsen. Barney knurrte. Sein Nackenfell stand senkrecht, er zog die Lefzen hoch. Dann fletschte er die Zähne, das hatte ich noch nie bei ihm gesehen, und er meinte diesen fremden Jungen, der nicht Jojo war. „Barney! Platz!“, herrschte ich ihn an. Ich war völlig fertig. Der Hund war nicht schuld, oh nein, der Hund wusste. „Scheiß Köter!“, fauchte Jojo. Seine Augen waren schmale böse Schlitze, wirklich böse, ich sage das genauso, wie es war. Mein Vater blickte mich entsetzt an,. „Was ist denn hier los?“

„Der Junge muss unter die Dusche,“ sagte ich.

Sehr viel später, als Jojo in seinem Bett lag und längst schon schlief, betrachtete ich ihn. Es war sein Gesicht. Und doch nicht. Ich weinte. Strich ihm zögerlich über den Kopf, streichelte sanft seine Wangen. Summte ihm ganz leise ein Wiegenlied. Lalelu. Hörte mich summen und dachte, dass ich das jetzt wirklich nicht tun sollte. Lalelu. Dass das nicht passte. Er blinzelte. Er war wach. Verzog das Gesicht. Es gefiel ihm nicht. Natürlich nicht.

„Hör' auf, lass' das,“ sagte er barsch. „Mama.“ Das Mama quetschte er zwischen den Zähnen hervor. Er drehte sich auf die Seite.

„Jojo,“ flüsterte ich, „wer war bei dir im Garten?“

Ruckartig drehte er seinen Kopf in meine Richtung. „Niemand,“ sagte er. „Warum?“

„Ich dachte...,“ sagte ich.

„Dachtest, dachtest du. Ach ja?“ Seine Augen waren ganz dunkel, viel dunkler, als sie hätten sein müssen. Spöttisch blickte er mich an. Dann raunte er: „Maaama. Meine Maaama.“ Ganz langgezogen, dumpf und dunkel, kehlig, so entsetzlich fremd und so angsteinflößend, dass ich dachte, meine Brust müsse in Flammen aufgehen. Ich würde brennen, und er würde lachen. Einfach so. Und aus.

Vom meinem Mann erwarte ich nichts. Michael kam heute Vormittag aus Frankfurt zurück, er ist oft auf Montage, damit habe ich mich arrangiert. Wenn er da ist, will er Normalität. Und Ruhe. Den roten Regen kommentierte er mit einem lapidaren „Tatsächlich so extrem? Na, Hallo.“ Mehr nicht. Vielleicht hat er sich auch nur geärgert, ihn verpasst zu haben, wann sieht man so was schon. Tatsächlich hat es in der näheren Umgebung nur da und dort so richtig stark geregnet, und das finden alle höchst spannend. Wir waren auch schon in den Nachrichten. Da hieß es, Genaues wisse man noch nicht. Auf jeden Fall kein Sahararegen. Wenn aber doch, sei der irgendwie untypisch. Irgendein Komiker plauderte dann über den großen Blutregen in Kerala in Indien 2001, für den wohl eine Algenart, wahlweise etwas Außerirdisches verantwortlich gewesen ist. Immerhin sei hier bei uns nichts und niemand zu Schaden gekommen.

Die Hobbypropheten glauben natürlich an ein düsteres Omen. Von göttlicher Warnung wird gemunkelt. Von mysteriöser Luftspiegelung. Oder jemand hat gewürfelt.

Ich weiß es besser.

Ich wünschte mir, ich könnte meinen Sohn zurück in meinen Bauch drücken, um neu anzufangen. Mir fällt ein, dass Märchenmütter so was machen, weil sie sich auf Engel verlassen. Das klappt so nicht, das verwerfe ich.

Jojo hat den Tag damit verbracht, einfach nur zu beobachten. Er studiert uns, da bin ich mir sicher. Er hat mir ein Bild gemalt und mich gefragt, ob er ein braver Junge sei. Ich nickte nur verstört, was hätte ich sagen sollen. Er grinste. Sein Grinsen ist scheußlich, so abfällig, es schüttelt mich.Mit meinem Vater sah er sich einen alten Film im Fernsehen an. Jerry Lewis. Der verrückte Professor. Wenn mein Vater lachte, kniff Jojo erst die Augen zusammen, als müsse er sich die Situation einprägen, erst dann lachte er auch. Ich ertrage sein neues Lachen nicht. Es ist falsch. Barney geht ihm komplett aus dem Weg.

Jojo isst die ganze Zeit. Und er isst schnell. Er stopft. Gierig. Sabbernd. Michael flachste beim Abendbrot: „Hast ja heute einen Bärenhunger, Kumpel."

Bär! Haha!

Als Jojo im Bett war, habe ich Michael alles erzählt. Sinnlos, er sieht nichts, will nichts sehen. Komplett durchgeknallt sei ich, sagt er, und dass ich mir meinen beschissenen Schwachsinn für die Psychiatrie aufsparen solle. „Da bring' ich dich nämlich hin, Melanie!“, brüllte er. „Und da erzähl' mal. Dass Jojo gar nicht Jojo ist. Nein. Er ist ein kleiner böser Affe, der nur aussieht wie Jojo. Und unseren echten Jojo hat der große Affe weggeholt. Und warum das Ganze? Weil der Regen rot war. Ja, erzähl' das mal, du Irre.“

„Affen sind das nicht,“ erklärte ich. Ganz ruhig sagte ich das. Er brüllte aber weiter. Sein Sohn würde seelischen Schaden davontragen mit solch einer Mutter. Lebensbedrohlich sei ich für Jojo. Mein eigenes Kind würde ich verleugnen. Diffamieren als Ungeheuer.

Ich nehme ihn nicht ernst. Angst sollte er haben. Nie gab es einen wirklichen Grund für mich, zu verraten, dass da vor langer Zeit sehr wohl etwas unter meinem Bett, im Schrank, im Geräteschuppen war, das sich von Angst ernährt. Aber jetzt. Jetzt.

Ich bin in dieser merkwürdigen Stimmung, die alles und nichts zulässt. Noch fehlt die mir die Vernunft der Wissenden. Mir fehlt die Erklärung eines Wahnsinns, der anders ist. Normaler irgendwie. Und trotzdem nicht reell. Oder trotzdem wirklich?

Mein Vater kommt in die Küche. Er müsste längst schlafen, es ist nicht seine Zeit. Sein Gesicht ist ganz grau und verknittert. Ein graues verknittertes Gesicht mit einer glühenden Zigarette zwischen den Lippen. Grotesk wirkt das. Er legt die Zigarette in den Aschenbecher auf der Fensterbank, sieht mich verlegen an. „Kind,“ sagt er leise. „Melli, Kind. Was ist denn?“ „Jojo ist nicht mehr bei uns, Papa,“ antworte ich.

„Aber...“ Er schluckt ganz schwer, ich höre das. Er wirkt so schrecklich hilflos. In einer anderen Welt würde er mir leid tun. Hier und jetzt nicht. Es gibt nun mal kein Aber.

Ihr glaubt, ich hätte mir die Geschichte ausgedacht? Vielleicht aus einer Laune heraus, Euch unterhalten zu wollen? Lest, wie sie endet:

„Gibt's am Tage roten Regen, bringt's den Trollen Kindersegen.

Sie holen uns're, und das geht, wenn Blut in nassen Gassen steht.

D'rum bleibt das Kind hübsch brav zuhaus', sonst wird ein Wechselbalg daraus.“

Wechselbalg!

Klingt DAS nach einer Laune?

 

erschienen in: Zwielicht 20, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2024


Merkwürdig

© Karin Reddemann

Hille wachte auf, sagte „Hachjeh auch“, schnaufte und rammte Siegbert ihren Ellenbogen in den Bauch, um ihn zu wecken. Siegbert schlief nicht mehr, er tat nur so und stellte sich vor, Hille würde einfach aufhören, zu atmen. Stattdessen erhob sie sich schwerfällig aus dem Bett und ranzte ihn an: „Setz' deinen Hintern in Bewegung, alter Penner.“

Siegbert blinzelte unter der Decke hervor und lauerte. Was jetzt, du Irre? Der Käfer auf ihrer Nachtkonsole war noch da. Er war ihm schon vor einer halben Stunde ins Visier geraten, nachdem er Hilles Gesicht mit seiner Taschenlampe frontal angestrahlt hatte. Sie schnarchte. Vor allem frühmorgens gab sie Töne von sich, für die er ihr den fetten Hals hätte umdrehen können. Und Feierabend dann. Pfft. Krrk. Pause. Krrkkrrkkrrk. Dann wieder Pfft. Krrrk.

Im günstigen Fall wachte sie von dem grellen Licht der Taschenlampe auf, glotzte ihn verstört an und schnauzte los: „Was soll das, du Arsch?“ Er sagte dann in aller Seelenruhe: „Nichts. Wieso?“ Drehte sich auf die Seite und war recht zufrieden, weil Hille vor Wut kochte und nicht mehr einschlafen konnte. Ganz einfach war das. Klappte aber an diesem frühen Morgen nicht. Sie bekam nichts mit und schnarchte weiter. Freilich etwas anders als sonst. Sie zischte dabei. „Ssst. Krrk. Ssst. Pfft. Ssst.“ Das war neu.

Siegbert leuchtete prüfend ihre Mundpartie ab. Hilles Lippen waren gespitzt und leicht geöffnet. Bei jedem Ssst schnellte ihre Zunge hervor. Die war eigentümlich lang, viel länger, als Siegbert sie in Erinnerung hatte, und sie sah aus wie ein fetter roter Wurm mit winzigen

gelben Pocken, Merkwürdig, dachte Siegbert. Vielleicht ein Ausschlag. Die Zunge gefiel ihm ganz und gar nicht. Sah fies aus. Vermutlich auch noch ansteckend. Sie küssten sich zwar schon lange nicht mehr, aber die Pest hatte damals auch ihren eigenen interessanten Weg gefunden. Ssst. Ssst.

Siegbert ließ den Schein der Taschenlampe über Hilles Kinn wandern. Es war behaart, das war grundsätzlich nicht ungewöhnlich, Hille hatte immer einige Haare am Kinn, die sie sich mit einer Pinzette heraus zupfte. Das waren aber doch eher helle, feine Härchen, nicht sonderlich auffällig. Diese da an ihrem Kinn waren schwarz und wirkten borstig. Faszinierend. Prinzipiell hegte Siegbert keine Einwände gegen Frauenbärte, seine Mutter hatte ihren stets mit Würde getragen. Er überlegte, vorsichtig mit der Fingerkuppe darüber zu streichen, um festzustellen, ob sie so hart waren, wie sie aussahen. Er ließ es aber bleiben, Hille hätte just in dem Moment aufwachen und seine Finger in ihrem Gesicht als Zeichen plötzlich aufwallender Zärtlichkeit deuten können.

Bloß nicht! Siegbert richtete den Lichtkegel auf Hilles geschlossene Lider. Sie zuckten nicht einmal, Hille schlief immer noch tief und fest. Ihre Lider waren dunkelviolett und stark gewölbt, so bedenklich weit vorstehend, dass man hätte glauben können, dahinter würden zwei Tischtennisbälle stecken. Auch sehr merkwürdig, dachte Siegbert. Will ich aber gar nicht wissen. Er strahlte Hilles Nachttisch an. Dort spazierte der Käfer herum, lief hin und her in der vagen Hoffnung, in absehbarer Zeit noch etwas Sinnvolles erfahren zu können. Na denn, guten Hunger, dachte Siegbert und schaltete die Taschenlampe aus.

Hille tat es. Natürlich tat sie es, unmittelbar, nachdem sie mit einem langezogenen KrrkPfftSsst aufgewacht war. Sie aß den Käfer und rülpste. Das Viech war die letzten dreißig Minuten seines Lebens weiterhin emsig auf ihrer Nachtkonsole herumgekrabbelt, ein platter, schwarzer Käfer von der Größe eines Fingernagels, der seinen trivialen Zweck erfüllte, indem Hille ihn verzehren konnte. Sie klaubte ihn wie ganz nebenbei auf, gerade so, als würde sie mal eben kurz eine lästige Staubflocke von der Konsole entfernen, steckte ihn sich in den Mund und gab einen fetten Rülpser von sich. Dann sagte sie wieder „Hachjeh auch“ und anschließend „Hmmhmm.“ Zog sich ihr Nachthemd über den Kopf, - „Hmmhmm“ - , und stellte sich nackt vor den Spiegelschrank, um sich zu mustern. „Schon sehr viel besser“, sagte sie.

Besser? Im ersten Moment glaubte Siegbert, sich verhört zu haben.

Normalerweise pflegte Hille sich vor ihrem Spiegelbild anders zu äußern: „Das geht gar nicht.“ Oder einfach nur: „G-r-a-u-e-n-v-o-l-l!“ Siegbert sah ihr seit Jahren dabei zu, wie sie sich missbilligend betrachtete, jeden verdammten Morgen sah er ihr zu. Und jedes Mal fragte er sich, warum sie sich derart quälte mit dem Anblick dieser Frau, die sich ihr vor dem Spiegel so schonungslos als Hilltrud Annegret Gerlach, geborene Kwiatkowski, offenbarte. Dort stand ein unförmiges, gelbstichiges Subjekt mit schlaffen Brüsten und Speckwülsten vom Hals abwärts bis zu den Oberschenkeln, das schulterlange, aschblonde Haar feucht vom Schweiß und platt gedrückt vom Schlaf, das aufgedunsene Gesicht zerknittert. Oh nein, dachte Siegbert jedes Mal.

„Oh ja“, meinte Hille an diesem Morgen. Sie schien ganz erstaunlich zufrieden zu sein. Dann sagte sie: „Der Schultz stand gestern am späten Abend noch vor unserer Tür. Wollte uns was mitteilen.“

Siegbert zog es vor, nicht zu reagieren. Über das Arschloch von gegenüber wollte er schon gar nicht sprechen.

„Hörst du nicht? Das war aber mal eine komische Geschichte, gestern. Würde ich mal behaupten.“

Siegbert schwieg eisern weiter. Offiziell schlief er ja noch, das war auch gut so. Aber innerlich tobte er. Schultz! DER! Arroganter Saftsack!

Schön, ich hab's auf jeden Fall gesagt.“ Sie bleckte vor dem Spiegel ihre künstlichen Zähne. Sehr gelbe, stumpenhafte Zähne, die gar nicht wie ihre aussahen. Siegbert war für einen Moment arg irritiert. Dann dachte er, ach, was ich mir mittlerweile schon einbilde, reib' dir die Augen, alter Junge, guck noch mal hin.

Hille schürzte die Lippen wie zu einem Kußmund, also keine Chance für einen zweiten Blick.

„Mir ist wohl klar, dass du mich hörst, du Spinner. Geh' Kaffee kochen. Und stell' mir Saft hin.“

Hille war seit einer Woche wieder auf Diät. Das bedeutete zumindest offiziell für sie: Gar nichts zu essen und Pillen zu schlucken oder, wie sie es aktuell machte, irgendein dubioses Wunderpulver in Flüssigkeit zu rühren. Und die musste ihr schmecken, sonst ging's nicht. Hieß: Wasser schmeckte Hille nicht, gesüßter Milchkaffee, Limonade, Früchtesaft, Gin-Tonic, Rotwein und Bier dafür aber sehr wohl. „Da ist auch jede Menge Wasser drin“, erklärte sie schnippisch, wenn Siegbert sie so ganz nebenher darauf hinwies, dass Zucker, Alkohol und Bauchspeck sich NATÜRLICH hervorragend vertragen würden. „Das bisschen!“, sagte sie dann, und: „Du mit deiner Scheißlaune! Ich weiß schon, was ich tu.“

Siegbert hatte da arge Zweifel. Zumal er wusste, wie es um Hilles Disziplin bestellt war. In seinem Beisein hielt sie sich zwar eisern zurück. Aber ihr klammheimliches Versteckspiel mit ihren Notfall-Fressalien war einfach zu dilettantisch. Sie bunkerte vorgebratene Frikadellen neben geräuchertem Schinken und Mettwürsten in ihrem Handarbeitskorb und in ihrer Wäscheschublade. Als wenn er die Schmierenkomödie nicht längst schon durchschaut hätte. Nach jeder Diät schien Hille noch dicker zu sein. Sie blieb fett, unansehlich und ein Miststück.

Dieses schlammfarbene, säuerlich und irgendwie auch moderig riechende Pulver, das sie sich seit einigen Tagen in ihre Getränke rührte, befand sich in einer knallbunten Blechdose mit der Aufschrift: Insectummultimost. Unter dem Deckel stand auf holprigem englisch der Hinweis, das Pulver auf keinen Fall mit Alkohol, Zucker und Fleisch einzunehmen. Big Warning! Much dangerous! Insectum not longer, if brain not possible stop!

Siegbert hatte Hille bereits am ersten Tag ihrer Diät erklärt, dass sie vermutlich pürrierte Kakerlakenmutationen in ihren Gin-Tonic rühren würde. Und sie ganz beiläufig gefragt, ob sie das Kauderwelsch unter dem Dosenverschluß überhaupt gelesen hätte. Ihr Problem! Natürlich nicht! „Pffft“, hatte Hille nur gesagt, dann, fast schon verräterisch geraunt: „Das Zeug ist ein absoluter Geheimtipp. Besser geht’s nicht!“ Aha!

Und nun tatsächlich das. Hille, splitterfasernackt und unverblümt begeistert von ihrem Spiegelbild, sagte: „Schon richtig gut.“ Siegbert äugte nochmals unter der Bettdecke hervor, nur zur Sicherheit. Hille ging zwar vermutlich davon aus, dass er nicht zu ihr hinsah, - Warum sollte er? Er konnte sie nicht leiden, sie konnte ihn nicht leiden, gut damit! - , aber wenn sie es mitbekäme, könnte sie ihn fragen, wieso, verdammt, er sie anstarren würde. Auf solch eine Frage hatte er keine Lust.

Hilles Haut, - normalerweise eher gelb, was bei ihr auf kein Krankheitssymptom hindeutete, sie war eben gelb - , schimmerte grünlich. Siegbert schob das auf's Licht. Der Schirm der neuen Schlafzimmerlampe war aus türkisfarbenem Stoff mit goldgrünen Streifen, da musste das herkommen. Die Farbe machte sie auch muskulöser. Ihre Oberarme, ihre Schenkel, selbst ihr Puddinghintern hätten bei DEM Licht von DER Lampe einer Kugelstoßerin gehören können. Siegbert wusste aber nun mal, dass sie seiner schwabbeligen, fetten Hille gehörten.

Nicht ganz so logisch erklärbar waren die langen, dunklen Haare auf ihren Schulterblättern, die wie Stacheln abstanden. Darauf hätte er sie jetzt doch gern aufmerksam gemacht, das wäre vermutlich auch eine rein menschliche Pflicht gewesen. Und diese schon bedenklich gruseligen Stachelhaare konnte sie selbst ja nun nicht sehen. Aber bevor Siegbert sich entscheiden konnte, Hille zu informieren oder vielleicht doch nicht, registrierte er, wie ihre Augäpfel hervortraten, während sie sich im Spiegel betrachtete. Fast so, als würden sie sich noch sehr viel weiter aus ihrer Höhle hervorstrecken wollen. Und beinahe so, als könnten sie das auch. Diese glupschenden, wässrigblauen Froschaugen in ihrem Gesicht waren erschreckend anders.

„Fast perfekt“, sagte Hille.

Siegbert blieb wahrlich nur zu spekulieren, ob Hille sich jetzt selbst verarschte oder ihn oder die Welt. Er sah einfach nicht mehr hin und stellte sich zum wiederholten Mal vor, irgendeine berühmte Horrorfigur hätte sich extra für ihn entblößt, um ihn fürchterlich zu amüsieren. Ihm fiel nur Agnes Moorhead ein. Also die Agnes, dachte er. Kennt ja kaum noch jemand, Wiegenlied für eine Leiche. Aber ich. Da steht sie. Hübsch gruselig. Die Moorhead in dick.

Hille warf sich ihren Morgenmantel über. „Erheb' dich endlich, du fauler Sack! Arbeit wartet.“

„Du meinst dein Sofa?“ Siegbert rappelte sich hoch und warf lustlos die Beine über den Bettrand. Alles ein Trauerspiel. Wie gehabt.

„Du kannst mich mal kreuzweise“, fauchte Hille. „Im Abstellraum hast du deine Arbeit.“ Sie rauschte ins Bad.

Siegbert sah sie erst in der Küche wieder. Hille saß mit gespreizten Beinen auf ihrem Stammstuhl neben dem mannshohen Kühlschrank, kratzte sich im Schritt und gähnte mit weit aufgerissenem Mund. Dann glotzte sie ihn mit ihren komischen Glupschaugen an.

„Du denkst an das, was ich gesagt habe?“

„Ich weiß gar nicht, was du da redest. Der Saubart von Schultz interessiert mich nicht.“

„Sollte er aber.“

Hille drehte den Kopf langsam Richtung Küchenfenster, starrte auf die rotblühende Topfpflanze auf der Fensterbank, beugte sich vor, stocherte mit den Fingern in der Erde herum und steckte sich etwas in den Mund, das wie eine dicke Olive mit Beinen aussah. Sie rülpste und kratzte sich nochmals.

„Was war denn nun mit dem Schultz?“

Hille gähnte erneut. „Guck' doch im Abstellraum nach.“

Hast du den Schultz da im Suff eingesperrt? Dann lass' ihn, wo er ist. Soll verdursten. Juckt mich nicht.“ Kopfschüttelndschlurfte Siegbert in seinen ausgetretenen, braunen Cordpantoffeln zur Kaffeemaschine. Love is in the morning. Das stand auf Hilles pinkfarbener Tasse. Übel konnte Siegbert bei solch einem Schmierengeschwätz werden.

Hille trank ihren Kaffee, seitdem Siegbert sie kannte, schwarz mit einem Teelöffel Zucker. Aber seit einigen Tagen zuckerte sie nach, bevor sie das Pulver einrührte. Und zwischendurch...

„Hab' dich.“ Sie rülpste schon wieder. Siegbert warf ihr über die Schulter hinweg einen Blick zu. „Schmeckt's, Renfield?“

„Halt' doch dein Lästermaul. Wer ist Renfield?“

„Der Irre bei Dracula. Der frisst auch Käfer.“

„Das war eine Fliege. Mit der bloßen Hand erwischt. Mach' mir das erstmal nach, Holzkopf.“

Siegbert ächzte hörbar nach Luft. Die Frau war ja völlig neben der Spur. Er überlegte sich, kräftig in ihren Kaffee zu spucken, bevor er ihn ihr brachte. Oder hinein zu rotzen. Der Gedanke gefiel ihm. Er könnte es jederzeit tun. Aber der Spaß hätte keine wirkliche Pointe. Sie würde es nicht merken.

Siegbert brachte Hille ihren Kaffee, setzte sich mit seinem Kräutertee zu ihr an den Küchentisch und griff nach dem Wochenblatt. Gleich würde Hille Also sagen. Zum ersten Mal hatte sie das vor ihrer Hochzeitsnacht gesagt. Da war Siegbert noch nicht bewusst gewesen, wie verdammt unspannend Hille alles hinter einem Also machte.

 

„Also“, sagte Hille und rührte ihr Pulver in die Kaffeetasse. „Na denn“, sagte Siegbert. Er blätterte, scheinbar völlig desinteressiert an dem, was ihrem Also folgen würde, in der Tageszeitung. Königpils im Angebot. Katze im Toilettentopf eingeklemmt. Vorgestern Einbruch in der Lenzstraße, das war in ihrem Viertel, praktisch nebenan. Sollte er ihr DAS erzählen? Nein.

Hille blickte ihn lauernd an. „Abstellraum. Jetzt aber.“

 

„Nur, damit du Bekloppte endlich Ruhe gibst!“, fauchte Siegbert, sprang vom Stuhl auf und fegte mit voller Absicht die Zeitung vom Küchentisch. Sollte sie bloß merken, dass er sauer war. Hille grinste nur. Gemächlich erhob sie sich ebenfalls, reckte sich mit hochgestreckten Armen und präsentierte Siegbert dabei Bizeps, von denen er nur wehmütig träumen konnte. Ihre Schultern wirkten breit wie die eines Preisboxers. Zumindest kam es Siegbert so vor. Unmöglich, dachte er, sie war immer ein Fettklops. Sie ist einer!

„Ich brauch' unbedingt eine neue Brille“, meinte Siegbert trocken, musterte sie aber argwöhnisch. „Wen interessiert das, Liebling?“ Sie kam näher. Ganz nahe. Ihr Kopf erschien ihm riesig, die Augäpfel waren monströse Eiterblasen, und aus ihren Mundwinkeln ragten spitze, kleine Knochen hervor. Hilles Lippen öffneten sich, und bevor Siegbert auch nur ahnen konnte, was sie vorhatte, schnellte ihre bizarr lange Zunge hervor und fuhr wie ein nasser Waschlappen über sein Gesicht. Dann biss sie ihn in die Nase und stieß ihn lachend derartig heftig von sich weg, dass Siegbert rückwärts taumelte und mit dem Hinterkopf gegen den Küchenschrank stieß. Sein Nacken! Seine Nase! Hille war ein Monster. Oder er war wahnsinnig geworden. Und sie hatte ihn Liebling! genannt.Das alles zusammen tat richtig weh.

Er starrte sie völlig entsetzt an. Die Knochen an ihrem Mund waren jetzt deutlich größer und hatten die Form von Hummerscheren. Hilles Augen schienen immer ballonähnlicher zu werden, ihre Wangen sahen aus wie aufgepumpt, und Moos wuchs in ihrem Gesicht. Oder waren das grüne Haare?

Siegbert fühlte sich völlig überfordert. „Ich spring' gleich aus dem Fenster“, kreischte er. „Wir wohnen ebenerdig,“ sagte sie seelenruhig und spuckte einen gelb-violetten Schleimbrocken aus, der direkt neben Siegberts Füßen landete und zischend ein Loch vom Durchmesser eines Bierdeckels in eine der marmorierten Küchenfliesen ätzte. „Na, sowas.“ Hille glotzte fasziniert auf den Boden. „Das hätte aber ins Auge gehen können, was, Liebling?!“

Schon wieder Liebling. Siegbert wich panisch vor ihr zurück. „Lass' mich! Fass' mich nicht an! Weg!“ Er befand sich leibhaftig in einem Psychohorroralbtraum. Schlimmer als der schlimmste Film, der ihn nötigen würde, sich ein Kissen vor das Gesicht zu pressen, um bloß nicht mit ansehen zu müssen, wie irgendwelche Aliens Augen und Gehirne ausschlürfen. Ein Zustand war das ...als wäre er direkt am Pulk des Geschehens in einem dieser Gespenstercomics, die er als Junge verschlungen hatte. Fiese Geschichten, die manchmal sogar gut endeten. Diese nicht! Er war nicht der Held, der Schlammkreaturen und monströsen Mutanten vom Erdboden fegte. Er war ein Opfer. IHR Opfer! Die schmerzende Nase war vermutlich der Beginn bevorstehender Höllenqualen. Seine Frau verwandelte sich und würde ihn töten. Wie sie wohl auch den Schultz getötet hatte. Mit ihren Scheren oder ihrer Spucke oder ihren Händen.

Ihre Hände! Das da an ihren Fingern waren keine Nägel mehr, da schlängelten sich zuckende Schnüre. Tentakel. Oder ähnlich Abartiges, das an menschlichen Fingern prinzipiell nichts verloren hatte. Aus ihrem Kehlkopf ragte ein Stachel hervor. Ein Stachel! Er schrie auf. Aber nur kurz. Dann kicherte er hysterisch los. Ich werde verrückt, ich bin schon verrückt! Yippie! „Hille“, japste er, „du wirst immer einmaliger. Willst du ins Marvel-Universum?“

„„Hachjeh auch, scht, du“, sagte Hille, „scht, du Charmeur.“

Sie schob ihn ungewohnt sanft beiseite, marschierte straffen Schrittes in die Diele und öffnete mit galantem Schwung die Tür zur Abstellkammer.

„Guck'!“

Sie strahlte ihn an. „Und?“ Ihre Froschaugen blitzten.

Siegbert schluckte irritiert. Dieser besondere Blick von ihr, dieses Funkeln. Irgendwie aufregend. Ihm wurde ganz warm uns Herz. Und in seiner Hose...dieses prickelnde Pochen.

Vergiss es, mahnte er sich, die Hölle ist HIER.

Und Siegbert guckte. Würgte. Atmete so tief durch, dass der Brustkorb schmerzte. Er hatte noch nie eine derart übel zugerichtete Leiche gesehen. Streng genommen kannte er solche Bilder nur aus Filmen, seine toten Eltern waren beide ganz normale Leichen gewesen, friedlich in ihren Särgen liegend, nett frisiert, glatt gepudert und körperlich unversehrt. Diese eine dort in der Abstellkammer war bereits zur Hälfte skelettiert, überall an den Knochen und der noch verbliebenen Haut hingen blutige Fetzen; der Kopf sah aus wie ein eingedrücktes Puppengesicht, dem die Luft entwichen war, die Augen fehlten, da waren nur dunkle, mit blutigen Tränen gefüllte Löcher. Es war ein grauenhafter Anblick. Aber Nachbar Schultz war das nicht. Der Tote in der Kammer war sehr groß, sehr schlank mit langen Beinen und rasiertem Schädel.

„Was...wer ist das?“

„Keine Ahnung, kenn' ich nicht. Aber da ist noch einer in der Ecke. Für später.“

Neben Schrubber und Besen in der linken Ecke befand sich ein wuchtiger grauer Müllsack. Oder doch kein Müllsack? Er war an etlichen Stellen rot durchtränkt, bewegte sich ruckartig hin und her und stöhnte furchtbar. Widerwillig sah Siegbert genauer hin. Das ganze Grau wirkte wie aus dickem Garn fest gesponnen. Wie eine überdimensional große Socke, die über etwas, - WAS? - , gestülpt worden war. Oder wie ein Spinnennetz, in dem jemand... bei lebendigem Leibe?!

„Bitte! Nein!“ Das kam aus der Ecke. Aus dem abartigen Grau. Eine männliche Stimme. Winselnd. So kläglich bettelnd. Siegbert fuhr ein Schauer über den Rücken.

„Jetzt aber Ruhe da hinten“, keifte Hille, schoss mit ihrem Oberkörper nach vorn und bohrte ihre lange, fette Zunge bis zum Anschlag hinein in das wimmernde Elend. Mit ihren Scheren legte sie hastig den Kopf frei und zerquetschte ihn wie eine überreife Melone. „So“, sagte sie, „kann man sich ja nicht anhören.“

„Hille! Was machst DU? Was MACHST du bloß?“

„Siehst du doch. Erledigt hab' ich sie. Das waren Einbrecher, Liebling. Die wollten uns beklauen. Hätten uns am Ende getötet. Da! Die waren sogar bewaffnet.“

Sie kickte mit dem Fuß die Pistole, die neben der völlig entstellten Leiche lag, direkt in den Wischeimer. „Treffer! Und der da in der Ecke hatte ein Messer. Hab' ich beiseite gelegt. Ist ein verdammt gutes Messer. Sollst du haben, Liebling.“ Sie lächelte. Ein Monsterlächeln. Trotzdem. Ihre Augen glühten förmlich, es schien, als würden kleine rote Sterne in ihnen blinken. Quatsch, dachte Siegbert. Aber merkwürdig schön.

„Wer mir Sorgen macht, ist der Schultz“, fuhr sie eifrig fort. „Der Kerl hat mir gestern am späten Abend an der Tür erzählt, bei den Kwiatkoskis an der Lenzstraße wäre eingebrochen worden. Und er hätte hier bei uns am Haus zwei Kerle herumschleichen sehen. Der wird nachhaken.“

„DAS macht dir Sorgen? Hille, weißt du, wie du aussiehst? Das muss an dem Zeug liegen. An diesem Insectum. Um Himmels Willen, WO hast du das her? Warum hast du nicht...?“

„Papperlapapp“, unterbrach sie ihn, „wo und warum und wie, frag' mich einfach nicht. Mir geht’s gut. Ich könnte Bäume ausreißen. Die Nachbarn fressen. Alles bestens.“

„Gottohgottohgott, ich weiß nicht, Hille...die beiden da...“

Siegbert traute sich kaum noch, einen Blick in die Abstellkammer zu werfen. Und wie sollte er die überhaupt entsorgen?

Hille verschränkte streng die Arme vor ihren schweren Brüsten. „Die beiden da wollten uns hinterhältig ausrauben, vergiss das mal nicht. Deine kostbare Modelleisenbahn hätten die dir auf jeden Fall geklaut. Wo du so dran hängst.“

„Ach was. Auf so einen Kram hatten die es nicht abgesehen.“ Sagte Siegbert in wegwerfendem Ton, fühlte sich aber insgeheim geschmeichelt. Hille hatte tatsächlich zuerst an ihn gedacht. Wie eine richtige Ehefrau. Er sah genüsslich auf ihre Brüste. Groß und rund wie Kürbisse. Bestimmt prall und fest. Alles an Hille war prall und fest und stark.

„Soll ich den Schultz nicht auch?“ Hille strich ihm mit ihren Tentakelfingern sachte über den Bauch. „Du hasst den Widerling doch. Wie der immer angibt mit seinem Auto und seinem Club und seiner Pottkuh von Frau. Ex-Schönheitskönigin! Ha!“

„Ach, Hille. Du und deine Ideen.“

Sie leckte sich über die Lippen und schmiegte sich an ihn. „Also, Liebling?“

In dieser Nacht hatten sie nach langer Zeit wieder Sex miteinander. Es funktionierte, man ging sehr vorsichtig miteinander um. Geküsst wurde nicht, Siegbert entschied, Hilles Kopfpartie komplett zu meiden, das war ihm zu gefährlich. Sie sagten sich gegenseitig hübsche Worte und beschränkten sich auf das Wesentliche. Siegbert streichelte Hille, aber ihre Finger sollte sie, bitte, möglichst von ihm lassen. Die Tentakel waren ihm nicht geheuer. Ansonsten war es schön, so, wie es war. Siegbert spürte die Frau, in der er versinken konnte, ohne an liederliche Insekten zu denken. Er stellte sich etwas Süßes, Sanftes auf heißem Sand vor, Sonne, Meer, er in seinem Traum, und er weinte ein bisschen vor Glück. Sie war seine Amazone. Er liebte sie. Endlich wieder.

Am frühen Morgen tötete Hille ihn versehentlich mit ihrem Stachel. Sie steckte ihn ungestüm in seine Halsbeuge, die Lust, ihn entgegen ihrer Abmachung innigst zu berühren, war über sie gekommen. Siegbert litt nicht lange, sie saugte ihn durch das klaffende Loch in seinem Hals aus, da war er still. Gestorben wäre er eh', Grundsätzlich war es ein guter Tod. Hille war zutiefst betrübt und heulte einige Stunden, dann packte sie der Hunger.

Drei Tage nach Siegberts plötzlichem Ableben überfuhr Nachbar Schultz in der Abenddämmerung einen riesigen Käfer mit menschlichem Kopf und prallen Brüsten, der sich in der Einfahrt zu seiner Garage die frisch gewachsenen Flügel putzte. Diese merkwürdige Geschichte erzählte er später gern und immer wieder in seinem Club. Das ganze Ausmaß der Merkwürdigkeit war Schultz natürlich nicht bekannt. Trotzdem blieb seine Geschichte für eine gewisse Zeit die merkwürdigste. Bis eine andere kam.

erschienen in: Zwielicht 18, Hrsg. Michael Schmidt & Achim Hildebrand, März 2023


Das samtrote Sofa

© Karin Reddemann

Ich las die seltsame Geschichte einer jungen Frau, die völlig verwirrt an einem launigen Aprilabend im Jahr 1912 auf einem samtroten Sofa saß. Eigentümlich gekleidet war sie, wie es hieß, geradezu aufreizend in diesem engen Rock, der soeben noch die Knie bedeckte, diesem frechen kleinen Hut, dieser knappen weißen Bluse, unter der sich ihre wohlgeformten Brüste abzeichneten. Das Sofa stand in einem Schaufenster gleich neben der Werkstatt des Berliner Polsterers Paul Beckstein. Der Mann staunte nicht schlecht, als er die ungewöhnliche Fremde entdeckte, die dort einfach nur saß und wie hypnotisiert mit weit aufgerissenen Augen starrte, ohne sich erinnern zu können, wer sie war. Einzig das Sofa schien ihr vertraut zu sein. Sie sagte, sie hätte schon einmal auf ihm gesessen. Aber ansonsten hätte sie alles vergessen.

Einundvierzigig Jahre später, am dreizehnten April 1953, verschwand aus dem Büro des Berliner Filmregisseurs Harry Kreissle die Schauspielerin Hanna Kuklinski, eine blondierte Mitzwanzigerin mit schmaler Taille und Bardot-Lippen, auffällig hübsch, frisch verlobt und von Kreissle eingeladen, um für eine Rolle vorzusprechen. Komödiantisches Fach. Hanna Kuklinski stöckelte auf ihren blauen neuen Pumps hinein, die Handtasche, das kecke Hütchen farblich abgestimmt, und kam nie wieder hinaus.

»Sie saß doch eben noch da, sie saß genau da auf dem Sofa, und dann war sie weg, einfach weg«, soll Harry Kreissle gebrüllt haben, als er in Handschellen abgeführt wurde. Natürlich dachten alle, er hätte sie umgebracht. Eine Leiche fand man freilich nicht. Stattdessen meldete sich eine ältere Dame bei der Polizei, die sich als die Witwe Gertrud Beckstein

auswies, aber behauptete, ihr richtiger Name sei Hanna Kublinski. Sie hätte in den Nachrichten von dem angeblichen Mordfall gehört, und augenscheinlich, nach dieser unvorstellbar langen Zeit, sei ihr alles wieder eingefallen. Wo sie geboren, aufgewachsen war, wie ihre Eltern hießen, dass sie mit dem Architekturstudenten Rudolf Kasparek verlobt war, dass sie Theater spielte und vom Film träumte. Wie sie auf dem samtroten Sofa im Büro des Regisseurs Harry Kreissle Platz nahm, der jetzt im Verdacht stand, sie ermordet zu haben. Wie sie dann plötzlich auf exakt diesem Sofa im Schaufenster des Polsterers Beckstein saß. Der die sonderliche Schöne, zukünftig Getrud genannt, die sich noch eine gute Weile sortieren musste, um sich zurechtzufinden, drei Jahre später ehelichte. Im Mai 1915.

Ein Jahrhundert verging. Und ich las die ganze erstaunliche Geschichte und dachte zum ersten Mal nach dieser so phantastisch befreienden Phase des Verdrängens wieder an Matti Pittlalski. Eine Ewigkeit ist das her.

Es war kurz nach diesem wirklich heißen Sommer 1977, in dem Heide Pettlalski verschwunden war und jemand am frühen Sonntagmorgen Feuer am Schuppen neben dem Zwinger gelegt hatte. Wohl aus Unachtsamkeit, neben dem Sack mit den Gartenabfällen lagen Zigarettenstummel und angekohlte Streichhölzer. Mein Großvater schäumte vor Wut, vor allem wegen Artos, der freilich nichts abbekommen hatte. Vielleicht auch gar nichts mitgekriegt. Er war alt und immer müde. Mein Großvater verbrannte sich die Finger, als er den Hund herausholte und das Feuer löschte, er fluchte fürchterlich und meinte, jetzt seien seine Hände endgültig hinüber.

»Guck sie dir an, Mädchen,« sagte er. »Kaputt gekriegt hat sie der sibirische Winter nicht, nur zwei lausige Zehen sind mir abgefroren. Die verdammte Gicht hat sie auch nicht geschafft, waren immer noch tauglich. Aber der Scheißer von gegenüber, der hat’s hinbekommen. Fackelt mir fast das Haus ab mit seiner Qualmerei. Und wenn mein Artos …«

Er sah zur Türschwelle, dort lag der Hund, zusammengerollt wie eine riesige träge Katze, den großen Kopf auf den grauen Pfoten, die Augen erwartungsvoll auf seinen leeren Napf neben dem Blumenkübel gerichtet. Mein Großvater schnalzte mit der Zunge.

»Gleich gibt’s Fressen, Alter. Und dann geh ich rüber zu den Pettlalskis und knöpf mir den kleinen Penner vor.«

Er saß in seiner verbeulten braunen Cordhose auf dem guten Sessel mit der Gobelinstickerei, und normalerweise hätte meine Mutter ihn da rausgejagt, aber sie seufzte nur und tunkte einen Lappen in einen Eimer mit Essigwasser, um seine Hände damit abzureiben. Ise Worms, die Nachbarin, recht jung schon verwitwet und kinderlos, die herüber gekommen war, um zu gucken und die pausenlos »Jesses Maria, große Güte auch« sagte, schüttelte den Kopf.

»Rohe Kartoffeln sind besser, Gitte. Oder Zwiebeln.«

Meine Mutter sah sie mit ihrem Wer-hat-dich-gefragt?-Blick an, von dem die Leute behaupten, ich hätte ihn auch, und sagte »Ach ja?«. Mehr nicht.

Ise Worms zuckte mit den Schultern, verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte gekränkt. »Ich mein ja nur. Wegen der Brandblasen. Aber Essig tut’s wohl auch.«

Sie hatte einen mächtigen, wogenden Busen, und ich war zwölf und schmächtig und stellte mir vor, dass mir so einer über Nacht wachsen könnte. Ich fand ihn grauenvoll.

Mein Großvater verlangte einen Kurzen. »Im Film hat der Arzt immer Schnaps dabei!«, dann lachte er grölend, zwinkerte mir zu und stöhnte im gleichen Moment heiser auf. »Das brennt höllisch, Gitte. Ich brauch was zum Runterspülen, bevor ich mir den Saukerl vornehme. Ich sag’s, ich schlag den windelweich.«

Meine Mutter wrang den Lappen aus und blickte Ise Worms stirnrunzelnd an, die eilfertig und ungebeten bereits die Flasche Korn geöffnet und drei Pinnchen neben den Marmorascher mit der angerauchten Zigarre platziert hatte: »Wir aber auch, Gitte. Auf den Schreck. Sowas aber auch.«

»Jaja, auf den Schreck«, murmelte meine Mutter und sah meinen Großvater streng an. »Erzähl keinen Unsinn, Papa, wir wissen doch noch gar nicht, wer das getan hat. Pettlaskis Ältester mag ein frecher Bursche sein, aber so verantwortungslos ist der nicht. Dass der da heimlich raucht und dabei den Schuppen anzündet und einfach wegläuft, glaube ich nicht. Und dabei noch den Hund in Gefahr zu bringen … nein, ich glaub das einfach nicht. Zudem machen die Jungs ja momentan auch Schweres durch.«

»Na, ich bin da aber anderer Meinung«, zischte Ise Worms und setzte sich schwer atmend auf die Eckbank. Sie griff in ihre Kitteltasche, zog ein Taschentuch heraus und fuhr damit in den tiefen Spalt zwischen ihren Brüsten. Während sie damit beschäftigt war, sich den Schweiß, der in ihrem Ausschnitt glänzte, abzuwischen, keifte sie: »Ich hab’ sowas gespürt. Ach was, gewusst hab’ ich das. Dieser Pettlalski und seine beiden Söhne sind ein ganz und gar missratenes Pack. Wundert mich nicht, dass die Frau davongelaufen ist.«

Ich stand direkt neben ihr, starrte geradezu fasziniert in ihr üppiges Dekolletee und vergaß für einen winzigen Moment, wie fürchterlich ich das fand, da meinte sie: »Überhaupt, oh Gott …«, griff nach meinem Arm und zog mich mit einem tiefen Seufzer zu sich herunter an ihren großen Busen. »… wir hätten alle verbrennen können. Wir. Der Hund. Du, du armes Kind.«

Genau in diesem Moment, – ich hing dort in ihrem gewaltigen Schoß, machte mich ganz steif und fühlte mich dabei schuldig, weil ich Ise Worms nicht leiden konnte, obwohl sie immer recht nett zu mir war – , klingelte die Polizei, um sich die ganze Geschichte anzuhören. Ise Worms schüttelte heftig mit dem Kopf, während mein Großvater polternd schimpfte und drohte, »Wenn ich den Mistsack zwischen die Finger kriege …«, drückte mich noch fester an sich und wiederholte laut: »Wir hätten alle verbrennen können. Auch das unschuldige Kind.« Weil die Beamten sie nichts Direktes fragten, nickte sie unablässig und rief dreimal ihr »Jesses Maria, große Güte« in die Runde, als hätte man sie um ihr persönliches Amen gebeten. Und während sie rief, hielt sie mich mit ihrer unverstandenen Liebe umklammert, als wäre ich ihr eigenes Kind. Sie war mir entsetzlich lästig.

Drei Tage später tat sie etwas, was sie besser nicht hätte machen sollen. Sie musste auch nicht. Das tröstet mich ein wenig, heute noch. Hätte ich nichts gesagt … aber ich habe. Irgendwie war es notwendig. Ich war zwölf und aufgeregt. Ich wollte es unbedingt sehen.

Am späten Nachmittag nach dem Brand im Schuppen wartete der kleine Pettlalski am Gartentor auf mich. Wir wollten zum Parkplatz hinter Müllers Holzhandel, wo wir uns am Wochenende, wenn dort alles leer stand, mit den anderen Kindern zum Rollschuhlaufen trafen. Matti war ein Jahr jünger als ich und einen halben Kopf kleiner. »Ein viel zu dünnes Kerlchen«, wie meine Mutter meinte, die mich in den zwei Wochen nach Heide Pellalskis Verschwinden öfter mal mit Eintopf, Frikadellen oder einem Kastenkuchen rüber zu den Pettlaskis geschickt hatte. »Die müssen ja was essen. Wenigstens das.«

Mein Vater sagte zu ihr, sie solle sich mal nicht den Kopf anderer Leute machen, die kämen schon zurecht, das hätte ja auch alles seine Gründe und es wäre immer klüger, sich da gar nicht erst einzumischen. Aber da antwortete meine Mutter, das ginge ihn einen feuchten Kehricht an, das wüsste sie wohl besser, was in solchen Situationen zu tun sei. Ich fand das ganz in Ordnung von ihr, immerhin hatte meine Mutter mit Heide Pettlalski auch immer mal am Zaun oder vor dem Haus gestanden und sich unterhalten. Meine Mutter fand, dass Heide Pettlalski »stets wie frisch aus dem Hippie-Katalog« aussah, und irgendwie war sie, glaube ich, darauf auch ein wenig neidisch.

Alle machten sich damals ihre eigenen Gedanken, warum Heide Pettlalski wohl bei Nacht und Nebel ihre Familie verlassen hatte. Irgendeine Erklärung gab es nicht, Urs Pettlalski selbst schien völlig ratlos zu sein, antwortete monoton »Ich weiß es nicht«, und hüllte sich ansonsten in Schweigen. Die Zeitungen berichteten darüber, die Leute tuschelten. Ise Worms behauptete, es könnte durchaus sein, dass der Urs Pettlalski seine Frau einfach umgebracht und die Leiche im verwilderten Garten hinter dem Haus vergraben habe. Das sollte wohl nicht für meine Ohren bestimmt sein, aber ich stand an der Spüle und trocknete Geschirr ab, derweil meine Mutter und Ise Worms am Küchentisch Hering einlegten, also bekam ich es auch mit und überlegte, wie er sie wohl getötet haben könnte. Vielleicht mit einem langen Messer oder Beil, und ob sie wohl laut geschrien hatte. Und niemand hörte sie, wie sie da starb. Ich sagte aber nichts.

Ise Worms sah mich kurz misstrauisch an, beugte sich vor und flüsterte meiner Mutter etwas zu.

Die erwiderte nur: »Na, ich weiß nicht, Ise, was du da so denkst. Das wird anders gewesen sein.« Sicher war sie sich aber wohl auch nicht, weil sie immer, wenn ich den Pettlalskis was von ihr bringen sollte, meinte: »Und wenn du was hörst oder siehst, Anna, was dir merkwürdig vorkommt, dann musst du mir das unbedingt sagen.«

Als Matti dort am Tor stand in seinen grünen Shorts und dem gestreiften Shirt mit dem Ranger-Aufdruck, das er meistens zum Rollschuhlaufen trug, verspürte ich ein schlechtes Gewissen. Immerhin hatten wir, wenn auch nicht ich direkt, seinen großen Bruder verdächtigt, im Schuppen Feuer gelegt zu haben, und mein Großvater wollte ihn dafür verprügeln. Ich wusste nicht, ob das alles so richtig war, zögerte einen Moment, sah zu ihm hin, holte tief Luft und winkte ihm zu.

»So, dann wollen wir mal.« Als wäre da sonst nichts, was irgendwie hätte wichtig sein können. Matti winkte nicht zurück. Er wirkte völlig ernst, wie er sich da so über den Zaun lehnte und mir entgegenblickte ohne das geringste Anzeichen eines Lächelns im Gesicht, wie ich es ansonsten von ihm kannte. Matti schwieg, bis ich das Tor geöffnet und hinter mir wieder geschlossen hatte, dann sagte er: »Damit das klar ist, das mit dem Feuer, das war der Michael nicht.«

Ich schluckte. »Nein?« Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er das so rasch zur Sprache bringen würde.

»Nein.«

Er zog eine Rolle Drops aus der Hosentasche und nahm sich einen. Mir bot er keinen an. Wir sprachen beide kein Wort, bis wir den schmalen Trampelpfad erreichten, den wir immer als Abkürzung zum Parkplatz nahmen, dann blieb er stehen.

»Mein Bruder war das nicht. Ganz bestimmt nicht.«

»Und woher weißt du das so genau?« Ich fragte einfach nur so, um überhaupt irgendetwas zu sagen. Tatsächlich glaubte ich ihm sofort. Matti war kein Lügner. Und er hätte Michael nicht gedeckt, wenn er es getan hätte. Allein wegen Artos. Matti liebte ihn. Wenn sein Bruder …

»Mein Bruder würde sowas nicht machen. Da war ja auch euer Hund. Da macht man das schon gar nicht.«

»Da lagen Zigarettenkippen im Schuppen«, meinte ich eifrig, irgendwie erleichtert, dass das Schlimmste überstanden zu sein schien. »Da hat jemand geraucht und was angesteckt.«

»Bestimmt nicht extra.«

»Trotzdem.«

»Meine Mutter raucht.«

»Meine auch.«

Er zuckte mit den Schultern, blickte mich trotzig an, dann grinste er. »Von mir aus. Dann war’s vielleicht deine Mutter.«

Ich kicherte: »Glaubst du doch selbst nicht«. Oder deine, dachte ich, aber die ist ja tot und im Garten vergraben. Das dachte ich, weil Ise Worms es dachte und meine Mutter vermutlich auch. Aber wir irrten uns alle.

Matti blinzelte mich an, ich kicherte immer noch und kam mir etwas albern vor. Dann sah ich seinen Blick, seine Augen schimmerten ganz feucht, und ich hatte richtig Angst, dass er losheult, obwohl ich ja gar nichts über seine tote Mutter gesagt hatte. Ich drückte seine Hand.

»Was ist los?«

»Du glaubst bestimmt, dass ich spinne, wenn ich dir jetzt was erzähle. Was ich gesehen hab.«

Ich streckte beide Hände aus und legte meine Finger über Kreuz, weil er das auch immer machte und ich wusste, dass dann alles für ihn in Ordnung wäre, trat ganz nahe an ihn heran und flüsterte, als würde irgendjemand, irgendwas uns belauschen können.

»Ganz sicher nicht. Was hast du denn gesehen?«

»Wenn du lachst … also … ich weiß genau, dass sie sich da hingesetzt hat. Auf dieses Sofa. Mein Vater kniete auf dem Teppich vor dem Fernseher, da flimmerte was, und sie saß da auf dem neuen Sofa, das eigentlich gar nicht neu ist, weil wir es bei Möbel-Trödel Kunze gekauft haben. Ich hab noch hingeguckt, ich wollte sie was fragen, und dann war sie weg. Komplett weg. Ich schwöre, so war das. Sie war einfach weg. Und dann guckte auch mein Vater und fragte mich, wo die Mama ist, ob die rausgegangen ist, und ich hab gesagt, nein, ich weiß auch nicht, die Mama ist … und dann sind wir suchen gegangen, obwohl ich ja gesehen hab, wie sie einfach so plötzlich weg war, und irgendwann hat mein Vater den Michael und mich angeschrien und die Türen geknallt, und wir …«

Er sah mich unsicher an, seine Nase tropfte, er wischte sich mit dem Handrücken darüber, schniefte. »Du glaubst das nicht.«

Ich überlegte. Ich war zwölf und wollte, dass das Leben spannend ist. Gewisse Sachen konnte ich mir durchaus vorstellen, die gar nicht sein sollten, warum kein Sofa, das Leute in Luft auflöst. Oder frisst. Trotzdem sagte ich: »Niemand kann einfach so weg sein. Irgendwo muss deine Mutter ja sein. Vielleicht ist sie durchsichtig geworden. Sowas gibt es.«

Matti schwieg. Er zog die Rolle Drops wieder hervor, stand da und bohrte mit seiner Turnschuhspitze ein Loch in den Boden. Dieses Mal hielt er mir sie auch hin, ich nahm einen, steckte ihn mir in den Mund, lutschte, schob ihn mit der Zunge hin und her und war froh, etwas zu tun zu haben.

Er starrte zum Himmel, da oben sah alles ganz großartig aus, ich blickte auch hoch und wir beide seufzten, als wären wir Hundertjährige auf dem Weg zum Schafott, die ein letztes Mal die Sonne sehen. Schließlich meinte er leise, ohne mich anzublicken, aber ich merkte sehr wohl, dass er mit sich kämpfte, nicht loszuheulen: »Da ist noch was. Heute Mittag war eine hässliche alte Frau in unserem Haus. Die hat dem Papa sowas Komisches gesagt … dass sie uns alle gar nicht mehr kannte, bis sie das in der Zeitung gelesen hat von Mama. Und dass ihr alles wieder einfiel und sie uns beobachtet hat, heimlich, von eurem Schuppen aus, weil sie Angst hatte. Irgendwie so. Und dass es ihr leid tut, weil sie das Streichholz weggeworfen hat und dass es gebrannt hat und sie einfach weggelaufen ist. Und dass sie froh ist, dass dem Hund nichts passiert ist. Und dass … dass sie unsere Mama ist.«

»Eure Mama? Wie jetzt? Eure Mama? Die alte Frau?«

Er nickte, über seine Wangen kullerten dicke Tränen. Und dann drehte er sich um, schrie: »Das ist aber nicht wahr! Das ist überhaupt nicht wahr!«, und rannte weg. Ich sah ihm hinterher. Sein T-Shirt hatte auf dem Rücken den gleichen Ranger-Aufdruck wie vorn. Er sah so klein aus, wie er da rannte. Ich schluckte. Ich mochte Matti. Rollschuhlaufen wollte ich auch nicht mehr.

Die seltsame Geschichte der jungen Frau, die völlig verwirrt an einem launigen Aprilabend im Jahr 1912 auf einem samtroten Sofa saß, steht nicht allein. Man mag durchaus sagen, ihre Fortsetzung könnte die mögliche Bestätigung des Unmöglichen sein, das in jeder Ecke lauert. Man mag auch sagen, sie sei ein wirres Märchen ohne erkennbare Konsequenz. Weil das samtrote Sofa sein Geheimnis hütet. Sei es mal so.

Nachdem man Harry Kreissle Anfang Mai 1953 wieder auf freien Fuß gesetzt hatte, – keine Leiche, nur Ratlosigkeit, einzig diese Gertrud Beckstein, die behauptete, die vermisste Schauspielerin Hanna Kublinski zu sein, um Jahre gealtert – , wurde das ominöse rote Sofa in die Asservatenkammer gebracht, wo man gedachte, es erst einmal stehen zu lassen als Beweisstück für eine Straftat, die so nicht stattgefunden hatte. Skeptisch beäugt und unberührt stand es dort fünf Nächte, bis am frühen Morgen des sechsten Tages der Polizeibeamte Erich Marquardt auf dem Sofa eine Frau in den Enddreißigern vorfand, deren eigenartiges Aussehen ihn beinahe mehr überraschte als die Tatsache, dass dort niemand hätte eindringen und sich hinsetzen dürfen. Die Einbrecherin trug eine Art Cowboyhose mit Stickerei, eine gebatikte Weste und ein grellbuntes Tuch im langen, blauschwarz gefärbten Haar, war auffällig geschminkt und ausgesprochen attraktiv, aber zweifellos zu alt für diese Phantasiekostümierung, wie Marquardt befand. Zudem war sie völlig desorientiert und konnte keine Angaben zu ihrer Person machen. Sie wusste auch nicht, wie sie in die Asservatenkammer geraten war. Nur an das Sofa erinnerte sie sich. Auf dem hätte sie schon einmal gesessen.

Nun wollte man sich vermutlich nicht innerhalb kürzester Zeit mit gleich zwei derartig unglaublichen Vorfällen gleichen mysteriösen Schlages beschäftigen, das schien zuviel des Absonderlichen zu sein. Also bestimmte man, die Frau sei eine psychisch Gestörte, die von Hanna Kublinskis Geschichte erfahren hatte und sich nun einbildete, das sei ihr auch widerfahren. Sie wurde in einer Anstalt untergebracht, in der sich ihre Spur verliert.

Ich habe ein Bild von ihr gesehen. Eine scheu lächelnde Frau mit großen blauen Kinderaugen, das lange Haar hochgesteckt, ein zartes bleiches Gesicht, die Hände brav im Schoss gefaltet, das schlichte Kleid krankenhausweiß. Das Bild, das auf den sechsten Mai 1953 datiert ist, zeigt Heide Pettlalski, wie ich sie in Erinnerung habe. Eine neununddreißigjährige, hübsche Frau, die 1977 verschwand. Und die ich jetzt, nach vierzig Jahren, auf einem alten Foto wiederfand.

Zwei Tage sah und hörte ich nichts von Matti. Mein Großvater konnte sich wegen des Feuers im Schuppen einfach nicht beruhigen, und weil ich nicht wollte, dass er sich weiterhin so fürchterlich aufregt, und weil ich auch zudem gekränkt war, dass Matti sich nicht blicken ließ und mir mehr von der ganzen Sache mit dieser Frau erzählte, sagte ich, was ich wusste. Dass da nach dem Brand eine Fremde bei den Pettlalskis gewesen war, und dass die zugegeben hätte, am Schuppen geraucht und ihn wohl versehentlich angezündet zu haben. Ich verspürte nicht das Gefühl, Matti jetzt irgendwie verraten zu haben, weil damit schließlich auch sein Bruder aus der Schusslinie meines Großvaters kam. Der war immer noch davon überzeugt, dass Michael das Feuer gelegt hatte, obwohl die Polizei auch mit ihm gesprochen und meinem Großvater gesagt hatte, der junge Pettlalski sei das relativ sicher nicht gewesen.

Mein Großvater blickte mich mit zusammengekniffenen Augen ganz merkwürdig an, und ich wurde etwas nervös, weil ich befürchtete, dass er mir nicht so recht glauben würde.

»Stimmt das?«

Ich nickte. Er legte seine angerauchte Zigarre im Ascher ab und sagte erstaunlich gefasst: »Das erzählst du mir jetzt tatsächlich nicht, um deine Freunde da drüben zu decken? Nein? Nein. Gut. Dann gehen wir jetzt rüber zu Pettlalskis und sprechen mit der feinen Dame mal ein Wörtchen.«

Ich sah ihn groß an. »Wie? Wir? Ich soll da mit?« Das passte mir nicht so ganz. Ich dachte an Matti und daran, dass er das alles nicht in Ordnung finden könnte, überhaupt, dass ich etwas gesagt hatte. Aber dann fiel mir ein, wie er mich einfach hatte stehen lassen. Und außerdem wollte ich die hässliche alte Frau sehen.

Mein Großvater ging voran , das kleine Stück über die Straße, die paar Schritte bis zum Haus, und ich schlenderte wie unbeteiligt einen Meter hinter ihm her und überlegte fieberhaft, was ich Matti sagen sollte. Ich stellte mir das Sofa vor, ich dachte, wenn Matti und ich uns einfach draufsetzen würden, einfach hinsetzen und warten. Und dann hörte ich meinen Großvater ziemlich laut und aufgebracht rufen.

»Fahren Sie weg? Moment mal! So geht das nicht!«

Der beige Ford von Pettlalskis parkte auf dem Gehweg unter der Kastanie, in die wir Kinder im Sommer unsere Initialen geritzt hatten. Matti und Michael saßen bereits auf der Rückbank, Urs Pettlalski stand an der Beifahrertür, neben ihm eine Frau, kurzgeschnittenes graues Haar, heller Mantel, eine große geblümte Tasche um die Schulter gehangen. Sie blickte mich an. Sie trug eine Brille mit dunkelbraunen Horngestell. Ihre Lippen waren leicht rosa geschminkt. Sie lächelte. Sie sagte: »Ich glaube … Anna?«

Urs Pettlalski sah mich ebenfalls an, kurz nur, traurig irgendwie, und ich senkte verlegen den Blick.

»Steig jetzt ein, wir müssen los,« sagte er zu der Frau, die ich nicht hässlich fand. Sie war eben alt. Über sechzig. Keine hundert waren das. Aber alt. Ich war zwölf. Matti elf. Für ihn war sie uralt. Und kompromisslos hässlich. Weil sie behauptete, seine schöne Mutter mit den langen Haaren und der Cowboyhose zu sein.

»Was heißt hier, wir müssen los? Zuerst einmal wird hier was geklärt. Mein Schuppen hat gebrannt, mein Hund wär fast krepiert, und Ihre Bekannte da …«, brüllte mein Großvater, und ich hätte ihm gern gesagt, dass er leiser sein soll, weil ich plötzlich Mitleid hatte mit allen und gar nicht wusste, warum eigentlich. Immerhin hätte Artos tatsächlich sterben können, und Mattis Vater hatte seine Frau ermordet. Aber das stimmte ja irgendwie auch nicht.

Urs Pettlalski zuckte mit den Schultern, sagte nur »Jetzt bitte nicht,« und ließ meinen Großvater einfach so stehen und wütend sein. Er setzte sich wortlos ins Auto, startete den Motor, kurbelte dann doch noch die Fensterscheibe herunter und meinte, er sei in zwei Tagen zurück, dann könne man in Ruhe darüber sprechen.

»Was soll der Scheiß? Und was soll das verdammte Sofa in Ihrem Vorgarten?«, schrie mein Großvater, der gar nicht daran dachte, irgendetwas ruhig zu sehen.

»Das wird entsorgt. Ich kümmere mich darum«, antwortete Mattis Vater, nickte kurz und fuhr davon.

Mein Großvater stemmte erbost die Fäuste in die Hüften, knurrte: »Unverschämtheit, da sollte man …« Dann drehte sich um und beachtete mich gar nicht mehr. Ich stand immer noch dort auf dem Bürgersteig und starrte fasziniert auf diese rote Couch, die Pettlalski unter die meterhohe Zypresse neben der Eingangstür gestellt hatte. Das war sie also. Auf dem Ding hatte Mattis Mutter gesessen. Und jetzt sollte es auf den Sperrmüll. Ich fand das prinzipiell vernünftig, nach allem, was da angeblich passiert war, so genau wusste ich es ja nun nicht, aber vernünftig erschien es mir, dass sie es loswerden wollten. Andererseits war ich zwölf und fand das Sofa ungeheuer spannend. Wenn ich jetzt, nur ganz kurz vielleicht … im Leben hätte ich das nicht getan.

»Gehört das da Pettlalskis?«

Ich zuckte leicht zusammen, Ise Worms hatte sich mir von hinten genähert und blies mir ihren Atem in den Nacken. Es war sehr warm gegen Mittag geworden, und ihr Gesicht glänzte von der Hitze. Sie wischte sich mit ihrem Taschentuch Schweiß von der Stirn, während sie auf das rote Sofa deutete.

»Warum steht das draußen? Wollen die das wegschmeißen?«

Ich sagte: »Bestimmt nicht. Warum ich sie in diesem Moment anlog, kann ich auch heute noch nur erahnen. Ich denke, ich lauerte auf irgendwas, das mir eine Geschichte erzählen sollte. Ich wünschte mir eine seltsame Sache. Für mich allein.

»Sieht alt aus«, sagte Ise Worms. »Und dieses Rot. Wunderschön.«

Sie trat näher an das Sofa heran.

»Handarbeit, eindeutig.«

Sie bückte sich und presste dabei ihren Arm gegen ihre schweren Brüste, betrachtete die Ranken auf den geschwungenen Füßen, nickte, kam schnaufend wieder hoch.

»Und warum steht das hier?«, wiederholte sie und sah mich fragend an.

»Herr Pettlalski wollte es meinem Großvater schenken. Der kann’s aber nicht gebrauchen.«

Das sagte ich tatsächlich. Ich sagte es ganz kühl, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich glaube, ich blickte sogar irgendwie frech zurück, weil ich mich bei meiner zweiten Lüge wirklich böse fühlte und eigenartig trotzig dachte, das sei in Ordnung so.

»Schenken? Warum das denn?« Sie befingerte den Bezug, murmelte: »Richtig schön.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Er will es halt nicht mehr. Nehmen Sie’s doch, wenn Sie es so schön finden.«

Sie sah mich leicht irritiert an: »Ich? Ich bitte Dich, Kind. Ich kann doch nicht einfach …«

»Natürlich geht das«, sagte ich hastig. »Wenn Herr Pettlalski wieder zuhause ist, sagen Sie ihm, Sie würden es nehmen. Der freut sich.«

Sie strich noch einmal mit den Fingern über den Stoff, klopfte auf die Sitzfläche, drehte sich um und … ließ sich hineinfallen. Einfach so, ohne dass ich etwas hätte ändern können. Anders kann ich das nicht beschreiben, es sah aus, als hätte jemand ihr einen Schubs versetzt und sie wäre rückwärts gestürzt und gottlob auf etwas Weichem gelandet. Vielleicht ist es auch anders gewesen. Vielleicht hat sie dort zuerst etwas skeptisch gestanden, und ich hätte ihr noch sagen können, sie solle sich besser nicht dahin setzen. Weil etwas Schlimmes passieren könnte, weil es sein könnte, dass das Sofa sie wegmacht. Ich will mich nicht wirklich erinnern.

Ise Worms hing in ihrem gestreiften Baumwollkleid in dem samtroten Polster, machte »Uiuiui«, lehnte sich bequem zurück und strahlte mich an.

»Gut«, sagte sie. Das war das Letzte, das ich von ihr gehört habe. Ich sah sie da sitzen, um die kurzen Locken ein Tuch geschlungen, passend zu ihrem Kleid mit diesem ewig tiefen Ausschnitt, in dem sich wieder Tropfen angesammelt hatten, die Beine leicht gespreizt, dicke Füße in gelben Sandalen, die Farbe von Süßkirschen auf den Zehennägeln. Ich sah sie da sitzen und dann nicht mehr. Dort unter der Zypresse stand das samtrote Sofa. Mehr war da nicht.

Tatsächlich war ich mehr enttäuscht denn furchtbar erschrocken. Ich hatte mit Nebelschwaden oder Geisterhänden, vielleicht auch mit unheimlichen Geräuschen oder zumindest einem entsetzlichen Schrei gerechnet, der Ise Worms aus tiefster Kehle gekommen wäre, würde sie hineingezogen in … ja, in was? Ein scharfes Bild hatte ich dabei nicht vor Augen, mir war innerlich eiskalt, ich hatte große Angst. Aber ich hätte gern etwas Einmaliges, Unvergessliches gesehen. Stattdessen war Ise Worms von einer banalen Sekunde auf die nächste schlichtweg nicht mehr vorhanden.

Gesprochen habe ich nie über das, was in Pettlalskis Vorgarten mit Ise Worms geschehen ist, weder mit meinen Eltern noch mit meinem Großvater noch mit Matti. Als der nach zwei Tagen wieder zurück war und mich vergeblich am Gartentor auf ihn warten ließ, wusste ich, dass etwas mit uns nicht mehr stimmte. Erst eine Woche später, – das rote Sofa war mittlerweile in einem blauen Bulli von Ulf Pettlalski Bruder abtransportiert worden, begegneten wir uns auf dem wild zugewachsenen Hof hinter Kehlmanns Näherei, wo wir Kinder uns nur mal so zum Abhängen trafen, und da sagte er nur, dass er gehört habe, die Worms sei verschwunden und dass sie wegziehen würden. Mehr sagte er nicht, obwohl er jede Menge hätte sagen können, über das Sofa und seine Mutter und diese andere Frau, aber er guckte mich nur irgendwie gelangweilt, kann sein, sogar verärgert an, und da fragte ich ihn auch nichts. Dann ging er zurück zu den Jungs aus seiner Klasse, die in der Einfahrt standen und Sammelbilder tauschten, und ich dachte, dass es jetzt eben alles anders weitergehen würde. Aber eben weitergehen.

Weil Ise Worms wie eben auch Heide Pettlalski weiterhin als vermisst galten, kam das Gerücht auf, dass ein Serienkiller in der Gegend sein könnte. Das war aufregend genug, um mir das Gefühl zu geben, dass es richtig sei, sich jetzt gedanklich anderweitig zu beschäftigen. Die Frau, die behauptet hatte, Mattis Mutter zu sein, habe ich nur noch ein einziges Mal gesehen, das war kurz bevor der Möbelwagen vor Pettlalski Haus stand.

Vergessen habe ich die ganze seltsame Sache nie. Aber ich hätte sie nicht erzählt. Ich hätte weiter geschwiegen, wie ich in all den vielen Jahren, die mittlerweile vergangen sind, geschwiegen habe. Und ich wäre weiterhin nur in meinen Träumen, die mich immer wieder zu irgendeinem Ort in irgendeiner Vergangenheit führen, auf einem samtroten Sofa gereist. Dessen Geschichte ich rein zufällig gelesen habe, als ich längst schon erwachsen und vorbereitet darauf war, derart Ungeheuerliches nur einmal im Leben erfahren zu können. Manchmal dachte ich in all der Zeit, nichts Derartiges wäre passiert. Später, sehr viel später hätte ich davon erzählen können. Um Trost zu finden bei meiner Wahrheitssuche. Vielleicht auch Bestätigung, zumindest Verständnis, aber dann starb mein Großvater, mein Vater folgte ihm früh, und meine Mutter ist alt, zerstreut und möglicherweise glücklich in ihrer Welt geworden. Da breche ich nicht mehr ein. Und Matti? Längst nur noch eine Notiz, eine Skizze in meinem Poesiealbum, das ich Ende der 1970er endgültig zugeklappt habe. Der Polsterer Paul Beckstein, die Schauspielerin Hanna Kublinski, der Regisseur Harry Kreissle, die Nachbarin Heide Pettlalski? Akteure aus einem Drehbuch, das nie verfilmt wurde und längst verstaubt wäre, hätte ich es nicht gefunden. Kein Wort wollte ich sagen. Aber alles ist verkehrt.

Am dreiundzwanzigsten September dieses Jahres las ich einen Zeitungsbericht, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine verwirrte Frau saß in der Generalprobe zu Albee’s »Wer hat Angst vor Virginia Woolfe?« im städtischen Festtheater gleich nach dem ersten Vorhang mitten auf der Bühne und starrte völlig verängstigt in die Scheinwerfer. Die Frage, wie sie überhaupt unbemerkt und förmlich wie aus dem Nichts gesprungen auf das rote Sofa kommen konnte, eine schöne alte Theaterrequisite, die so vortrefflich in die Kulisse passte, stieß auf allgemeine Ratlosigkeit. Wo sie herkam, wer sie war und warum sie dort saß, konnte sie nicht sagen. Einzig, dass sie auf diesem Sofa schon einmal gesessen hatte, wusste die Frau wohl sehr genau. Alles andere hätte sie vergessen.

Das Foto von ihr mit dem Vermerk, sich umgehend bei der Polizei zu melden, wenn man sie kennen oder etwas Hilfreiches über sie wissen würde, zeigt eine korpulente Fünfzigjährige mit kurzen Locken, die ein gestreiftes Kleid trägt.

Ise Worms, Spielball einer erstaunlichen Laune, die sie nicht heim zu Beckstein, zu Kreissle, sondern in das Jahr 2017 geschickt hatte, in dem das Sofa eine Rolle in einem Theaterstück haben sollte.

Ise Worms wäre jetzt neunzig. Kaum vorstellbar, dass sich noch jemand an sie erinnert, wie sie vor vierzig Jahren ausgesehen hat. Die meisten sind eh tot. Und ich werde nichts sagen. Es wäre auch nicht ratsam, die Geschichte des samtroten Sofas zu erzählen. Es würde nur verstören. Die Leute wünschen ihre Ruhe. Ihre Ordnung.

Ich auch.

Wäre ich noch zwölf … aber das ist vorbei.

 

erschienen 2018 in Zwielicht 11, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand. auch veröffentlicht in Fantasyguide 


Weh Mutterherz

© Karin Reddemann

Bengt-Jörn Schwenke war nach durchaus reiflicher Überlegung zu dem Entschluss gekommen, seine Mutter umzubringen. Eine andere Möglichkeit, sie loszuwerden, fiel ihm beim besten Willen nicht ein. Freiwillig schien sie das Feld nicht räumen zu wollen, dafür war sie trotz ihres hohen Alters schlichtweg zu gesund. Ein Seniorenheim kam nicht infrage. So was kostete ein Vermögen, Bengt-Jörn brauchte ihr Geld für eigene Zwecke. Für seine Mutter stand eh fest, dass sie „irgendwann einmal in einem hübschen Sarg“ aus ihrem eigenen Haus getragen würde. Irgendwann einmal! Tatsächlich schien sie mindestens hundert werden zu wollen. Das ging gar nicht. Also musste er sie ermorden.

Behaglich war ihm der Gedanke nur bedingt, schließlich handelte es sich um seine Mutter. Andererseits mochte er sie nicht mehr so sehr, seitdem er nach der Trennung von Anna wieder bei ihr eingezogen war. Zehn Jahre war das nun her, eine irritierend lange Zeitspanne, wie Bengt-Jörn befand, der nur sehr kurzfristig wieder sein altes Jugendzimmer beziehen wollte. Anna hatte ihn kompromisslos aus ihrer Wohnung geworfen und als für sie „endgültig erledigt“ bezeichnet, absolut grundlos, wie er fand. Er hatte freilich auch nie das geringste Interesse verspürt, mögliche Gründe wissen zu wollen. Jetzt hatte er Corinna kennengelernt, und die benötigte einen Mann, der ihr etwas bieten konnte. Dieser Mann war er. Zumindest würde er es sein, wenn die Mutter weg wäre.

Bengt-Jörn stieß eher zufällig auf Todesfälle, die sich für eine kleine Recherche bezüglich seiner Gesamtsituation anboten. In der Zeitung berichteten sie über einen Studenten aus dem Ruhrgebiet, der seiner Mutter mit einer Hantel den Kopf eingeschlagen hatte. Dieser Akt unschöner Gewalt, für den Bengt-Jörn trotz eigener Mordintention kein rechtes Verständnis

aufbringen konnte, war auf eine gewisse Habgier zurückzuführen, - die Mutter hatte jede Menge Geld - , als auch auf ein bedenkliches Schamgefühl des Täters. Der hatte aufgrund depressiver Tendenzen und wohl auch aus diskret verschwiegener Faulheit sein Studium geschmissen und sich nicht getraut, das Zuhause zu erzählen. Also ...

Nichts also! Solch ein kaltschnäuziger Mord als Konsequenz in solch einem banalen Kontext missfiel Bengt-Jörn. Das mit dem abgebrochenen Studium als Motiv fand er lächerlich. Deshalb würde er nie, da hätte er ja schon vor dreißig Jahren … Geld passte eher. So was ergab Sinn und konnte als Rechtfertigung dienen.

Er würde seiner Mutter dafür aber auf gar keinen Fall den Schädel zertrümmern. Nicht sein Ding. Auch kein Abschlachten. Da hatte einer aus Bayern sage und schreibe achtundachtzig mal auf seine Mutter eingestochen, - sechszehn von den Stichen wären für sich allein schon tödlich gewesen - , und hinterher erklärt, sich nicht mehr unter Kontrolle gehabt zu haben bei dem ganzen Gemetzel. Unter Kontrolle. Bengt-Jörn stellte sich vor, wo der Kerl überall mit seinem Messer herum gestochert und gewetzt haben musste. Und beim wievielten Stich er selbst aufgehört hätte, um auf Nummer sicher zu gehen. Abstechen kam aber eh nicht infrage. So einer, der, wenn schon, denn auch gehörig Blut spritzen sehen will, war Bengt-Jörn Schwenke nicht. Er bezeichnete sich selbst als sehr wohl sensibel.

Dementsprechend verspürte er ein sondersam tiefes Mitgefühl, als er die Geschichte von dem 56jährigen Verwaltungsangestellten las, - exakt sein Jahrgang - , der seine Mutter nach einer wüsten Grundsatzdiskussion strangulierte. Zu viel Wodka und noch viel mehr Wut. Typisches Muster für grau und sauer gewordene Nesthocker.

Das Fatale an der ganzen Sache war: Der Mann DACHTE, sie erwürgt zu haben, wie sie da so starr und steif vor ihm auf dem guten Teppich lag. TATSÄCHLICH war sie nur komplett weg getreten, quasi scheintot. Den vermeintlichen Mörder packte das Entsetzen, dann die unvermeidliche Trauer, - an diesem Punkt schluckte Bengt-Jörn schwer - , schließlich die nackte Panik. Wohin mit der Mutter? Fieberhaft sinnierte er, schleppte sie letztendlich in die Garage und legte sie in den Kofferraum. Fuhr in finsterer Nacht zum abseits gelegenen Ufer des Flusses, in den er als Kind Steine geschmissen hatte, und warf nunmehr die Mutter hinein. Als man sie zwei Tage darauf aus dem Wasser fischte, wurde Tod durch Ertrinken festgestellt. Nach vorangegangener Strangulation. Eins und eins ergab auch hier immer noch zwei: Der Sohn wurde verhaftet, gestand gesenkten Hauptes und schluchzte reuevoll. Wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge unter Berücksichtigung seiner Gemütslage und Trunkenheit verurteilte man ihn zu einer läppischen Gefängnisstrafe, beinahe empörend läppisch, wie Bengt-Jörn es sah, aber trotzdem irgendwie gerecht. Der Mann hatte frei sein wollen. Wie auch er. Befreit von der allgegenwärtigen Mutter, die ständig bei der dringend erforderlichen Selbstverwirklichung störte. Wie seine.

Bengt-Jörn sah sich den Film „Mutter muss weg“ an, - natürlich ohne seine Mutter, die bei der Chorprobe im Gemeindehaus weilte - , und schaltete unzufrieden ab. Eine Posse. Die Mutter war am Ende immer noch da. Quengelnd und zankend und höchst lebendig.

Bengt-Jörn brauchte etwas mit Happy-End. Orest fiel ihm ein. Kein gutes Beispiel. Trotzdem an den von leidigen Gewissensbissen Geplagten zu denken war, intellektuell gewertet, nicht ganz so ungewöhnlich für ihn, er hatte immerhin Germanistik studiert. Sehr lange. Eindeutig zu viele Semester, als dass er das Chaos noch hätte sortieren können. Also machte er kein Examen. Punkt. Aber tragisch von der Mutter gebeutelte Männer wie Nero, Norman Bates oder eben Orest, nach denen er ja nun mental fahndete, waren halt auch nach all den Jahren immer noch präsent. Orest, Sohn des Troja-Veteranen Agamemnon, brachte seine Mutter Klytaimnestra um. Die hatte zwar ihren Gatten ermordet und den Tod durchaus verdient, - Bengt-Jörn überlegte, ob seine Mutter vielleicht auch ... nein, gut, das nun nicht, sein Vater war völlig normal verstorben - , aber Orest wurde fortan von Racheengeln gehetzt. Muttermord eben.

Mutterblut an den Händen bleibt ewig kleben. Das wird nicht mal eben so heimlich abgewaschen wie das Blut aus der aufgeschlitzten Kehle des lästigen Nachbarn, das war Bengt-Jörn schon klar.

Norman Bates kam ihm wieder in den Sinn. Deibel auch. Bengt-Jörn schüttelte sich. Ausgestopft könnte er seine Mutter erst recht nicht ertragen.

Und dann geriet er bei der Suche nach schönen Muttermord-Legenden im Internet, - solche musste es ja auch geben bei der ganzen Palette an blutigen Brutalo-Märchen - , an diese eine Geschichte, die ihn an den darauffolgenden Tagen schwer beschäftigte. Wahrhaftig konnte er sie sich, während er sie las, höchst lebendig ins Gedächtnis rufen, sie war keineswegs neu für ihn, aber er hatte sie schlichtweg genauso vergessen wie seinen ursprünglichen Plan, aus seinem Leben später einmal etwas ganz besonders Gescheites zu machen.

Das denkwürdige Ende der kleinen Schauermär brachte Bengt-Jörn gleichsam die Erinnerung an seine alte Klassenlehrerin Gertrud Zimmer, Katharinen-Grundschule im Schloberg 1973, wieder, die trotz Haardutt und Hornbrille partout Fräulein genannt werden wollte.

Gertrud Zimmer las sie damals der Klasse vor. Passend zum Muttertag. Sie tat das recht unerschüttert, wohl in dem Glauben, sie würde die Kinder fortan gut sein lassen. Und den Müttern, die wir von ihr erfuhren, Tränen in die Augen treiben. Tatsächlich fand Bengt-Jörn sie im Alter von knapp zehn Jahren als harmlosen Angstmacher recht gelungen. Mehr nun nicht. Seine Mutter nannte sie irgendwie verkehrt, sah ihn aber, wie er sich so viele Jahre später zu erinnern glaubte, sehr befremdlich, gar misstrauisch an. Insgeheim hatte sie wohl gedacht, dass Fräulein Zimmer sich eh keine Sorgen darüber machen müsste, dass ihr Sohn sie umbringen könnte, die hatte ja keinen und würde auch keinen mehr kriegen.

Bengt-Jörn fand die Geschichte jetzt so im Nachhinein schon recht schaurig:

Da ist also ein junger Mann abgöttisch in eine wunderschöne junge Frau verliebt. Diese verspricht ihm, ihn zu erhören, wenn er ihr das Herz seiner Mutter als Beweis seiner Liebe bringt. Nun eilt er nicht hastig und völlig entsetzt von dannen, wie man es denken sollte, von Abscheu erfüllt über diesen abartigen Wunsch der Begehrten, sondern hadert tatsächlich ernsthaft mit sich. Dabei verzweifelt er schier, weil er nun doch recht arg an der Mutter hängt, die Geliebte aber partout nicht verlieren will. So bringt er letztendlich die arme Mutter um, obwohl es ihm wahrlich in der Seele schmerzt. Er schneidet ihrer Leiche das Herz aus der Brust und macht sich damit auf den Weg zu seiner Angebeteten. Wie von Sinnen will er eiligst zu ihr, stolpert aber, stürzt lang hin, und das Herz fällt in den Dreck. Und während er noch dort flach auf dem Boden liegt, spricht das Herz mit der sanften Stimme seiner toten Mutter zu ihm und fragt ihn besorgt: „Mein Junge, hast du dir wehgetan?“

So steht es geschrieben, so ließ Bengt-Jörn es stehen. Mutterliebe in Höchstform. Bedingungslos, alles verzeihend, einmalig in ihrer Selbstlosigkeit. Der Sohn tötet die Mutter und schneidet ihr das Herz heraus, um sein Glück zu finden. Alles symbolisch natürlich. Kein Mutterherz mehr, keine störende Allmacht mehr. Und die Mutter tobt nicht, heult nicht, klagt nicht, sie sorgt sich einzig um sein Wohlergehen. Als würde sie ihn mit all ihrem Blut an seinen zehn Fingern noch tröstend in die Arme nehmen und ihm liebevoll ihren mütterlichen Segen dafür geben, frohen Mutes weiter leben zu können.

Die Geschichte gefielt Bengt-Jörn mit den üblichen Bagatell-Abstrichen. Selbstverständlich war ihm die Freundin des Sohnes in der Geschichte nicht wirklich sympathisch. So was verlangt man ja nun grundsätzlich nicht, bevor man sich bindet. Da war seine Corinna anders. Die zog ihren entzückenden Schmollmund und sagte: „Die Alte geht mir wahnsinnig auf die Nerven.“

Manchmal sagte sie auch „hässliche Schachtel“ oder „Zombie“, aber das war entschuldbar, sie war jung, - erquickliche achtundzwanzig Jahre jünger als er - , und kam aus der Ludwig-Siedlung. Da waren sie alle mental etwas überschaubarer konstruiert. Corinna war seine Prinzessin. Barbie. Muse für ein Sein, das an die Tür klopfte. Für seine Mutter war sie einfach nur eine ganz furchtbare Person. Was sollte er machen? Er atmete tief durch und seufzte. Mein Junge, hast du dir weh getan? Warum eigentlich nicht?

Bengt-Jörn las über den Berliner Schöngeist Kalistros Thilecke, der 1930 seine Übermutter mit siebzehn Messerstichen tötete, dafür zehn Jahre im Gefängnis saß und sich nach seiner Haftentlassung dem berüchtigten SS-Sonderkommando Dirlewanger anschloss. Kalistros wurde zu einem der Gnadenlosen. Ein unbarmherziger Killer. Auch eine mögliche Konsequenz bei solchen familiären Angelegenheiten. Menschenschlächter werden. So weit konnte eine Mutter ihren Sohn also bringen. Na bitte. Bengt-Jörn war nicht allein mit seinen Sorgen.

Zur Beruhigung kramte er noch einmal in seinen zerfledderten Reclams, - er hatte alle in einem Karton auf dem Kleiderschrank verwahrt für den rein hypothetischen Fall - , auf der Suche nach Schnitzlers früher kleiner Erzählung „Der Sohn“. Er erinnerte sich vage. Die Mutter liebt den Sohn abgöttisch, der fühlt sich komplett erdrückt und versucht, sie mit einem Beil zu erschlagen. Schwer verletzt sagt sie dem Arzt, bevor sie stirbt, man möge ihrem Sohn verzeihen und ihn frei sprechen, sie sei an allem schuld. Punkt.

Bengt-Jörn fand die Geschichte nicht mehr, er ahnte auch dunkel, dass sie im Original komplizierter gestrickt war, aber die Grundaussage war nicht die schlechteste. Tödliche Affenliebe. So ungefähr. Genau genommen war seine Mutter ebenfalls an allem schuld. Sie hatte ihn schließlich erzogen. Und stets bedingungslos umsorgt. Gehätschelt. Geliebt. Wieder aufgenommen ins traute Heim vor zehn Jahren nach Annas Rausschmiss, natürlich mit mitleidsvollem Blick, feuchtem Stirnkuss, honigsüßem Spott: „Ich hab's doch geahnt, Junge.“

Sie hätte wissen sollen, wie es ihn quälen würde, in seinem Alter in Mutters Schoß zurück krabbeln zu müssen. Sie gab ihm Taschengeld. Wusch seine Unterhosen, kochte ihm Pudding, zählte seine Drinks. Sie würde sich für ihn in die Schusslinie werfen. Sie würde es entschuldigen, wenn er sie ...

zumindest verstehen. Sie wollte doch immer nur, dass es ihm richtig gut ginge. Dass er vielleicht mal Minister, Chirurg oder immerhin Pfarrer würde. Wenigstens kein Krimineller.

Bengt-Jörn fiel Nero ein. Wenn man erst einmal anfing, sich mit so einer Sache zu beschäftigen, konnte man doch recht staunen, was alles so aus der Schul- und Studienzeit hängen geblieben war. Nero also. Noch so ein außerordentlicher Muttermörder. Es gab erstaunlich viele, wie Bengt Jörn in wenig erleichtert feststellte, das machte die Sache irgendwie salonfähig.

Er blätterte nach. Als Aggrippina erfuhr, dass ihr Sohn sie umzubringen gedachte, orakelte sie nur verklärt: „Wenn er herrscht, mag er töten.“ Sie bezog das wohl auf ihren innigsten Seufzer, Nero als Kaiser zu sehen, sollte da kommen, was wollte, Feuer, Löwen, Kreuze, der eigene Tod durcundankbare Sohneshand. Hauptsache, Kaiser. Wenn er herrscht, mag er töten. Damit konnte Bengt-Jörn sich nicht wirklich identifizieren, aber es bewies zweifellos, dass die Mutter als Mitglied einer besonderen Spezies manchmal einfach so sein muss, wie sie ist.

Mein Junge, hast du dir weh getan? Er war jetzt sechsundfünfzig. Seine Mutter beschwor ihn jeden Tag, „dieses dumme kleine Ding“ zu verlassen. Im Leben nicht, so ein Prachtweib würde er nie wieder kriegen. Und nie wieder würde er sich so als ganzer Kerl fühlen wie mir ihr. „Big Daddy“ sagte sie zu ihm. Und stöhnte. „Oh, Big Daddy!“ Gab es Herrlicheres auf Erden?

Kurzum: Er würde mit Corinna im Haus seiner Mutter mit dem Ersparten seiner Mutter sehr, sehr glücklich werden. Ohne seine Mutter.

Bengt-Jörn überlegte. Prinzipiell ästhetisch wäre es, sie würde sauber in der Badewanne sterben. Schlaftabletten. Strom. Den Kopf unter Wasser drücken, bis … Nein, das würde er auf gar keinen Fall tun. Solch eine plumpe Art Mörder war er nicht. Aber Strom? Er hatte gehört, das könnte schnell gehen. Freilich auch langsam. Mit scheußlichen, qualvollen Krämpfen. Die wollte er seiner Mutter natürlich ersparen, wenn sie denn nicht unabänderlich sein würden.

Strom. Der Kerl, den Sean Connery mit einem Ventilator erledigt hatte, - ins Badewasser geworfen und Bingo - , war, so weit Bengt-Jörn sich erinnern konnte, sofort tot. Aber das war James Bond der 1960er. So funktionierte das vielleicht auch gar nicht. Zudem befand sich im Badezimmer seiner Mutter kein Ventilator. Auch kein Heizstrahler. Eigentlich richtig so, das hätte er alles auch nicht erklären können. Es sollte schon sehr nachvollziehbar nach einem tragischen Unfall aussehen. Oder Selbstmord. Warum auch nicht? Es gab bekanntlich unglaublich viele ausgesprochen unterschiedliche Leute, die sich umbrachten.

Bengt-Jörn vertiefte sich noch ein wenig in gängige Fachlektüre. In den 1990ern gab es einen regelrechten Trend besonders unter älteren einsamen Damen, deren Stromleichen man gemeinsam mit Haartrocknern, Lampen, Bügeleisen, sogar Toastern in Badewannen fand.

Nun war seine Mutter nicht wirklich einsam. Sie hatte die Katze, den Chor, Marga Deverdin von nebenan. Ihn. Aber furchtbar unangebracht alt war sie. Irgendwie lebensmüde auch. Wie oft sagte sie: „Hach Gott, am liebsten wäre ich tot.“

Hach Gott, am liebsten wäre ich tot. Bengt-Jörn überlegte. Wie oft sagte sie das denn? Selten. Eigentlich nie. Egal. Ihm gefiel es, daran zu glauben. Ihm gefiel auch die Idee von der Wasserleiche. Nur, wie jetzt anstellen? Konnte er einem banalen Föhn trauen? Oder sollte er es mit einem an Strom angeschlossenen Handy versuchen? In der Zeitung stand, das würde funktionieren. Im Regelfall unfreiwillig. Gut, das wäre es in ihrer Situation auch. Aber sie würde für das Wohlergehen ihres einziges Sohnes sterben. Ein paar Schmerzen wären dabei.

Mein Junge, hast du dir weh getan? Bengt-Jörn grinste verschämt in sich hinein. Nein. Aber du.

Er würde es am Freitag machen. Freitags war Badetag. Immer schon. An anderen Tagen wurde geduscht, wenn's denn pressierte, aber nicht gebadet. Dafür freitags ausgiebig und mit viel Schaum. Der Gedanke daran beruhigte Bengt-Jörn. Bei all dem Schaum würde er gar nicht richtig hingucken können, immerhin war sie auch noch nackt, da sah er nun wirklich nie genau hin. Er würde sich ins Badezimmer schleichen, den Föhn oder das Handy sozusagen blind hinein schmeißen in die Wanne, - er hatte sich noch nicht entschieden, aber der Föhn war ein altes klobiges Ding mit geklebtem Kabel, der müsste den Zweck erfüllen, besser vielleicht - , und dann erst mal raus laufen und einen trinken. So weit.

Was dann freilich geschah, war sondersam, aber irgendwie auch unvermeidlich: Bengt-Jörn hatte einen wahrlich scheußlichen Albtraum. Er führte ihn auf seine intensive Beschäftigung mit der SACHE zurück, - Muttermord war ja kein unbelastender Lehrstoff - , freilich auch auf die offensichtlich leere Flasche Ramazzotti neben dem Fernsehsessel. Normalerweise gehörte der Platz kompromisslos seiner Mutter, aber die war bei ihrer Chorprobe, also hatte er ihn in Beschlag genommen, eine banale Familientragödie eingeschaltet und war eingenickt.

In seinem Traum stand seine Mutter vor ihm, hielt ihm einen bluttriefenden Klumpen Fleisch vor die Nase und sagte mit dieser betont sanften Stimme, die er nicht leiden konnte: „Ihr Herz für meins, mein Sohn.“ Hinter ihr lag Corinna lang ausgestreckt auf dem Boden mit weit aufgerissenen Augen, definitiv tot und nicht freiwillig dahin geschieden. In ihrer Brust klaffte ein hässliches Loch. Seine Mutter schien ihr das Herz nicht getreu ihrer ordentlichen Art sauber heraus geschnitten zu haben, eher gerissen. Gerupft. Den Brustkorb durchwühlt mit ihren knochigen Fingern. Bengt-Jörn mochte über die Details nicht nachdenken. „Warum, Mutter? Warum?“ Er hörte sich schreien, gleich darauf klatschte es. Seine Mutter hatte ihm eine geknallt. „Darum.“ Sie baute sich zornig vor ihm auf, stemmte die Hände in die Hüften, schüttelte den Kopf. „Immer deine dummen Fragen. Weil du mich mehr liebst als sie. Darum.“

Benommen rappelte Bengt-Jörn sich aus dem Sessel hoch. Sein Nacken war nass geschwitzt, seine Mundhöhle wie ausgetrocknet. Da war noch eine Pfütze in der Flasche. Er setzte sie sich an die Lippen, schluckte den spärlichen Rest und schüttelte sich. Er würde sich jetzt ein kühles Bier aus der Küche holen, sich dabei ein wenig sortieren und Corinna anrufen. Er könnte ja noch mit ihr … natürlich, er wollte noch mit ihr. Nach allem, was er über sich hatte ergehen lassen müssen. Wenn auch nur im Traum. Trotzdem. So verdammt echt. Und überhaupt. Corinna!

Er blickte auf sein Handy, das neben dem noch Aschenbecher auf dem Glashocker neben dem Sessel lag. Bengt-Jörn rauchte nicht. Er hasste das. Seine Mutter rauchte. Zigarillos am Abend bei einem Gläschen Gin. Wenn er sich das so überlegte … fast scheintot war seine Mutter noch nicht. Oder sterbenskrank. Als Barmherzigkeit konnte er seinen Plan nun nicht gerade durchgehen lassen.

Er verscheuchte den Gedanken. Es war beschlossen. Corinna rauchte allerdings auch. Was nahm er nicht hin für die Liebe! Wenn sie schwanger von ihm würde, wäre das Thema hoffentlich erledigt.

Auf dem Handy fand er tatsächlich eine Nachricht von ihr. Geistesverwandt, wie nett. Er überlegte, ob er sich zuerst das Bier … nein. Aber besser wäre es gewesen. Bier beruhigte ihn. Bengt-Jörn las

„Will nur sagen, dass es aus ist, habe einen kennengelernt, der wohnt nicht bei Mutti und hat eigenes Geld. Du bist echt ein Loser, Alter, also denn.“

Bengt-Jörn glaubte es nicht. Fasste es nicht. Wollte heulen, ließ es bleiben. Loser. Er lief rot an vor Wut, schwankte. Er hatte das Gefühl, nicht mehr ganz sicher auf seinen Beinen zu stehen. Alter. Er stöhnte laut auf. Innerlich tobte er. Da war Enttäuschung, da war Verzweiflung. Und diese grenzenlose Wut. Und dort im Türrahmen stand seine Mutter in ihrem blauen Sonntagskostüm und sah ihn recht besorgt an.

„Bin schon zurück. Ist was, Junge?“

Ihr Sohn war augenscheinlich völlig aufgelöst, griff sich die leere Ramazzotti-Flasche und warf sie gegen den Wohnzimmerschrank. Dann brüllte er los. „Ob was ist? Gar nichts ist. Nur, dass Corinna mich nicht mehr sehen will. Feierabend ist. Verfluchte Scheiße, sonst ist gar nichts!“ Für das dreckige Miststück wollte ich dich umbringen, so sieht's aus. „Und was mach ich jetzt?“ Ich liebe die Schlampe. Sie sollte dein Herz kriegen.

Seine Mutter seufzte, deponierte gemächlich ihre Handtasche in der Sofaecke und atmete kräftig durch. „Ach, Junge, das wird schon. Gibt Schlimmeres. Ich bin tatsächlich erleichtert. Die taugt doch nichts. So eine Person in meinem Haus. Dass sie weg ist … dem Himmel sei Dank.“

In MEINEM Haus! „Zur Hölle mit dir!“ Bengt-Jörn hechtete mit einem einzigen großen Satz auf seine Mutter zu, - erstaunlich zielsicher, immer hatte er reichlich Alkohol in sich - , griff ihr an die Kehle, stieß sie mit dem Rücken an die Wand und drückte mit beiden Händen zu. Zeit, sich ernsthaft Sorgen um ihr Leben zu machen, hatte die Mutter nicht mehr. Bengt-Jörn erwürgte sie. Und damit nicht genug. Als ihr Körper auf den Boden sackte, raste Bengt-Jörn wie ein Besessener in die Küche, holte das Brotmesser, kniete sich neben die Leiche und stach wieder und wieder zu. In die Brust, den Bauch, die Beine. In die Augen, in den Mund. Es war ein Schauerbild. Alles, alles voller Blut. Darüber hatte er gelesen. Hier bei ihm war mehr.

Nach Dutzenden von Stichen legte er erschöpft das Messer zur Seite, starrte auf die entsetzlich malträtierte Tote und murmelte: „Geschafft. Wenn auch anders, als gedacht.“

Bengt-Jörn erhob sich schwerfällig, warf noch einen tatsächlich undefinierbaren Blick auf seine Mutter und beschloss, sich erst einmal komplett zu betrinken, um einfach umfallen zu können. Danach würde er über den Sinn nachdenken.

Freilich kam es dazu nicht. Bengt-Jörn verlor auf der Kellertreppe, - der Schnaps war unten im Vorratsraum - , das Gleichgewicht, taumelte und stürzte so unglücklich, dass er sich das Genick brach. Wahrhaftig hörte er es noch böse knacken. Und im gleichen Moment vernahm er die bekümmerte Stimme der Mutter. „Mein Junge, hast du dir weh getan?“

Vermutlich hätte Bengt-Jörn sich darüber sogar gefreut. Oh, Mutterherz!

Wenn es denn so gewesen ist. Vielleicht auch nicht.

 

erschienen in: Zwielicht 14, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2020


Herrn Berlinis seltsame Sachen

© Karin Reddemann

Das Haus des Herrn Anton Berlini lag in einer kleinen Seitenstraße unweit des belebten Marktplatzes, und wäre es nicht seit gut dreihundert Jahren in Familienbesitz gewesen, so hätte man im Rathaus wohl längst schon in Erwägung gezogen, es abzureißen. Baufällig war es durch und durch, urig zwar, aber hässlich in seiner abstrusen Form und bei allem Wohlwollen für alte Gemäuer als wenig erhaltenswert einzustufen.

Berlinis Haus war das letzte Gebäude vor dem schmalen, von Unkraut überwucherten Pfad hinunter zum See, und obgleich es abgeschieden lag, war die Adresse ein Begriff. Berlinis Kuriositätenladen hatte seinen Namen, ernstzunehmende Konkurrenz gab es weitläufig in der gesamten Umgebung nicht, und natürlich hätte man ihm großzügig ein passendes

Haus im Geschäftsviertel als Ersatz für sein altes angeboten, das mit Einbruch der Dunkelheit vom Nebel schaurig eingekleidet wurde. Im Rathaus appellierte man an seine Vernunft. “Abends traut sich ja niemand mehr zu Ihnen hin, Herr Berlini, bedenken Sie doch, im Zentrum käme die Kundschaft auch noch um Mitternacht. Rein hypothetisch … wenn Sie es denn so wünschen würden.” Berlini winkte ab. “Das wünschten meine Ahnen nicht, das wünsche ich nicht. Ich bleib, wo ich bin.”

Berlini liebte sein Elternhaus, und da man ihn als unauffälligen, freundlichen Mann schätzte, eigentümlich zwar, aber stets offen für Höflichkeit, ließ man ihn künftig in Ruhe und wartete einfach ab. Nach Berlinis Tod würde man sich der Sache annehmen, direkte Erben und damit auch Ansprüche gab es keine. Berlini war ganz allein. Immer allein gewesen. Da war nur dieser Bastian. Der junge Sonderling zählte aber wohl nicht, irgendein Zugereister, der sich seit gut einem Jahr bei Berlini herumtrieb. Man würde ihn seines Weges verweisen, wohin der auch führen könnte, nur raus aus der Stadt. Der Bursche war nicht recht normal. Munkelte man, wenn man ihn sah, stets im bodenlangen Staubmantel mit monströsem Schlapphut, stets in Berlinis Begleitung, um die Einkäufe vom Wochenmarkt nach Hause zu tragen. Die beiden verständigten sich in einer Art Zeichensprache, die den misstrauischen Beobachtern nicht geheuer war. Sie hielten den schlaksigen, bleichen Kerl, der förmlich über Nacht wie aus dem Nichts in der Stadt aufgetaucht war, um fortan bei Berlini zu hausen, für bedenklich. Gar bedrohlich. Etwas wohlwollender vermuteten einige, er würde vielleicht an dieser Lichtempfindlichkeit leiden, die es geben sollte, immerhin trüge er auch bei sonnigstem Wetter Handschuhe. Taubstumm könnte er natürlich auch sein. Tragisch aber auch. Das Bedauern hielt sich freilich in Grenzen, sie beäugten ihn wie den unberechenbaren Feind vor den Mauern der Stadt, wie den schwarzen Mann, den niemand in seiner Nähe haben wollte.

Bastian selbst schien die Abneigung egal zu sein, einzig Berlini ärgerte sich. “Dumm sind die Leute. Alles, was seltsam ist, wollen sie nicht. Bist ein guter Junge, Bastian. Und genauso einsam wie ich.” Er klopfte ihm auf die Schulter, lachte: “Was rede ich? Wir haben uns.” Bastian lachte mit. Es klang wie ein Gurren. Tatsächlich schien er zu verstehen, und er sprach auch, wenn sie allein waren. Er holte tief Luft, und dann formulierte er langsam eigentümliche Laute, begleitet von einem Zischen und Blubbern, das tief aus seiner Brust hochzusteigen schien. Manchmal, wenn er sich zu hastig, zu aufgeregt mitteilen wollte, verfiel er in einen hohen Singsang, schrill und recht laut, ein vibrierendes Schreien, das nicht für gewöhnliche Ohren gedacht war. Berlini hatte sich längst daran gewöhnt, er wusste, wer Bastian war, und das behielt er kompromisslos für sich. “Bist einmalig, Bastian”, sagte er, “dafür darfst du auch gern den einen oder anderen verspeisen. Ist nicht schade d’rum.”

Berlini war nicht mehr der Jüngste, ein eingeschworener Junggeselle, der bis zu Bastians Einzug seit Ewigkeiten schon zurückgezogen in seinem Haus lebte. Sein dürrer, hochgewachsener Freund hatte in der Dachkammer Tisch und Bett und hielt sich ansonsten hauptsächlich in Berlinis Geschäft auf, das die drei kleinen Räume im Erdgeschoss einnahm. Berlini war Sammler, Käufer und natürlich Anbieter allerlei seltenerer Sachen, die ihre eigenen wundersamen Geschichten hatten. Berlini kannte sie ausnahmslos, wissen Teufel oder der Knabe, woher, zudem besaß er Talent darin, sie phantasievoll auszuschmücken. Nur schwer trennte er sich, aber es musste schließlich auch Geld in die Kasse kommen. Berlini war Händler genug, um diesbezüglich Einsicht zu zeigen, auch, wenn er wusste, dass eben genau das ausgefallene Schmuckstück oder abstruse Gemälde, dieser kunstvoll verzierte Dolch hinter Glas oder jene versiegelte Karaffe mit den goldenen Ornamenten nicht in Hände gelangen würden, die sie wirklich zu schätzen wüssten. Ausnahmslos Banausen, dachte er, wie wunderbar wäre es, all diese seltsamen Sachen behalten zu können. Aber die eine … bleibt meine. Für immer.

Diese eine war Bastian. Auf ihn war er ganz zufällig unten am See gestoßen. Er hockte dort vor einem Jahr neben der Böschung auf dem durchweichten Gras, nagte an einem großen Knochen und sah ihn recht erstaunt an, als er ihn bemerkte. Er knurrte, wohl ängstlich, auch warnend, blickte aber freundlich. Berlini, wahrlich erschrocken von dem Bild, das sich ihm bot, – da saß ein spindeldürrer langer Kerl mit grüner Haut, gekleidet in ein buntes unförmiges Gewand, und kaute auf rosigen Fetzen herum, die sich in seinen spitzen Zähnen verfingen -, wich völlig irritiert und entsetzt zurück, stolperte, fiel nach hinten und dachte beim Sturz, große Güte, es ist aus mit mir, der frisst mich. Und dann, völlig absurd: Hoffentlich breche ich mir nichts. Zugleich schüttelte es ihn. Berlini aß niemals Fleisch. Der Gedanke, Stücke von einem Tier zu verzehren, war ihm widerwärtig, zudem ekelte der Geruch ihn an. Dieser war besonders streng, da die Mahlzeit des grünen Wesens dort am Boden roh und blutig war. Berlini würgte.

Er versuchte mühsam, sich wieder aufzurichten, war noch auf allen Vieren und starrte direkt in die gelben Augen der merkwürdigen Kreatur, die jetzt wimmernd vor ihm kauerte, ihn fragend ansah, den Kopf senkte und leise schnurrte. Wie eine Katze, dachte Berlini, und ließ es mit angehaltenem Atem zu, dass sie ihm die rechte Hand auf das Knie legte. Sie war knöchern, grün und feingliedrig mit gewölbten Krallen, sie lag dort ganz sanft und leicht auf seinem Knie, und behutsam fuhr Berlini mit seinen Fingern über die glatte Haut. Da war nichts Böses, das Berlini entdecken konnte, und eine eigentümliche Wärme überkam ihn, die er niemals hätte vernünftig erklären können. Er verspürte keine Angst, nur Vertrautheit mit doch so gänzlich Unbekanntem, und er kraulte den kalten Nacken und sagte: “Scht, ist ja gut, mein seltsamer Freund.” Dann erhob er sich vorsichtig, um das Wesen nicht unnötig zu erschrecken, sah es noch einmal liebevoll an und sagte. “Wer du auch bist, du bist selten. So wundervoll seltsam.” Er kicherte und erntete erneut einen ungläubigen Blick. Berlini winkte erheitert ab. “Scht, ich tu dir nichts. Du mir wohl auch nicht. Dann lass ich dich jetzt mal weiterfressen. Oder aber …”, – einer plötzlichen Eingebung folgend, die so gar nicht seinem prinzipiell ausdrücklichen Wunsch nach immerwährend verschrobenem Alleinsein entsprach, lächelte er ihm aufmunternd zu – , “… du kommst mit mir. Ich werde dich füttern. Und ich nenne dich Bastian. Als Kind hatte ich einen Kater, der so hieß. Er hasste mich. Er fraß rohes Fleisch. Ich liebte ihn, mag ich es glauben oder nicht.”

Berlini spuckte in seine Handflächen und rieb sie aneinander als Zeichen seiner Zufriedenheit. Dann starrte er auf die Überreste von Bastians Mahlzeit. Ein wilder Haufen herausgerissener Eingeweide und zerbrochener Knochen, ein halb zerquetschter Kopf mit leeren Augenhöhlen … die Hornbrille, Gummistiefel, rote Wolljacke. Bauer Horning ist das. Der Gustaf. Sowas. Der muss aber weg. Das muss hier weg. Bastian sprang auf, stieß einen gellenden Pfiff aus und sah ihn erwartungsvoll an. Berlini deutete auf den See. “Da rein, mein Junge. Alles.” Er bückte sich, griff mit spitzen Fingern nach der blutverschmierten Brille und warf sie in das Wasser. Nahm einen Stiefel, warf ihn hinterher. Sein Junge lernte schnell. Als sie in der Abenddämmerung gemeinsam Berlinis Haus erreichten, verschlang der See Hornings Herz. Das letzte Stück von ihm. Man suchte nach ihm, man fand ihn nie.

Den See, an dem Berlini Bastian getroffen hatte, mieden die Einheimischen im Regelfall, weil er das ganze Jahr hindurch in Nebelschwaden versank und offensichtlich kein bisschen Leben in sich hatte. Noch nie war dort ein Fisch gefangen worden, man hörte keine Frösche, keine Grillen, und die paar Vögel, die sich im Dickicht am Ufer oder im kahlen Geäst verirrten, blieben stumm und zogen rasch weiter. Es war ein unheimlicher Ort, der die jungen Leute zwar zu nächtlichen Mutproben, auch Schäferstündchen lockte, aber die wenigsten gingen tatsächlich hin. Seit Jahrhunderten erzählte man sich, der See würde Menschen verschlucken und sie nie wieder ausspucken, man sagte, dass dort unterirdisch ein Strudel sei, ein tosendes, zerrendes Loch als Tor zur Welt der Anderen. Hässliche, gefräßige Kreaturen, durchaus mit Verstand und alter Kultur, gefährlich für die Unbekümmerten, die dem Wasser zu nahe kommen. Berlini, mit schwarzen Künsten und dem Wissen vom Möglichkeiten durchaus vertraut, hatte das schon als Knabe zweifellos geglaubt. Der See faszinierte ihn. Seine abendlichen Spaziergänge dorthin waren sein persönliches Abenteuer, es war da dieses großartig beklemmende Gefühl, das sein altes Herz packte und ihn frösteln ließ, wenn er näher kam und die Dunstschwaden mit dem Sonnenuntergang tanzten. Und nun das. Bastian. Muss wohl aus dem See kommen, dachte Berlini, Sachen gibt’s. Seltsam aber auch.

Bastian schlich fortan täglich mit Beginn der frühen Morgenstunde in Berlinis Kuriositätenladen umher wie ein braves, wachsames Haustier, wischte mit einem monströsen Staubwedel über die Regale, fegte in den Ecken und polierte geschliffene Gläser, nicht ohne die Eingangstür aus den Augen zu lassen, über der eine kunstvoll verzierte Messingglocke hing. Sie verriet, wenn Kundschaft kam, so war Berlini immer schnell genug zur Stelle, sodass Bastian im Hintergrund verschwinden konnte. Zwar trug er Hemd und Hose und auch tagsüber den monströsen Schlapphut, der sein Gesicht zur Hälfte verdeckte, – Berlini puderte es jeden Morgen kräftig, bis die grüne Haut kaum noch durchschimmerte -, aber sonderlich wirkte er halt trotzdem. Wenn Berlini nach ihm rief, weil er seine Hilfe brauchte, – manchmal sollte er etwas holen, tragen oder einpacken, das verstand und schaffte Bastian durchaus -, streifte er rasch die Handschuhe über und hastete zu ihm und dem Kunden. Der guckte irritiert, sagte aber nichts und lächelte gequält.
Berlini passte auf Bastian mit Argusaugen auf. Es galt, strikt zu vermeiden, dass Bastian sich eigenmächtig eine zusätzliche Mahlzeit aussuchen könnte. Einmal monatlich gab es für ihn Menschenfleisch, das reichte für zwei, manchmal drei Tage, ansonsten musste er mit den Schlachtabfällen vorlieb nehmen, die der Metzger im Nachbarort, der Berlini nur namentlich kannte, ihm misstrauisch einpackte. “Soviel für einen Hund?” Berlini schüttelte den Kopf. “Es ist nicht nur ein Hund. Es sind die Hunde unten am See. Und sie sind immer hungrig.” Der Metzger kratzte sich am Kinn. “Hunde am See? Tatsächlich? Wilde Hunde? Warum füttern Sie die?” “Weil sie uns sonst fressen.”
So ganz gelogen war das nicht, Berlini war sich sehr wohl bewusst, dass es wichtig war, Bastian satt zu halten.
Hunger macht anders, dachte Berlini, besser nicht. Angewidert zog er mit seiner vollgestopften Tasche davon, es musste ja sein, er tat es für ihn, seinen seltsamen Freund, und doch: Es grauste ihn. Er transportierte rohes schleimiges Gewürm, das in rosaroter Brühe schwamm. Welch ein schauriges Bild. Wie das stank.

Seinen monatlichen Menschen töten und schlachten durfte der Junge selbst, das war so gar nichts für Berlini, der sich schon beim ersten Schrei diskret in sein kleines Studierzimmer neben Bastians Dachkammer zurückzog. Berlini wählte die Opfer aber persönlich. Natürlich keine Kunden, das war oberstes Gebot. Er suchte dafür den stillgelegten Güterbahnhof auf, dort traf man auf die Vergessenen, die in ausrangierten kaputten Waggons hausten und ihre Namen nicht mehr kannten. Die immermüden Einzelgänger, die niemand vermissen würde, erkannte er sofort. Ihre Augen flackerten nur leicht, wenn man sie unverhofft ansah, die Rücken waren krumm, die Haut schmutziggrau, die Hände stets in den ausgebeulten Hosentaschen versteckt. Berlini bewies Geschick. In den vergangenen zwölf Monaten hatte keiner der von ihm Angesprochenen seine Einladung abgeschlagen, doch mitzukommen für einen Mantel, ein paar Schuhe, eine Mütze. Höflich, mit flüsternder Stimme hatte er sich stets gleich vorgestellt. “Sie erlauben, der Herr? Anton Berlini. Ich habe eine bescheidene Kleiderkammer hinten in meinem Geschäft am Karawankenweg. Altes, aber tadelloses Zeug, das ich nicht verkaufen kann an die feinen Herrschaften. Ich geb es her, dazu einen Teller Suppe und einen Schnaps. Das können Sie wohl gebrauchen. Nichts will ich dafür, nur Ihren freundlichen Dank und etwas Segen von oben.”

Nichts von beidem erhielt Berlini. Nur eine fürchterliche Übelkeit. Das erste Mal hatte er tatsächlich zugesehen, sich fest geschworen: Nie, nie wieder. Kaum hatte sein fremder Begleiter, meist scheu im Wesen und nervös in der Erwartung, die flache Stiege hinunter in den Laden genommen, sprang Bastian hinter der Tür hervor, packte ihn von hinten und riss ihm mit seinen spitzen Krallen die Kehle auf. Noch während sein Blut in einem Strahl hervorschoss und ihm klar wurde, dass nichts mehr zu tun sei außer vielleicht ein kurzes Gebet zu denken, zerfetzte Bastian den Brustkorb und biss große Stücke heraus. Dem immer noch ungnädig Lebenden quollen die Augäpfel aus dem Kopf, und Bastian griff hinein, zog sie heraus und steckte sie sich ins Maul, um sie zu lutschen. Zuviel für Berlini. Selbst der Eintopf schmeckte ihm an diesem Abend nicht. Kohl und Kartoffeln. Knoblauch. Nur eine Spur.

Wer Berlinis Laden betrat, war meist auf der Suche nach einem besonderen Dekorationsstück oder nach einem originellen Geschenk, wollte vielleicht auch nur einmal stöbern oder Berlini selbst etwas zeigen und anbieten, das der im positiven Fall zu schätzen wüsste und zu einem guten Preis weiterverkaufen könnte. Berlinis Kunden waren im Regelfall gut betucht und zögerten nicht lange, wenn ihnen etwas gefiel. Insgeheim schüttelte Berlini desöfteren den Kopf. Er hatte wahrlich feine Sachen, aber darunter war auch nutzloser, normaler Kram, den er mit der Zeit trotzdem los wurde. Was die Leute so alles gebrauchen können, dachte er, studierte die Gesichter, oft blasiert, gelangweilt, uninteressant im Regelfall, und zauberte sich eher nebensächlich ein begeistertes Lächeln auf die Lippen: “Welch ausgefallener, erlesener Geschmack, werter Herr, werte Dame.”

Es geschah am späten Nachmittag vor dem großen Sommerfest, das alljährlich in der pompös ausgebauten Scheune des Landwirts Johann Meierkamp stattfand, eine Tradition, die keine speziellen Wurzeln hatte, man feierte gern, damit war es genug. Meierkamp war ein wohlhabender Mann, vermutlich der reichste in der Gegend, und Berlini hatte nichts Grundsätzliches an ihm auszusetzen, war er doch ein großzügiger und stets freundlicher Mann, der ihn auf dezente Art erheiterte, wenn er sich schnaufend die fünf Stufen hinunter in den Laden wuchtete, sich kopfschüttelnd auf den Lehnstuhl gleich neben der Treppe setzte und sagte: “Ach, mein guter Berlini, wenn Sie wüssten.” Berlinis Einsatz folgte umgehend: “Ach, verehrter Herr Meierkamp, was ich so alles weiß.” Beide nickten. Lächelten, begrüßten sich per Handschlag. Bastian, aufmerksam im Hintergrund, zog die Handschuhe über und brachte die bauchige Flasche mit dem dickflüssigen Likör. Berlini zeigte drei Finger, Bastian juchzte laut, kehlig und knurrend, was Meierkamp nicht weiter mit der Wimper zucken ließ, – Berlini hatte ihm gesagt, der Junge hätte keine Zunge -, und holte die Gläser. Er mochte den süßen Likör.

Es lief stets gleich ab, es war ein Ritual, das zwei-, dreimal im Monat exakt so stattfand. Meierkamp war dick, boshaft betrachtet war er unappetitlich fett, und er wedelte ständig mit einem Taschentuch herum, mit dem er sich den Schweiß von der Stirn tupfte. Er war ein feiner Kerl, der gern zum Plaudern kam, wobei er oft auch anschließend das eine oder andere Stück kaufte. Er schätzte die seltene Ware, wie er auch Berlini als jahrelangen lieben Freund schätzte, der gemeinsam mit ihm alt geworden war.

Am Tag des Sommerfestes betrat Meierkamp, stattlich gekleidet für sein Fest, Berlinis Laden und zwinkerte ihm schelmisch zu: “Ach, mein guter Berlini, wenn Sie wüssten.” Berlini sagte: “Ach, verehrter Herr Meierkamp, was ich so alles weiß.” Meierkamp holte tief Luft, noch einmal, räusperte sich, setzte sich, atmete ein drittes Mal tief durch. “Was Sie nicht wissen …” Er strahlte über sein ganzes rundes Gesicht. “… ich habe einen Ring gefunden. Am Weiher lag er im Gras, direkt unter der Linde. Einen ganz und gar eigentümlichen Ring. Den muss ich Ihnen zeigen, Herr Berlini. Sowas haben Sie noch nicht gesehen.” Er zog einen kleinen Samtbeutel aus seiner Jackentasche, knüpfte das Band auf und fingerte einen breiten, mit einem schwarzweiß gesprenkelten großen Stein und zahlreichen winzigen Rubinen und Saphiren besetzten Ring hervor, den er Berlini andächtig in die geöffnete Hand legte. Berlini sah genau hin. Er erstarrte. “Schauen Sie nur. Auf der Innenseite sind noch merkwürdige Schriftzeichen. Wie alt der wohl ist? Wie kostbar nur? Oh, Berlini, wer mag ihn getragen haben?”

Das wusste Berlini nur zu genau. Er wurde bleich und bleicher, während er ihn betrachtete, zum ersten Mal in seinem Leben war es wahrhaftig das Original, er kannte den Ring nur von längst vergilbten Zeichnungen. Berlini fror, gleichzeitig schien seine Hand zu glühen. Seine Unterlippe zitterte, als er sprach: “Bringen Sie ihn zurück, Meierkamp. In dem Ring steckt das Böse.”

Zurückbringen? Unsinn. Was faseln Sie denn da?” Meierkamp war empört. Gleichzeitig enttäuscht. Er hatte eine andere Reaktion erwartet. Begeisterung. Fassungslosigkeit. Bewunderung. Neid. Oh doch, Neid auf ihn, der solch seltsames, einmaliges Juwel gefunden hatte, wohl bereit, ihn eventuell an Berlini zu verkaufen. Eventuell auch nicht. Vorerst fühlte Meierkamp sich gekränkt. Freilich auch verstört. “Warum das Böse? Wie kann das in dem Ring stecken? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Berlini?”

Berlini fixierte den Ring immer noch, dann hielt er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, raunte Unverständliches, murmelte, ohne aufzusehen: “Mitnichten, Teuerster, mitnichten.” Und während er fast fiebrig darüber sinnierte, wie er so vernünftig wie möglich dem störrischen Landwirt Johann Meierkamp beibringen könnte, sich umgehend von dem Ring trennen zu müssen, verspürte er den sehnsuchtsvollen Wunsch, ihn selbst zu besitzen. Es war, als würde jemand mit einem Bohrer in sein Gehirn dringen, und bei jeder Drehung, so schmerzhaft, so furchtbar, kam ein Hammerschlag hinzu, bummbummbumm, sei nicht dumm, nimm ihn dir. Seine Gedanken überschlugen sich. Wieder zurückbringen? Meierkamp. Unmöglich. Wie kann ich daran nur denken? Er soll mein sein, muss mein sein. Oh Himmel, er muss weg. Weg. Oh bitte nein. Mein. Mein. Mein? Hilf Hölle, was geht mir Wirres durch den Kopf? Berlini kam es vor, als würde sein ganzer Körper taumeln, sein Kopf, seine Arme, sein Verstand. Er bemühte sich, klar zu sprechen.

Lieber, guter Herr Meierkamp, so glauben Sie mir doch, ich kenne diesen Ring. Und Sie wollen nicht wissen, wem er gehört. Es ist unaussprechlich. Es ist grauenvoll. Wenn die falsche Person ihn besitzt, wird ihre Seele so finster wie die Alpträume, die uns begleiten. Sie wird …” Berlinis Stimme klang heiser: “… sie wird eine andere. Entstellt. Abartig. Böse. So böse. Böööse. Jaaa. Und doch … der Ring. Dieser Ring ist wahrlich wunderschön. Magisch schön. So wunderwunderwunderschön.” Er blickte verklärt, seufzte, wisperte: “Mein Ring.”

Währenddessen wartete Bastian in einer Nische zwischen zwei mit alten Büchern und hölzernen Figuren bepackten Regalen ungeduldig darauf, gerufen zu werden, um die Flasche und drei Gläser zu bringen. Er betrachtete Meierkamp zum wiederholten Male mit einer gewissen Gier im Blick. Er musste sich zügeln, das wusste er, seinen Menschen würde er erst in einer Woche bekommen, und er durfte sich nur den nehmen, den sein Herr und Freund ihm brachte. Der roch dann nach dem Wasser, das sie zu dritt tranken, ein guter Geruch, der auch an Meierkamps Kleidung haftete. Wie saftig er aussah. So fett. So voll mit Fleisch und Speck. Laut wurde Meierkamp jetzt, schlug mit der Faust auf den Tisch, ganz rot war sein Gesicht. So wütend die Stimme. Wild war er. Ein wildes Tier. Bastian sabberte, wischte sich den Schleim vom Mund, horchte, lauerte.

Ihr Ring? Sie sind ja nicht bei Sinnen, Berlini. Jetzt geben Sie den Ring wieder her. Es reicht mir. Genug mit dem unsäglichen Unfug. Ich werde ihn behalten. Sie bekommen ihn nicht von mir, egal, was Sie bieten.” Berlini wich zurück und umschloss den Ring mit seiner Hand, streckte Meierkamp die Faust entgegen. “Hier ist er. Hier bleibt er.”
Meierkamp sprang so hektisch und für seine Leibesfülle so flink vom Stuhl, dass dieser mit einem lauten Poltern umfiel. Er packte Berlini, schüttelte ihn und brüllte: “Sie sind ja verrückt. Komplett verrückt. Hilfe. Zu Hilfe. Hört mich denn niemand?”
Das reichte Bastian. Er sah Berlini bedroht, er musste etwas tun. Anfallen und zerfleischen durfte er den dicken kreischenden Mann nicht, das war ihm verboten, also griff er nach einer der schweren Holzfiguren auf dem Regal und schleuderte sie in Meierkamps Gesicht. Der schrie auf, wankte, fasste sich an die Nase, – gebrochen, zerschmettert, ich muss hier raus -, dachte er panisch – , dann an die Stirn. Die Haut war aufgeplatzt, er blutete. Scheinbar völlig unbeteiligt steckte sich Berlini den Ring an den Finger, sah Meierkamp kurz an und zuckte mit den Schultern. “Haben Sie sich selbst zuzuschreiben, mein Guter, was werden Sie auch hysterisch? Sie sind doch gemeingefährlich.”

Und während Berlini sprach und auf Meierkamps Blut starrte, verspürte er diese ihm völlig unbekannte, abartige und zugleich so süße Lust darauf, daran zu schlecken. Es abzulecken. Auszusaugen. Alles. Er blickte auf den fetten Wüterich und stellte sich vor, seine Zähne in ihn hineinzuschlagen und sich triefende Brocken aus ihm herauszuholen, und er empfand weder Abscheu noch Mitleid. Er hatte nur Hunger. Vage erinnerte er sich, dass er nie, niemals Fleisch anrühren, schmecken, schlucken wollte, dass das so gar nicht zu ihm passte, hier zu stehen und zu gieren, im abstrusen Begriff, einen Menschen zu verspeisen. Der Ring. Das ist der Ring. Weh mir. Ich …

Berlini wusste, er hätte ihn nur abstreifen, fortwerfen, vernichten müssen, aber tatsächlich hätte ihm jemand die Hand abhacken müssen, um ihn vielleicht, vielleicht nur wirklich begreifen zu lassen. Er stürzte sich auf Meierkamp, warf den angstvoll um sich schlagenden Mann zu Boden, registrierte in Sekundenschnelle, wie lang und dolchartig seine Fingernägel waren, zerfetzte Meierkamps Hals und riss ihm mit nie geahnter Kraft den Kehlkopf heraus. Er stopfte ihn sich in den Mund, und während er kaute, verfiel Bastian in ein ohrenbetäubendes schrilles Schreien und Glucksen, wie Kriegsgebrüll kam es Berlini vor, und er sah ihn an und sah, wie er lachte und sich drehte und freute über die wundersame Wandlung seines geliebten Herrn. Gemeinsam fraßen sie Meierkamp auf, Berlini stopfte alles in sich hinein, wie im Rausch war er, und Bastian johlte und kreischte so enthusiastisch und laut, dass man es weit hinunter bis zum See hören konnte. So weit und tief, dass seine Brüder den Nebel teilten und sich auf den Weg machten. Zu Berlinis Haus. In den Ort. Zur Scheune. Natürlich zur Scheune. Dort war Licht. Musik. Leben. Fressen.

Was weiter geschah, ist nur zu erahnen. Es war ein großes Fest. Es war eine seltsame Sache. Und das Haus des Kuriositätenhändlers Anton Berlini steht immer noch.

erschienen in: Miskatonic Avenue, 2018, Hrsg. Michael Perkampus u. in Zwielicht Classic 19, Hrsg. Michael Schmiddt und Achim Hildebrand, 2025